Altöttinger Liebfrauenbote

Ägypten ist Beispielland des Weltmissionssonntags am 27. Oktober

Die jungen Gesichter der Revolution

Am 6. Oktober eröffnete die Kirche in Deutschland den Monat der Weltmission, Höhepunkt ist der Weltmissionssonntag am 27. Oktober. Beispielland in diesem Jahr ist Ägypten. Vor fast drei Jahren gingen Tausende Ägypter auf die Straße, um sich für ein freies und demokratisches Land stark zu machen. Es war vor allem Ägyptens Jugend, die sich unter dem langjährigen Machthaber Hosni Mubarak keine Zukunft mehr vorstellen konnte und ihn zum Rücktritt zwang. Doch die Situation hat sich bis heute nicht gebessert: Instabile Politik, Arbeitslosigkeit, steigende Preise und gewalttätige Konflikte zwischen Christen und Muslimen bestimmen Ägyptens Alltag. Mittendrin leben junge Menschen, die auch nach schweren Verlusten ihr Land voranbringen wollen.

Eine Straße in der Nähe des Tahrir-Platzes erinnert mit großen Gemälden an die Opfer der Revolution. Sherry Danial steht vor einem Bild ihres ermordeten Bruders.
Eine Straße in der Nähe des Tahrir-Platzes erinnert mit großen Gemälden an die Opfer der Revolution. Sherry Danial steht vor einem Bild ihres ermordeten Bruders.

Sherry Danial steht in einer Straße nahe dem Tahrir-Platz. Eine schmale 26-Jährige mit ernsten Augen hinter der Brille. Sie trägt einen Pullover, auf dem ein Gesicht abgebildet ist, das hier viele kennen. Das ihres Bruders. Um die Ecke von hier begann vor über zwei Jahren die Ägyptische Revolution. Im Juli dieses Jahres kam der zweite Umsturz. Zuerst wurde der langjährige Machthaber Hosni Mubarak zu Fall gebracht, danach die Muslimbrüder entmachtet.

Über die zweite Revolution ist Sherry Danial froh. Über die erste  wäre sie es eigentlich auch. Hätte sie darin nicht ihren Bruder verloren.

Wenn Sherry Danial über ihren Bruder spricht, blickt sie zu Boden und ihre Stimme wird sehr leise: "Mina war ein liebenswerter und fröhlicher Mensch, alle mochten ihn. Er begeisterte die Menschen mit seiner positiven Art." Nur selten sei er richtig ernst geworden: Dann, wenn es um die Situation der Armen und die Gewalttaten ge­gen die Kopten ging.

Für Mina Danial, selbst koptischer Christ, gab es hier einen Zusammenhang. Ihm fiel auf, dass Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen eigentlich nur in ärmeren Stadtvierteln oder auf dem Land vorkommen. Gemeinsam mit seiner Schwester Sherry ging er bereits vor der Revolution auf die Straße, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. In der Revolution sah er sich nicht als Verteidiger der Christen, sondern als Verteidiger der Armen.

Mina Danial war der Überzeugung: Wenn es den Menschen gut geht, wirkt sich das auch positiv auf die Situation der Christen in Ägypten aus. Er selbst hatte viele muslimische Freunde. Welchem Glauben man angehörte, spielte für sie keine Rolle.

In den Tod gefolgt sind noch viele

Ein Mann kehrt die letzten Trümmer zusammen. Im April dieses Jahres wurde das Wahrzeichen der Kopten erstmals Ziel eines Angriffes. Nach einer Beerdigung attackierten Unbekannte die Trauergäste mit Steinen und Tränengas.
Ein Mann kehrt die letzten Trümmer zusammen. Im April dieses Jahres wurde das Wahrzeichen der Kopten erstmals Ziel eines Angriffes. Nach einer Beerdigung attackierten Unbekannte die Trauergäste mit Steinen und Tränengas.

Mina war so überzeugt davon, dass die Ägypter es gemeinsam schaffen, sich ein neues, freies Land zu erkämpfen, dass er sich furchtlos seinen politischen Gegnern gegenüberstellte. Mehrmals wurde er bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften von Mubarak verletzt. Einmal erwischte ihn eine Kugel am Knie. Einmal verfehlte ein Geschoss nur knapp sein linkes Auge. Seinen Nebenjob in einem Geschäft für medizinische Geräte gab er auf, um  sich ganz der Revolution zu widmen.

