Altöttinger Liebfrauenbote
Island ist dünn besiedelt. Die Menschen leben eng verbunden mit der Natur.
Island ist dünn besiedelt. Die Menschen leben eng verbunden mit der Natur.

Island – Ein Land der Extreme auch für katholische Christen

"100 bis 200 Kilometer am Tag sind normal"

Mittwoch, 17 Uhr. Kindergottesdienst – "barnamessa" – in Egilsstaðir, fast 700 Kilometer entfernt von Islands Hauptstadt Reykjavík. Drei Kinder und die kroatische Karmelitin Schwester Selestina sind gekommen. Ein Kindergottesdienst nur für drei Kinder – das ist Alltag auf Island. Auf der nur dünn besiedelten Vulkaninsel bekennen sich kaum mehr als 3,3 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben. Sie leben in extremer Diaspora.

Karmel-Schwester Patricia am Godafoss, in dem der Sage nach die Isländer im Jahr 1000 bei ihrem Übertritt zum Christentum all ihre heidnischen Götterbilder versenkten.
Karmel-Schwester Patricia am Godafoss, in dem der Sage nach die Isländer im Jahr 1000 bei ihrem Übertritt zum Christentum all ihre heidnischen Götterbilder versenkten.

Mit 50 Plätzen ist die Kapelle im Gemeindezentrum in Egilsstaðir nicht besonders groß. Doch sie ist eine Erleichterung für die katholischen Christen in der Region. Die Wege zur Sonntagsmesse sind für viele kürzer geworden, seit es das Gemeindezentrum gibt. Mit Hilfe des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken konnte 2009 die ehemalige Apotheke des Ortes zu einem kleinen katholischen Zentrum umgebaut werden.

Eine Pfarrei mit 600 Katholiken auf 22.000 Quadratkilometern

Der Schweizer Peter Bürcher ist Bischof des Bistums Reykjavík. Er schätzt die Nähe zu den Gläubigen und die familiäre Atmosphäre in seiner Ortskirche.
Der Schweizer Peter Bürcher ist Bischof des Bistums Reykjavík. Er schätzt die Nähe zu den Gläubigen und die familiäre Atmosphäre in seiner Ortskirche.

Egilsstaðir ist einer von drei Gottesdienstorten der jüngsten Kirchengemeinde in Island. Die Pfarrei St. Thorlak erstreckt sich auf die gesamte Region Austurland ganz im Osten. Sie wurde 2007 wegen der zahlreichen Arbeiter der neuen Aluminiumhütte in Reydarfjördur gegründet. Auf einer riesigen Fläche von 22.000 Quadratkilometern leben heute 600 Katholiken verstreut. Nicht wirklich wollte zu Anfangs ein Gefühl von Gemeinde aufkommen. Heute stärkt das neue Gemeindezentrum die Verbundenheit der katholischen Christen in dieser extremen Diaspora.

Das Bistum Reykjavík umfasst zwar die ganze 103.000 Quadratkilometer große Insel, verfügt aber über gerade einmal fünf Pfarreien. Die wenigen Katholiken leben weit über das Land verteilt. Sie leben inmitten einer Natur der Extreme, zwischen glühenden Vulkanen und eisigen Gletschern, zwischen dampfenden Geysiren und beeindruckenden Wasserfällen. Island – es gibt kaum einen Ort der Erde, an dem Schöpfung intensiver spürbar wird. Das hat seit jeher Auswirkungen auf die Religiosität der Inselbewohner. Kirchgang und Elfenglauben schließen sich in Island nicht aus. 55 Prozent Einwohner halten es laut einer Umfrage für sicher, möglich oder für wahrscheinlich, dass es Elfen und Trolle gibt. Und tatsächlich, die skurrile Landschaft der Insel bietet viel Spielraum für Fantasie. Gleichzeitig stellt sie die Bewohner permanent vor große Herausforderungen.

So fährt man in Island nicht "mal eben so" einige Kilometer mit dem Auto. Selbst im Sommer ist eine einfache Passüberquerung auf einer Schotterpiste oft ein mittelschweres Abenteuer mit sintflutartigen Regenfällen, Schneesturm oder bodentiefem Nebel. Und um diejenigen zu erreichen, die wirklich in der Zerstreuung leben, fahren die Priester hunderte Kilometer in die Außenstationen, wo einzelne Katholiken oder kleine katholische Gruppen leben. Oftmals brauchen sie bei den isländischen Straßenverhältnissen für 200 Kilometer mehr als fünf Stunden, besonders im Winter, wenn es lange dunkel ist und schon ab Oktober Schnee fällt.

