Altöttinger Liebfrauenbote

In Papua-Neuguinea sind die Wege zur Bildung weit

Mit dem Kanu zur Schule

Die großen Ferien in Deutschland sind vorbei, der Schulalltag längst wieder eingekehrt – und dazu gehört ein möglichst kurzer und sicherer Schulweg. Ob Schulbus, Fahrrad oder das "Taxi Mama" – in Europa haben es die Kinder leicht, zur Schule zu kommen. Nicht so in Papua-Neuguinea. Hier müssen manche Kinder bis zu zwei Stunden zu Fuß gehen. Oder sie paddeln zur Schule. So wie die 13-jährige Cynthia.

Wenn es nicht regnet, fahren Cynthia und ihre Geschwister in einem schmalen, selbstgebauten Kanu zur Schule.
Wenn es nicht regnet, fahren Cynthia (2.v.r.) und ihre Geschwister in einem schmalen, selbstgebauten Kanu zur Schule.

Noch etwas müde sitzt Cynthia auf einer Baumwurzel. Sie blickt von ihrer kleinen Insel zum Festland hinüber. Gleich muss sie los zur Schule. Doch ihre Geschwister sind mal wieder zu spät. Warum Cynthia nicht einfach ohne sie geht? Na, ganz einfach: Die Familie hat nur ein großes Kanu. Wenn Cynthia nun alleine paddeln würde, könnten ihre Geschwister heute nicht zur Schule kommen. Also wartet sie, bis ihre fünf Brüder und drei Schwestern endlich da sind. Die Jungs schieben das Boot ins Wasser. Cynthia zieht ihre Flipflops aus, nimmt sie in die Hand und stapft durch das Wasser. Wasserscheu ist in Papua-Neuguinea niemand. Ihre Schultaschen haben die Kinder umhängen, denn im Kanu steht immer ein wenig Wasser.

Mit kräftigen Paddelschüben bewegen sie ihr Kanu fast mühelos über den Pazifik. Da die Geschwister nur zwei Paddel haben, wechseln sie sich ab. Ganz ruhig liegt das Kanu im Wasser – dabei hilft auch ein kleiner Ausleger. "Ins Schwanken kommt es nur, wenn ein Motorboot vorbeifährt", erklärt Cynthia. Rechts und links neben ihr sind immer mehr Kinder auf ihren Kanus zu sehen. Fröhlich winken sie sich zu. Die meisten haben nur kleine Kanus, in die höchstens zwei Kinder passen. "Wir haben auch noch ein kleines Kanu, aber das braucht Mama", sagt Cynthia. Jede Familie baut ihre Kanus selbst. Dafür höhlt man einen Baumstamm aus, gibt ihm ein Gegengewicht, und schon ist das Kanu fertig. Das können schon die Kleinsten. Leider kostet das Material viel Geld.

Treffpunkt Anleger

Schwester Roselyn ist für Cynthia (vorne) und die anderen Kinder ein Vorbild.
Schwester Roselyn ist für Cynthia (vorne) und die anderen Kinder ein Vorbild.

Nach 20 Minuten erreichen die Geschwister das Festland und binden ihr Kanu fest. Was in Europa Fahrradständer sind, sind in Papua-Neuguinea die Kanuanleger: ein Treffpunkt zum Quatschen. Cynthia besucht die Primary School in Alexishafen. Dort sollen alle Kinder von der dritten bis zur achten Klasse hingehen. Aber leider ist die Realität oft anders: Nur etwa die Hälfte aller Kinder in Papua-Neuguinea geht zur Schule. Viele Eltern können sich das Schulgeld nicht leisten.

Bevor der Unterricht beginnt, müssen Cynthia und ihre Klassenkameraden erst die Räume fegen. Das gehört dazu. "Come together" ("Kommt zusammen"), ertönt eine laute Stimme. Ohne zu zögern lässt Cynthia den Besen fallen und läuft zur Mitte des Schulhofs. Dort ist "Assembly", die Morgenversammlung. Die Kinder stellen sich im Klassenverband hintereinander auf und strecken ihre Arme aus. "Das machen wir, damit wir genügend Abstand voneinander halten", sagt Cynthia. Die 600 Schulkinder und ihre Lehrer falten die Hände. Andächtig beten sie das Vaterunser und singen das bekannte Kirchenlied "Großer Gott, wir loben dich". "Am lautesten singen wir aber immer unsere Nationalhymne", flüstert Cynthia und grinst. "Unsere Lehrerin hat gesagt, dass wir stolz sein dürfen, in einem freien Land zu leben. Deswegen sollen wir laut mitsingen." Erst seit 1975 ist Papua-Neuguinea ein eigener Staat, davor gehörte es zu Australien.

