Altöttinger Liebfrauenbote

Papst Franziskus gibt ein "erstes politisches Statement" und lädt christliche Konfessionen, andere Religionen und auch Religionsferne zum Dialog ein

Frieden schaffen

Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und der Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen: Papst Franziskus hat bei der Audienz für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps am 22. März ein erstes "politisches Statement" abgegeben. Bereits zwei Tage zuvor hatte Franziskus Vertreter der unterschiedlichsten christlichen Kirchen und Konfessionen sowie anderer Religionen empfangen.

Frieden schaffen – eine Taube zieht ihre Kreise über den Kapellplatz.
Frieden schaffen – eine Taube zieht ihre Kreise über den Kapellplatz.

"Die materielle wie die geistliche Armut bekämpfen, Frieden schaffen und Brücken bauen – das sind gleichsam die Bezugspunkte eines Weges, den mitzugehen ich jedes der Länder, die Sie vertreten, einlade", sagte Franziskus in seiner Ansprache an die Botschafter von rund 180 Staaten. Dem "Wohl eines jeden Menschen auf dieser Erde" zu dienen, sei die Aufgabe des Heiligen Stuhls, wie Franziksus betonte – und da können auch Länder wie China, Nordkorea oder Afghanistan nicht außen vorbleiben: Explizit lud er auch die "wenigen Länder" ein, "die noch keine diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhalten".

Die Ansprache an die Botschafter der Länder kann als eine kurze Zusammenfassung des "politischen Programms" des Papstes gelesen werden. Auch wenn Franziskus bereits beim Treffen mit den Medienvertretern eine Woche zuvor betont hatte, dass die Aufgabe der Kirche keine politische, sondern eine geistliche sei – so ganz einfach trennen lassen sich die Bereiche nicht. "Wie viele Arme gibt es noch in der Welt! Und welchen Leiden sind diese Menschen ausgesetzt!", stellte Franziskus fest, als er den Botschaftern die Wahl seines Namens in Anlehnung an den hl. Franz von Assisi erläuterte. Die Armut zu bekämpfen ist ebenso wie "Frieden schaffen" und "Brücken bauen" eine Aufgabe, die sowohl die Kirche als auch die Politik betrifft.

Papst Franziskus differenzierte sehr genau zwischen materieller und geistiger Armut und knüpfte hierbei an eine Aussage seines Vorgängers Benedikt XVI. an. Er zitierte dessen mehrfach geäußerte Warnung vor der "Diktatur des Relativismus", die "jeden sein eigener Maßstab sein lässt und so das Zusammenleben unter den Menschen gefährdet" und zitierte dabei den hl. Franz von Assisi: "Aber es gibt keinen wahren Frieden ohne Wahrheit!". Auch als der Papst die Bedeutung des Umweltschutzes betonte, griff er auf den heiligen Ordensgründer zurück, "der eine tiefgreifende Achtung gegenüber der gesamten Schöpfung und die Bewahrung dieser unserer Umwelt lehrt, die wir leider allzu oft nicht zum Guten gebrauchen, sondern sie gierig ausbeuten zum gegenseitigen Schaden".

Zweifach legte Franziskus die Bedeutung des Titels "Pontifex – Brückenbauer" aus.
Persönlich wies er auf seine eigene Herkunft hin: "Wie Sie wissen, kommt ja meine Familie aus Italien; und so ist in mir stets dieser Dialog zwischen Orten und Kulturen lebendig, die voneinander entfernt sind – zwischen dem einen und dem anderen Ende der Erde, die heute einander immer näher rücken, voneinander abhängig sind, es nötig haben, einander zu begegnen und wirkliche Räume echten Miteinanders zu schaffen."
Allgemein umschrieb er die Aufgabe des Papstes, "Brücken zu Gott und zwischen den Menschen" zu bauen. Besonders betonte er dabei den Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen, insbesondere mit dem Islam, aber auch mit den Nichtgläubigen: "Man kann nämlich keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergisst. Doch es gilt auch das Gegenteil: Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen ignoriert."

"Mein Bruder Andreas"

Bereits zwei Tage zuvor, am 20. März hatte Franziskus im Vatikan Würdenträger der unterschiedlichsten christlichen Kirchen und Konfessionen, aber auch Juden und Muslime, sowie Buddhisten, Sikhs, Hindus und anderes religiöses Führungspersonal zu einer gemeinsamen Audienz eingeladen. Bei der traditionellen Ansprache an die Vertreter der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der verschiedenen Religionen setzte der Papst neue Akzente.

