Altöttinger Liebfrauenbote

Guatemala: Enma Catós Kampf ums Wasser gegen Großkonzerne – Weltwassertag am 22. März

„Sie ist eine besondere Frau“

Trinkwasser ist ein hohes Gut. Dass fast eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, wird auch heuer am 22. März beim „Weltwassertag“ wieder ein Thema sein. Der Tag steht unter dem Motto „Wasser und Zusammenarbeit“, „zugleich Thema des Weltwasserjahres 2013“, wie die UNESCO informiert. Dass Menschen für den Erhalt ihres Trinkwassers auch kämpfen müssen, zeigt ein Blick nach Guatemala.

Enma Cató ist eine engagierte junge Frau aus dem Mayavolk.
Enma Cató ist eine engagierte junge Frau aus dem Mayavolk.

Noch ist der Boden so trocken, dass jeder Schritt Staub aufwirbelt. Im Hochland von Guatemala sind zwei junge Frauen aus dem Mayavolk der Kaqchikel unterwegs auf einem schmalen Pfad. Ab und zu überqueren sie kleine Wasserläufe, in deren Umgebung Leute mit Spaten und Hacken die Erde umgraben, um Mais und Bohnen anzupflanzen. Doch die Trockenzeit geht zu Ende. Bald kommt der Regen. Dann wird der Staub zu Schlamm und die Äcker werden fruchtbar.

Der Weg führt steil bergauf. