Altöttinger Liebfrauenbote

Ägyptische Nonnen geben koptischen Müllsammlern in Kairo neue Hoffnung

Wandel gegen Widerstände

Die demokratische Revolution und der Sturz Mubaraks haben den koptischen Christen in Ägypten kaum Verbesserungen gebracht. Noch immer leben sie meist am Rande der Gesellschaft. Mutige koptische Nonnen versuchen in einem der ärmsten Viertel Kairos gegen innere Widerstände, den Menschen Bildung und Hoffnung zu geben. – Damit leisten die koptischen Schwestern einen Dienst wie einst die katholische "Sionsschwester" Emmanuelle, die als "Mutter der Müllmenschen" weltweit Bekanntheit erlangt hatte. Pünktlich zu ihrem 5. Todestag am 20. Oktober sind nun die Erinnerungen ihrer Mitschwester und Nachfolgerin Schwester Sara in deutscher Übersetzung erschienen (siehe unten).

Blick von oben auf Espet El Nakhl, wo sich der Müll stapelt.
Die meisten MüŸllsammler in Espet El Nakhl sind christliche Kopten.

Im Norden der Achtmillionen-Stadt Kairo sind die meisten Straßen staubig und nicht asphaltiert. Früher war diese Gegend eine grüne, fruchtbare Oase. Daran erinnert heute nur noch der Name: Espet El Nakhl, Ort der Palmen. Palmenfelder gibt es hier schon lange nicht mehr. Stattdessen sind Hochhäuser aus dem Boden geschossen, manchmal bis zu fünfzehn Stockwerke hoch. Viele der billig gemauerten Gebäude sind nur halbfertig und unverputzt. Trotzdem werden sie von Dutzenden Familien bevölkert, zusammengepfercht auf engstem Raum.

Der Ruf eines Muezzin schallt durch die engen Gassen. Auf dem schmutzigen Sandboden legen Bäcker ihr Brot aus. Ein kleines Mädchen bietet schrumpeliges Gemüse zum Verkauf an. In diesem bunten Chaos fallen die sauberen, ordentlich verputzten Wände des Salam Centers schon von weitem auf. Die Bildungseinrichtung wird von den koptischen "Marienschwestern" betrieben. Die christlichen Kopten sind die größte religiöse Minderheit in der vorwiegend islamischen Gesellschaft Ägyptens.

Hinter dem eisernen Einfahrtstor des Zentrums befindet sich eine kleine grüne Gartenanlage. Die Oberin des Salam Centers, Schwester Maria, schiebt ein Kind auf einem Rollstuhl über den gepflasterten Fußweg. "Draußen sind die Straßen voller Menschen," sagt sie. "Es gibt keine Pflanzen, nichts, wo sich die Kinder erholen könnten. Wenn sie hierher kommen, erleben sie eine friedliche, ruhige Atmosphäre. Sie sehen Bäume und wir bringen ihnen bei, wie sie in ihrer Wohnung selbst eine Pflanze aufziehen können."

Dienst an der Welt

Die Leiterin des Salam Centers, Schwester Maria, in ihrer grauen Tracht der sozial engagierten koptischen Nonnen.
Die Leiterin des Salam Centers, Schwester Maria, in ihrer grauen Tracht der sozial engagierten koptischen Nonnen.

2.800 Kinder gehen in die Schule des Salam Centers. Dort wird ihnen nicht nur Bildung geboten, sondern auch Ruhe und Abwechslung von ihrem sonst eintönigen aber anstrengenden Leben. Schwester Maria trägt die graue Tracht der sozial engagierten koptischen Nonnen. Die Angehörigen aller anderen Frauenorden der Kopten sind als schweigende Nonnen in schwarz gekleidet. Die Schwestern des Salam Centers tragen über ihrer Tracht noch eine weiße Schürze. Die verdeckt eine Tasche, in der sie allerlei Dinge verstauen können: Stifte, Papier, manchmal sogar einen Hammer. Die Schürze zeigt, dass die Frauen arbeitende Nonnen sind, dass sie einen Dienst an der Welt leisten. Um die Taille ist ein Gürtel geschlungen, genauso wie bei den Mönchen, als Verweis auf das Alte Testament, in dem es heißt, Gottes Volk solle sich gürten, um allzeit bereit zu sein.

Für Schwester Maria ist das eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Bei den vielen Kindern, die die Schule des Salam Centers besuchen, muss sie ständig bereit sein, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Aber es ist ihr auch wichtig, dass den Kindern nicht nur Bildung geboten wird, sondern auch Ruhe und Abwechslung von ihrem sonst eintönigen aber anstrengenden Leben. "Ein Junge, der morgens Müllsammeln geht, muss um fünf Uhr aufstehen und den Esel aufzäumen", berichtet Schwester Maria. "Dann fährt er mit dem Karren von Haus zu Haus, um den Müll einzusammeln. Mittags kommt er zurück in diese Gegend und gibt den Frauen und Kindern den Müll zum Sortieren. Dann fährt er nochmal los zum Müll einsammeln. Falls der Junge schon elf oder zwölf Jahre alt ist, geht er nachmittags vielleicht in eine Kaffeebar und trinkt Tee. Einige rauchen auch Bango, das ist Marihuana. So ist das Leben der Kinder, die hier im Müll leben und nicht zur Schule gehen."

Das größte Gebäude des Salam Centers ist das Krankenhaus. Seit dreißig Jahren wird es mit Spendengeldern finanziert. Pfarrer i. R. Günter Meyer-Mintel aus Moers in Nordrhein-Westfalen kommt immer wieder nach Esbet el Nakhl, um das Projekt zu begleiten. An die vielen Treppen, die zum Dach des Krankenhauses führen, hat er sich gewöhnt, genauso wie an den apokalyptisch anmutenden Blick, der sich von dort aus bietet. "Ich sehe hier ein Gebiet von Müllhütten," beschreibt er. "Sie sind aus Fässern gebaut, die man aufgeschnitten und platt gemacht hat. In viele der Hütten kann man hineinsehen. Die Menschen hier arbeiten mit dem Müll. Während der Nacht ziehen sie durch die Stadt und sammeln ihn ein. Hier öffnen und sortieren sie ihn nach Plastik, Glas, Blech, Stoffresten und organischen Abfällen, die an die Tiere verfüttert werden."

Müll als Einkommensquelle

Innerhalb der MŸllsa mmlergemeinde steht eine kleine koptische  Kirche.
Innerhalb der MŸllsa mmlergemeinde steht eine kleine koptische Kirche.

Die Bewohner der Müllsammlergemeinde stammen ursprünglich aus Oberägypten. Vor etwa fünfzig Jahren mussten sie ihre Oasen verlassen, nachdem es jahrelang nicht mehr ausreichend geregnet hatte. In Kairo bekamen sie den sozial untersten Platz in Ägypten zugewiesen, weil sie Kopten sind. Die vorwiegend von Muslimen geleitete Stadtverwaltung gab ihnen die Erlaubnis, den Müll der Stadt einzusammeln und alles Brauchbare zu nutzen.

Studien von Unicef besagen, dass vierzig Prozent der Kinder, die in den Müllhütten geboren werden, im ersten Lebensjahr sterben. Auch die Erwachsenen haben nur eine geringe Lebenserwartung. Vor allem der Qualm, der an vielen Stellen aufsteigt, wenn alte Plastiktüten verbrannt werden, greift die Atemwege und die Netzhaut der Augen an. Viele Menschen sind erblindet.

Die junge Schwester Monica hat sich noch nicht an den Anblick der desolaten hygienischen Verhältnisse in der Müllsammlergemeinde gewöhnt. Sie arbeitet seit drei Jahren im Salam Center: "Die Menschen hier sind sehr arm und oft deprimiert. Ich habe das Gefühl, dass sie traurig sind, nicht glücklich. Obwohl man wohl sagen könnte, dass sie an dieses Leben gewöhnt sind. Sie leiden ständig an Krankheiten, Augenkrankheiten, Magenprobleme, Lungenentzündungen."

Zwar sind die meisten Müllsammler in Esbet El Nakhl nach wie vor koptische Christen. Es gibt aber auch immer mehr Muslime, die im Müll ihr Auskommen suchen. In Esbet el Nakhl leben Christen und Muslime meist friedlich zusammen. Doch die Schwesteroberin Maria meint, seitdem das ägyptische Volk den Despoten Mubarak gestürzt hat, mache sich auch unter den Ärmsten ein Gefühl der Unsicherheit breit: "Anfangs waren alle Ägypter glücklich über die Revolution. Sie haben die Freiheit gespürt. Sie glaubten, die Demokratie würde bald kommen. Aber nach eine Weile begannen sie, sich unsicher zu fühlen, Kopten und Muslime."

Mit Billigung der Militärmachthaber haben manche Ägypter auch ungestraft Kopten angegriffen. Das schlimmste Ergebnis dieser Entwicklung war das Massaker auf dem Platz vor dem Rundfunkgebäude Maspero. Am 9. Oktober 2011 ermordeten Soldaten der Armee 27 Kopten, die für ihr Recht auf freie Religionsausübung demonstrieren wollten. "Auch Christen aus dieser Gegend waren bei der Demonstration auf dem Maspero Platz dabei," erinnert sich Schwester Maria. "Viele Müllsammler haben protestiert. Einem Mann, der immer zu uns in den Konvent kommt, um den Müll abzuholen, wurde ins Bein geschossen. Das sind mutige Leute, die stolz darauf sind, Christen zu sein."

Die Rolle der koptischen Frau

Leben im Müll.
Leben im Müll.

Bald nachdem Mubarak gestürzt war, haben die Mitarbeiterinnen des Salam Centers das Fach "Demokratie" in das Curriculum der Schule aufgenommen. Die Nonnen sind die Hauptverantwortlichen für die Verwaltung und die Konzeption der Arbeit dieses großen Zentrums. Das ist außergewöhnlich, denn eigentlich beschränkt sich die Rolle der Frau in der orthodoxen koptischen Kirche auf eine devote, dienende Funktion unter der Anleitung männlicher Würdenträger. Dass die Nonnen eigenständig und selbstverantwortlich ein erfolgreiches Sozialprojekt aufgezogen haben, wird von Teilen der koptischen Hierarchie nicht gerne gesehen. "Wir werden nie Priester sein können", klagt Schwester Maria. "Es gibt viele pflichtbewusste Frauen, die nie einen Platz in der Hierarchie einnehmen werden. Sie dienen einfach nur Jesus Christus. In unserer Kirche können nur diejenigen Frauen vollwertige Nonnen werden, die in einem kontemplativen Konvent leben. Sie sollen nicht raus in die Welt gehen, um dort zu dienen. Aber dieses Denken ist falsch. Die Gesellschaft braucht die Arbeit von engagierten Frauen."

Doch selbst der im März 2012 verstorbene, koptische Papst Schenuda III. bat die Schwestern, zurück in die Obhut der Kirche zu kommen und "normale" Nonnen zu werden. Für Schwester Maria war das eine enttäuschende Erfahrung. "Einige Schwestern haben sich in einer Gruppe zusammengeschlossen und gesagt: 'Wir müssen dem Papst gehorchen.' Ich habe geschwiegen und gebetet. Es wäre nicht gut gewesen, in diesem Moment etwas zu sagen. Einige der Schwestern sind in ein Kloster in Oberägypten gegangen. Doch von dort haben sie Briefe geschrieben, die dem Papst wohl nicht gefallen haben. Jedenfalls hat er nicht wieder mit ihnen gesprochen. Am Ende sind alle zurückgekommen und sind bis heute noch immer hier."