Fünf Stunden mit dem Bus zur Kirche

Der Wallfahrtsort Mariulind ist der einzige auf Island. Mitten in der Natur weist eine Muttergottesstatue auf den Ort hin, wo die Jungfrau Maria im 13. Jahrundert Bischof Gundmundur dem Guten erschien.
Der Wallfahrtsort Mariulind ist der einzige auf Island. Mitten in der Natur weist eine Muttergottesstatue auf den Ort hin, wo die Jungfrau Maria im 13. Jahrundert Bischof Gundmundur dem Guten erschien.

David Tencer ist Pfarrer von St. Thorlak. Der Kapuziner betreut mit seinen beiden Mitbrüdern die Katholiken an der Ringstraße im Osten der Insel. "100 bis 200 Kilometer am Tag sind normal", sagt Bruder David. Nur so schaffen es die drei slowakischen Kapuziner, wenigstens in den wichtigsten Orten des Gemeindegebiets alle ein bis zwei Monate die hl. Messe zu feiern. Mit einem positiven Nebeneffekt: "Wenn es nicht so oft ist, kommen sie alle!", freut sich der Ordensmann.

Luzviminda Olayuar, von allen kurz Ging genannt, kommt von den Philippinen. Sie lebt seit zehn Jahren in der Nähe von Kirkjubæjarklaustur im Süden der Insel. Zur nächsten Kirche braucht sie fünf Stunden mit dem Bus. Sie ist die einzige Katholikin am Ort und lebt alleine ihren Glauben. "Als Katholikin bin ich Gott immer nah", erklärt Ging. Aus diesem Grund sei es für sie auch kein Problem, in dieser Diaspora zu leben. "Wenn ich Probleme habe oder eine Entscheidung treffen muss, frage ich immer zuerst Gott. Er gibt mir immer eine Antwort." Ihre Gebete sind dabei genauso multikulturell wie das Land selbst. Manche Passagen betet sie auf Englisch, andere auf Isländisch und wieder andere auf Philippinisch.

Die Mehrheit der katholischen Christen kommt nicht von der Insel. Sie sind eingewandert, großteils aus Polen, aber auch von den Philippinen und aus Litauen. Die Kirche auf Island ist international. Das war nicht immer so. Nachdem Island auf Druck Dänemarks Mitte des 16. Jahrhunderts zum lutherischen Glauben übertrat, wurde die katholische Konfession verboten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen wieder Katholiken nach Island. Langsam wuchs eine kleine Gemeinde heran, in der bis in die 80er-Jahre konvertierte Isländer die Mehrheit unter den katholischen Gläubigen bildeten. Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 90er-Jahren wuchs jedoch die Zahl der Einwanderer drastisch und damit auch die der Katholiken. Waren es 1995 noch 2.500, stieg ihre Zahl bis heute auf 10.500 an.

Katholiken aus der ganzen Welt

Taufe eines Jungen im katholischen Dom in Reykjavík: Die Kirche auf Island ist jung. Die Zahl der Taufen ist hoch.
Taufe eines Jungen im katholischen Dom in Reykjavík: Die Kirche auf Island ist jung. Die Zahl der Taufen ist hoch.

"Heute bilden Isländer eine Minderheit in ihrer Kirche", erklärt Jakob Rolland, Kanzler des Bistums Reykjavík. Isländisch als Gottesdienstsprache sei selten geworden, Polnisch und Englisch dominierten. Und doch, ist der Priester zuversichtlich, bilde sich langsam eine eigene, neue isländisch-katholische Identität und schließlich wachse die Kirche weiter. "Die Gottesdienste sind überfüllt, besonders bei einer polnischen Messe stehen die Menschen auch im Winter bis draußen vor der Tür. Das imponiert den Isländern." Rolland sieht darin einen eigenen Missionseffekt. Das lutherische Land – 77 Prozent gehören der lutherischen Staatskirche an - sei zwar mehrheitlich gläubig, jedoch fehle vielen der Bezug zur Liturgie.

Die katholische Kirche in Island ist im Aufbruch, sie ist jung und modern. Island hat die höchste Geburtenrate Europas. So gab es 2012 198 Taufen, denen nur zwölf Beerdigungen gegenüberstanden. Diese Altersstruktur fordert von den Priestern ein hohes Maß an Engagement und Flexibilität. 16 Priester und Bischof Peter Bürcher, das ist der ganze Klerus auf Island. Nur ein Einziger ist auf der Insel geboren. Hjalti Þorkelsson konvertierte in Deutschland zum katholischen Glauben und empfing mit 40 die Priesterweihe. "Ich bin als Isländer eine Minderheit unter den Priestern. Das ist auch unter den Mitbrüdern nicht immer einfach", meint der 68-Jährige. Acht Ordensgemeinschaften kümmern sich mit 33 Ordensfrauen und neun Ordenspriestern in Island um kranke, alte und alleinstehende Menschen. Sie kommen aus der ganzen Welt, um auf Island von ihrem Glauben Zeugnis zu geben.

