Altöttinger Liebfrauenbote

Eine Anklage wegen Völkermords in Guatemala

Die Stimme des Generals

In dem kleinen, mittelamerikanischen Land Guatemala ist gerade ein historisches Gerichtsverfahren gegen den General Efraín Rios Montt zu Ende gegangen. Er wurde des Völkermords an den Maya-Ixil angeklagt und wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 80 Jahren Haft verurteilt – ein Urteil, das jedoch nun vom Verfassungsgericht in Guatemala wieder einkassiert wurde. Jahrzehntelang war der ehemalige Putschist und charismatische Prediger eine der schillerndsten Figuren der politischen Landschaft Guatemalas. Während seiner 15-monatigen Diktatur zu Beginn der 80er-Jahre verfolgte er mit eiserner Faust sein Ziel der Durchsetzung von "Recht und Ordnung". Tausende Zivilisten fielen der "antikommunistischen Aufstandsbekämpfung" der guatemaltekischen Armee zum Opfer, dutzende Dorfgemeinschaften der Maya-Bevölkerung wurden massakriert. In den guatemaltekischen Medien und in der internationalen Presse gab es einen Sturm gegensätzlicher Meinungen über die Legitimität des Gerichtsverfahrens. Eine Stimme aber ist nicht mehr zu hören: Die des 86-jährigen General Rios Montt. Der "fromme Mann" schweigt zu den Vorwürfen. In der Vergangenheit aber konnte der freie Journalist Andreas Boueke mehrfach mit ihm sprechen. Nachfolgend seine Erinnerungen.

Andreas Boueke recherchiert seit Jahren in Guatemala.
Andreas Boueke recherchiert seit Jahren in Guatemala.

Seit über zwanzig Jahren recherchiere ich über Themen des politischen Lebens in Mittelamerika. General Efraín Rios Montt war in dieser Zeit immer ein "interessanter" Interviewpartner. Die meisten unserer Gespräche waren kurz. Es war offensichtlich, dass er keine Lust hatte, kritische Fragen zu beantworten. Während eines Präsidentschaftswahlkampfes im Jahr 2000 traf ich ihn in der Provinzhauptstadt Santa Cruz del Quiché. Ich stellte mich als Journalist aus Deutschland vor und fragte, wie wohl die Regierungen Europas reagieren würden, wenn er die Wahl gewinnt. Sichtlich verärgert antwortete er mir: "Ich interessiere mich nicht dafür, was die Leute in Berlin denken. Ich will mich um die Not der Maya-Bevölkerung kümmern."

Ein anderes Mal antwortete er mir überhaupt nicht, sondern blickte mir nur streng in die Augen, bevor er wortlos weiterging. In einer Pressekonferenz ignorierte er meine Fragen und zog es vor, den guatemaltekischen Kollegen zu antworten, die ihn mit einem unterwürfigen "Mein General" ansprachen.

In einem Fall aber blieb ihm nichts anderes übrig. Er musste antworten. Der Club der ausländischen Presse in Guatemala hatte ihn zu einem Frühstück in ein Hotel der Hauptstadt eingeladen. Am Tag zuvor hatte ich in dem Maya-Dorf Chupol die Exhumierung eines Massengrabs beo-bachtet. Eine Gruppe internationaler Anthropologen legte die Überreste von einem Dutzend Personen frei. Die meisten Leichen waren Frauen und Kinder. Von den anwesenden Gemeindemitgliedern erfuhr ich, dass ihre Angehörigen von der Armee ermordet worden waren. Eine Gruppe Soldaten war in ihre Hütten eingedrungen und hatte jeden Menschen getötet, den sie zu fassen bekamen. Das Massaker geschah im Juni 1982, drei Monate nachdem sich Rios Montt an die Macht geputscht hatte.

Auf der Pressekonferenz berichtete ich von meinen Recherchen in Chupol. Anfangs zeigte sich der General interessiert. Er wollte auch Details wissen. Aber als ich nach seiner Verantwortung für solche Massaker fragte, wurde er wütend: "Und Sie glauben wirklich, ich hätte befohlen: 'Tötet dieses acht Tage alte Baby.' Natürlich nicht. Ich war Präsident, Staatschef. Ich war nicht Kommandant im Feld."

