Altöttinger Liebfrauenbote

Franziska Jägerstätter, Witwe des sel. Franz Jägerstätter im Alter von 100 Jahren verstorben

Kraft zur Versöhnung

Franziska Jägerstätter, Witwe des seligen Franz Jägerstätter (1907-1943), ist am 16. März kurz nach ihrem 100. Geburtstag im Kreis der Familie in ihrem Heimatort St. Radegund in Oberösterreich gestorben. Kardinal Christoph Schönborn leitete am 23. März die Begräbnismesse und würdigte das "beeindruckende Glaubens- und Lebenszeugnis der Franziska Jägerstätter". – Kurz vor der Seligsprechung des von den Nazis hingerichteten Franz Jägerstätter im Oktober 2007, hatte der "Bote" Franziska Jägerstätter und ihre Tochter Maria Dammer in ihrem Heimatort St. Radegund – nicht weit entfernt von dem Hof, wo sie früher mit ihrem
Mann und ihrem Vater lebten – besucht. – Das Feature zeigt, dass sowohl Franz als auch Franziska Jägerstätter mit der "Kraft der Versöhnung" ausgestattet waren.

Franziska Jägerstätter (l.) im Oktober 2007 neben Tochter Maria Dammer vor dem Jägerstätterhaus" in St. Radegund.
Franziska Jägerstätter (l.) im Oktober 2007 neben Tochter Maria Dammer vor dem Jägerstätterhaus" in St. Radegund.

Der (damals) 94-jährigen Franziska Jägerstätter huscht in Erinnerung an vergangene Tage immer wieder mal ein fröhliches Lächeln über ihr Gesicht – als sie auf die Seligsprechungsfeier von ihrem Mann angesprochen wird, als ihre Tochter Maria von der harten Arbeit früher auf dem Bauernhof und von den vielen Tieren erzählt und auch als sie selbst davon berichtet, dass Franz der erste Motorradfahrer im Dorf war oder wie der Bürgermeister den Wahlzettel verschwinden hat lassen, als ihr Mann als Einziger im Dorf 1938 gegen den Anschluss Österreichs an Nazideutschland gestimmt hat. Leise und versöhnlich lacht sie auf, als sie sagt: "Der Franz wäre auch nicht still gewesen, wenn ich ihm das gesagt hätte." Als sie auf die Frage antwortet, was heute junge Menschen aus dem Leben von Franz Jägerstätter lernen könnten, klingen ihre Worte bestimmt, aber nicht unfreundlich: "Dass sie mehr beten sollen", sagt sie.

Laut Tochter Maria Dammer sollten junge Menschen vor allem lernen, "nicht immer der Schar nachzurennen." Das tat der MC-Sodale Franz Jägerstätter auch nicht und gerade seine Standhaftigkeit und sein Selbstbewusstsein, genährt von seinem tiefen Glauben, wurden ihm zum Verhängnis. Geboren am 20. Mai 1907 als Sohn einer ledigen Bauernmagd und eines ledigen Bauernsohns, wuchs er auf in Sankt Radegund im Bezirk Braunau am Inn in Oberösterreich. Später erbte er den Bauernhof seines Stiefvaters, wo er mit seiner Ehefrau Franziska und seinen drei Töchtern Maria, Aloisia und Rosalie in bescheidenen Verhältnissen lebte.

"Er war ein sehr lebensfroher Mensch", sagt seine Biografin Erna Putz, nur: "Den Einsatz für Gerechtigkeit hat er sehr ernst genommen". Den Gerechtigkeitsgedanken nahm er sogar wichtiger wie sein eigenes Leben. Weil er sich dem Kriegsdienst unter den Nazis verweigerte, wurde er am 9. August 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Havel durch das Fallbeil enthauptet.

Portraitbild von Franz Jägerstätter.
Franz Jägerstätter.

„Letztes Kriterium für das Gewissen ist bei Jägerstätter der Wille Gottes“, urteilte jüngst Bischof Scheuer, der als Vizepostulator am Seligsprechungsprozess maßgeblich beteiligt war. Viele Briefe hatte Franz Jägerstätter an seine Frau geschrieben: „Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“, zitierte Franz Jägerstätter in einem Brief vom 8. August 1943 Jesus in der Bibel. Einen Tag später wurde er nach Brandenburg gebracht, wo er von seiner
Hinrichtung erfuhr. Obwohl er nur noch wenige Stunden zu leben hatte, brachte er dennoch die Kraft auf, Franziska einen Abschiedsbrief zu schreiben, in dem er sich für ihre Liebe bedankte, und er fügte hinzu: „Ich danke auch unsrem Heiland, dass ich für ihn leiden durfte und für ihn sterben darf.“

Und warum ging Franz Jägerstätter für seinen Glauben in den Tod? Biografin Putz erzählt aus seinem Leben, von seiner Kindheit in armen Verhältnissen, dass er lieber gehungert habe, als schlechte Noten zu bekommen, von seiner Lust am Lesen, von seinen Erlebnissen als 20-Jähriger im sozialdemokratischen Milieu im steirischen Eisenerz und von Priesterverfolgungen durch die Nazis im Heimatdekanat Ostermiething, die ihn aufgeschreckt hatten. Vor allem aber betont sie den Rückhalt im Glauben und nicht zuletzt die glückliche Ehe mit Franziska.

„Es wird uns erst langsam bewusst, welch besonderer Mensch Franz Jägerstätter war“, sagt Josef Steinkellner, Pfarrer von Tarsdorf und Sankt Radegund. „Er hat selbstständig gedacht und sein Gewissen befragt und solche Leute sind auch heute dringend notwendig.“ Die meisten Leute im Ort stünden der Seligsprechung positiv gegenüber, berichtet Bürgermeister Isidor Hofbauer (ÖVP). Doch es gebe auch Kritiker, die ihm vorwerfen, seine Familie im Stich gelassen zu haben.

Diese Kritiker gab es vor allem kurz nach dem Krieg. Maria Dammer jedenfalls traute sich als junge Schülerin in der Handelsschule Braunau in den 50ern nicht zu sagen, dass ihr Vater hingerichtet worden war, wenn sie jemand darauf ansprach: „Ich habe gesagt, er sei im Krieg ausgeblieben und das stimmte ja auch“, erzählt sie.

Rund 30 Jahre später war die Situation eine andere: Biografin Putz berichtet von ihren Erlebnissen bei Gedenkstunden und Seminaren, die sie seit 1983 regelmäßig abhält: „Franz Jägerstätter hat das Schweigen gebrochen“, sagt sie. Viele ehemalige Soldaten hätten sich gerade durch ihn und seine Geschichte mit ihren eigenen Kriegserfahrungen auseinandergesetzt und dies als „sehr befreiend empfunden“. Erna Putz fügt hinzu: „Ich habe Franz Jägerstätter als jemanden kennen gelernt, der die Kraft zur Versöhnung hatte.“

Und wie reagieren die Menschen heute? „Viele sind stolz, einige verehren ihn“, sagt Maria Dammer. Franziska Jägerstätter ergänzt: „Und andere schimpfen!“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Aber man muss verzeihen können.“

Text: Michael Glaß, Fotos: Michael Glaß 1, Archiv 1

Von Biografin Erna Putz sind diverse Bücher erschienen, u.a.:
Franz Jägerstätter, Der gesamte Briefwechsel mit Franziska – Aufzeichnungen 1941-1943, Styria Verlag, ISBN 978-3-2221-3232-2.
Franz Jägerstätter, Märtyrer, Leuchtendes Beispiel in dunkler Zeit, Buchverlag Franz Steinmaßl, ISBN 978-3-9024-2739-7.