Altöttinger Liebfrauenbote

Die Marianische Männerkongregation freut sich auf Papst Franziskus – Interview mit Kapuzinerpater Georg Greimel und Jesuitenpater Peter Linster

„Eine große Chance, dass die Kirche franziskanischer wird“

Das Konklave hat entschieden: Papst Franziskus ist das neue Oberhaupt der Katholischen Kirche. Nicht nur der Name ist neu. Das erste Mal sitzt nun ein Jesuit und ein Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri. Der „Liebfrauenbote“ hat zwei Ordensmänner und Präsides der Marianischen Männerkongregation – Jesuitenpater Peter Linster aus München und Kapuzinerpater Br. Georg Greimel aus Altötting – befragt und um eine erste Einschätzung gebeten.

Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (55 Jahre) – im Bild vor einer Franziskus-Prozessionsstange –, geboren in Dorfen, Lkr. Erding, ist Wallfahrtsseelsorger im Kapuzinerkloster St. Konrad in Altötting und als Präses der Marianischen Männerkongregation
Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (55 Jahre) – im Bild vor einer Franziskus-Prozessionsstange –, geboren in Dorfen, Lkr. Erding, ist Wallfahrtsseelsorger im Kapuzinerkloster St. Konrad in Altötting und als Präses der Marianischen Männerkongregation Altötting (MC) auch Mitherausgeber und „Pfarrer“ des „Liebfrauenboten“. Bevor er 2008 zurück nach Altötting kam, wo er schon zwischen 2002 und 2006 als MC-Präses wirkte, war er u.a. Cityseelsorger in Ingolstadt.

Br. Georg, der neue Papst ist nach langer Zeit mal wieder ein Ordensmann und er hat sich den Namen Franziskus gegeben – als Kapuziner müssten Sie eigentlich begeistert sein. Wie haben Sie und Ihre Mitbrüder am Tag der Wahl gefeiert?
Br. Georg Greimel: Am Abend der Wahl war ich bei einem Vortrag von Hubert Liebherr über seine Erfahrungen auf seinen langen Pilgerwegen. Als ich da den Namen des neuen Papstes hörte, hat es mir fast die Stimme verschlagen. Wir Kapuziner haben ja auch die Ordensregel des hl. Franziskus. Darum weiß ich um die enorme Bedeutung des Namens und seiner großen Ordensfamilie für Kirche und Welt. Die Wahl dieses Namens hat mich innerlich sehr angerührt. Wir Kapuziner haben aber nicht ausgelassen gefeiert. Wir lassen den Papst erst einmal Papst sein.

P. Peter Linster, wie haben Sie reagiert, als Sie von der Wahl erfahren haben? Haben Sie und Ihre Mitbrüder ein wenig gefeiert?
P. Peter Linster: Zunächst war ich wirklich sehr überrascht und erst ganz allmählich konnte ich mich darüber freuen, dass ein „Mitbruder“ zum Papst gewählt wurde. Wir Jesuiten haben nicht überschwänglich gefeiert, sondern eher sachlich und ruhig das Geschehen im Fernsehen verfolgt und das Ergebnis erstmal zur Kenntnis genommen. Wir glauben ja daran, dass an einer solchen Papstwahl der Hl. Geist nicht ganz unbeteiligt ist, und haben daher die begründete Hoffnung, dass sie für die Kirche und für Papst Franziskus selbst zum aktuellen Zeitpunkt die beste Entscheidung ist.