Mit den schlichten Worten „mein 'Bruder Andreas'“ dankte der "Petrus-Nachfolger" Franziskus dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., für dessen Grußworte – dieser gilt als Nachfolger des Apostels Andreas, des älteren Bruder des Petrus. Die engen Bande zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, die seinem Vorgänger Benedikt XVI. besonders am Herzen lagen und die dieser auch theologisch fundiert hatte, brachte Franziskus mit einer einfachen Begrüßung auf den Nenner.

Neu war auch, dass Franziskus die Vertreter der anderen Konfessionen und Religionen um den "Liebesdienst eines besonderen Gebetes für meine Person" bat. Franziskus gab so seinen Ausführungen zur Bedeutung des II. Vatikanischen Konzils als Basis für ökumenischen und interreligiösen Dialog eine persönliche Note und konkrete Grundlage.

Wiederholt sprach Franziskus von der "Förderung der Freundschaft und der Achtung unter den Menschen verschiedener religiöser Traditionen", die eine gemeinsame Verantwortung "für diese unsere Welt und für die gesamte Schöpfung tragen". Ganz konkret rief er zur Zusammenarbeit auf: "Wir können viel tun für das Wohl der Armen, der Schwachen und der Leidenden, wir können viel tun, um die Gerechtigkeit zu fördern, die Versöhnung voranzutreiben, den Frieden zu schaffen", nannte Franziskus wesentliche Punkte und fügte hinzu, was die "Freunde verschiedener religiöser Traditionen" eint: "Vor allem aber müssen wir in der Welt den Durst nach dem Absoluten lebendig halten, indem wir nicht zulassen, dass eine nur eindimensionale Sicht des Menschen überhand nimmt, nach der der Mensch auf das beschränkt wird, was er produziert und was er konsumiert: Das ist eine der größten Gefahren für unsere Zeit."

Auch die religiös nicht gebundenen Menschen sprach Franziskus direkt an: "Darin fühlen wir uns all jenen Männern und Frauen nahe, die sich zwar zu keiner religiösen Tradition bekennen, sich aber dennoch auf der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Schönen, nach diesem Wahren, Guten und Schönen, das Gott ist, befinden und die unsere wertvollen Verbündeten sind im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde, beim Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens unter den Völkern und bei der achtsamen Bewahrung der Schöpfung."

Text: Michael Glaß; Foto: Roswitha Dorfner

Kommentar

Die Welt blickt nach Rom und sie tut dies gerne. Vor allem Deutschland und Europa blicken neugierig und erwartungsvoll nach Rom und das war schon lange nicht mehr so. Das mag daran liegen, dass dieser Papst eben neu und anders ist als sein Vorgänger, aber auch die Nachrichtenlage auf dem alten Kontinent dürfte eine Rolle spielen: Nach der x-ten Auflage der Eurokrise ist ein Blick auf diesen Lateinamerikaner mit seiner freundlichen und lebensfrohen Art allemal angenehmer und während Aussagen wie die über die „Diktatur des Relativismus“ bei Benedikt XVI. von vielen als ein „Angriff auf die Freiheit“ gewertet wurde, mag nun manch Kritiker in Gedanken an Finanzkrise und Klimawandel stillschweigend mit dem Kopf genickt haben – Egoismus steht derzeit nicht gerade hoch im Kurs und zentrale Forderungen des Papstes nach Frieden, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz klingen aus dem Mund von Franziskus nicht abgehoben und moralisierend – wie bei so vielen Politikern –, sondern ehrlich, bodenständig und optimistisch.

Nun, die Welt verändert sich. Nicht nur kirchlich haben sich die Verhältnisse verschoben, auch wirtschaftlich und politisch holen die sog. Entwicklungsländer des Südens immer mehr auf, während Europa – gerade jetzt, wenn es so wichtig wäre, mit einer Stimme zu sprechen – auseinanderzubrechen droht. Da kann eine Stimme aus Rom auf einmal Halt geben.

Für die Kirche ist dies eine große Chance, die Franziskus auch bei seinem vierten Kernthema, dem Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen genutzt hat. Blicke nach Nordafrika und in den Nahen Osten zeigen, dass das Gegenteil des Relativismus, der Absolutismus mindestens ebenso zerstörerisch ist. Während islamistische Fundamentalisten die Bevölkerung terrorisieren und weltweit für Angst sorgen, streckt Franziskus den Religionsvertretern die Hand aus.

Nun, der Papst kann nicht die Welt verändern, aber er hat mit seiner freundlich-direkten Art und mit seinem bescheidenen Stil schon jetzt viele Herzen erobert, neugierig gemacht und gezeigt, dass ein Blick nach Rom durchaus lohnend sein kann.

Kommentar: Michael Glaß