Altöttinger Liebfrauenbote
Das Interview erschien in mehreren Zeitschriften des Jesuitenordens, u.a. auch in "Stimmen der Zeit".

Papst Franziskus gibt ein sehr persönliches Interview

"Gott ist größer als die Sünde"

Wie "tickt" Papst Franziskus? Dass er ein ebenso bescheidener wie herzlicher Mensch ist, der gerne auf Menschen zugeht und sie auch mal persönlich anruft, ist bekannt. Doch was bewegt den Hl. Vater aus Südamerika innerlich, wie denkt er über "seine" Kirche und die Herausforderungen unserer Zeit? Dem Chefredakteur der italienischen Zeitschrift des Jesuitenordens "Civilta Cattolica", Antonio Spadaro, hat Franziskus nun in einem sehr persönlichen Interview spannende Einblicke gewährt.

Die Antworten des Papstes sind ebenso frei heraus wie tiefgehend, die Grundaussagen sind nicht wesentlich neu, doch der Ton ist ein ganz anderer und auch die Prioritäten haben sich verschoben: Weg von moralinsauren Predigten und hin zu einer weltoffenen, toleranten Sichtweise. Kurz zusammengefasst ist die Grundaussage von Franziskus in dem Interview eine einfache: zuallererst kommt der Glaube und dann erst die Moral; zuerst gelte es "Wunden zu heilen", bevor man Menschen in moralische Schubladen steckt und ihnen Vorschriften erteilt. In den Worten von Franziskus: "Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschließen lassen, in kleine Vorschriften. Die wichtigste Sache ist aber die erste Botschaft: 'Jesus Christus hat dich gerettet.' Die Diener der Kirche müssen vor allem Diener der Barmherzigkeit sein." Denn: "Gott ist größer als die Sünde."

Franziskus hat durchaus das Große und Ganze im Blick – doch er predigt nicht von oben herab, sondern er nähert sich dem Großen auf seine ganz eigene, demütige, ja menschliche Weise: Angesprochen auf die ignatianische Spiritualität erklärt er seine Herangehensweise: "Sich nicht vom größeren Raum einnehmen zu lassen, sondern imstande zu sein, im engsten Raum zu bleiben (...) Das heißt – innerhalb der großen Horizonte des Reiches Gottes: viel übersehen, die kleinen Dinge aufwerten."

Wen Franziskus eben nicht übersieht, im Gegenteil: wen er in den Mittelpunkt stellt, das ist der einzelne Mensch, man könnte auch sagen der einzelne Sünder, als den er sich auch selbst ansieht: "Wer ist Jorge Maria Bergoglio?", fragt Spadaro und Franziskus antwortet frei heraus: "Ich bin ein Sünder. Das ist die richtigste Definition. Und es ist keine Redensart, kein literarisches Genus. Ich bin ein Sünder." Souverän und selbstkritisch geht der Papst mit sehr persönlichen Fragen um und stets hat man den Eindruck, dass hier ein ehrlicher Mensch spricht, ein Mensch, der im Laufe seines Lebens gewachsen und gereift ist und der nicht belehren will, sondern von dem man etwas lernen kann. Er verrät, dass ihn am Jesuitenorden u.a. die Disziplin berührt habe, obwohl er eigentlich "von Geburt an ein undisziplinierter Mensch" sei. Er gibt unumwunden zu, dass sein "Führungsstil als Jesuit anfangs viele Mängel" gehabt habe und dass seine "autoritäre und schnelle Art, Entscheidungen zu treffen", ihm "ernste Probleme und die Beschuldigung eingebracht" habe, "ultrakonservativ zu sein. (...) Nun bin ich sicher nicht wie die selige Imelda gewesen, aber ich bin nie einer von den ,Rechten' gewesen", sagt er. Des "Autoritarismus" seien die Menschen überdrüssig, stellt er fest, erzählt aber auch: "Wenn ich einer Person eine Sache anvertraue, habe ich totales Vertrauen zu dieser Person. Sie muss wirklich einen sehr schweren Fehler begehen, damit ich sie aufgebe."

