Altöttinger Liebfrauenbote

In Chemnitz bauen Kinder und Jugendliche ihre eigene Kapelle

Damit der Glaube wachsen kann

"Hau-Ruck!" Benjamin, Tim und Werner stemmen den prall gefüllten Sack umgekehrt in die Höhe. Der braune, körnige Inhalt rasselt auf den PVC-Boden der kleinen Hauskapelle. Neugierig beobachten die Kleinen, Angelique, Justin und Vanessa, die Großen bei der Arbeit. 250 Kilogramm feucht duftender Lehm bilden erst den Anfang. Insgesamt werden rund 20 Kubikmeter von den Kindern und Jugendlichen in den nächsten Wochen verarbeitet: für den neuen "Raum der Stille" im Don Bosco-Haus in Chemnitz. Dort wird "Kirchbau" zum Erlebnis, dank der Hilfe des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Das Spendenhilfswerk unterstützt die Umgestaltung der Kapelle im Don-Bosco-Haus finanziell, damit der Glaube wachsen kann. "Keiner soll alleine glauben" lautet heuer das Motto des Diaspora-Sonntags am 17. November.

Pater Johannes im provisorischen Raum der Stille.
Pater Johannes im provisorischen Raum der Stille.

Eine schützende Höhle aus Lehm haben sich die Kinder und Jugendlichen ausgedacht, in der die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Licht sinnlich erfahrbar werden: am Eingang der Lehmhöhle eine plätschernde Wasserwand, Feuer im Ewigen Licht, die befreiende Luft in zwei großen Deckenfenstern, die den Blick in den Himmel öffnen. Benjamin, Tim und Werner, Angelique, Justin und Vanessa packen selbst mit an. Sie bauen und formen mit den eigenen Händen ihren "Raum der Stille" und gleiten ihn vollständig mit Lehm aus. Aus dem alten, provisorisch eingerichteten Kapellenraum soll etwas Besonderes werden, ein wirkliches Herzstück der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung im Stadtteil Sonnenberg.

"Abstand vom Stress"

Werner, Tim und Benjamin bringen die ersten Säcke Lehm im neuen Raum der Stille aus.
Werner, Tim und Benjamin bringen die ersten Säcke Lehm im neuen Raum der Stille aus.

"Im Raum der Stille ist es eben ruhig. Da gehst Du rein, wenn Du mal Abstand vom Stress draußen brauchst." Benjamin weiß die kleine Kapelle zu schätzen. Der 17-Jährige war in die Planung für den Umbau involviert. Nun packt er fest mit an. Er kommt seit über sechs Jahren in die Einrichtung der Salesianer. Benjamin hat fünf Geschwister und sucht einen Anlaufpunkt außerhalb der engen Wohnverhältnisse zu Hause. Religiös oder gar christlich getauft sind er und seine Familie nicht. Damit bildet er keine Ausnahme. Die große Mehrheit im Stadtteil Sonnenberg ist nicht getauft und wissen nur wenig über das Glaubensleben der Christen. Und trotzdem sagt Benjamin überzeugt: "Der Raum der Stille ist besonders für die Kleinen wichtig, dass sie mal eine andere Seite des Lebens sehen."