Sherry geht durch die Mohamed Mahmoud Straße. Hier, nahe dem Tahrir-Platz, wird die Revolution mit Sprühdosen und Farbe festgehalten. Unzählige Gesichter junger Männer und Frauen, die ihr Leben in den vergangenen zweieinhalb Jahren verloren haben, sind auf der Betonwand entlang der Straße zu sehen. Sie werden als Märtyrer, als Helden der Revolution gefeiert. Der Jüngste unter ihnen: Ein achtjähriger Junge mit einer dampfend heißen Süßkartoffel in der Hand. Er geriet ins Schussfeld, als er am Straßenrand Essen verkaufen wollte.

Mina Danial ist auch unter den Gesichtern. Von ihm  gibt es gleich mehrere großformatige Portraits. Eines davon zeigt ihn zusammen mit Scheich Emad Effat. Der Rechtsgelehrte der muslimischen Al-Azhar Universität starb zwei Monate nach Mina Danial im Dezember 2011. Er nahm an einem Sitzstreik auf dem Tahrir-Platz teil, als Militärkräfte anrückten, um die Versammlung gewaltsam aufzulösen. Eine Kugel traf den 52-Jährigen direkt ins Herz. Zufall? Absicht? Klar ist nur, Scheich Emad Effat war ein großer Kritiker des zu dieser Zeit - als Übergangsmacht - eingesetzten Militärrates.

Mina Danial und Scheich Emad Effat haben sich nie kennengelernt.

Erst nach ihrem Tod wurden sie von den Medien und den Revolutionsanhängern vereint: Als Symbol für ein Ägypten, das - ungeachtet  religiöser Unterschiede – für die gleichen Ziele steht. Auf der Mauer in der Mohamed Mahmoud Straße stehen die beiden Revolutionshelden nebeneinander und halten gemeinsam eine weiße Banderole  in die Höhe: "Wer wird uns als nächstes folgen?", ist darauf zu lesen. In den Tod gefolgt sind ihnen noch viele. Christen wie Muslime. Die Revolution hat mit dem Rücktritt Mubaraks nicht geendet. Es kamen die Muslimbrüder, neue Ungerechtigkeiten und eine zweite Revolution.

Einer, der die erste Revolution überlebt und die zweite erlebt hat, ist Hani Wahba. Fotografieren lassen will er sich in diesen politisch unsicheren Zeiten nicht. Der 31-Jährige ist Mitglied der "Maspero Youth Union", einer politischen Organisation junger Kopten. Benannt ist die Gruppe nach dem Vor­fall, der sich am 9. Oktober 2011 in dem Kairoer Stadtteil Maspero ereignete. In dieser Nacht starben bei Auseinandersetzungen zwischen Militär und Demonstranten 27 Menschen. Es war auch die Nacht, in der Mina Danial starb.

Er wurde 20 Jahre alt

Eine Straße in der Nähe des Tahrir-Platzes erinnert mit großen Gemälden an die Opfer der Revolution.
Eine Straße in der Nähe des Tahrir-Platzes erinnert mit großen Gemälden an die Opfer der Revolution.

Mehrere Dutzend Christen und einige Muslime hatten sich zusammengeschlossen, um gleiche Rechte und Schutz für die koptische Minderheit zu fordern. Sie starteten im Stadtteil Shubra, in dem viele Christen wohnen. Friedlich zogen sie weiter Richtung Maspero, dem Medienstandort von Kairo. Hier wollte die Menge  ihre Forderungen kundgeben. Ein paar Tage zuvor war erst wieder eine Kirche im Süden Kairos angezündet worden.

Als die Demonstranten am Ziel waren, passierte das, was in den arabischen Medien später als "Maspero-Massaker" bezeichnet wurde: Die Menschenmenge hatte sich gerade vor dem Fernsehgebäude versammelt, als das Militär plötzlich vor ihnen stand. Unter den Demonstranten befanden sich auch Mina Danial und Hani Wahba. Der eine ganz vorne, der andere weiter hinten.

