Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Besuch am Marienwallfahrtsort Neukirchen b. Hl. Blut

Von Bayern nach Böhmen

Wer in den Bayerischen Wald fährt, sollte nicht vergessen, Neukirchen b. Hl. Blut zu besuchen. Er wird überrascht sein, welche Fülle an frommen Bildern und edlen Heiligtümern ihm begegnet. Und: wie viele Menschen noch heute den Weg dorthin finden, wo Maria in einzigartiger Weise seit dem 17. Jahrhundert verehrt wird.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Neukirchen b. Hl. Blut mit Andenken-Buden.
Pfarr- und Wallfahrtskirche Neukirchen b. Hl. Blut mit Andenken-Buden.

Meist sind es ältere Menschen, die den Bussen aus nah und fern entsteigen, um wenigstens für die Dauer eines stillen Gebets vor dem luftigen, fröhlich wirkenden barocken Gnadenaltar der hellen Wallfahrtskirche – ein Werk des fürstlichen Hofkistlers Johann Joseph Oberst aus Augsburg (1750-1752) – zu verweilen. Die wenigsten nehmen dabei wahr, dass sich hinter dem Gnadenaltar ein zweiter Altar verbirgt. Ihn sieht, wer das Gotteshaus wieder verlässt und die unmittelbar dran sich anschließende Franziskanerklosterkirche betritt.

Das gespaltene Haupt

Weiß gekleidete Wallfahrtsmadonna im Schrein des Gnadenaltars.
Weiß gekleidete Wallfahrtsmadonna im Schrein des Gnadenaltars.

Nicht eine kleine, enge, dunkle Kapelle wie in Altötting, nein: eine weite, hohe und lichtdurchflutete Doppel-Kirche lädt in Neukirchen ein, sich vor die wundertätige Muttergottes  zu begeben und ihr seine Anliegen vorzutragen. Sieht die Altöttinger Madonna schmunzelnd auf den Betenden, blickt die Neukirchner Maria – auch sie, aufrecht stehend und mit dem Jesuskind auf dem linken Arm - eher ernst und  "betroffen". Ihr Haupt durchschneidet ein Schwert.

Die Gründungslegende dieser abgelegenen bayerischen Marienwallfahrt weist in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Im "Kurbayerisch-Geistlichen Kalender" von 1757 teilt Joseph Anton Zimmermann mit, was der Wallfahrer wissen sollte, um das seltsame Gnadenbild zu begreifen: Ein "Hussitischer Bilder-Feind" habe die hölzerne Muttergottesfigur in der dort ursprünglich vorhandenen "Capellen" gotteslästerlich beschimpft,  und er habe an sie  "gottesrauberische Händ" angelegt, sie heruntergerissen und dreimal versucht, sie in einen Brunnen zu versenken, was ihm misslang. In seiner Wut versetzte der Mann mit dem Säbel "dem Jungfräulichen Heiligtum" einen solchen Hieb, dass "nicht allein die Cron zerhauet, sondern auch das Haupt bis zu dem rechten Aug gespalten worden". Erst als Blut aus der Wunde floss, besann sich der zutiefst erschrockene Frevler und versuchte, allerdings vergeblich, zu fliehen. Er erkannte "seine schwere Missethat, bereuet dieselbe Fuß-fällig vor der Mutter der Barmherzigkeit, ja bekennet sie offenhertzig denen darzu Kommenden ..."

Brücke von Bayern nach Böhmen

Blick auf den Gnadenaltar mit dem marianischen Gnadenbild-Schrein.
Blick auf den Gnadenaltar mit dem marianischen Gnadenbild-Schrein.

Der knapp 90 Kilometer nördlich von Passau liegende, auf guter Straße erreichbare Markt Neukirchen b. Hl. Blut im oberpfälzischen Landkreis Cham zählt etwa 3.800 Einwohner. Er liegt unmittelbar am Hohenbogen, an der bayerisch-böhmischen Grenze, wo Bayerischer und Böhmerwald eine naturgegebene Einheit bilden. Vom Bahnhof Furth im Wald ist Neukirchen per Bus erreichbar.

Es ist naheliegend, dass gerade dieser Wallfahrtsort seit jeher eine Brücke von Bayern nach Böhmen, von Böhmen nach Bayern schlug. In Verbindung stehen beide Länder und deren Bewohner gerade durch die Neukirchner Gnadenmutter – die Figur stammt nämlich, so wird vermutet, aus dem nahen böhmischen Loucim, von wo sie, wann (und ob) immer das auch gewesen sein mag, die Bäuerin Susanna Halada nach Neukirchen hinüber gerettet haben soll.

Im Marienmonat Mai 1990 kamen erstmals nach gut 40jähriger Unterbrechung wieder westböhmische Pilger im ostbayerischen Neukirchen b. Hl. Blut an. "Obzwar die böhmischen Lieder in Neukirchen seit langem ausgeklungen waren, die Erinnerung an Dich daheim ist nicht ganz ausgestorben", sagte der priesterliche Pilgerführer der böhmischen Nachbarn in seiner Begrüßungsrede mit Verweis auf die wundertätige Neukirchner Muttergottes.

