Altöttinger Liebfrauenbote
Mit ihren Tieren ziehen die Bauern hinauf auf den Kapellplatz zur Segnung.
Mit ihren Tieren ziehen die Bauern hinauf auf den Kapellplatz zur Segnung.

Fünfte Bauernwallfahrt nach Altötting

Bewusst leben wie Franziskus

Zum fünften Mal sind am 17. März Landwirte nach Altötting gepilgert, um für die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft zu beten – mit dabei viele Tiere, denen Wallfahrtskustos, Kapuzinerpater Br. Andreas Kaiser auf dem Kapellplatz den Segen spendete. Über tausend Pilger hörten bei der von verschiedenen Bauernvereinigungen (AbL, BDM e.V., IggT, AgroGENtechnikfreie Landkreise/Zivilcourage) organisierten Wallfahrt im Kirchenzelt neben der St. Anna-Basilika eine sehr kritische Predigt von Pfr. Michael Witti, PV Feichten.

Pfr. Michael Witti hält beim Gottesdienst im Kirchenzelt einen Laib Brot hoch.
Pfr. Michael Witti hält beim Gottesdienst im Kirchenzelt einen Laib Brot hoch.

Nach den Lebensmittelskandalen der vergangenen Wochen war das Motto der Wallfahrt besonders aktuell: „Unser tägliches Brot gib uns und allen Menschen auf der Welt“. „Zwiespältige Gefühle“ löse die Bitte aus dem Vaterunser bei ihm aus, betonte Pfr. Witti und kritisierte die industrielle Lebensmittelproduktion scharf. Heute hungere weltweit rund eine Milliarde Menschen, doch bei uns landeten Lebensmittel im Abfall, nur weil sie nicht die richtige Farbe oder Form hätten. „Die Menge Brot, die in Deutschland täglich weggeworfen wird, würde ausreichen, um ganz Niedersachsen tagtäglich gratis zu versorgen“, stellte er fest. „Hier bekommt der Wahnsinn im wahrsten Sinne des Wortes Methode.“

Pfr. Witti kritisierte nicht nur „ungerechte, lebensmittel- und letztlich auch lebensvernichtende Wirtschaftsstrukturen“, sondern er sieht alle Menschen gefordert. "Niemand von uns allen hier, kann angesichts dieser Situation die Hände in den Schoß legen, oder sie gar in Unschuld waschen. Wir alle verschulden diese Situation Tag für Tag mit, einerseits, weil wir den eigenen Überfluss nicht gefährden wollen, andererseits weil wir einfach wegschauen, oder weil es uns schlichtweg egal ist, welche Folgen unser Handeln für unzählige Menschen und für die Zukunft unserer Schöpfung hat. Jede und jeder von uns hier weiß, dass es so auf Dauer nicht weitergehen kann, aber kaum jemand ist bereit, hieraus wirkliche Konsequenzen zu ziehen."

"Abkehr von einer wahnsinnigen und ehrfurchtslosen industriellen Lebensmittelproduktion" gefordert

Vor allem die jüngsten Teilnehmer der Wallfahrt freundeten sich mit den Tieren an – im Bild ein Mädchen mit einem Kalb und eine Frau und zwei Kinder, die das Kalb "begrüßen".
Vor allem die jüngsten Teilnehmer der Wallfahrt freundeten sich mit den Tieren an.

Sehr deutlich kritisierte Pfr. Witti die Wirtschaftsordnung, die Millionen Menschen in die Armut treibe und er rief die Gottesdienstbesucher dazu auf, die Ungerechtigkeit offen anzusprechen: "Wir alle sind mitverantwortlich dafür, dass die Politik im Großen, wie im Nationalen und im Kleinen, den menschenverachtenden Skandal einer Wirtschaftsordnung beim Namen nennt, der wenige unendlich reich macht und akzeptiert, das dieser Reichtum mit dem Elend Unzähliger blutig erkauft wird. Wir haben erlebt – und erleben es immer noch – was es heißt, wenn einige wenige Banken hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste ihre Gewinne maximieren wollen." Und weiter: "Es macht mir Angst, dass etwas Ähnliches mit der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion geschieht. Wenn nur noch wenige Firmen die Grundlage unser Lebensmittelproduktion in Händen halten, wenn es Patente auf Saatgut – also Patente auf Leben – gibt und damit wenige Firmen die Preise diktieren können, wird das unabsehbare soziale Folgen weltweit haben."