"Wir wollten nichts außer unsere Rechte einfordern, aber sie fingen einfach an auf uns zu schießen und los zu fahren. Sie fuhren mit ihren Panzern einfach in die Menge. Ich hörte Menschen um mich herum schreien, die von Militärfahrzeugen überrollt wurden. Neben mir lag plötzlich ein Mann, der zur Hälfte mit Blut bedeckt war - da fing ich an zu rennen. Ich konnte einfach nicht bleiben – alle Leute, die blieben, wurden erschossen oder überfahren", sagt Hani Wahba. Es war die schlimmste Nacht seines Lebens. 

Auch Sherry Danial wird dieses Ereignis nie vergessen: Noch in der Nacht des 9. Oktobers 2011 klingelt ihr Telefon. Es ist ein Freund ihres Bruders. Er erzählt ihr, dass Mina tödlich verunglückt sei. Sherry kann es nicht glauben. Sie macht sich auf den Weg nach Maspero. Die letzten Meter rennt sie und findet ihren Bruder leblos zwischen  verletzten Menschen liegen. Eine Kugel hatte seinen Oberkörper durchbohrt. Er wurde 20 Jahre alt.

Der "Ägyptische Guevara"

Ein Graffity an der Wand zeigt wie Mursi in den Spiegel blickt und das Gesicht von Mubarak erscheint. Für viele Ägypter sind die ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak und Mohammed Mursi das gleiche Übel.
Blick in den Spiegel: Für viele Ägypter sind die ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak und Mohammed Mursi das gleiche Übel.

"Die meisten, die vorne standen, hatten keine Chance zu entkommen, es ging alles so schnell", sagt Hani Wahba. Später heißt es von Seiten des Militärs, dass bewaffnete Demonstranten zuerst angegriffen hätten. Das Handeln des Militärs müsse folglich als Gegenwehr gesehen werden. Ähnliche Unklarheiten gibt es  später auch bei der Absetzung von Präsident Mursi.

Kurz nach seinem Tod wird Mina Danial zum Helden der Mubarak-Revolution. Die Medien bezeichnen ihn als den "Ägyptischen Guevara". Mit seinen schulterlangen dunklen Haaren ähnelt er dem kubanischen Freiheitskämpfer tatsächlich in verblüffender Weise. Pullover werden mit seinem Gesicht bedruckt. "Wir alle sind Mina Danial" steht in roter Schrift über dem Fotodruck.

Sherry Danial trägt diesen Pullover oft. Für sie ist klar: Der Tod ihres Bruders und all der anderen kann nur dann verziehen werden, wenn die Forderungen der Revolutionsanhänger in Erfüllung gehen: Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Was sich so einfach anhört, bereitet den Ägyptern jedoch nach wie vor große Schwierigkeiten. Die Suche nach einer neuen Regierung ist nach dem Fall Mubaraks und der Entmachtung der Muslimbrüder durch das Militär in eine neue konfliktreiche Runde gegangen, die Preise für Lebensmittel und Benzin sind enorm gestiegen, und die Übergriffe auf die koptische Minderheit lassen nicht nach.
Aber auch die Entschlossenheit vieler Revolutionsanhänger scheint ungebrochen. Auf dem Tahrir-Platz stehen seit über zwei Jahren fast ununterbrochen Zelte zum Zeichen des Widerstandes. Einer der Besatzer ist Mohamed Al-Atayan. Die Leute nennen den graubärtigen Mann den "Vater der Revolutionäre".  "Er will solange schweigen bis die Ziele der Revolution erfüllt sind", erzählt ein junger Mann, der ihm manchmal Essen vorbeibringt.

"Es hat schon zu viele Opfer gegeben", sagt Hani Wahba. "Dennoch oder gerade deshalb muss die Revolution weitergehen. Denn solange es keinen Plan gibt, die Wirtschaft zu fördern, die Steuern zu reformieren, die Bildungschancen zu verbessern und die Bauern zu unterstützen, wird es den Leuten schlecht gehen."

Vier von zehn Ägyptern leben derzeit von umgerechnet einem Euro pro Tag.

Hani Wahba selbst hat Elektrotechnik studiert und einen guten Job bekommen. Er arbeitet von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends. Zwischendrin geht er auf Demonstrationen und sammelt akribisch alle Vorfälle, die sich gegen Kopten in Ägypten richten. "Ich wünsche mir, dass hier endlich Gerechtigkeit herrscht – dass Verbrechen, egal gegen wen sie sich richten – auch bestraft werden."

