Altöttinger Liebfrauenbote

Der Har Hazeitim in Jerusalem ist einer der ältesten Friedhöfe der Welt

Am Tag des Herrn im Höllental

Der Har Hazeitim am Ölberg in Jerusalem ist nicht nur einer der ältesten Friedhöfe der Welt – er ist zugleich die größte und begehrteste letzte Ruhestätte für Juden: Nach den Prophezeiungen im Buch Sacharja wird der Messias hier das jüngste Gericht abhalten. Im Volksmund heißt die Gegend daher "Höllental."

Einem Meer an Gräbern gleicht der Friedhof Har Hazeitim auf dem Ölberg in Jerusalem.
Einem Meer an Gräbern gleicht der Friedhof Har Hazeitim auf dem Ölberg in Jerusalem.

Den Worten des Propheten Hesekiel zufolge wird die Herrlichkeit Gottes von Osten her wieder in Jerusalem einziehen. Aufgrund dieser Prophezeiung wurde am Westhang des Ölberges ein Friedhof angelegt. Dieser begehrte Gottesacker befindet sich östlich von Jerusalems Altstadt und trennt sie von der judäischen Wüste. Der Ölberg selbst ist eine der berühmtesten Stätten in Jerusalems Nachbarschaft. In der Heiligen Schrift wird er unter anderem als Punkt auf der Fluchtroute von König David im Alten Testament und als Unterrichtsort von Jesus im Neuen Testament erwähnt.

Der Ölberg erhebt sich in eine Höhe von über 800 Meter. Als Aussichtspunkt für die zahlreichen Touristen liegt er damit 120 Meter über dem Kidrontal und etwa 65 Meter über dem Tempelberg. An dem Hang in Richtung Altstadt befinden sich mittlerweile über 150.000 Gräber – jüdische Gräber werden traditionell nicht aufgelöst, sondern bleiben für immer bestehen. Schon seit Jahrtausenden werden hier Tote beerdigt. Die berühmtesten, teilweise bis zu 4.000 Jahre alten Prophetengräber liegen am Fuß des Berges, auf gleicher Höhe mit der Mauer der Altstadt.

Am Rand des jüdischen Friedhofs befinden sich mehrere große, aus dem Stein gehauene Grabmonumente. "Absaloms Grab" erinnert an den Sohn König Davids, der sich gegen seinen Vater erhob. Es entstand im 1. Jahrhundert vor Christus. Ein weiteres Grabmal ist die "Jakobusgrotte", so genannt, weil sich hier nach der Verhaftung Jesu sein Jünger Jakobus versteckt haben soll. Eigentlich ist die Grabkammer mit der Säulenfassade aus dem 1. Jahrhundert vor Christus aber die letzte Ruhestätte der jüdischen Familie Hezir. Das dritte Grabmal an dieser Stelle ist ein neun Meter hoher Kubus, der aus dem Felsen gehauen wurde. Zu den ältesten Gräbern mit lesbarer Inschrift zählt das von Ovadia von Bartenura, einem mittelalterlichen Gelehrten aus Italien, der nach Jerusalem kam und dort um das Jahr 1500 starb.

Eigentlich möchte jeder Jude hier begraben werden

Dem gegenüber auf der anderen Seite des Kidron- (oder Höllen-)tals liegt die Altstadt mit dem Felsendom.
Dem gegenüber auf der anderen Seite des Kidron- (oder Höllen-)tals liegt die Altstadt mit dem Felsendom.

Har Hazeitim ist jedoch nicht nur der älteste, sondern auch der begehrteste Friedhof der Juden. Eigentlich möchte jeder Jude hier begraben werden. Denn dem Volksglauben zufolge liegt er am Jüngsten Tag bei der Ankunft des Messias und der mit ihm einhergehenden Wiederauferstehung hier genau an der richtigen Stelle.

Auf den Gräbern des jüdischen Philosophen Nachmanides, von Eliezer Ben-Yehuda, dem ehemaligen Premierminister Menachem Begin, Robert Maxwell und den Oberrabbinern Avraham Issac Kook und Schlomo Goren liegen zahlreiche Steine. Manche sind klein wie Murmeln, andere faustgroß. Sie alle sind Zeichen von zahlreichen Besuchern, die nach jüdischer Tradition einen Stein auf dem Grab zurücklassen. Der Brauch stammt aus der Zeit, als die Juden noch ein Wüstenvolk waren und ihre Gräber mit Steinen markierten.

Auf dem Friedhof am Ölberg werden die Toten nicht in Särgen beigesetzt. Der in ein Tuch gewickelte Verstorbene wird auf einer Bahre zum Grab getragen und sofort in das meist aus Felsen gehauene oder gemauerte Grab gelegt. Dieses wird anschließend mit Erde zugedeckt und mit einer Steinplatte verschlossen.
Auf dem Friedhof gibt es keine Wege. Die zum Teil zerbrochenen Grabplatten liegen kreuz und quer auf dem Gelände. Die Schriften auf den alten Grabsteinen sind oft stark verwittert und nicht mehr zu entziffern. Zwischen 1948 und 1967 standen Ölberg und Friedhof unter jordanischer Besatzung. In dieser Zeit wurden viele Gräber beschädigt, Grabsteine entwendet und herausgerissen und zum Teil für den Straßenbau verwendet. Noch heute liegen Grabsteine lose verstreut herum. Grabsteine mit der Abbildung zweier Hände weisen auf eine Ruhestätte hin, in der ein Mitglied des Priestergeschlechts Aarons liegt. Das Grab eines Leviten ist mit einem Krug gekennzeichnet.

Besucher des jüdischen Friedhofs am Ölberg nutzen häufig die Gelegenheit, im Anschluss die nahe gelegene Dominus-Flevit-Kirche, den Garten Gethsemane und die russisch-orthodoxe Kirche Maria Magdalena mit ihrem goldenen Türmchen zu besuchen.

Text: Ruth Bourgeois (Storymacher), Fotos: Wolfgang Terhörst

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Einige der Gräber in Nahaufnahme...
Blick auf den Ölberg mit Kirche aller Nationen (unten) und Maria-Magdalena-Kirche (russ.-orth., oben).
Kirche Dominus Flevit.
Der Garten Gethsemane.