Kannten Sie zuvor Kardinal Jorge Mario Bergoglio? Wie schätzen Sie ihn ein?
Br. Georg Greimel: Der Name war mir nur aus der Kardinalsliste bekannt. Dass aber ein Kardinal Namens Georg Papst wird und sich Franziskus nennt, und das als Ordensmann, das freut mich schon sehr. Mein erster Eindruck ist sehr positiv. Seine ersten Gesten sind ganz authentisch. Als Jesuit ist er hoch gebildet und hat viel Erfahrung. Nach dem philosophisch veranlagten Medienpapst Johannes Paul II. und dem Theologenpapst Benedikt XVI. haben die Kardinäle einen Seelsorger gewählt, der die Welt von einem außereuropäischen Standpunkt kennt. Jesuiten haben im 16. Jahrhundert auch unabhängig und fernab von Luther die Kirche von innen her reformiert. Ich traue Papst Franziskus bedeutsame reformerische Schritte zu. Günstiger wäre, wenn er einige Jahre jünger wäre.
P. Peter Linster: Ich hatte wohl durch die Medien von Kardinal Bergoglio gehört, kenne ihn aber nicht persönlich. Dass uns der von ihm gewählte Name „Franziskus“ überraschte, steht wohl außer Zweifel; nicht, dass wir unbedingt den Namen eines der Heiligen der Gesellschaft Jesu wie Ignatius oder Franz Xaver erwartet hätten, sondern eher einen der Namen der Vorgänger im Papstamt. Natürlich setzt er mit dieser Namenswahl ein klares eindeutiges Zeichen, ja gibt seinem Pontifikat ein Programm, das die Kirche zurzeit wirklich braucht: sich nämlich – als Weltkirche insgesamt sowie auch auf gemeinschaftlicher wie persönlicher Ebene – auf das zu besinnen, was es heißt mit den Gütern der Erde gerecht und zufriedenstellend für alle umzugehen.

„Rückbesinnung auf das Evangelium“

Jesuitenpater Peter Linster (66 Jahre) – im Bild predigt er bei der MC-Jugendwallfahrt 2010 –, geboren in Meurich in der Nähe von Trier, ist Seelsorger im Zentrum St. Michael in München und Präses der Marianischen Männerkongregation München (MMK)
Jesuitenpater Peter Linster (66 Jahre) – im Bild predigt er bei der MC-Jugendwallfahrt 2010 –, geboren in Meurich in der Nähe von Trier, ist Seelsorger im Zentrum St. Michael in München und Präses der Marianischen Männerkongregation München (MMK), die heuer am 19. Oktober ihr 450-jähriges Gründungsjubiläum begeht. Bevor P. Linster 2005 nach München kam, war er mehrere Jahre Stadtpfarrer der Kirchengemeinde St. Blasius im Schwarzwald.

Der Name eines Papstes ist stets eine Art „Programm“ und verrät viel über die Weltanschauung und Anliegen des Pontifex. Einen Papst Franziskus gab es noch nie zuvor und Kardinal Jorge Mario Bergoglio galt als „Kardinal der Armen“. Was kann uns – den Gläubigen und der Welt insgesamt – der Ordensgründer Franz von Assisi heute mitteilen?
P. Peter Linster: Gerade in Zeiten eines verstärkten Materialismus und Kapitalismus brauchen wir Menschen, die – wie Franz von Assisi im frühen Mittelalter – eine Rückbesinnung auf das Evangelium fordern. Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Anliegen des neuen Papstes, der ja aus einem Kontinent kommt, in dem die Kluft zwischen Reichen und Armen noch viel klaffender und offensichtlicher ist als in unseren Breitengraden und in dem soziale und politische Ungerechtigkeit leider immer noch an der Tagesordnung sind. Wenn Kardinal Bergoglio als „Kardinal der Armen“ galt, so dürfen wir in den reicheren westlichen Ländern den Begriff „Armut“ allerdings nicht verengen und vielleicht sogar befürchten, dieser neue Papst hätte kein offenes Herz und Ohr für die Probleme, die uns in Europa beschäftigen: „Armut“ hat viele Gesichter! Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Jesus die Armen selig preist: diejenigen also, die sich ganz auf Gott verlassen anstatt nur auf die eigene Macht und das eigene „Machen-“ oder „Haben-Wollen“. Und Franz von Assisi nennt die Armut sogar seine „Herrin“: das war und ist kein Plädoyer für eine Haltung, die sich selbst nichts gönnen kann – auch wenn der hl. Franz über weite Strecken seines Lebens eine radikale Askese mit sich selbst betrieb, allerdings sehr feinfühlig und großzügig anderen gegenüber war! –, sondern die Erkenntnis, dass die innere Armut, die immer mit Gott rechnet und im Alltag und seiner Bewältigung mehr auf Ihn zählt als auf menschliche Leistung, zu einer großen Freiheit führt.
Br. Georg Greimel: Ich denke, es wird uns erst allmählich klar, welche Wirkung diese Namenswahl hat. Der hl. Franziskus wurde zum Mann des 2. Jahrtausends gewählt. Jetzt erlebt nicht nur seine Geistigkeit eine Renaissance, jetzt besteht auch die große Chance, dass die Kirche franziskanischer wird; das bedeutet, sie wird sich selber wieder mehr am Evangelium und der Bibel ausrichten. Die Kirche bekommt damit einen starken Anstoß, sich noch mehr für eine gerechtere Welt einzusetzen. Jedenfalls spüre ich jetzt schon, wie aufgrund dieser Namenswahl in der franziskanischen Welt viele Energien freigesetzt werden und eine freudige Hoffnung auflebt. Die Prophezeiung, die Kirche wird franziskanisch sein oder sie wird nicht mehr sein, könnte sich jetzt bewahrheiten.

„Noch mehr auf die Menschen zugehen“

P. Peter Linster (l.) und Br. Georg Greimel gemeinsam bei der Feier der Eucharistie im Rahmen der MC-Jugendwallfahrt 2010.
P. Peter Linster (l.) und Br. Georg Greimel gemeinsam bei der Feier der Eucharistie im Rahmen der MC-Jugendwallfahrt 2010.

Die Namensgebung ist in jedem Fall eine sehr selbstbewusste Entscheidung. Was erwarten und erhoffen Sie sich vom neuen Papst?
Br. Georg Greimel: Ich finde, man darf ihn nicht überfordern und mit einer Fülle von Erwartungen zudecken. Ich wünsche mir, dass er – wie er es ja schon lange tut – im Sinn des hl. Franziskus weiterhin die Freiheit hat, auf die Stimme Gottes zu hören. Er wird nicht alle Erwartungen erfüllen können, sondern wie jeder andere Papst Schwerpunkte setzen. Was er tut, soll echt sein und dem Heil des Menschen dienen.

Jesuiten gelten als volksnah, weltoffen, sie fördern die religiöse Bildung und melden sich auch immer wieder mal bei (kirchen-)politischen und gesellschaftlichen Fragen kritisch zu Wort. P. Peter Linster, was erwarten und erhoffen Sie sich vom neuen Papst?
P. Peter Linster: Vor gut 50 Jahren begann das II. Vatikanische Konzil. Bis heute gibt es noch viel an konkreter Arbeit, d. h. die Konzilsdekrete so einzubringen, dass sie der Kirche ein schönes Antlitz geben und die Menschen sich in ihr wieder wohlfühlen können, wie es die Idee des seligen Papst Johannes XXIII. war. Für uns heißt dies, in unserer täglichen Arbeit noch mehr auf die Menschen zuzugehen – nicht warten, bis sie kommen – und sich einhören in ihre Wünsche und Probleme. Das entspricht wohl unserer ignatianischen Spiritualität – adiuvare animas – den Seelen helfen – und dies natürlich zur größeren Ehre Gottes. Papst Franziskus hat bereits durch sein erstes Auftreten gezeigt, dass es ihm wirklich um die Menschen geht und so dürfen wir erwarten, dass er sowohl die Fragen, Nöte und Probleme dieser pluralen Gesellschaften der globalisierten Welt angehen wird und dies mit den Kardinälen, Bischöfen und den Ordensgemeinschaften in der Kirche bestens kommunizieren möge.