Schwester Maria lächelt. Dabei strahlt sie ein großes Selbstbewusstsein aus. Sie weiß, dass ihr Handeln vielen Frauen neue Möglichkeiten öffnet, nicht nur innerhalb der koptischen Kirche. "Wir öffnen Türen für Frauen, die Verantwortung übernehmen wollen. Wir stärken ihre Identität. Es gibt hier Frauen, die den Müll völlig eigenständig verkaufen. Denen bringen wir Lesen und Schreiben bei. Wir motivieren sie, einen eigenen Personalausweis zu beantragen und wir machen ihnen bewusst, dass sie Rechte und Pflichten haben. In der Zukunft wollen wir erreichen, dass Frauen auch in den Gemeinderat gewählt werden." Seit Beginn des Arabischen Frühlings hat sich vieles verändert in der ägyptischen Gesellschaft. Auch alte, scheinbar selbstverständliche Normen werden plötzlich in Frage gestellt. Schwester Maria glaubt, dass sich durch diese Entwicklungen auch ihre Kirche verändern wird: "Die Menschen haben begonnen, die Dinge anders zu sehen. Sie stellen selbst dem koptischen Papst Fragen und möchten, dass einige Bischöfe ihre Haltung ändern. Deshalb glaube ich, dass sich auch die Rolle der koptischen Frauen ändern wird."

Text und Fotos: Andreas Boueke

Anfang März ist das neue Buch des freien Journalisten und Autors dieser Reportage, Andreas Boueke, erschienen. „Guatemala, Recherchen auf heißem Pflaster“, Horlemann Verlag, 335 Seiten, 16,90 Euro.

Sr. Emmanuelle – "Mutter der Müllmenschen"

Schwester Emmanuelle besucht im Jahr 2003 das Hilfswerk in Graz und nimmt die Ehrung von Bürgermeister Alfred Stingl entgegen.
Schwester Emmanuelle (l.) besucht im Jahr 2003 das Hilfswerk in Graz und nimmt die Ehrung von Bürgermeister Alfred Stingl entgegen.

1908 in Brüssel als Marie‑Madeleine Cinquin in eine wohlhabende Familie hineingeboren, trat Schwester Emmanuelle 1929 nach mehreren Doktoratsstudien in die Ordensgemeinschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion (Notre Dame de Sion) ein. Bekannt in ganz Europa wurde die mehrfach ausgezeichnete, charismatische Ordensfrau durch ihren unermüdlichen Einsatz für die Müllsammler von Kairo, mit denen sie fast 20 Jahre lang in den Slums zusammenlebte. Zahlreiche Spenden ermöglichten ihr den Bau von Sozialzentren, Bildungs‑ und Berufsausbildungseinrichtungen. 1987 wurde sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und 2003 gemeinsam mit Abbé Pierre zu den beliebtesten Menschen in Frankreich gewählt. Im Oktober 2008 starb Schwester Emmanuelle knapp vor ihrem 100. Geburtstag.

Ergreifendes Buch

Das Buch "Meine Freundin und Mutter – Unser Leben für die Müllsammler von Kairo", Tyrolia Verlag, ISBN 978-3-7022-3284-9 ist für € 19,95 im freien Buchhandel erhältlich.
Das Buch "Meine Freundin und Mutter – Unser Leben für die Müllsammler von Kairo", Tyrolia Verlag, ISBN 978-3-7022-3284-9 ist für € 19,95 im freien Buchhandel erhältlich.

Bereits ein Jahr später erschien in Frankreich das Buch ihrer Nachfolgerin Schwester Sara, die seit 1993 das Hilfswerk von Schwester Emmanuelle in Kairo weiterführt. Darin beschreibt sie ihrer beider einzigartige Beziehung in sehr persönlichen Worten. Sie darf Emmanuelle mit gutem Gewissen "meine Freundin und Mutter" nennen, denn rund 18 Jahre lang haben die beiden ihr Leben ganz den Benachteiligten gewidmet. Saras ergreifende und leidenschaftliche Erzählungen in der Ich‑Form geben ein Zeugnis davon, wie sehr die "Seelenverwandtschaft" der beiden Frauen Inspiration und Ansporn für zahlreiche Aktivitäten war und viele Hürden überwinden ließ. Sara verschweigt nicht die erschütternden Zustände in den Armenviertein Kairos, erwähnt aber auch viele amüsante und überraschende Anekdoten, die noch nicht bekannte Seiten von Emmanuelle ans Tageslicht bringen. Mit der vorliegenden Übersetzung sind nun erstmals diese Erinnerungen in deutscher Sprache erhältlich.