Sonnenberg, das ist der Stadtteil in Chemnitz mit einem überdurchschnittlichen Anteil an Hartz-IV-Empfängern und zugleich mit der höchsten Geburtenrate. 27 Prozent der Einwohner des Stadtteils sind unter 25 Jahren. Soziale Probleme dominieren den Alltag vieler Bewohner. In die Jugendhilfeeinrichtung der Salesianer in der Ludwig-Kirsch-Straße 13 kommen täglich 70 bis 100 Kinder und Jugendliche. Es sind Kinder, die daheim kein wirkliches Zuhause mehr finden. "Ein Teil der Kinder wären ohne das Don-Bosco-Haus auf der Straße, egal bei welchem Wetter, weil sie entweder zu Hause allein sind oder gar nicht erst bei sich reinkommen." Salesianer-Pater Johannes Kaufmann schildert die Realität zahlreicher Familien auf dem Sonnenberg, die Chancenlosigkeit der Kinder und Jugendlichen, das Leben ohne Perspektiven. Der Ordensmann erzählt davon, wie es vorkommt, dass er den Kleinsten im Winter geeignete Kleidung und Winterschuhe mitgeben muss, oder dass die belegten Brötchen bei der täglichen Teerunde um halb vier Uhr nachmittags, ein wichtiger Bestandteil der Ernährung der Kinder geworden sind. Es gebe nicht mehr überall genügend zu Essen. "Oftmals sind schon die Eltern selbst traumatisiert, so dass sie das nötige Grundvertrauen, das Kinder dringend brauchen, kaum weitergeben können", meint Pater Johannes.

Das Don-Bosco-Haus bietet individuelle Hilfe und Beratung für Kinder und Eltern mit Familienbildung, Erziehungshilfe, Schulsozialarbeit und der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Insgesamt arbeiten neben Pater Johannes zwölf hauptamtliche Mitarbeiter, Erzieher, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter im Don-Bosco-Haus, erläutert der Einrichtungsleiter. "Wir möchten den Kindern etwas anderes anbieten als die Wohnung zu Hause. Wir wollen einen Ort, an dem sie sich entfalten können." Durch die offene Tür im Don-Bosco-Haus könne jedes Kind kommen, egal, wann es möchte.

Gott und Jesus kennen beide nicht

Angelique (11) und Vanessa (10) tragen Styroporplatten in das Don Bosco Haus.
Angelique (11) und Vanessa (10) tragen Styroporplatten in das Don Bosco Haus.

Vanessa kommt fast täglich hier ins Haus. Am liebsten spielt die Zehnjährige mit ihrer gleichaltrigen Freundin Angelique. Sie klettern, basteln, lesen oder lümmeln auf dem Sofa. Gott und Jesus kennen beide nicht. "Im Don-Bosco-Haus finden Kinder und Jugendliche einen Ort, an dem sie angenommen werden, wie sie sind", betont der Salesianer-Pater. Dies betreffe insbesondere ihre persönliche Religiosität und Spiritualität. In Chemnitz gehören 85 Prozent der 241.000 Einwohner weder einer christlichen Konfession noch einer anderen Religion an. Knapp 2,2 Prozent, 5.270 Chemnitzer, sind katholisch und leben ihren Glauben in der Diaspora. "Im neuen Raum der Stille können Kinder, die nichts von unserer Religion wissen, spirituelle Momente erfahren", erklärt Pater Johannes. Er weiß, für Menschen ohne Bezug zum Glauben braucht es eine andere Sprache als die übliche Kirchensprache, um sie mit der Heilsbotschaft Christi in Berührung zu bringen: "Jeder einzelne von uns wird von Gott einmalig geliebt. Das müssen wir den Kindern vermitteln und dazu brauchen wir neue Erfahrungsräume." Ein solcher wird der neue "Raum der Stille".

Geduldig sitzt Luise Binder mit Vanessa an einem Tisch im Hof und verziert einen Bilderrahmen. "Viele Kinder und Jugendliche hier sehnen sich nach Ruhe und Stille. Sie suchen sie buchstäblich, sie suchen nach Spiritualität und wissen es nur nicht", berichtet die 20-Jährige. Die Katholikin aus Leipzig absolviert im Don-Bosco-Haus ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie möchte den Kindern einen Zugang zu Spiritualität eröffnen, ihnen die Erfahrung vermitteln, wie es ist, in sich hineinzuschauen. "Die Kinder sind weit davon entfernt, die Sprache der Bibel, die Sprache der Evangelien zu verstehen." Binder sucht deshalb aktiv nach Ausdrucksweisen, um Kindern ohne Glaubensbezug einen Zugang zu Spiritualität, eine erste Begegnung mit Gott zu ermöglichen. Mit kleinen, täglichen Schritten, Symbolen und Riten forscht sie nach solchen Berührungspunkten. "Es helfen schon kleine Zeichen, um zu sensibilisieren. So entzündet das erste Kind, das am Tag bei uns reinkommt, eine Kerze." Auch der neue "Raum der Stille" werde die Kinder und Jugendlichen näher an Gott heranführen, ist sich Luise Binder sicher. "Wenn er fertig ist, bringt die Höhle mit ihrer Wärme ein besonderes Empfinden. Kinder können sich auf diese Weise ganz neu in einem spirituellen Raum erleben."

