Altöttinger Liebfrauenbote

Sabine Kolping arbeitete als Sozialpädagogin in Sierra Leone

Afrika für Fortgeschrittene

Drei Jahre lang hat Sabine Kolping als Sozialpädagogin für eine Hilfsorganisation in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone gearbeitet. Dort hat sie einheimische Sozialarbeiter ausgebildet, die das vom Bürgerkrieg zerschundene Land dringend benötigt.

Die Sozialpädagogin Sabine Kolping in der Mitte von ehemaligen Straßenkindern bei Don Bosco Fambul, die sie umarmen.
Die Sozialpädagogin Sabine Kolping (M.) mit ehemaligen Straßenkindern bei Don Bosco Fambul.

Attacke! Neugierig steckt der erste Frechdachs den Kopf durch die Tür zum Büro von Sabine Kolping. Im Nu bekommt er an beiden Seiten Verstärkung. Sekunden später stürmt ein ganzes Dutzend dunkelhäutiger Knirpse auf die stämmige Weiße zu, um sie zu umarmen. Wie ein Fels in der Brandung steht Sabine Kolping inmitten der stürmischen Zuwendungen und erwidert sie von Herzen. Bis vor wenigen Monaten lebten diese Kinder alleine auf den Straßen von Freetown – und konnten keine Kinder sein.

Runter von der Straße, rein in die Gesellschaft

Don Bosco Haus, Don Bosco Fambul.
Don Bosco Haus, Don Bosco Fambul.

Um die 2.000 Jungen streunen allein in der Hauptstadt Freetown durch die Straßen oder lungern auf den Märkten herum. Von zu Hause weggelaufen sind sie meist wegen Lappalien, wagen es aber nicht mehr zurückzugehen, weil ihnen ständige Schläge drohen. Nachts schlafen sie in Ruinen, unter Brücken oder in Treppenhäusern. Die Gefahr, dass sie Opfer sexueller Gewalt, des organisierten Kinderhandels oder in Diebesbanden gepresst werden, ist groß. Erwischt man sie beim Stehlen, wandern sie für Wochen oder gar Monate ins Gefängnis. Darum gehen Sozialarbeiter der katholischen Hilfsorganisation Don Bosco Fambul Nacht für Nacht hinaus auf die Straßen und schauen nach den Jungen. Jedes Jahr im Oktober holen sie 60 von ihnen von der Straße. Je jünger, ärmer und wehrloser, desto größer die Chance, dass die Minderjährigen für zehn Monate einen Platz im Resozialisierungsprogramm im Haus von Don Bosco bekommen – dem Arbeitsplatz von Sabine Kolping.

Nach acht Jahren als Entwicklungshelferin in Togo landete Sabine Kolping 2010 als Fachkraft der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Freetown und bei Don Bosco. Hier betreute die 50-Jährige drei Jahre lang 54 einheimische Sozialarbeiter bzw. deren Assistenten und bis zu 20 Praktikanten. Sie alle leisten Pionierarbeit, denn noch vor wenigen Jahren existierte dieser Beruf dort überhaupt nicht. Mittlerweile gibt es an den wenigen Universitäten des Landes zwar entsprechende Studiengänge. Doch die Vorlesungen finden in riesigen Gruppen statt, das Studium besteht nur aus Theorie und dauert nur zwei Jahre. Qualifizierte Sozialarbeiter sind also Mangelware. Beim Wiederaufbau des im Bürgerkrieg ausgebluteten Landes werden sie aber dringend benötigt. Deshalb bildete Sabine Kolping die bei Don Bosco Fambul beschäftigten Sozialarbeiter regelmäßig fort. Mittels Übungen und Rollenspielen vermittelte sie Berufsanfängern das nötige Rüstzeug für ihren beruflichen Alltag, die erfahreneren konnten ihre Fähigkeiten verbessern. Ein Teil der Sozialarbeit besteht darin, Kontakt mit der Familie des Straßenkindes zu pflegen, um eine Rückkehr der Kinder zu Eltern, Großeltern oder anderen Familienmitgliedern zu ermöglichen.

Schlagen verboten

Teamleiter Francis Kamara macht Rollenspiele mit Straßenkindern.
Teamleiter Francis Kamara macht Rollenspiele mit Straßenkindern.