Was sind die dringendsten Aufgaben, die Papst Franziskus in den kommenden Jahren anpacken muss?
P. Peter Linster: Ich schließe mich hier den Worten meines Mitbruders P. Karl Kern SJ, Rektor von St. Michael in München, an: es ist klar, dass das Fundament der Kirche von einer konservativen Grundeinstellung geprägt ist. Die Kirche kann nicht Jahr für Jahr – geschweige denn alle paar Monate! – ihre Grundeinstellung ändern, um so den Menschen zu gefallen. Sie weiß um ihre Werte und die Stütze, die sie vielen Menschen in ihr gibt. Natürlich haben jede Diözese und jedes Land in der Kirche ihre eigenen Probleme und Nöte. Diese gemäß den Voraussetzungen in den einzelnen Regionen der Kirche sachgerecht anzugehen – im Bewusstsein der vielfältigen Probleme weltweit – ist wohl mit die dringendste Aufgabe: die einzelnen Bischofskonferenzen sind hier mehr denn je gefordert, bei ihren Ad-limina-Besuchen in Rom Klartext zu sprechen. Bei diesen Besuchen erwarte ich mir von Papst Franziskus Weite, Verständnis und klare Unterscheidung der Geister im Sinne des hl. Ignatius.
Br. Georg Greimel: In der römischen Kurie gibt es sicher einiges neu zu ordnen. Arme und Hungernde gibt es auf der Welt zu viele, das gilt auch für Kriegsherde. Papst Franziskus wird dazu Stellung beziehen. Es bleibt zu wünschen, dass die Welt seine Stimme hört, vor allem die reichen Länder und die Waffenlobbyisten. In Deutschland brauchen wir einige neue und gute Bischöfe. Der Papst wird in schwierigen pastoralen Fragen Stellung beziehen. Ich hoffe, er wird im Sinn des Zweiten Vatikanischen Konzils seine Mitbrüder im Bischofs-amt stärken und ihnen den notwendigen Handlungsspielraum lassen.

Gleich am Tag nach der Wahl suchte Franziskus erst einmal die Gottesmutter auf. In der lateinamerikanischen Kirche hat die Marienverehrung traditionell eine hohe Bedeutung. Kann der neue Papst auch hierzulande der Marienverehrung und etwa der Wallfahrt nach Altötting einen neuen Schub geben?
P. Peter Linster: Als Präses der Marianischen Männerkongregation kann ich nur begrüßen, dass die Marienverehrung in ihrer Bedeutung zunimmt, nicht nur bei den Sodalen, sondern auch in den Pfarreien. Marienverehrung ist kein frommer Kult auf Maria ausgerichtet, sondern letztendlich eine Verehrung des Dreifaltigen Gottes. Ich denke, es ist ganz im Sinne des hl. Vaters Franziskus, dass wir hier im Bayernland und darüber hinaus die Wallfahrt nach Altötting nicht nur unterstützen, sondern intensive Werbung dafür betreiben.
Br. Georg Greimel: Papst Franziskus hat mit der kleinen Wallfahrt zur „Maria, Salus Popoli Romani“ (Maria, Heil des römischen Volkes) nicht nur die römische Volksseele gestreichelt, sondern sein eigenes Vertrauen auf die Muttergottes ausgedrückt. Seine Ordensvorfahren haben in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung der Kirche gerade vor 450 Jahren die Marianische Männerkongregation gegründet. Dabei ging es ihnen vorrangig um Bildung und Qualifizierung einer Kerngruppe. Es war damals schon eher eine Fügung, „Maria Verkündigung“ als Patronat zu wählen. Der Papst steht als Jesuit in einer starken Tradition. Ich bin eher skeptisch, ob die von ihm gesetzten Zeichen der Marienverehrung die deutsche Seele erreichen werden, ich hoffe, zumindest die bayerische. Die Männerkongregation kann in ihrem Jubiläumsjahr stolz darauf sein, dass ein Jesuit das Petrusamt ausübt.

Interview: Michael Glaß / Fotos: Roswitha Dorfner