Altöttinger Liebfrauenbote

Im Münsterland entstehen Poesiebilder für die ganze Welt

Glimmer, Glanz und Gloria

Sie sind ein bisschen aus der Zeit gefallen und zeigen Engel, kleine Hunde und Nikoläuse in warmen, kräftigen Farben. Früher schmückten Glanzbilder die Poesiealben von Mädchen und manchmal auch von Jungen. Die Geschwister Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff lieben die kleinen Bildchen so sehr, dass sie sie bis heute herstellen und verkaufen. Sie sorgen dafür, dass die Augen von Kindern und Erwachsenen beim Anblick der Bögen leuchten. Komplett in Deutschland gefertigt, erfreuen die Bilder Menschen auf allen Kontinenten.

In zweiter Generation stellen die Geschwister Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff Glanzbilder her und bewahren damit ein "Kulturgut".
In zweiter Generation stellen die Geschwister Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff Glanzbilder her und bewahren damit ein "Kulturgut".

Wichtig ist der Glimmer. Er lässt die Kerzen auf den Tannenbäumen flackern, Augen leuchten und Herzen höher schlagen. Bei Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff liegen diese Glitzerträume in langen Regalreihen, aufgeschichtet nach Nummern, sortiert in glimmerbestäubt und glimmerfrei, unterschieden unter anderem nach Karten, Girlanden und, ganz wichtig: in Glanzbilder. Über 400 verschiedene Bögen, die aus jeweils mehreren kleinen Bildchen bestehen, haben Freihoffs im Programm und auf Lager. Jedes Jahr kommen etwa zehn neue Motive hinzu, erzählt Ralph-Thorsten Freihoff, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Schwester vom Vater übernahm und in zweiter Generation führt. Der Weltmarktführer der Glanzbilder liegt dabei gut versteckt in einem unscheinbaren Industriegebiet im westfälischen Coesfeld, gut 30 Kilometer westlich von Münster. Hier liegt er nun, der Ort von Kindheitserinnerungen und Traditionen, Freihoff spricht sogar von einem Kulturgut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Vater mit den kleinen Vielliebchen zu handeln, die damals zahlreiche Poesiealben schmückten, Ernst Freihoff soll sein erstes Geld mit Tauschgeschäften verdient haben. Von diesem Geld, so erzählt es die Familie gern, habe er 15 Bögen Glanzbilder erstanden, die sich erstaunlich schnell weiterverkaufen ließen. Die Begegnung mit einer älteren Dame, die beim Anblick dieser Bilder Tränen in den Augen gehabt haben soll, habe den Ausschlag gegeben, den Handel zu begründen. Als immer mehr Firmen schlossen, die sie herstellten, wollte er das nicht einfach hinnehmen. Die Hersteller von Glanzbildern produzierten oftmals auch andere Produkte wie Glückwunschkarten, und diese seien von einigen großen Firmen aufgekauft worden, nur um einen Konkurrenten zu zerstören, sagt Freihoff junior. Der Vater baute die Produktion der Glanzbilder in den 1980er-Jahren auf. Da hätte er sich schon längst in den Ruhestand zurückziehen können, er war bereits 69 Jahre alt. Als er im April 2000 starb, übernahmen seine Kinder das Geschäft.

"Es kann diese Tradition nicht sterben!"

Sind die Figuren auf den Druckplatten nur zu erahnen, so sind sie auf dem Papier umso klarer zu erkennen.
Sind die Figuren auf den Druckplatten nur zu erahnen, so sind sie auf dem Papier umso klarer zu erkennen.

"Es kann diese Tradition nicht sterben!", ruft Ralph-Thorsten Freihoff und schaut um sich. Er zeigt auf das Regal, in dem die kleinen Kunstwerke fertig eingetütet auf den Versand warten. Die kleinen Bildchen sind für ihn eine emotionale Sache, eine Herzensangelegenheit. Neben den Freihoffs gibt es nur noch eine Firma in England, die Glanzbilder produziert, erzählt Anne-Ruth, seine Schwester. Aber die sei wesentlich kleiner. "So gesehen kann man sagen, wir sind Weltmarktführer", sagt sie und lacht. Überhaupt lacht sie sehr viel, als würden die vielen Engel, Osterhasen und Pferdebildchen ihre Laune jeden Tag hochhalten. Sie eilt durch die Gänge und stellt mit flinken Händen verschiedene Pakete zusammen. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen packt sie an diesem Vormittag zum Beispiel Tüten mit Bögen aus der Jugendtraumserie ein. Diese hat noch ihr Vater begründet. Die traditionellen Motive etwa mit Engeln oder Tieren kennen noch viele ältere Kunden aus der eigenen Jugend. Sie sollen sich dabei ganz bewusst von der modernen Bild- und Katalogwelt absetzen. Die Bestellungen werden von Coesfeld aus zu Schreibwarenhändlern und an kleine Geschenkelädchen in alle Welt versendet, meist natürlich in Deutschland. Ein Päckchen geht an diesem Tag nach Frankreich.

Etwa 40 Prozent der Glanzbilder werden mit Glimmer verkauft, der wie zufällig von Feenhand dahingestäubt wirkt. Und doch ist er sicherlich wohl platziert. Christbaumkugeln würden dafür zermahlen, mutmaßen zumindest manche Kunden. Die Geschwister Freihoff schweigen zu ihrem Betriebsgeheimnis.