Zum Glauben gefunden

Luise Binder bastelt mit den Kindern.
Luise Binder (r.) bastelt mit den Kindern.

Weiterführende Schritte bietet Pater Johannes an, wie das Angebot "Cocktails des Lebens" für Jugendliche. In lockerer Atmosphäre kommt Pater Johannes über verschiedene Zutaten, die das Leben schmackhaft machen, mit den Älteren ins Gespräch über Werte und Glaube. Mit dem Handpuppenspiel "Kaspar und Jacko" werden einmal die Woche für die Kleinen christliche Werte und Ereignisse aus dem Kirchenjahr spielerisch thematisiert. Mit Segensfeiern spricht Pater Johannes die Eltern der Kinder an. "Stellvertretend für alle feiern wir einmal im Monat in der Kapelle die Eucharistie. Sie durchdringt das ganze Haus", beschreibt Pater Johannes die geistliche Basis der katholischen Einrichtung mitten in der Glaubensdiaspora.

Wie tief die offene Kinder- und Jugendarbeit der Salesianer in Fragen des Glaubens gehen kann, erzählt Werner. Der 18-Jährige trifft sich immer montags um 17 Uhr mit fünf bis sechs Altersgenossen zum Gebetskreis. "Wir lesen das Evangelium des kommenden Sonntags und sprechen darüber, wir tauschen uns über unsere Erfahrung aus und singen Lieder." Werner kommt aus der benachbarten Kirchengemeinde St. Joseph und ist in einer katholischen Familie aufgewachsen. Er betont ausdrücklich, dass er selbständig zum Glauben gefunden habe. Der auslösende Funke komme vom Don-Bosco-Haus, bekräftigt er. Der heilige Don Bosco und Pater Johannes beeindrucken ihn, gibt er zu. "Der Glaube hilft mir sehr, bei Problemen, wenn ich bete, bin ich ruhiger und kann besser denken." Werner möchte mit seinem Glauben Freude verbreiten. "In diesem Stadtviertel mit all seinen sozialen Problemen ist das bitter nötig."

Text: Alfred Herrmann, Fotos: Ralph Kunz

Am 17. November ist Diaspora-Sonntag. Dann sammelt das "Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken" für die Belange katholischer Christen, die in der Minderheit ihren Glauben leben. Das Motto der Diaspora-Aktion 2013 lautet: "Keiner soll alleine glauben".

Impressionen

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Angelique (l.) und Vanessa: die beiden Freundinnen sind fast täglich im Don-Bosco-Haus.
Angelique (l.) und Vanessa: die beiden Freundinnen sind fast täglich im Don-Bosco-Haus.
Justin (9) rührt den Mörtel an.
Justin (9) rührt den Mörtel an.
Der kleine Justin beobachtet neugierig, was die Großen mit dem Lehm machen. 70 bis 100 Kinder und Jugendliche kommen täglich in das Don-Bosco-Haus in Chemnitz. Es sind all die, die daheim kein richtiges Zuhause mehr vorfinden.
Der kleine Justin beobachtet neugierig, was die Großen mit dem Lehm machen. 70 bis 100 Kinder und Jugendliche kommen täglich in das Don-Bosco-Haus in Chemnitz. Es sind all die, die daheim kein richtiges Zuhause mehr vorfinden.