Pfr. Witti verdeutlichte die sozialen Folgen: "Vordergründig mag zwar behauptet werden, dass dieses – häufig auch noch gentechnisch veränderte – Saatgut besser mit Klimaschwankungen fertig wird, oder höhere Erträge bringt, faktisch werden aber gerade die Ärmsten der Armen sich dieses Saatgut gar nicht leisten können. Und wenn sie sich nicht einlassen, geraten sie in eine verhängnisvolle Abhängigkeit von den großen Konzernen, wie sie schon vor Jahren unzählige indische Baumwollbauern in den wirtschaftlichen Ruin – und viele davon in den Suizid – getrieben hat."

Von der Politik forderte er "die Abkehr von einer wahnsinnigen und ehrfurchtslosen industriellen Lebensmittelproduktion und die Förderung der bäuerlich strukturierten Landwirtschaft. Dann könnten gerade auch in vielen Entwicklungsländern Familien wieder ihrer Hände Arbeit gut leben, die heute arbeitslos im Elend versinken, weil wir die hochsubventionierten Abfallprodukte unserer westlichen Überproduktion billiger auf den Weltmärkten verscherbeln, als es die Bauern in vielen Ländern lokal produzieren könnten."

Papst Franziskus als Vorbild

Kapuzinerpater Br. Andreas Kaiser segnet die Tiere.
Kapuzinerpater Br. Andreas Kaiser segnet die Tiere.

Die Bauern rief Pfr. Witti dazu auf, ehrlich und nachhaltig zu wirtschaften und an die Verbraucher appellierte er, „auf regionale Kreisläufe, auf die Unterstützung und auch finanzielle Wertschätzung der Erzeuger zu achten“.

Als Vorbild für einen Neuanfang stellte Pfr. Witti den neuen Papst heraus, der sich auf den hl. Franz von Assisi beruft. Er attestierte Papst Franziskus "große und für viele Menschen – Christen, wie Nichtchristen – sehr wohltuende Bescheidenheit und Einfachheit" und betonte, dass dieser Papst diese Einfachheit nicht nur predige: "Er hat wohl vielmehr von Kindesbeinen an einen einfachen, bescheidenen, damit aber auch nachhaltigen Lebensstil als Grundprinzip unserer Existenz erkannt." Armut, Perspektivlosigkeit und Hunger seien für Papst Franziskus "die tägliche Realität der Menschen, mit denen er lebte und für die er da war". Es reiche daher nicht, "wenn wir nun einfach nur ein wenig begeistert sind, von der Bescheidenheit und dem angeblich neuen Führungsstil des Papstes Franziskus". – „Wichtiger wäre es, wenn auch wir – so wie unser neuer Papst – unseren bewussten Weg als Kirche, als einzelne Christinnen und Christen, unter das Patronat des heiligen Franziskus stellen würden“, appellierte Pfr. Witti an die Gottesdienstbesucher.

Pfr. Witti erklärte: "In unserer Kirche und in unserer Welt braucht es einen neuen Stil des Zusammenlebens, des Umgangs miteinander und der Verantwortung füreinander und für alle Menschen dieser Erde. Es braucht neuen Mut zur Einfachheit, zur Nachhaltigkeit, zum Respekt vor jedem Menschen und vor der ganzen Schöpfung. Wenn das aber nicht nur nette Worte bleiben sollen, braucht es ganz konkrete Konsequenzen, für die wir alle hier mitverantwortlich sind: in der Politik, bei Euch als Bauernschaft, bei uns allen als Konsumenten."

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Zur Gabenbereitung wurden Wasser, Milch, Brot, Äpfel und Honig zum Altar gebracht.
Zur Gabenbereitung wurden Wasser, Milch, Brot, Äpfel und Honig zum Altar gebracht.
Pfr. Witti beim Friedensgruß.
Pfr. Witti beim Friedensgruß.
Br. Andreas Kaiser erteilt den Segen.
Br. Andreas Kaiser erteilt den Segen.
Viele Tiere brachten die Bauern mit – ob Kälber...
Viele Tiere brachten die Bauern mit – ob Kälber...
... Ochs ...
... Ochs ...
...oder Schafe.
...oder Schafe.
Mädchen mit einem kleinen Kalb.
Mädchen mit einem kleinen Kalb.
Teilnehmer mit gesegneten Kräutern.
Teilnehmer mit gesegneten Kräutern.