Dann beginnt der Unterricht. Cynthia und ihre Freundin Deborah sollen etwas über ihre Namenspatrone aufschreiben. Doch Deborah ist träge. Sie braucht anderthalb Stunden, bis sie von ihrem Dorf die Schule erreicht hat. Es gibt nicht so viele Schulen in Papua-Neuguinea. "Aber wir machen Späße auf dem Weg, dann geht die Zeit schnell vorbei", erklärt die 13-Jährige. Die Lehrerin, Schwester Roselyn vom Orden der Schwestern von St. Therese, weiß, dass die Kinder oft einen beschwerlichen Schulweg haben. Sie ist selbst eine Papua und für viele Kinder ein Vorbild. "Die Kinder sehen an mir, dass man es mit ausreichend Bildung schaffen kann, einen guten Beruf zu erlernen", sagt Schwester Roselyn.

Musik unter Palmen

Musikunterricht und Tanzübungen im Schatten der Bäume gehören zum Schulalltag dazu – dafür gibt es wegen der Hitze keinen Sportunterricht.
Musikunterricht und Tanzübungen im Schatten der Bäume gehören zum Schulalltag dazu – dafür gibt es wegen der Hitze keinen Sportunterricht.

Während Cynthia im Klassenzimmer büffelt, wird es draußen musikalisch. Ein Junge zeigt zwei kleine Bambusstangen und erklärt: "Die haben wir selber gebaut." Indem er sie gegeneinander schlägt, gibt er den Rhythmus vor. "Klock, klock, klock" – die Mädchen stimmen mit ihren ausgehöhlten Kokosnussschalen in das Lied ein. Klar, dass das Lied "Song of Coconut" heißt. Musikunterricht unter einem schattigen Baum, so macht Schule Spaß. Musik und Tanz sind in der Kultur von Papua-Neuguinea sehr wichtig. Daher wird auch in der Schule großer Wert darauf gelegt. Und alle machen mit. Die Ausrede "Ich kann aber nicht singen" gibt es in Neuguinea nicht. Hier singen alle. Und wenn es schief klingt, ist das egal. Auf die Lautstärke kommt es an, nicht auf die richtigen Töne.

In Cynthias Klasse ist es leiser geworden. Die Kinder schwitzen über den Matheaufgaben, die mag die 13-Jährige nicht so besonders. Sie findet Biologie und Kunst besser. Die Fächer unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland. Nur das Fach Sport steht hier nicht auf dem Stundenplan. "Dafür ist es viel zu heiß. Wir machen höchstens ein paar Tanzspiele im Schatten", erklärt Cynthia. An der Küste herrscht tropisches Klima: immer zwischen 30 und 35 Grad und dazu eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit.

Bis 15 Uhr haben die Kinder heute Unterricht. Schnell schnappen sie sich danach ihre Bilums – so heißen in Papua-Neuguinea die traditionellen Taschen – und traben zum Kanuanleger. Wieder muss Cynthia auf ihre Geschwister warten. Denn alle gehen in unterschiedliche Klassen und Jahrgangsstufen. "Die sollen sich beeilen", meckert Cynthia. Lange muss sie nicht warten. Zum Abschied winkt sie ihrer Freundin Deborah zu, die jetzt wieder den langen Fußmarsch vor sich hat. "Bis morgen, aber nur, wenn es nicht regnet", ruft Cynthia. Denn wenn es regnet, kommen die Inselkinder nicht zur Schule. Warum? So ist das eben in Papua-Neuguinea.

Text: Stefanie Mager (Storymacher), Fotos: Jörg Loeffke (Storymacher)

Der Schwesternorden St. Therese

Die einheimische Ordensgemeinschaft der St. Therese Schwestern setzt sich besonders für Familien und Frauen in Not ein. Beispielsweise Schwester Thecla: Eigentlich ist sie Schatzmeisterin ihres Ordens in der kleinen Küstenstadt Alexishafen. Doch die Arbeit ihrer Mitschwestern in den Hilfsprojekten liegt ihr sehr am Herzen. Auch Schwester Thecla hilft tatkräftig mit. "Ich wollte nicht nur die Mittel verwalten", sagt die engagierte Ordensfrau. "Ich wollte auch selbst etwas tun." Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen in Notsituationen zu helfen. Oft sind die misshandelten Frauen und Mädchen auf der Flucht vor den Tätern. Konnte Schwester Thecla keinen sicheren Platz bei Familienangehörigen oder in der Dorfgemeinschaft finden, nahm sie die Frauen mit in ihr Ordenshaus. Doch da ist kaum Platz. Gemeinsam mit den Betroffenen sucht sie nach Perspektiven für ihre Zukunft. Um den Opfern auch rechtlich beistehen zu können, arbeitet die Ordensfrau mit einem Anwalt zusammen. Mit Unterstützung von missio hat die Ordensfrau jetzt ein Frauenhaus in Alexishafen gebaut. Schutzsuchende Frauen und Kinder sollen notfalls einige Wochen oder Monate Unterschlupf finden. Traumatisierte Mädchen und Frauen können psychologische Hilfe erhalten. Gleichzeitig soll das Haus auch ein Zentrum mit einem großen Kursangebot sein. Ziel dieser Angebote ist eine Verbesserung der Situation von Frauen in ihren Familien und Dorfgemeinschaften.

Text: red