Altöttinger Liebfrauenbote

Wiederentdecktes im Berta-Hummel-Museum in Massing an der Rott

Zwischen Klischee und Tiefsinn

Das Berta Hummel-Museum in Massing zeigt derzeit die Ausstellung „Gesucht Gefunden – Wiederentdecke Werke von Berta Hummel“. Unser Mitarbeiter Hans Gärtner hat sie besucht.

Berta Hummel, Selbstbildnis (Bleistift, ohne Jahresangabe).
Berta Hummel, Selbstbildnis (Bleistift, ohne Jahresangabe).

Wer bei dem Namen Berta Hummel zuerst an Kinderfiguren denkt, denkt zwar nicht falsch, aber zu kurz. Die talentierte Franziskanerin mit dem klösterlichen Namen Maria Innocentia (1909-1946) bevorzugte religiöse Motive: Dorfkirchen und Brauchtums-Szenen, die Madonna und das Jesuskind. Serienbildchen betender Landkinder waren beliebte Schul-Gaben von Katecheten und Handarbeitslehrerinnen. Wandschmuck, der aus Herrgottswinkeln in Bauern- und Bürger-Stuben noch in den 1950er-Jahren nicht wegzudenken war, ließ die aus einem vielköpfigen Rottaler Markthaushalt stammende Sießener Klosterfrau als eine der letzten Künderinnen einer verebbenden Welle traditionsgebundener katholischer Lebenseinstellung im Bereich der christlichen Gegenwartskunst begreifen.

Museumschef Adolf Hummel (70), Neffe der durch die „Hummelfiguren“ weltweit bekannten Tante, ist darauf bedacht, seine Ahnin, die von 1931 an bis zum Tod im Kloster Sießen lebte, nicht nur dem religiös-naiven Genre zuzuordnen. In dem von ihm mitbegründeten „Berta-Hummel-Museum im Hummelhaus“ zu Massing an der Rott kann er den weltweit erreichten Schwerpunkt Hummel’scher Kunstproduktion nicht ohne weiteres verschieben. Neben den „frommen Sachen“ aus dem altbairisch geprägten katholischen Leben bleiben die den Heiligen durchaus verwandten Kindergestalten, als farbig bemalte, porzellanene Heile-Welt-Repräsentanten von 1934 an sechs Jahrzehnte lang von Oeslau bei Coburg bis in die USA mit hohem Gewinn versandt, die „Hingucker“ und begehrten Mitbringsel schlechthin. Adolf Hummel lenkt aber den Blick auch auf das, was die „emsige Hummel“ weniger bekannt machte, etwa auf Blumenbilder impressionistischen Flairs.

Aus dem Nachlass der Lieblingsschwester

Wichtelmännchen: Das Werk Berta Hummels changiert zwischen naiver Malerei...
Wichtelmännchen: Das Werk Berta Hummels changiert zwischen naiver Malerei...

Aus den USA konnte Hummel „einen nicht unerheblichen Teil, u.a. die sogenannte Kalenderblattserie“ ankaufen. 38 Blätter, die das Massinger Museum seit neuestem sein eigen nennt, kommen aus dem Goebel-Hummel-Archiv, das 2012 aufgelöst wurde: hauptsächlich Vorlagen für „Hummelfiguren“. In  einer Vitrine stehen der Skiläufer und der possierliche Postbote. An der Wand: die mit kühnem Kohlestift hingeworfenen Vorlagen für diese und weitere Figuren. Die Zeichnungen sind kraftvoller als die nach ihnen angefertigten Figuren. Sie weisen eine unverwechselbare Handschrift auf. An Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen in die Psyche der ihr versagt gebliebenen Kinder ist Berta Hummel in ihrer Art unerreicht. Man muss bedauern, dass ihr bildnerisches Talent, das sie im Kloster mit pädagogischem Eifer pflegte und weitergab, nicht zur Reife gebracht wurde. Ihre letzten Lebensjahre waren von Krankheit gekennzeichnet. Berta Hummel starb, wohl erst am Anfang ihrer „Karriere“ als Malerin, an Tuberkulose.

Eine weitere Quelle für Neuerwerbungen tat sich dem Massinger Museumsleiter im Nachlass der Ende 2011 im Alter von knapp 100 Jahren an ihrem letzten Wirkungsort Passau verstorbenen Lieblingsschwester Bertas, Centa, auf: Schriftproben, Musterzeichnungen und Glückwunschkarten-Entwürfe. Die Qualität der ungedruckt gebliebenen biblischen Szenen für die Buchberger-Schulbibel lässt zu wünschen übrig. In ihrer vorläufigen Form erscheinen die aus Sießen entliehenen Beispiele in weiten Teilen verbesserungsbedürftig. Der Duktus der Darstellung ist, bis auf wenige Ausnahmen („Seesturm“, 1935), klischeehaft, wenig inspiriert („Versuchung Jesu“, 1935). Welcher Unterschied zu den beseelten Sujets der Kinder-, Märchen- und Blumenmotive! Zartheit des Empfindens, Humor und Beschaulichkeit konnte Berta Hummel wahrlich in beinahe alle ihre Kindergesichter, erst recht aber in leider selten anzutreffende Porträts, etwa das ihrer Lieblingsschwester Centa (Ölbild, 1930) oder das des Massinger Schusters Johann Huber (Rötel, 1928) hineinlegen. Die Zurückhaltung der Kloster-Oberen in Sachen Schulbibel-Illustration war – und ist auch aus heutiger Sicht – verständlich.

Text: Hans Gärtner, Fotos: Berta-Hummel-Museum (4), Gärtner (1).

Bildergalerie

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

... den bekannten äußerst ausdrucksstarken Kinderfiguren (Bub mit großem Bass) ...
... den bekannten äußerst ausdrucksstarken Kinderfiguren (Bub mit großem Bass) ...
... eher klischeehaften Bibelillustrationen (Versuchung Jesu) ...
... eher klischeehaften Bibelillustrationen (Versuchung Jesu) ...
... und ambitionierten Stillleben (Alpenveilchen im Topf).
... und ambitionierten Stillleben (Alpenveilchen im Topf).