"Ich bete auch, wenn ich beim Zahnarzt warte"

Papst Franziskus gibt viel von sich preis: Dass er ein Liebhaber klassischer Musik ist – Mozart, "natürlich", Beethoven, Bach, aber auch Wagner, wenngleich "nicht auf die gleiche innerliche Weise. Es gefällt mir, ihn zu hören, aber nicht immer". Er habe viele Autoren geliebt, sagt er und nennt Dostojewskij und Hölderlin – "Von Hölderlin möchte ich das Gedicht zum Geburtstag seiner Großmutter erwähnen, das eine große Schönheit besitzt." Der Leser erfährt von seiner Bewunderung für die Maler Caravaggio und Chagall, ebenso von seiner Wertschätzung für Film und Kino: "'La strada' von Fellini ist vermutlich der Film, den ich am meisten geliebt habe. Ich identifiziere mich mit diesem Film, in dem es einen impliziten Bezug zum heiligen Franz von Assisi gibt." Auch wie Franziskus betet, ist nun bekannt: "Ich bete jeden Morgen das Offizium. Ich bete gern mit den Psalmen. Dann feiere ich die Messe. Ich bete den Rosenkranz. Was ich aber vorziehe, ist die abendliche Anbetung – auch wenn ich zerstreut bin oder an Anderes denke oder sogar beim Beten einschlafe. Also abends von sieben bis acht bin ich vor dem Allerheiligsten für eine Stunde der Anbetung. Aber ich bete auch im Geist, wenn ich beim Zahnarzt warte oder bei anderen Gelegenheiten am Tag." Als seine Vorbilder nennt er den seligen Peter Faber (1506-1546) aus Savoyen ebenso wie den hl. Ignatius – "ein Mystiker, kein Asket". Der "Papst im Gästehaus" wohnt bescheiden – "Ich bin betroffen von der Schlichtheit der Ausstattung. Es gibt wenige Bücher, wenig Papier, wenige Kunstgegenstände", beschreibt der Autor seine Eindrücke. Und Franziskus liebt die Gemeinschaft: "Ich sehe mich nicht als einsamer Priester: Ich brauche Gemeinschaft." An die Massen wie z.B. beim Weltjugendtag in Rio hat er sich jedoch "noch nicht gewöhnt", er bevorzugt den direkten Kontakt: "Es gelingt mir, die einzelnen Personen, eine nach der anderen, anzuschauen, in persönlichen Blickkontakt mit denen zu treten, die ich vor mir habe."

Und dies gilt ausnahmslos für alle, unabhängig von Glaube, Einstellung oder sexueller Identität: "Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben. Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: 'Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?' Man muss immer die Person anschauen. Wir treten hier in das Geheimnis der Person ein. Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten. Wenn das geschieht, gibt der heilige Geist dem Priester ein, das Richtige zu sagen." Franziskus hebt hier nicht die katholische Lehre auf: "Man kennt ja übrigens die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche", sagt er. "Aber man muss nicht endlos davon sprechen." – "Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden. Das geht nicht (...)" – deutlicher hätte die Kritik kaum sein können an einer Seelsorge, die gerne bis in die Schlafzimmer der Leute hineinregieren würde, und an Moralaposteln, die sich über das Spielfeld der Politik in das Privatleben der Menschen einmischen wollen.

Ein neues Gleichgewicht finden

Apropos "Moralapostel", die meinen, die Weisheit, respektive die Wahrheit mit dem "Löffel gefressen" zu haben: "Wenn einer Antworten auf alle Fragen hat, dann ist das der Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist. Das bedeutet, dass er ein falscher Prophet ist, der die Religion für sich selbst benützt. Die großen Führer des Gottesvolkes wie Moses haben immer Platz für den Zweifel gelassen. Man muss Platz für den Herrn lassen, nicht für unsere Sicherheiten. Man muss demütig sein." Deutliche Kritik richtet Franziskus auch an Traditionalisten, die sich zu sehr an die Lehre klammern: "Wenn der Christ ein Restaurierer ist, ein Legalist, wenn er alles klar und sicher haben will, dann findet er nichts. Die Tradition und die Erinnerung an die Vergangenheit müssen uns zu dem Mut verhelfen, neue Räume für Gott zu öffnen. Wer heute immer disziplinäre Lösungen sucht, wer in übertriebener Weise die 'Sicherheit' in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärts gewandte Vision. Auf diese Weise wird der Glaube eine Ideologie unter vielen."

Damit der Glaube eben keine Ideologie wird, rät der Papst: "Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen, droht, seine Frische und den Geschmack des Evangeliums zu verlieren. Die Verkündigung des Evangeliums muss einfacher sein, tief und ausstrahlend. Aus dieser Verkündigung fließen dann die moralischen Folgen."

"Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument"

Wichtig ist für Franziskus der persönliche Kontakt der Seelsorger zu den Menschen, z.B. im Beichtstuhl: "Das ist auch die Größe des Beichtvaters: jeden Fall für sich zu bewerten, unterscheiden zu können, was das Richtige für einen Menschen ist, der Gott und seine Gnade sucht. Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit, in dem der Herr uns anregt, das Bestmögliche zu tun. Ich denke auch an die Situation einer Frau, deren Ehe gescheitert ist, in der sie auch abgetrieben hat. Jetzt ist sie wieder verheiratet, ist zufrieden und hat fünf Kinder. Die Abtreibung belastet sie und sie bereut wirklich. Sie will als Christin weiter gehen. Was macht der Beichtvater?"

Wichtig sind dem Papst auch die Frauen in der Kirche: "Die Kirche kann nicht sie selbst sein ohne Frauen und deren Rolle. Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria – eine Frau – ist wichtiger als die Bischöfe. Ich sage das, denn man darf Funktion und Würde nicht verwechseln. Man muss daher die Vorstellung der Frau in der Kirche vertiefen. Man muss noch mehr über eine gründliche Theologie der Frau arbeiten. Nur wenn man diesen Weg geht, kann man besser über die Funktion der Frau im Inneren der Kirche nachdenken. Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Herausforderung heute ist: reflektieren über den spezifischen Platz der Frau gerade auch dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche Autorität ausgeübt wird."

Wieso der einzelne Mensch für Papst Franziskus so wichtig ist, erschließt sich aus seinem Kirchenbild: "Diese Kirche, mit der wir denken und fühlen sollen, ist das Haus aller – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann." Sondern: "Das Bild der Kirche, das mir gefällt, ist das des heiligen Volkes Gottes. Die Zugehörigkeit zu einem Volk hat einen großen theologischen Wert: Gott hat in der Heilsgeschichte ein Volk erlöst. Es gibt keine volle Identität ohne die Zugehörigkeit zu einem Volk. Niemand wird alleine gerettet, als isoliertes Individuum (...)"

"Die Sicht der Kirche als Monolith, der ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum"

Die Kirche wiederum ist eine Gemeinschaft auf dem Weg und wer auf dem Weg ist, der blickt nicht nur zurück, sondern der achtet auf den nächsten Schritt: "Es gibt de facto die Versuchung, Gott in der Vergangenheit zu suchen oder in den Zukunftsmöglichkeiten. Gott ist sicher in der Vergangenheit, denn man findet ihn in den Abdrücken, die er hinterlassen hat. Er ist auch in der Zukunft, als Versprechen. Aber der – sagen wir – ,konkrete Gott' ist heute. Daher hilft das Jammern nie, nie, um Gott zu finden. Die Klage darüber, wie barbarisch die Welt heute sei, will manchmal nur verstecken, dass man in der Kirche den Wunsch nach einer rein bewahrenden Ordnung, nach Verteidigung hat. Nein – Gott kommt im Heute entgegen." Dass es keinen Grund zur Klage über den "Zeitgeist" gibt, erklärt der Papst sehr deutlich, in dem er die Heilsgeschichte als eine Art "Lernprozess" beschreibt: "Das Verständnis des Menschen ändert sich mit der Zeit und so vertieft sich auch das Gewissen des Menschen. Wir denken daran, dass Sklaverei oder die Todesstrafe fraglos akzeptiert waren. Man wächst im Verständnis der Wahrheit. Die Exegeten und die Theologen helfen der Kirche, im eigenen Urteil zu wachsen. Auch die anderen Wissenschaften und ihre Entwicklung helfen der Kirche bei diesem Wachstum des Verständnisses. Es gibt zweitrangige kirchliche Normen und Vorschriften, die früher einmal effizient waren, die aber jetzt ihren Wert und ihre Bedeutung verloren haben. Die Sicht der Kirche als Monolith, der ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum."

Kurzum: Nur wer anderen Menschen vertraut, kann Teil einer Gemeinschaft sein und Kirche gestalten; nur wer auf die kleinen Dinge achtet, kann das Große erkennen und wer dies tut, der hat Grund zu Hoffnung, die mehr ist als schlichter Optimismus. Franziskus: "Die christliche Hoffnung ist kein Gespenst und sie täuscht nicht. Sie ist eine theologische Tugend und definitiv ein Geschenk Gottes, das nicht auf einen reinen Optimismus reduziert werden kann. Gott enttäuscht die Hoffnung nicht, er kann sich nicht selbst verleugnen. Gott ist ganz Versprechen."

Text: Michael Glaß

Das vollständige Interview finden Sie hier