Auf dem Stundenplan der ehemaligen Straßenkinder steht neben Lesen und Schreiben vor allem Konflikttraining. Dabei gehen die Ausbilder mit gutem Beispiel voran: An Sabine Kolpings Arbeitsstätte gibt es keinen Stock, wird keine Gewalt angewendet, brüllt niemand den anderen an. Diese in Sierra Leone ungewöhnlichen Regeln müssen Sozialarbeiter und sogar schon Praktikanten per Unterschrift als unantastbar anerkennen. "Die Kette der Gewalt muss durchbrochen werden!", sagt Sabine Kolping und freut sich über sichtbare Erfolge. "Zwischen den Kindern, die im Oktober zu uns kommen und denen, die wir im August zurückführen, ist ein Unterschied wie Tag und Nacht", berichtet sie aus ihrer dreijährigen Erfahrung. "Die ersten Monate sind aber immer der Wahnsinn. Die Jungen veranstalten einen Heidenlärm, prügeln ständig aufeinander ein. Dann werden sie ruhiger, lernen lachen, trauen sich ihre Meinung zu sagen. Wir unterstützen sie, indem wir sie ihre Hobbys und Talente entdecken lassen und diese dann fördern." In ihrem "Leben danach" landen auch die Kinder aus dem Programm in einer der staatlichen Schulen, in denen sich bis zu 180 Kinder in einer Klasse drängen. Nach Sabine Kolpings Erfahrungen kommen sie damit dann aber besser zurecht. "Wir machen die Kinder hier stark", sagt sie. Zudem besuchen "ihre" Sozialarbeiter sie danach mindestens einmal im Monat. Nicht zuletzt die intensive Nachbetreuung führt dazu, dass nach Sabine Kolpings Einschätzung nur etwa 15 Prozent der Kinder wieder auf der Straße landen.

Bange machen gilt nicht

Sabine Kolping und Teamleiter Francis Kamara sprechen mit Straßenkindern.
Sabine Kolping und Teamleiter Francis Kamara sprechen mit Straßenkindern.

Wenig Anlass zum Frohlocken hingegen gibt der Entwicklungshelferin die Lage im Land selbst. Nach wie vor leidet Sierra Leone unter den Auswirkungen des bis 2002 grausam geführten Bürgerkriegs. "Viele Eltern sind traumatisiert, prügeln ihre Kinder, statt mit ihnen zu reden. Zahlreiche ehemalige Rebellen verdingen sich heute als Okada – Mopedtaxifahrer – und lassen ihre Aggressionen im Straßenverkehr raus", berichtet sie. Mit diesem alltäglichen Wahnsinn beginnt und endet jeder ihrer Arbeitstage in Freetown: Die Deutsche wohnt zwar in einem zentral gelegenen Viertel der Hauptstadt, muss aber bei jeder Fahrt zum und vom Arbeitsplatz über eine halbe Stunde Geholper, Gehupe und Geschrei auf den von tiefen Schlaglöchern zerfurchten Straßen überwinden. Auch alltägliche Sorgen wie die Frage: "Gibt es heute wohl Strom?" sind zu bewältigen. "Am Anfang hatte ich einmal zwölf Tage am Stück keinen Strom und deswegen bald auch kein fließendes Wasser. Da war ich extrem genervt und dachte ans Aufgeben", gesteht Sabine Kolping. "Und mir fehlte Stille. Hier wird man oft schon um 6 Uhr morgens vom Gebrüll der Nachbarn geweckt und hat immer das Rattern der Diesel-Generatoren im Ohr", klagt sie. "Sierra Leone, das ist Afrika für Fortgeschrittene!" Mit der Zeit jedoch gelang es ihr, sich einen Ausgleich zu ihren anstrengenden Arbeits- und Lebensbedingungen zu verschaffen. So besuchte sie mehrmals im Monat die International Church in Freetown, suchte und fand den Raum für einen Austausch mit Gläubigen aus verschiedenen Nationen. Zudem entdeckte sie in ihrer Wahlheimat eine neue Leidenschaft: Morgens vor der Arbeit fuhr sie regelmäßig zum Tennisplatz und schwang dort den Schläger. Vor allem aber hatte sie sich zu Hause eine Wohlfühloase geschaffen. Ihr Mann Angelo, er ist Künstler, hatte die Hochterrasse des Hauses mit üppigen Pflanzenbildern bemalt. Hier entspannte sie abends, etwa, indem sie ihrem Mann beim Malen zuschaute und sich von Kater Monfils umschleichen ließ.

