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Priester Matta Shafik Ayoub und Scheich Saied Mohamed AbdelAziez:

"Wenn es den Leuten schlecht geht, wird eben ein Schuldiger gesucht"

Priester Matta Shafik Ayoub (42) und Scheich Saied Mohamed AbdelAziez (47) engagieren sich gemeinsam für die interreligiöse Initiative "Bet el Ayla". Im Interview sprechen sie über die Beziehung zwischen Christen und Muslimen in Ägypten und wo die Gründe für die Auseinandersetzungen zu suchen sind.

Priester Matta Shafik Ayoub (l.) und Scheich Saied Mohamed AbdelAziez im Gespräch.
Priester Matta Shafik Ayoub (l.) und Scheich Saied Mohamed AbdelAziez.

Warum kommt es in Ägypten immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen?
Matta Shafik Ayoub: Die Mehrheit der Muslime respektiert uns Christen und andere Minderheiten. Die Probleme ergeben sich, weil einige Akteure Religion für politische Zwecke instrumentalisieren. Es gibt viele Hassprediger. Wenn es den Leuten schlecht geht, wird eben ein Schuldiger gesucht. Armut in Ägypten ist sehr groß, viele Konflikte entstehen aus dieser Not heraus. Ich würde nicht in erster Linie wegen verschiedener Glaubensrichtungen entstehen.

Dennoch gibt es interreligiöse Programme wie die "Bet el Ayla"-Initiative. Das heißt, es gibt Handlungsbedarf.
Saied Mohamed AbdelAziez: Natürlich gibt es Vorfälle zwischen Christen und Muslimen. Die Frage ist nur, warum. Der ehemalige Papst Shenouda und der große Imam Ahamd Al-Tayeb initiierten "Bet el Ayla" nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Alexandria im Jahr 2010. Dahinter stand aber nicht die Überzeugung, dass es einen grundsätzlichen Hass zwischen beiden Gruppen gibt, den man beseitigen muss, sondern der Gedanke: "Lasst uns handeln, bevor andere mächtige Akteure Christen und Muslime für ihre eigenen politischen Zwecke weiter gegeneinander ausspielen."

Wie meinen Sie das?
Saied Mohamed AbdelAziez: Wir glauben, dass Ägypten strategisch gesehen das wichtigste Land im Mittleren Osten ist. Staaten wie Saudi-Arabien versuchen Ägypten zu führen, um es für ihre eigenen Visionen zu missbrauchen. Die umliegenden Länder wissen: Wer Ägypten unter Kontrolle hat, ist der Gewinner, weil es das bevölkerungsreichste Land in dieser Region ist. Matta Shafik Ayoub: Daher versuchen wir eine friedliche Einheit zwischen Christen und Muslimen zu schaffen. Indem wir Bewusstsein, Verständnis und Offenheit für die jeweils andere Seite vermitteln.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Saied Mohamed AbdelAziez: Ein grundlegender Aspekt ist zum Beispiel, dass Christen in Ägypten als Minderheit angesehen werden, das versuchen wir zu ändern.

Aber die Christen machen in der Tat nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus? ...
Matta Shafik Ayoub: Es geht um die Bezeichnung. In westlichen Kulturen versteht man unter Minderheit eine Gruppe, die es zu schützen gilt. In Ägypten ist der Begriff eher negativ besetzt: Er beinhaltet nicht nur klein, sondern auch jemanden außen vor lassen. Saied Mohamed Abdel Aziez: Und genau diese Vorstellung versuchen wir in den Köpfen zu verändern: Christen nicht als Minderheit, sondern als Partner anzusehen. Wir leben gemeinsam in einem Land, Ägypten ist das Zuhause von uns allen.

Kennen die Christen denn die Inhalte des Islams und andersherum?
Saied Mohamed AbdelAziez: Ich bin sicher, dass beide Seiten die jeweils andere kennen. Die Menschen wissen, dass beide Religionen Mitgefühl, Gleichheit und Gerechtigkeit in der Gemeinschaft verbreiten wollen. Natürlich gibt es auch auf beiden Seiten Extremismus und Ignoranz, aber das ist die Minderheit.
Matta Shafik Ayoub: Ich glaube, in Ägypten kennen die Christen die Inhalte des Islams sehr gut - vielmehr als die Muslime das Christentum. Das liegt ganz einfach an den Dingen, mit denen wir hier auf wachsen: Zunächst einmal sprechen wir Arabisch, und dann ist der Islam auch ein Thema an der Schule und auf vielen TV-Sendern.

"Wir werden uns in Geduld üben müssen"

Man hört viel von den Konflikten zwischen Christen und Muslimen, gibt es auch positive Geschichten?
Saied Mohamed AbdelAziez:
Während der Revolution ist etwas wunderbares passiert: Christen und Muslime haben nicht nur Hand-in-Hand demonstriert, sie haben sich auch auf dem Tahrir-Platz gegenseitig,beschützt. Bei den Freitagsgebeten haben sich Christen als schützende Mauer um die betenden Muslime gestellt, und sonntags waren es die Muslime, die dafür gesorgt,haben, dass die Christen in Ruhe beten konnten.

War die Revolution auch eine Chance für ein neues Miteinander zwischen Christen und Muslimen?
Matta Shafik Ayoub: Das ist schwierig zu sagen, aber so eine Aktion wie Saied Mohamed sie beschrieben hat, von denen es übrigens viele ähnliche gegeben hat, ist ein guter Anfang, um unsere gemeinsame Identität als Ägypter zu stärken.
Saied Mohamed AbdelAziez: Ich würde sagen, die Beziehung zwischen Christen und Muslimen hat sich durch die Revolution zum Guten verändert.
Matta Shafik Ayoub: Und dennoch darf man nicht vergessen, dass die Angst unter den Christen ge wachsen ist – als Resultat einiger sehr gewalttätiger Übergriffe, zum Beispiel auf die Sankt Markus Kathedrale im April dieses Jahres. Das verunsichert natürlich und macht misstrauisch.

Wie wird sich Ägypten in den nächsten Jahren entwickeln?
Saied Mohamed AbdelAziez: Ein Großteil der Ägypter lebt unter der Armutsgrenze, ihre Gedanken drehen sich nicht um politische Dinge, sondern darum, wie sie überleben können. Wenn die Regierenden es schaffen, die Situation der armen Bevölkerung zu verbessern, werden sie auch ihre Stimmen gewinnen. Wenn nicht, werden sich die Leute gegen sie wenden – ähnlich wie bei der Französischen Revolution. Die Stimmung im Land wird hauptsächlich davon abhängen wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt.
Matta Shafik Ayoub: Nur mit dem Unterschied, dass unsere Revolution doppelt so lange brauchen wird bis sie am Ziel ist.

Das würde ja heißen zwanzig Jahre?
Matta Shafik Ayoub: Ja, wir werden uns in Geduld üben müssen. Aber ich glaube fest daran, dass die Ägypter ihren Weg gehen werden. Wir haben eine 7.000 Jahre alte Zivilisation, unser Land ist voller Experten und Kultur. Was wir mit der Mursi-Regierung erlebt haben, war eine Phase, die wie eine Niederlage aussah – nicht nur für uns Christen, sondern für viele Ägypter. Egal, wer an der Macht ist, wir müssen erst lernen, unser Land zu managen. Ich bin mir sicher, wir schaffen das – vielleicht nicht in einem Jahr, vielleicht auch nicht in fünf Jahren, aber für die zukünftigen Gener ationen wird das, was grad geschieht, der Anfang eines neuen Ägyptens sein.

Interview: S. Seyferth, Foto: Fritz Stark

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