Auf mich machte er den Eindruck, als habe er keinerlei Erfahrung damit, Auskunft über seine Vergangenheit zu geben. Als weitere Kollegen Fragen über die Zeit des Bürgerkriegs in Guatemala stellten, reagierte er empört. Er stand auf und wollte sich zurückziehen. "Ich bin zu einem Frühstück eingeladen worden", schimpfte er. "Aber dies ist wie ein Gerichtsverfahren. Sie haben mich auf die Anklagebank gesetzt. Warum fragen Sie mich all diese Dinge. Warum fragen sie nicht die anderen, weshalb sie Kinder getötet haben? Das ist meine Antwort."

Wenige Wochen zuvor hatten wir ein ähnliches Treffen mit drei Kommandanten der guatemaltekischen Guerilla organisiert. Auch ihnen hatten wir Fragen über ihre Verantwortung für die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung gestellt. Als wir ihm das sagten und erklärten, wir wollten ihn nicht anklagen, sondern nur unsere journalistische Arbeit machen, beruhigte er sich ein wenig: "Na gut. Ich werde Ihnen antworten. Vielleicht ist das ja ein gutes Training."

Ein "ruhiges Gewissen"?

Es war die Zeit, als viel über einen Prozess gesprochen wurde, den die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú in Spanien gegen Rios Montt für Verbrechen gegen die Menschlichkeit angestrengt hatte. Eine englische Kollegin fragte den General, ob er bereit sei, vor einem spanischen Gericht auszusagen. Da hatte Rios Montt seinen Humor wiedergefunden: "Wenn ich dazu aufgefordert werde und ein Visum bekomme, dann gehe ich vielleicht nach Spanien. Vor allem, wenn man mir das Hotel bezahlt."

Dann lehnte er sich wieder zurück und begann, uns seine Vision seiner Rolle während der Kriegsjahre zu erklären: "Ich als Staatschef habe mit den Ministern gesprochen. Ich habe ihnen Vorgaben gemacht. Es waren die Minister, die daraus konkrete politische Aktionen entwickelt haben. Ich war nicht der Chef einer Eingreiftruppe der Armee oder der Kommandant einer Garnison. Ich war Staatschef und musste mich nicht nur um die nationale Politik kümmern, sondern auch um die internationale Politik."

Ist es möglich, dass der Präsident eines kleinen Landes wie Guatemala, der oberste Befehlshaber der Armee, damals wirklich nicht wusste, dass im Landesinneren jede Woche grausame Massaker von Soldaten begangen wurden? Rios Montt jedenfalls bestand darauf, dass er mit diesen Geschehnissen nichts zu tun hatte: "Erstens, ich war nicht verantwortlich für den operativen Bereich. Zweitens, wir waren im Krieg. Wir mussten die Verfassung und die Militärdoktrin verteidigen. Zu der Zeit sind die Guerilleros durchs Land gezogen. Die Nation war gespalten. In der Situation haben wir das Gesetz durchgesetzt. In der Verfassung stand: 'Guatemala ist eine antikommunistische Nation.'"

Ich habe diese Pressekonferenz mit einer Videokamera aufgenommen. Die letzten Worte von Rios Montt auf dem Band sind: "Die Geschichte wird über mich richten. Es ist aber doch interessant, dass ich noch immer hier bin. Seit 25 Jahren bin ich in der Politik. Ich improvisiere nicht. Ich kenne die Nöte meines Volkes und die Bedingungen dieser Nation. Eins ist sicher: Ich habe ein ruhiges Gewissen!"
Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich in diesem Moment nicht gefragt habe: "Wie ist es möglich, dass Sie ein ruhiges Gewissen haben? In der Zeit als Sie Präsident waren sind Tausende Zivilisten massakriert worden. Haben sie genug getan, um ihre Landsleute zu verteidigen?"

Ich verstehe wirklich nicht, wie solche Menschen die Geschehnisse mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Wie kann ein Mann mit solchen Widersprüchen leben. Aber jetzt ist es zu spät. Ich werde ihn nicht mehr fragen können. Mir wird der General bestimmt kein Interview mehr geben.

Text und Fotos: Andreas Boueke

General Ríos Montt wurde am 10. Mai 2013 wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 80 Jahren Haft verurteilt. Ein Urteil, das nun vom Verfassungsgericht wieder aufgehoben wurde. Das Verfahren spaltet das kleine Land in Fürsprecher und Gegner Montts. Während die einen eine Aufhebung des Urteils fordern, wollen die anderen Entschädigungen und Erinnerungsorte für die Opfer und deren Angehörige.

Anfang März ist das neue Buch von Andreas Boueke erschienen: "Guatemala, Recherchen auf heißem Pflaster", Horlemann Verlag, 335 Seiten, 16,90 Euro (ISBN 978-3-89502-356-9).