Viel Handarbeit

Viel Handarbeit – etwa das Herauslösen aus den Druckbögen ist nötig, bevor die Glanzbilder einsortiert oder verschickt werden können.
Viel Handarbeit – etwa das Herauslösen aus den Druckbögen ist nötig, bevor die Glanzbilder einsortiert oder verschickt werden können.

Bevor der Paketbote aber endlich alles abholen kann, haben all die vielen Bilder für Karten, Girlanden, Mobiles und natürlich die Bögen der Glanzbilder schon einiges hinter sich: Zuerst stellt Ralph-Thorsten Freihoff die Motive für einen Bogen zusammen. "Als Kind habe ich mir eine Sammlung aufgebaut", erzählt er. Diese Sammlung pflegt der heute 52-Jährige immer noch. Die alten Bilder sind die Inspirationsquelle für neue Motive. Er entwirft die Lithografien, aus denen dann die Werkzeuge werden. Zwei verschiedene braucht es, um das Papier der Bögen zu bearbeiten. In eine Platte wird das Motiv eingeätzt, das das Papier prägen wird. 135-Gramm schweres Papier ist es, erklärt er, während er eine solche Platte hochhält und eine zweite aus dem Regal nimmt. Mit ihr werden die Umrisse der Figuren eingestanzt. Wobei die Figuren für den Laien hier nur mit Fantasie zu erkennen sind. Es sind leichte Umrisse in einer Metallplatte. Hält Ralph-Thorsten Freihoff hingegen das fertige Glanzbild daneben, so erkennt man aus willkürlich anmutenden Linien auch die Figur eines Nikolaus.

Damit die vollends zur Geltung kommen kann, ist weiter Handarbeit gefragt. Im Druckprozess werden zwar alle Motive gestanzt, doch müssen nun noch die Zwischenräume herausgelöst werden; nur die kleinen Stege zwischen den Bildchen dürfen bleiben. Diese Aufgabe erledigen Menschen wie Frau Reinders. Mit einer Nadel prickelt sie die weißen Flächen aus, und ihre Finger befreien etwa einen Tannenbaum vom lästigen weiß um ihn herum. Seit knapp zehn Jahren macht sie das nun schon. Deshalb ist es für sie auch kein Problem, 20 bis 30 Bögen auf einmal zu bearbeiten.

Glitzerndes Geheimnis

Ob Engel oder Nikolaus: die meisten Poesiebilder entfalten erst mit einer Portion vom als Betriebsgeheimnis gehüteten Glimmer aus eigener Produktion ihre romantisch-magische Wirkung.
Ob Engel oder Nikolaus: die meisten Poesiebilder entfalten erst mit einer Portion vom als Betriebsgeheimnis gehüteten Glimmer aus eigener Produktion ihre romantisch-magische Wirkung.

Neben 16 Heimarbeiterinnen wie Frau Reinders arbeitet die Firma auch mit Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sowie mit Justizvollzugsanstalten zusammen. Bei letzteren war Ralph-Thorsten Freihoff angerührt, als er muskelbepackte Häftlinge in einer Werkstatt die filigranen Bilder bearbeiten sah. Der Werkstattleiter habe ihm erzählt, dass solche Arbeiten ganz bewusst eingesetzt würden. "Die Bilder wirken beruhigend auf Menschen", erklärt er und strahlt wieder sein zufriedenes Lächeln, bei dem die Augen ein kleines bisschen blitzen, als läge der Glimmer der Glanzbildchen darin.

Auf diese Wirkung ist er stolz, genauso darauf, dass die Produkte der Firma ausschließlich in Deutschland gefertigt werden. "Nach Polen oder Tschechien lagern wir nicht aus!", sagt er mit Nachdruck, auch, wenn dort die Lohnkosten billiger sein mögen. Die von Politikern oft beschworene deutsche Wertarbeit, sie habe im Ausland wirklich einen guten Ruf und ihm viele Türen geöffnet, zum Beispiel in Japan. "Die sind ganz verrückt nach Glanzbildern", erzählt Freihoff. "Vor allem nach Engeln, dabei dachte ich, die verkaufen sich gar nicht." Das Gegenteil war der Fall, "weil 'es ganz anders ist, als alles was wir haben', haben die Japaner mir erzählt". Solche Geschäfte machen ihn froh, denn seine Schwester und er tragen so den Wunsch ihres Vaters in die Welt: Alle sollen sich an Glanzbildern erfreuen können. Ob eine seiner Töchter das Geschäft einmal übernehmen wird? "Ich will ihnen das nicht vorschreiben. Eine hat die Fühler schon ausgestreckt", sagt er. Aber sie solle erst einmal woanders arbeiten, statt von der Universität direkt in den Familienbetrieb zu wechseln. Er wäre sicherlich ein noch stolzerer Papa, wenn der Betrieb einst in die dritte Generation geht.

Damit würde dann auch das Geheimnis um den Glimmer weitergegeben. Anne-Ruth Freihoff, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder leitet, kennt es. Sie führt zu einer versteckten Tür. Dahinter soll sie sein, die glitzernde Zauberwelt. Sie legt eine Hand auf den Türgriff und einen Zeigefinger an die Lippe: "Sie dürfen schauen, aber nicht schreiben. Das hier ist Betriebsgeheimnis." Dann öffnet sie die Tür.

Text: Thomas Schnieders, Fotos: Martin Egbert

Impressionen

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