Altöttinger Liebfrauenbote

Bayerisches Nationalmuseum, München: Kunstwerk des Monats Oktober 2013

Altöttinger Chorgestühl im Fokus

Das Aufblühen der Altöttinger Marienwallfahrt im ausgehenden 15. Jahrhundert und die damit verbundenen Einkünfte ermöglichten einen stattlichen Neubau der Stiftskirche St. Philippus und Jakobus. Für das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gnadenkapelle errichtete Gotteshaus wurde von 1507 bis 1513 ein aufwendig gestaltetes Chorgestühl aus Eichenholz angefertigt – das Bayerische Nationalmuseum bietet nun Führungen an, um das "Kunstwerk des Monats Oktober 2013" genauer in Augenschein zu nehmen.

Das Bayerische Nationalmuseum in München.
Das Bayerische Nationalmuseum in München.

Dieses war anschließend über nahezu drei Jahrhunderte im Gebrauch, ehe es 1791 unter dem Hinweis auf den "schlechtesten gottischen Geschmack" und "ungereimte Verziehrungen von rauffenden oder aufeinander reittenden Thieren" weichen musste. Stiftsdekan Josef Danzer ließ jedoch Teile des Gestühls zu einer Stiege und zu Fensterläden für das propsteiliche Landhaus umarbeiten. Diese Ausstattungsteile gelangten 1862 über den Kunsthandel an das Bayerische Nationalmuseum.

Durch jüngste Untersuchungen gelang es, aus diesen Resten die einstige Gestalt des Kirchenmöbels zu erschließen. Enge Übereinstimmungen in der Konstruktionsweise sowie in den Ornamentformen verbinden die Altöttinger Fragmente mit dem Chorgestühl von St. Martin in Landshut. Der Kontakt kam offenbar über den Altöttinger Auftraggeber, Propst Johannes Mair, zustande, der die Stadt an der Isar bestens kannte. Sein Vater, der Rechtsgelehrte Dr. Martin Mair, stand als Rat und Kanzler in Diensten der "Reichen Landshuter Herzöge" Ludwig und Georg und wohnte gegenüber der Martinskirche. Für den Stiftspropst dürfte das Interesse an einer Ausstattung seiner Kirche in möglichst modernen Formen den Ausschlag gegeben haben, sich am Vorbild der noblen Residenzstadt zu orientieren.

"Meister der Altöttinger Türen"

Bekrönungselement mit Schildhalter vom spätgotischen Chorgestühl der Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus in Altötting.
Bekrönungselement mit Schildhalter vom spätgotischen Chorgestühl der Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus in Altötting.

Das Altöttinger Gestühl spielte zudem die zentrale Rolle bei der Identifizierung des Bildschnitzers Matthäus Krinis mit dem "Meister der Altöttinger Türen", einem bedeutenden Künstler aus dem Umfeld Hans Leinbergers. Krinis hatte 1509 den Figurenschmuck zum Gestühl geliefert, doch bereits 1511 verlieren sich seine Spuren in Mühldorf am Inn. Zu seinem Schaffen wird in der Forschung seit seiner Entdeckung kontrovers Position bezogen. Sechs aussagekräftige Teile des ehemaligen Chorgestühls werden präsentiert und ihr ursprünglicher Zusammenhang erläutert. Eine unmittelbare Gegenüberstellung mit einem Figurenpaar des Meisters der Altöttinger Türen gibt Gelegenheit, sich ein Urteil über das Verhältnis der Werkgruppen zueinander zu bilden.

Text: red, Fotos: Bayerisches Nationalmuseum

Öffentliche Führungen (Dr. Markus  Huber) zum Kunstwerk des Monats Oktober 2013, "Das spätgotische Chorgestühl der Altöttinger Stiftskirche", Sonntag, 6. Oktober 2013, 11 Uhr und Donnerstag, 17. Oktober 2013, 18 Uhr.

Ausführlich beschrieben wird das Chorgestühl (mit vielen Bildern) in dem Buch "Die Altöttinger Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus", ISBN 978-3-87245-057-9).

Zur Geschichte des Altöttinger Chorgestühls

Zwischenwangen mit Handknäufen in Gestalt kleiner Knöpfchen dienten zur Abteilung der einzelnen Sitze und Stallen.

Die Stiftskirche war ursprünglich in zwei Bereiche aufgeteilt. Während das Langhaus für das Volk bestimmt war, war der Chor mit dem Hochaltar ausschließlich der Nutzung durch den Klerus vorbehalten, der dort, getrennt von der Gemeinde, Gottesdienst feierte. Ihre Gebete verrichteten die Kanoniker in einem Chorgestühl, das nördlich und südlich in je zwei das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennende Arkaden eingestellt war. Vermutlich bereits den Einbau dieses Gestühls berücksichtigend, wurde von den Baumeistern für den Chor ein größerer Pfeilerabstand gewählt als für das Langhaus. Dieser exklusive Bereich, der ziemlich genau die halbe Länge des Kircheninneren beanspruchte, war vom übrigen Raum strikt getrennt. Als Begrenzung nach Westen diente der Lettner, zu den Seitenschiffen hin übernahm dagegen die als "Dorsale" bezeichnete hohe Rückwand des Chorgestühls diese Aufgabe.

1791 entfernt

Auffällige Parallelen in Aufbau und Ornamentik wiesen das Chorgestühl von St. Martin in Landshut als Vorläufer des Altöttinger Chorgestühls aus.

Die Arbeiten an dem Gestühl erstreckten sich, den erhaltenen Rechnungen zufolge, von 1507 bis 1513. Als ausführende Handwerker werden Hanns Tischler, der Zimmermeister Peter Kamerlechner und der Bildschnitzer Matthäus Krinis genannt. Über die Leistungen des Letzteren, der unter anderem acht "Schaidtafln", 16 "Antlicz", auf Kapitellen stehende Bildwerke, vier "Maderi", acht "Standt Pillder auf den Pfeiller" und 16 "Prustpilder" geliefert hat, sind wir vergleichsweise genau informiert. 1791 wurde das Chorgestühl unter dem Hinweis auf das Alter, den gewandelten Zeitgeschmack und einige als anstößig empfundene Verzierungen aus der Kirche entfernt. Der zuständige Dekan Josef Danzer ließ jedoch die Füllungen und Zwischenwangen zu einer doppelläufigen Stiege und zu Fensterläden für das propsteiliche Landhaus an der Neuöttinger Straße umarbeiten. 1862, als ihre genauere Entstehungsgeschichte bereits in Vergessenheit geraten war, erwarb das Bayerische Nationalmuseum diese Stiege über den Münchener Kunsthandel. Franz Xaver Leeb – von 1902 bis 1921 Stadtpfarrer in Neuötting – gelang nach einem Aufruf in der Lokalpresse die Identifikation der Treppenbauteile als Reste des Chorgestühls der Stiftskirche.

Text: Dr. Markus Huber