Mit gespaltenem Haupt steht die bekleidete hölzerne Gnadenstatue in einem reich geschnitzten Schrein auf dem Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche. In diesem Bethaus findet der Wallfahrer das Gnadenbild aber mehrmals dargestellt. Außer einer naturalistischen Schnitzarbeit am Kirchengestühl, die bei Prozessionen mitgetragen wird, darf er sie suchen – und wird fündig an einigen alten Kirchstuhl-Schildern, gemalt im naiven Duktus und mit dem "Eigentümer"-Namen des Platzschildes versehen. Die Schrein-Figur wird mehrmals "umgekleidet" – mit "U. L. Frauen Röck'", wie es heißt. Gut ein halbes hundert verschiedene Kleider besaß die Neukirchner Gnadenmutter, ihre Anzahl hat sich heute bei 16 "zweiteiligen Gewändern" eingependelt, wie aus einer Beschreibung hervorgeht, in der es heißt: "Das kostbarste Gnadenbildkleid ist aus gelbem Samt genäht und mit Ornamenten aus Silberdraht und einem Wappen in Goldreliefstickerei verziert. Es wurde aus dem Brautkleid einer böhmischen Gräfin gefertigt."

Andenken-Buden und Wallfahrtsmuseum

Kirchstuhl-Schilder aus Blech, in Messing geprägtes Adelswappen 1776.
Kirchstuhl-Schilder aus Blech, in Messing geprägtes Adelswappen 1776.

Der Pilger nimmt aus Neukirchen kleine Andenken mit – einige einfache, hölzerne Devotionalien-"Buden" säumen die letzten paar Meter des Fußweges in die Wallfahrtskirche. Außer Postkarten und Kerzen mit dem Gnadenbild sind Medaillen und kleine Andachtsbildchen zu erwerben, da und dort auch bunte Hinterglastafeln, gefertigt von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern – den letzten Nachfahren der einst hochberühmten Neukirchner Hinterglasbildmaler, über die der 1999 im Alter von 85 Jahren verstorbene, aus dem Egerland stammende Zwiesler Arzt Dr. med. Raimund Schuster geforscht und deren Ergebnisse er in heute gesuchten, reich bebilderten Büchern veröffentlicht hat.

Über die Bilder (hinter Glas oder in Öl auf Holz oder Blech gemalt, gedruckt auf Papier und Pergament, gehauen oder geschnitzt in Holz) und einzigartigen Weihegaben, Andenken, liturgischen Geräte, Andachtsgegenstände  (Neukirchen ist als Zentrum der Rosenkranzherstellung weltbekannt) und Votivgeschenke aus mehreren Jahrhunderten bis in unsere Tage hinein kann sich der Pilger im Wallfahrtsmuseum mitten im Ort informieren.

1989 bis 1991 wurde das ehemalige Pflegschloss so umgebaut, dass das der Öffentlichkeit Aufschluss gebende historische Wallfahrtsgut ansprechend präsentiert werden kann. Am 11. Juli 1992 konnte das Museum auf dem Marktplatz eröffnet werden. Es lohnt sich, an einem fachkundig geführten Rundgang teilzunehmen. Unterhaltsam gestaltet ihn die "mittelalterliche Pilgerin". Sie erläutert die Abteilungen, die sich freilich auch jeder Besucher aufgrund eingehender Beschriftung selbst erschließen kann: Volksfrömmigkeit – Heiligenverehrung – Wallfahrtsverlauf – Votivgaben – Hinterglasmalerei – Rosenkränze – Böhmische Wallfahrten und Geschichte der Neukirchner Wallfahrt. Immer wieder gibt es hier Sonderausstellungen (s.u.).

Text und Fotos: Hans Gärtner

Impressionen

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Hölzerne Altartafel, ehemalige Flurkapelle, von F. J. Wittmann, 1835.
Hölzerne Altartafel, ehemalige Flurkapelle, von F. J. Wittmann, 1835.
Hinterglasbild (Gnadenmutter von Neukirchen), Siegi Kaml, Lam 1992.
Hinterglasbild (Gnadenmutter von Neukirchen), Siegi Kaml, Lam 1992.
Gebetszettel, handgefertigt, anonym, Wallfahrtskirche, 20. Jahrhundert.
Gebetszettel, handgefertigt, anonym, Wallfahrtskirche, 20. Jahrhundert.

Sonderausstellung des Wallfahrtsmuseums Neukirchen b. Hl. Blut

Historische Fotos zur Land- und Forstwirtschaft im Böhmerwald zeigt das Museum – bis 27. April 2014. Sie stammen aus der Sammlung Zdenek Roucka. Der Pilsener Journalist und Autor mehrerer Bildbände über den Sumava, den Böhmerwald, hat wieder sein umfangreiches Archiv geöffnet – mit Bildern in digitaler Form. "Über zehn Jahre lang hat er Aufnahmen aus privaten Sammlungen, Museen und verschiedenen Archiven zusammengetragen", schreibt die Museumsleitung.

Interessenten an böhmischer Geschichte kommen ganz auf ihre Kosten. Sie können sich über die hervorragende Qualität der Exponate freuen, die Roucka aufgrund seiner Beherrschung moderner Computertechnologie erreichte.

Die gezeigten Fotos zu Landwirtschafts- und Forstwesen im Böhmerwald reichen vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er-Jahre. "Holz, Vieh, kleine Felder, Wiesen und Wälder begleiteten das Leben der einfachen Bergbewohner und gaben ihnen nicht nur Arbeit, sondern auch Brot."

Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 bis 12 und 13 bis 17 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag 10 bis 12 und 13 bis 16 Uhr. Vom 1. November bis 15. Dezember fallen die Sonntagsöffnungen weg. Telefon: 09947 - 940823.