Altöttinger Liebfrauenbote

Eine Momentaufnahme aus Äthiopien

Wo Rahel um ihre Kinder weint

Immer mehr Flüchtlinge aus dem Südsudan gelangen über die Grenze nach Äthiopien, wo sie eine trostlose Zukunft erwartet. Die Spannungen zwischen dem überwiegend christlichen Südsudan und dem weitgehend muslimischen Norden lassen nichts Gutes erahnen. – Eva-Maria Kolmann war in Äthiopien an der Grenze zum Südsudan und schildert in ihrer Momentaufnahme bewegende Bilder.

Verzweifelt reckt eine Flüchtlingsfrau in Äthiopien den Helfern die Arme entgegen.
Verzweifelt reckt eine Flüchtlingsfrau in Äthiopien den Helfern die Arme entgegen.

"Vorsicht! Nehmt die Kameras weg!" In einer riesigen roten Staubwolke donnert der Jeep einer Sicherheitspatrouille an uns vorüber. Es ist gerade noch einmal gut gegangen. Die Soldaten können rabiat werden, wenn sie jemand erwischen, der sich den Flüchtlingen aus dem Südsudan nähert, die erschöpft an der Straße zum Flughafen der westäthiopischen Stadt Gambella sitzen.

"Sehr schrecklich" nennt der Priester, der uns begleitet, die Sicherheitskräfte. Kameras sind nicht erwünscht, aus dem Fahrzeug aussteigen dürfen wir nicht. Heimlich nehmen wir vom Autofenster aus Fotos auf.

Unter einem Baum nahe der Straße sitzen ausgemergelte Frauen mit halbnackten Kleinkindern. An den Ästen haben sie bunte Plastiktüten aufgehängt. Darin ist alles, was sie auf dem langen Fußmarsch mit sich tragen konnten. Das Thermometer zeigt noch immer fast 40 Grad an, aber in den vergangenen Wochen war es noch viel heißer. Mehr als 200 Kilometer sind viele der Flüchtlinge durch die mörderische Hitze gelaufen, bis sie endlich eine vorläufige Bleibe gefunden haben.

Eine ausgezehrte Frau erblickt unser Auto, steht auf, streckt flehend die Arme aus. Fast ein biblisches Motiv. "Rahel weint um ihre Kinder", kommt es mir unwillkürlich in den Sinn. Acht Kinder, die um den Baum herumspringen, fängt sie ein und schart sie um sich.

Sie macht Gesten, als bettele sie darum, dass die Welt ihr Elend sieht. Sie zeigt auf ihre Kinder, reckt die Hände gen Himmel. Alt sieht sie aus. Nach dem Alter der Kinder zu urteilen, kann sie jedoch erst um die dreißig sein. Wie mag sie mit acht Kindern den Fußmarsch bewältigt haben?

Soweit das Auge reicht, überziehen farbige Flecken die karge Landschaft. Überall im Busch haben entwurzelte Menschen eine armselige Unterkunft gefunden. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Die Männer sind im Krieg.

"Es gibt das Böse!"

Letzte Hoffnung sind oft die Tankwagen mit Trinkwasser, die ein Bischof organisiert.
Letzte Hoffnung sind oft die Tankwagen mit Trinkwasser, die ein Bischof organisiert.

Ein kleiner Junge spielt mit einem alten Fahrradreifen, Kinder klettern im Gestrüpp herum, wiegen sich auf den Ästen eines Strauches und schaukeln. Die Mütter hocken auf Tüchern oder auf der nackten Erde. Im Gebüsch trocknet Wäsche. Rauch steigt von einigen Feuerstellen auf. In wenigen Töpfen kocht die Mahlzeit, die für viele Menschen reichen muss.

Allein im Apostolischen Vikariat Gambella, das an den Südsudan grenzt, haben bislang 20.000 bis 30.000 Flüchtlinge Zuflucht gesucht. Täglich werden es mehr. Bischof Angelo Moreschi tut alles, was in seiner Macht steht, um ihnen zu helfen. Sooft die Behörden es erlauben, schickt er einen Tankwagen zu den durstigen Menschen. Wasser ist hier unermesslich kostbar.

Ebenso kostbar sind jedoch Worte und Gesten der Hoffnung. Da, wo die Flüchtlinge länger bleiben und es gestattet wird, spenden die Priester auch den Seelen Trost. Die meisten der Südsudanesen sind Christen. Bereits drei Flüchtlingskapellen gibt es an verschiedenen Orten des Vikariats. In Zukunft wird noch viel mehr Hilfe benötigt werden, denn auch in diesem Augenblick packen Frauen im Südsudan ihr Bündel, scharen ihre Kinder um sich und machen sich auf den weiten, beschwerlichen Weg.

Die Zeichen für die Zukunft stehen schlecht. Der sudanesische Präsident Omar Hassan al-Baschir in Khartum will den Krieg mit dem seit vergangenem Juli unabhängigen Südsudan. Experten sprechen davon, dass ein neuer Krieg noch fatalere Folgen haben könnte als der Bürgerkrieg zwischen 1983 und 2005, der mehr als zwei Millionen Menschenleben forderte und viele Millionen Menschen heimatlos machte.

Vor allem im Grenzgebiet zwischen dem Norden und dem Süden des Sudan herrscht große Angst. Kinder flüchten sich schreiend in Höhlen und Erdlöcher, wenn sie den Lärm der Flugzeuge hören. Zahlreiche Menschen wurden bereits durch Bombardements getötet oder schwer verletzt.

Die Freudenfeuerwerke und die Trommeln, mit denen die Menschen im Südsudan vor nicht einmal einem Jahr die Unabhängigkeit ihres eigenen Staates feierten, sind längst vergessen. Heute ist ein Strom halbnackter Kinder und weinender, ausgemergelter Frauen auf der Flucht. Wenn es keinen Frieden zwischen Nord- und Südsudan geben wird, wird wieder eine Generation von Kindern nichts anderes kennen lernen als Angst, Tod und Gewalt oder das Elend eines Flüchtlingslagers.

"Es gibt das Böse. Wenn jemand nicht daran glaubt, möchte ich ihn hierher bringen und ihm alles das zeigen, was hier geschieht", sagt Pater Dr. Andrzej Halemba, Projektreferent beim katholischen Hilfswerk "Kirche in Not". Jede Hilfe, jedes Hoffnungszeichen, jede Geste der Nächstenliebe sichert ihnen auch das seelische Überleben. Wird die Welt tatenlos zuschauen?

Wir müssen weiterfahren, dürfen nicht zu lange stehen bleiben. Kinder winken uns. Wir winken zurück. Mehr können wir in diesem Moment nicht tun. Denn Sicherheitspatrouillen donnern die Straße zum Flughafen von Gambella entlang, wo Rahel um ihre Kinder weint. Wen schützen sie vor wem?

Text: Eva-Maria Kolmann für "Kirche in Not" (KiN), Fotos: KiN