Altöttinger Liebfrauenbote

St. Michaelskirche renoviert – Gottesdienst zur Wiedereröffnung

"Aschenputtel" erstrahlt

Sie gilt als eine etwas vernachlässigte Kirche in Altötting. Tatsächlich steht die "Friedhofskirche" St. Michael nicht nur geografisch ein wenig im Abseits – bei all den Kirchen und Sehenswürdigkeiten am Wallfahrtsort gerät die gotische Hallenkirche an der Neuöttingerstraße nördlich des Kapellplatzes leicht einmal ins Hintertreffen. Zu Unrecht: Denn St. Michael ist immerhin eine der ältesten Kirchen Altöttings (1469 geweiht, vor dem Aufblühen der Wallfahrt 1489), und sie hat auch so manche Schmuckstücke zu bieten. Letztere erstrahlen nun wieder in neuem Glanz: Nach achtmonatiger Innenrenovierung feierte die Pfarrei St. Philippus & Jakobus am ersten Adventssonntag, 30. November, einen Gottesdienst zur Wiedereröffnung.

Blick auf die Kirche St. Michael und den Friedhof.
Blick auf die Kirche St. Michael und den Friedhof.

Über ein "mehr als gelungenes Werk" freuten sich Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl und Kirchenpfleger Gottfried Oswald. Nach der Außen- ist nun auch die Innenrenovierung abgeschlossen und zeigt Wirkung: Freundlich und hell erscheint die "stilreine Hallenkirche". Staub und Dreck wurden beseitigt und der Anstrich erneuert. Außerdem wurden auch Heizung, Elektroinstallation und Lautsprecheranlage erneuert sowie die Orgel überholt.

Am meisten bemerkbar machen sich die Arbeiten an den Figuren und Darstellungen – nicht zuletzt an dem großen Wandgemäde an der Nordwand der Kirche. Aus der Zeit um 1500 stammt die Darstellung des "Jüngsten Gerichts" im Giebelfeld einer der pfeilerumrahmten Seitennischen. Neben einem großen Kruzifix mit einem lebendig gestalteten Corpus aus der Mitte des 16. Jhs., einer spätgotischen Sebastiansfigur, einer Plastik St. Michaels aus der Renaissance und einer frühbarocken Mater Dolorosa ist diese "Secco-Malerei" – im Gegensatz zum Malen "al fresco" wurde sie nicht auf den frischen Kalkputz, sondern auf das schon trockene Mauerwerk aufgebracht – eine der besonderen Sehenswürdigkeiten der Kirche.

Immer wieder vernachlässigt

Das 1969 wiederentdeckte "Secco"-Wandgemälde vom "Jüngsten Gericht": Oben thront Christus, darunter knien die Gottesmutter und Johannes der Täufer mit Aposteln, ganz unten Menschen auf dem Weg zur "ewigen Seligkeit" (li.) oder in die Hölle (re.); in d
Das 1969 wiederentdeckte "Secco"-Wandgemälde vom "Jüngsten Gericht": Oben thront Christus, darunter knien die Gottesmutter und Johannes der Täufer mit Aposteln, ganz unten Menschen auf dem Weg zur "ewigen Seligkeit" (li.) oder in die Hölle (re.); in der Mitte ist ein kunstvoll gestaltetes Grabmal zu sehen, das dort vor der Entdeckung des Wandgemäldes angebracht wurde.

Beinahe wäre die Darstellung des "Jüngsten Gerichts" verloren gegangen: Erst im Jahr 1969 wurde dieses Kunstwerk im Rahmen einer aufwändigen – vom damaligen Stadtpfarrer und Stiftspropst Prälat Alfons Grüneis initiierten – Restaurierung und Renovierung der Kirche wieder freigelegt. Der "Bote" würdigte die Arbeiten 1969 in Anlehnung an ein berühmtes Märchen: "Aus dem Aschenputtel ist eine Prinzessin geworden", schrieb unsere Wallfahrtszeitung über die frisch renovierte Kirche St. Michael – nicht, ohne sich zuvor über die Vernachlässigung der Kirche in den vielen Jahrzehnten davor zu beklagen.

Dass die Kirche immer wieder mal zu kurz kam, hängt auch mit ihrer Bestimmung zusammen – wertvolle Grabsteine im Eingangsbereich und an der Nordwand zeugen von dieser. Vor allem Bürger aus Neuötting wurden auf dem Friedhof der Kirche begraben, da die Handelsstadt kirchlicherseits bis Anfang des 19. Jhs. dem Stift Altötting untergeordnet war und demzufolge keinen eigenen Friedhof haben durfte. Diese Praxis änderte sich erst mit den Herausforderungen der Pest im 17. Jh. und mit der Säkularisation im 19. Jh. Nach wie vor ist die dem hl. Michael geweihte Kirche – der Erzengel gilt u.a. als Patron der "Armen Seelen" – vor allem als "Friedhofskirche" bekannt. Pilger und Touristen verirren sich vergleichsweise wenige hierher.

Dennoch: Die Pfarrei in Altötting kümmert sich um ihr kleines Schmuckstück, wie die neuerlichen Renovierungsarbeiten belegen. Zahlreiche Gläubige kamen zum Gottesdienst zur Wiedereröffnung in die festlich geschmückte Kirche. Und vielleicht schauen in Zukunft auch wieder mehr Pilger und Touristen vorbei.

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

Die St. Michaelskirche ist ganzjährig geöffnet (abhängig von den Öffnungszeiten des Friedhofs); Heilige Messen: Mittwoch: 9 Uhr (Mai - Oktober): Pfr. Frischke; Freitag: 9 Uhr (ganzjährig): Pfr. Spielmann.

Impressionen

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Darstellung des Erzengels St. Michael.
Darstellung des Erzengels St. Michael.
Darstellung des hl. Sebastian.
Darstellung des hl. Sebastian.
Das große Kruzifix mit einem sehr lebendig gestalteten Corpus aus dem 16. Jh.
Das große Kruzifix mit einem sehr lebendig gestalteten Corpus aus dem 16. Jh.
Ausschnitt des Wandgemäldes.
Ausschnitt des Wandgemäldes.
Ein Blick auf Graffiti am Südeingang der Kirche – diese Bilder und Zeichen stammen von Wallfahrern, die im endenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit auf dem Jakobsweg in Altötting vorbeikamen.
Ein Blick auf Graffiti am Südeingang der Kirche – diese Bilder und Zeichen stammen von Wallfahrern, die im endenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit auf dem Jakobsweg in Altötting vorbeikamen.
Fenster.
Fenster.
Blick auf den Gottesdienst zur Wiedereröffnung der Kirche, den Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl mit den Konzelebranten Stiftskanonikus Pfr. i.R. Alois Schießl, Pfarrer i.R. Kasimir Spielmann und den Diakonen Dr. Johannes Schachtl und Heribert Wagner
Blick auf den Gottesdienst zur Wiedereröffnung der Kirche, den Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl mit den Konzelebranten Stiftskanonikus Pfr. i.R. Alois Schießl, Pfarrer i.R. Kasimir Spielmann und den Diakonen Dr. Johannes Schachtl und Heribert Wagner zelebrierte.
Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl bei der Feier der Eucharistie.
Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl bei der Feier der Eucharistie.
Kirchenpfleger Gottfried Oswald und Prälat Mandl mit dem Mesner-Ehepaar Hermann und Irmi Unterhofer.
Kirchenpfleger Gottfried Oswald (v.l.) und Prälat Mandl mit dem Mesner-Ehepaar Hermann und Irmi Unterhofer.