Selbst Bischof Peter Bürcher kommt nicht aus Island. 2007 ernannte Papst Benedikt XVI. den Schweizer zum Hirten der Insel im Nordatlantik. Er zögerte nicht, das Hirtenamt auf der größten Vulkaninsel der Welt zu übernehmen. Jesus habe zu seinem Namenspatron gesagt: "Duc in altum! – Fahre ins Weite!" Das sei für ihn auf einmal ganz konkret geworden, sagt er heute rückblickend. Auf Island angekommen bereiteten ihm vor allem die Sprache und die langen Winternächte so nah am Polarkreis Schwierigkeiten. Heute setzt er sich oft ins Auto, um seine Gläubigen persönlich zu besuchen. "Das bischöfliche Amt in Island kann sehr menschlich sein, weil man die meisten persönlich kennt - was ein Bischof mit einer Million Diözesanangehörigen und mehr als 1.000 Priestern sich nicht leisten kann."

Eine junge aber arme Kirche, die stetig wächst

Sonntagsmesse in der katholischen Domkirche in Reykjavík: Die Kirche auf Island ist international, das zeigt sich vor allem im Gottesdienst.
Sonntagsmesse in der katholischen Domkirche in Reykjavík: Die Kirche auf Island ist international, das zeigt sich vor allem im Gottesdienst.

Bürcher traf in Island auf eine für ihn bislang unbekannte Herausforderung: "Die Kirche in Island ist sehr arm. Wir bekommen kaum etwas vom Staat." Und da die meisten Katholiken junge Arbeiter sind, aus dem Ausland eingewandert, um Geld zu verdienen, ist ihre Spendenkraft sehr begrenzt. So kann sich die Kirche nur mit Unterstützung von Außen finanzieren. "Froh sind wir über die Hilfe aus Deutschland, besonders vom Bonifatiuswerk", betont Bischof Bürcher. Allein in den vergangenen 15 Jahren konnte das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken 1,8 Millionen Euro an Spenden in das nordeuropäische Land weitergeben. Unterstützt wurde der Bau und die Instandhaltung von Kirchen und Gemeindehäusern, die Arbeit der Priester sowie die Weitergabe des Glaubens an Kinder und Jugendliche.

Auch Kapuzinerbruder David Tencer kann auf die Hilfe des Bonifatiuswerkes zählen. Von Reydarfjördur aus leitet er die Kirchengemeinde St. Thorlak und kümmert sich um den Erstkommunionunterricht und die Firmkurse. Und weil er nicht erwarten kann, dass die Kinder und Jugendlichen 300 Kilometer und mehr zum Gemeindezentrum fahren, nutzt er den Segen der modernen Technik. Bruder David schickt den Kindern seine Unterrichtsmaterialien per E-Mail nach Hause und tauscht sich über das Internet via Skype, quasi per Bildtelefon, mit ihnen über den Glauben und die Sakramente aus. Alltag in der extremen Diaspora auf Island.

Text: Alfred Herrmann, Fotos: Bonifatiuswerk

Neue bildreiche Broschüre

Cover der Broschüre.
Cover der Broschüre.

Mit der neuen, bildreichen Broschüre "Island – Diaspora-Kirche in wilder Natur" stellt das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken das katholische Leben auf Island vor – eine Insel der Extreme, auf der katholische Christen in extremer Diaspora leben. "Island – Diasporakirche in wilder Natur" gibt es für 5 Euro Schutzgebühr unter: 0 52 51/29 96 53 oder unter bestellungen@bonifatiuswerk.de. Die Hilfe des Bonifatiuswerkes wird in Island dringend benötigt.

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Die kleine Holzkirche von Akureyri ist Pfarrkirche einer der fünf katholischen Kirchengemeinden auf Island. Der einzige isländische Priester, Hjalti Þorkelsson, ist dort Priester.
Die kleine Holzkirche von Akureyri ist Pfarrkirche einer der fünf katholischen Kirchengemeinden auf Island. Der einzige isländische Priester, Hjalti Þorkelsson, ist dort Priester.
Der einzige isländische Priester, Hjalti Þorkelsson.
Der einzige isländische Priester, Hjalti Þorkelsson.
In Egilsstadir konnte eine Apotheke in ein katholisches Gemeindehaus mit Kapelle umgebaut werden.
In Egilsstadir konnte eine Apotheke in ein katholisches Gemeindehaus mit Kapelle umgebaut werden.