Altöttinger Liebfrauenbote

Das Franziskushaus Altötting ist seit 120 Jahren ein Ort der Nächstenliebe

Miteinander den Glauben leben

Das Franziskushaus in Altötting feiert im Oktober sein 120-jähriges Gründungsjubiläum. Die Kinder- und Jugendeinrichtung mit einer privaten Grund- und Hauptschule ist seit ihren Anfängen 1893 Heimat geworden für Tausende von Kindern und jungen Menschen. Das Exerzitienhaus, das zeitgleich vor 120 Jahren vom Gründer, dem Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich, ins Leben gerufen wurde, war das erste spirituelle Haus in ganz Süddeutschland für katholische Laien. Durch die wechselvolle Geschichte hindurch hat sich das Haus diese beiden Säulen bewahrt: die Hinwendung zu Gott und die Zuwendung zu den Menschen.

Pater Cyprian Fröhlich OFMCap.
Pater Cyprian Fröhlich OFMCap.

Begonnen hatte die Geschichte des Franziskushauses mit einem Anliegen einer Altöttinger Mutter, die sich 1893 verzweifelt an den Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich wandte und ihn bat, für ihr Kind zu sorgen, "sie könne es nicht". Bereits vier Jahre davor, 1889, hatte Pater Cyprian in Koblenz-Ehrenbreitstein das "Seraphische Liebeswerk" (SLW) zur "Rettung und Erziehung armer, verwaister und verlassener...Kinder" gegründet. Zurückversetzt in seine bayerische Heimatprovinz wandte sich der Ordensmann an den damaligen Pfarrer Waiblinger und bat ihn um seine Mithilfe in der Suche um ein geeignetes Haus für ein Kinderheim mit Exerzitienhaus. Innerhalb weniger Tage wurde eine leerstehende Villa erworben und damit der Grundstein gelegt für das heutige Franziskushaus. Im Oktober 1893 zogen die ersten drei Mallersdorfer Schwestern ein, die die Erziehung und Schulausbildung für die Kinder übernehmen sollten. Anfang November des Jahres trafen die ersten Kinder ein, begrenzt am Anfang, denn so der Kapuziner: "Ihre Zahl durfte nicht über zehn gehen, teils aus Mangel an Raum im eigenen Haus, teils auch weil die Schulen in Altötting schon überfüllt waren."

Im darauffolgenden Jahr, im März 1894, begannen die ersten Exerzitien, um den katholischen Glauben in der Bevölkerung zu vertiefen. Mit dem Bau der eigenen Schule 1895 erlebte das Haus seine erste Ausdehnung. Bereits 1903 lebten 100 Jungen in der Einrichtung. Der Alltag der Kinder war geprägt von der Schule, einem strukturierten Tagesablauf mit Zeiten für das Gebet und der Arbeit in der eigenen Landwirtschaft. Die Freizeit und das Spiel, gekrönt von Festtagen, sollten jedoch nach dem Willen des Kapuziners nicht zu kurz kommen: "Um Freude zu wecken, braucht es das Spiel. Der Spielplatz ist so notwendig wie Kirche und Schule."

Christliches Menschenbild prägt die Pädagogik

Mallersdorfer Schwester als Lehrerin mit Klasse um 1925.
Mallersdorfer Schwester als Lehrerin mit Klasse um 1925.

Halt und Sicherheit geben, sich einlassen auf die einzelnen Bedürfnisse der jungen Menschen, Geborgenheit schenken und jedes Kind annehmen – das sind Grundprinzipien der pädagogischen Arbeit, die auch heute genauso aktuell sind in der zur Stiftung Seraphisches Liebeswerk gehörenden Einrichtung und sich gründen auf das christliche Menschenbild. Mittlerweile kommen 330 Kinder und Jugendliche in die Einrichtung mit einer Kindertagesstätte, der Schule, der Nachmittagsbetreuung und der Jugendhilfe. Damals wie heute prägen der Zusammenhalt, das große Miteinander, das Haus. Waren es im letzten Jahrhundert die Mallersdorfer Schwestern, die sich in Spitzenzeiten mit 34 Ordensfrauen um die ganzheitlich-religiöse Bildung und Erziehung der Kinder angenommen hatten, so setzen sich heute Lehrer und Pädagogen, Erzieherinnen und Psychologen für einen bedürfnisorientierten Umgang mit den Kindern und Jugendlichen ein.

Ganz selbstverständlich hat hier auch das religiöse Leben seinen Platz. Feste des Jahreskreises werden gefeiert, in der eigenen Kirche gehen die Kinder zur Erstkommunion und zur Firmung und sprechen beim Mittagessen ein Tischgebet. Wichtig ist es im Haus, den Glauben erfahr- und erlebbar zu machen. Nicht ein starres Festhalten an konventionellen Riten ist erstes Gebot, sondern das Kennenlernen der Nähe Gottes.

Glaubenskurse und Einkehrtage

Gruppenarbeit in der Schule heute.
Gruppenarbeit in der Schule heute.

Den Glauben kennenlernen und vertiefen war und ist bis heute auch das Motto des Exerzitienhauses. Geistige Übungen, Glaubenskurse und Einkehrtage prägen das Jahresprogramm. Von Beginn an erfreute sich das katholische Seminarhaus eines regen Zulaufs. So konnte Pater Cyprian 1914 bilanzieren: "Im Ganzen haben im Franziskushaus 99.156 Personen während der 20 Jahre des Bestehens die heiligen Übungen gehalten." Auch hier folgte das Angebot während der kommenden Jahrzehnte dem jeweiligen Bedarf der Glaubenssuchenden. Hinzu gekommen in den letzten Jahren sind religiöse Freizeiten, wie etwa eine Besinnungswoche für Senioren oder Liederabende.

Miteinander leben, miteinander den Glauben erleben – im Alltag, im Jahreskreis, im Weg durch die Geschichte: das Franziskushaus gibt bis heute Zeugnis dafür, dass Christsein trägt und Kraft gibt für den Auftrag der gelebten Nächstenliebe.

Text: red, Fotos: SLW

Alte Ansicht des Franziskushauses Altötting von 1910.
Alte Ansicht des Franziskushauses Altötting von 1910.

Nähere Informationen, auch zu Spendenmöglichkeiten: Stiftung Seraphisches Liebeswerk Altötting – Das Kinderhilfswerk der Kapuziner in Bayern seit 1889, Neuöttinger Straße 64, 84503 Altötting, Tel. 08671 88671-0, E-Mail info@slw.de, Internet: www.slw.de.