Altöttinger Liebfrauenbote

Warum schon die Bibel Auszeiten empfiehlt

Du sollst Urlaub machen

Die Bibel ist immer wieder für Überraschungen gut. Es gibt ein göttliches Gebot für den Urlaub. Aber es gibt kein Gebot für die Arbeit. – Ein "Standpunkt" von Kapuzinerbruder Christophorus Goedereis.

Kapuzinerbruder Christophorus Goedereis ist Kirchenrektor und Leiter der Citypastoral an der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main.
Der Autor Kapuzinerbruder Christophorus Goedereis ist Kirchenrektor und Leiter der Citypastoral an der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main.

Aus gutem Grund. Zur Arbeit muss man die Menschen nicht antreiben. Zur Erholung schon. Auch sonst bietet die Bibel einige Einsichten über den Urlaub und seine Gestaltung. "Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!", heißt es im 2. Buch Mose. Und weiter: "Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag - dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun" (Ex 20,8-10).

Eine seltsame Vorschrift, die Gott auf dem Sinai seinem Propheten Mose nicht nur hinter die Ohren, sondern auf die Steintafel schrieb. Offenbar hat Gott gewusst, wie sehr den Menschen sein Tagwerk gefangen nehmen kann. So sehr, dass er über seine Geschäftigkeit alles andere vergisst und seine Arbeit zur Religion macht. Ein Arbeitsgebot hielt Gott nicht für nötig – wohl aber die Mahnung, regelmäßig eine Pause einzulegen.

Gott selbst macht es uns vor. Nach sechs Tagen Schöpfungswerk gönnt er sich einen Urlaubstag: "In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht; am siebten Tag ruhte er und atmete auf", heißt es wörtlich (Ex 31,17). Aber damit nicht genug. An anderer Stelle ist davon die Rede, dass der Mensch alle sieben Jahre ein Sabbatjahr einlegen soll (Ex 23,10). Halten wir uns aber an diese Siebtel-Regel, wonach alle sieben Tage ein Ruhetag und alle sieben Jahre ein Ruhejahr herrschen soll, und verrechnen das Ganze auf ein Kalenderjahr, dann kommen wir neben den Sonntagen auf eine biblische Urlaubsempfehlung von siebeneinhalb Wochen pro Jahr. Und die müssen wir uns aus biblischer Sicht nicht einmal "verdienen". Sie werden vielmehr von Gott selber geschenkt. Auch hier gilt: "Du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor" (Karl Rahner).

Urlaubsgebot ist kein Wellness-Gutschein

Das Bild zeigt einen Sonnenuntergang am Roten Meer in Acaba, Jordanien.
Urlaub machen, sich eine Auszeit nehmen, zu sich selbst finden – das empfiehl die Bibel. Dieses "Urlaubsgebot" ist jedoch kein Wellness-Gutschein... – Das Bild zeigt einen Sonnenuntergang am Roten Meer in Acaba, Jordanien.

Der Mensch braucht Ruhepausen. Und zwar: Täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich. Gott selber will, dass wir den Alltag unterbrechen. "Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion", hat Johann Baptist Metz einmal gesagt. Und jedes Unter-brechen kann auch ein Auf-brechen sein. Plötzlich stellen sich existenzielle Fragen, die in der Mühle des Alltags kein Gehör finden.

Der Urlaub widersetzt sich sozusagen der Logik des Funktionierens. Ein Urlaubstag ist weniger planbar als ein Arbeitstag. Die Zeit steht zwar nicht still. Aber wir gewinnen Abstand davon. Wir zählen unser Leben in Jahren und unseren Urlaub in Wochen oder Tagen. Aber was unser Leben erfüllt, ereignet sich im Hier und Jetzt. Um das neu zu entdecken, braucht es Unterbrechungen vom Alltäglichen.

Das biblische Urlaubsgebot ist allerdings nicht mit einem Wellness-Gutschein zu verwechseln. Es ist auch keine billige Empfehlung dazu, einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Beim göttlichen Urlaubsgebot geht es um weitaus mehr als nur um Ruhe und Erholung. Diese Zeit sei "dem Herrn, deinem Gott geweiht", heißt im Buch Exodus. Das biblische Gebot zu Ruhe und Unterbrechung fordert dazu auf, sich wieder auf die Quellen des Lebens zu besinnen. In der franziskanischen Tradition heißt daher die tägliche Erholungszeit: Rekreation. Zu Deutsch: Neu-Schöpfung. Wenn die Heilige Schrift davon erzählt, dass Gott selber ausruht, oder dass Jesus sich an einsame Orte zurückzieht – dann ist der Sinn dieses Rückzugs stets das Verweilen an der Quelle und das Neu-Ausrichten auf Gott hin.

Auf Gott hin ausstrecken

Das Bild zeigt das Gnadenbild an Mariä Himmelfahrt in Altötting.
Maria ist die exemplarische Gestalt des Glaubens, die sich ganz auf Gott ausgerichtet hat. – Das Bild zeigt das Gnadenbild an Mariä Himmelfahrt in Altötting.

Sich nicht nur im Liegestuhl ausstrecken, sondern sich neu auf Gott hin ausstrecken. Das ist der Sinn des Urlaubs. Der große Franziskanertheologe Bonaventura von Bagnioreggio schreibt in seinem Buch "ltinerarium mentis in deo" (Die Weg der Seele zu Gott), dass die eigentliche Lebensaufgabe des Menschen darin bestehe, sich im Laufe seines Lebens immer mehr aus seiner nach unten gekrümmten Haltung zu erheben und sich nach oben hin aufzurichten. Sich auszustrecken auf Gott hin – das könnte auch franziskanisches Urlaubsbild sein.

Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass die Kirche mitten in der Urlaubszeit, nämlich am 15. August, das Hochfest Mariä Himmelfahrt begeht. Maria ist die exemplarische Gestalt des Glaubens, die sich ganz auf Gott ausgerichtet hat. An ihr vollzieht sich das Geheimnis der Vollendung (Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel), das Gott uns allen verheißen hat.

Du sollst Urlaub machen. Halten wir uns an dieses biblische Gebot, dann werden wir uns nicht nur gut erholen. Wir werden vielmehr etwas von der Vollendung erahnen, für die unser Leben eigentlich bestimmt ist.

Text: Br. Christophorus Goedereis, Fotos: Archiv 1, Michael Glaß 1, Roswitha Dorfner 1

Ein Psalm für die Urlaubszeit

Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir.
Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt;
du bist vertraut mit all meinen Wegen.

Du umschließt mich von allen Seiten,
und legst deine Hand auf mich.

Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen,
zu hoch - ich kann es nicht begreifen.

Nehme ich die Flügel des Morgenrots
und lasse mich nieder am äußersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen
und deine Rechte mich fassen.

Denn du hast mein Inneres geschaffen,
mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.
Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.

Als ich geformt wurde im Dunkeln,
kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde,
waren meine Glieder dir nicht verborgen.
Deine Augen sahen, wie ich entstand,
in deinem Buch war schon alles verzeichnet;
meine Tage waren schon gebildet,
als noch keiner von ihnen da war.

Wie schwierig sind für mich, o Gott,
deine Gedanken, wie gewaltig ist ihre Zahl!
Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand.
Käme ich bis zum Ende,
wäre ich noch immer bei dir.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz,
prüfe mich und erkenne mein Denken!
Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt,
und leite mich auf dem altbewährten Weg!

(Psalm 139)