"Ich bin stolz auf meine Jungs", sagt Sabine Kolping im Rückblick auf ihren fast ausschließlich männlichen Kollegenkreis. "Manche fangen richtig Feuer, wollen mehr erfahren, tanken Mut und Selbstvertrauen. Die sind offen für alle Anregungen, machen die herausforderndsten Übungen mit, selbst die wildesten Spiele – und lernen aus deren Auswertung. Insgesamt ist es auch deshalb toll, weil es dort im Haus der Salesianer offen und transparent zugeht. Ich habe gute Workshops auf die Beine gestellt, konnte immer wieder neue Ideen vorbringen." Ideen, die zu konkreten Projekten und messbaren Erfolgen führten. Zum Beispiel Child Line, eine Telefonseelsorge für Kinder in Not. Diese können kostenlos und landesweit unter der Rufnummer 116 von Sabine ausgebildeten Beratern ihr Leid klagen und erhalten weiterführende Hilfe. "Eines steht fest: Jeder hat in Sierre Leone eine Geschichte zu erzählen; der Bürgerkrieg und seine Auswirkungen bestimmen jede Facette des Lebens", berichtet sie. Auch das 2011 in Freetown eröffnete Mädchenhaus, das einzige im ganzen Land, hat Sabine maßgeblich mitaufgebaut. "Wenn meine Kollegen nur halb so viel von mir profitiert haben wie ich von ihnen, dann ist schon vieles gewonnen", resümiert Sabine Kolping. "Ich selbst habe so viel gelernt", fügt sie hinzu. "Offenheit, vor allem. Anzuerkennen, wie viele Lebensentwürfe möglich sind. Mit der Armut umzugehen, nicht Mitleid, sondern Interesse aufzubringen."

Text: Peter Beyer (storymacher), Fotos:  Jörg Löffke (storymacher)

Engagement im Blut

Zuhause mit Ehemann Angelo kann Sabine Kolping abschalten.
Zuhause mit Ehemann Angelo kann Sabine Kolping abschalten.

Engagement bringt Sabine Kolping seit jeher mit. So war sie Schulsprecherin und schon vor dem Abitur Aktivistin in Sachen Frauen, Frieden und Anti-AKW, aber auch in ihrer Heimatgemeinde tätig. "Mit 18 wollte ich unbedingt nach Lateinamerika, um Ernesto Cardenal bei der Alphabetisierung der Indios zu helfen", sagt Sabine Kolping. Der Einsatz für Benachteiligte scheint ihr im Blut zu liegen: Mit dem gleichnamigen Begründer des Kolpingwerkes ist sie tatsächlich verwandt. Nach dem Studium der Sozialpädagogik an der katholischen FH in Aachen war sie in der Gemeindepsychiatrie tätig und baute ein Sozialpsychiatrisches Zentrum auf. Dessen Leiterin zu werden und zu bleiben, reichte ihr aber nicht. Als sie im Urlaub eine Reiseleitung nach Ghana übernahm, begann sie sich für Entwicklungszusammenarbeit zu interessieren. Heraus kam dabei eine mehrjährige Tätigkeit für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Togo. Dort betreute sie unter anderem ein Projekt für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Auch privat fand sie in Togo ihr Glück, lernte dort 2001 Angelo kennen, mit dem sie seit 2003 verheiratet ist.

Text: Peter Beyer (storymacher)

Impressionen

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Straßenkinder spielen Brettspiele im Rahmen eines Projektes.
Straßenkinder spielen Brettspiele im Rahmen eines Projektes.
Ehemalige Straßenkinder spielen Fußball bei Don Bosco Fambul.
Ehemalige Straßenkinder spielen Fußball bei Don Bosco Fambul.
Straßenkinder spielen Kicker im Rahmen eines Projektes.
Straßenkinder spielen Kicker im Rahmen eines Projektes.
Unterricht der ehemaligen Straßenkinder bei Don Bosco Fambul.
Unterricht der ehemaligen Straßenkinder bei Don Bosco Fambul.
Teamleiter Francis Kamara spricht mit Straßenkindern.
Teamleiter Francis Kamara spricht mit Straßenkindern.
Sabine Kolping während Übungen und Rollenspielen, die den Berufsalltag unterstützen.
Sabine Kolping während Übungen und Rollenspielen, die den Berufsalltag unterstützen.