Wie Mina Danial sieht auch Hani Wahba die Gründe für Konflikte zwischen den beiden Religionsgruppen in den sozialen Missständen verankert. Aber er sieht noch ein weiteres Problem: "Die Diskriminierung von Christen ist bei uns im System verankert. Das geht schon in der Schule los, wenn die Schulbücher unseren Glauben gar nicht erst behandeln oder wir als Christen manche Jobs nicht bekommen." In der Politik, sagt er, habe Religion nichts zu suchen.

Die Entmachtung der Muslimbrüder durch das Militär sei deshalb notwendig gewesen. Sonst wären die Ziele der Revolution verraten worden. Das findet auch Sherry Danial.  Sie ist enttäuscht darüber, dass viele westliche Medien darüber berichten als sei es ein Militärputsch gewesen. "Mursi hat darauf hin gearbeitet, jede Institution des Landes mit Muslimbrüdern zu besetzen", sagt sie. "Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme waren ihm egal. Wir, das Volk, wollten Mursi nicht mehr haben."

Die Situation erinnert stark an die Mubarak-Revolution: Die Ägypter sehen ihre Forderungen nicht erfüllt und entmachten den Präsidenten. Wie viele Anläufe wird Ägypten brauchen, um sich am Ziel zu sehen?

Wie es nun genau weitergeht, kann Sherry Danial auch nicht sagen. Sie weiß nur: Die Hoffnung auf Gerechtigkeit ist für sie noch nicht verloren. Viele der jungen Menschen, die Freunde und Angehörige verloren haben, fühlen sich verpflichtet, die Revolution weiter zu führen. Sherry Danial tut es vor allem für ihren Bruder. Über das Jesuitenkolleg arbeitet sie an zwei Grundschulen in Kairo. Mit Geschichten wie "Der glückliche Prinz" von Oscar Wilde möchte sie das Bewusstsein der Kinder für gesellschaftliche Probleme stärken. Sherry regt die Schüler zum Nachdenken an. Und denkt selbst viel nach: über ihr Land, ihr Leben und ihren Bruder.

Es gibt ein Video von Mina Danial: Es zeigt ihn am 25. Januar 2011, dem ersten Tag der Mubarak-Revolution, auf dem Tahrir-Platz. Er spricht in die Handykamera eines Freundes: "Ich träume von einem besseren Ort, wo ich überall frei meine Meinung äußern kann. Ich liebe mein Land, aber wenn ich hier keine Rechte habe, wäre ich bereit, es zu verlassen." – Und er hat es verlassen.

Text: Steffi Seyferth, Fotos: Fritz Stark

Impressionen

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Sherry Danial malt mit Schulkindern die Geschichte des "Glücklichen Prinzen" von Oscar Wilde.
Sherry Danial malt mit Schulkindern die Geschichte des "Glücklichen Prinzen" von Oscar Wilde.
Mit Bibel und Koran: Christen und Muslime demonstrieren gemeinsam gegen die Gewalt an Kopten. Sie wollen zeigen: "Wir sind eine Einheit."
Mit Bibel und Koran: Christen und Muslime demonstrieren gemeinsam gegen die Gewalt an Kopten. Sie wollen zeigen: "Wir sind eine Einheit."
Kirche und Moschee in Kairo.
Kirche und Moschee in Kairo.
Plakat zum Sonntag der Weltmission.
Plakat zum Sonntag der Weltmission.

Das internationale katholische Missionswerk missio in München hat Ägypten als Schwerpunktland im Monat der Weltmission 2013 ausgewählt. Der Blick richtet sich dabei besonders auf die christliche Minderheit. "Das soziale Engagement der Christen in Ägypten ist einer der wichtigsten Wege, um Brücken zur muslimischen Mehrheit zu bauen", sagt Kyrillos William, koptisch-katholischer Bischof aus Assiut in Oberägypten. Mit einem umfassenden Entwicklungsprogramm für alle Ägypter will die katholische Kirche dazu beitragen, das Ansehen der Christen in der Gesellschaft zu stärken und Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort zu schaffen. Dieses Engagement ist unverzichtbar. Gerade jetzt, nach den politischen Umbrüchen.