Altöttinger Liebfrauenbote

Das Museum "Religio" im westfälischen Telgte will Glaubensinhalte lebendig halten

Wurzeln und Wandel

Im westfälischen Telgte ist vor kurzem ein Museum entstanden, das Tradition und Glaubensinhalte lebendig halten möchte. – ein kleiner Rundgang durch das Museum "Religio".

Kardinal Clemens August Graf von Galen – ein bedeutsamer Kirchenmann für das Bistum Münster und die Region in der Zeit des Nazi-Regimes – hat einen eigenen Raum in der Ausstellung im religio.
Kardinal Clemens August Graf von Galen – ein bedeutsamer Kirchenmann für das Bistum Münster und die Region in der Zeit des Nazi-Regimes – hat einen eigenen Raum in der Ausstellung im religio.

Marie und Caroline lauschen gespannt den Worten von Museumsleiter Thomas Ostendorf, während sie neben ihrer Tante und ihrer Großtante stehen. Ruhig ist es an diesem Vormittag im neu gestalteten Museum in Telgte – der Rummel um das "Religio" hat sich im Laufe der letzten Monate gelegt; endlich findet Leiter Dr. Thomas Ostendorf selbst einmal wieder die Gelegenheit, eine kleine Gruppe durch die Dauerausstellung zu führen.

In den vergangenen Monaten blieb dafür kaum Zeit, denn ein gewaltiges Projekt fand vor rund einem Jahr sein Ende in der Wiedereröffnung des inhaltlich neu ausgerichteten Museums, das auf eine lange Tradition zurückblickt. Der Kreis, die Städte Telgte und Münster, das Bistum und die Handwerkskammer investierten 2,6 Millionen Euro, um aus dem einstigen Heimatmuseum ein Vorzeigeobjekt zu machen, das hierzulande in seiner Konzeptionierung wohl einzigartig ist. 1934 eingerichtet, um Handwerk, Volkskunst, sowie heimatliche und religiöse Themen des Münsterlandes abzubilden, hat sich das einst beschauliche Heimatmuseum der westfälischen Kleinstadt gewaltig gemausert.

In unmittelbarer Nähe zur Wallfahrtskapelle erhielt das Museum bereits 1994 ein eigenes Gebäude zur Präsentation seiner Krippensammlung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich der ältere Trakt des Museums, das nach den neuesten Umbauten nun einen großen Anbau erhielt. Darin wird das Telgter Hungertuch aus dem Jahre 1623 ausgestellt, das eines der bedeutendsten religiösen Kulturgüter Westfalens darstellt.

Mit dem Anbau veränderten sich aber nicht nur die Räume des Museums, auch die Inhalte weisen in eine neue Richtung. In Zukunft wird das Museum die religiöse Praxis in ganz Westfalen zeigen. Damit wandelt es sich vom Heimathaus zum volkskundlich ausgerichteten Religionsmuseum, das das religiöse Handeln der Menschen in Westfalen in Geschichte und Gegenwart erklärt. Viele Informationen sind dabei sehr allgemein gehalten und weisen weit über Westfalen hinaus.

Der Mensch im Mittelpunkt

Auch schon für ganz junge Besucher interessant: die multimediale Aufbereitung der Themen macht den siebenjährigen Henrik neugierig.
Auch schon für ganz junge Besucher interessant: die multimediale Aufbereitung der Themen macht den siebenjährigen Henrik neugierig.

"Wir möchten mit dem Museum ein breites Publikum ansprechen, sowohl gläubige Menschen als auch solche, die sich zwar für religiöse Themen interessieren, Religiöses aber nicht praktizieren. Die Vielfalt der Themen bietet dafür gute Voraussetzungen", sagt Dr. Thomas Ostendorf, der das Museum seit 1985 leitet. Das neue Museum Religio hält zwar an seinen Traditionsthemen wie der Telgter Wallfahrt, Kardinal von Galen und auch dem Wandel des Weihnachtsbrauches fest, aber all diese Themen werden eingebettet in den großen Zusammenhang der Religiosität der Menschen in Westfalen – damals und heute.

Spezialmuseum hin oder her: Der siebenjährige Henrik fühlt sich gleich im ersten Raum der Ausstellung angesprochen und hebt interessiert einen Hörer ab, um die Dame auf dem Monitor vor sich sprechen zu hören. Thomas Ostendorf erklärt die Aufbereitung zu Beginn der Ausstellung so: "Zunächst hat der Besucher einen Überblick über Religionen und Konfessionen, ohne sie zu bewerten. Vielen Menschen fehlt heute das religiöse Wissen, um museale Objekte religiöser Kultur überhaupt einordnen zu können. Religio bietet darum auch eine Fülle von Hintergrundwissen." Worin unterscheidet sich das Christentum von anderen Religionen, die auch in Westfalen beheimatet sind? Was verbindet, was unterscheidet sie? Die Antworten auf diese und andere Fragen kann der Besucher hier finden.

Im Mittelpunkt der großen Dauerausstellung steht immer der Mensch mit seinen religiösen Traditionen; mit Hilfe der Sakramente und entsprechend zugeordneten Objekten aus damaliger Zeit, wie zum Beispiel einem schwarzen Brautkleid, Geschenke zur Jugendweihe oder Sterbebildchen – schreitet der Besucher durch das von Traditionen und Religiosität tief geprägte Leben von einst. Durch moderne Fragestellungen wird es mit dem Heute in Verbindung gebracht: Wozu brauchen Menschen Religion? Welche Rituale pflegen sie? Welche Feste feiern sie? Und warum? Wie hat sich die religiöse Kultur hierzulande verändert? "Mit der Dauerausstellung möchten wir auch zur Auseinandersetzung mit der Religion anregen", erklärt Thomas Ostendorf. "Und die Frage stellen: Was ist davon heute überhaupt noch geblieben?"

Religiöse Themen lebendig halten

Ein Raum im religio versucht das Thema „Jenseits“ aufzugreifen; dort werden an der Decke Bilder gezeigt, die aufgrund von Nahtod-Berichten zusammengestellt wurden.
Ein Raum im religio versucht das Thema „Jenseits“ aufzugreifen; dort werden an der Decke Bilder gezeigt, die aufgrund von Nahtod-Berichten zusammengestellt wurden.

Die Traditionsthemen des Telgter Museums – die Wallfahrt, Kardinal von Galen und die Krippen – sind nun im neuen Museum in einen größeren Zusammenhang gestellt worden; immer wieder wird der Bogen dabei von der Vergangenheit in die Gegenwart gespannt. Kurzweilig reihen sich Objekte, Zeitzeugenberichte, Interviews und interaktive Medien aneinander und bieten vielfältige Zugänge zum Thema.

Ruth Brand schlendert gedankenverloren hinter ihren Nichten und dem Neffen her und schaut sich ein kleines Ausstellungsstück näher an; ein Rahmen mit einem Sträußchen, eingeflochten sieht man menschliches Haar. "Haare einer toten Frau. Das ist schon ein wenig gruselig, oder?" Der Museumsleiter erklärt: "Früher verstarben Menschen noch in der Mitte ihrer Angehörigen, so wie Kinder zuhause geboren wurden. All das hat heute stark an Bedeutung verloren."

Gisela Herwing, die Älteste in der Besucherrunde kennt solche und ähnliche Bräuche noch aus ihrer Jugend. "Damals war so etwas normal. Heute kennt ihr vieles gar nicht mehr, das ist schade. Aber schön zu sehen, dass man es hier noch findet." Darum war ihr auch der Besuch mit den Kindern in der Ausstellung sehr wichtig. Rituale im Lebenslauf – viele davon überwiegend religiöser Natur – "das ist heute in den jüngeren Generationen kaum noch jemandem ein Begriff", bedauert auch Ostendorf. Nicht zuletzt auch deshalb greift das Museum sie auf – um sie für nachfolgende Generationen lebendig zu halten.

Text und Fotos: Judith Bornemann

Kontakt: Religio – Westfälisches Museum für religiöse Kultur, Herrenstraße 1-2, 48291 Telgte, Telefon: 02504 93120, E-Mail: museum@telgte.de, Internet: www.museum-telgte.de.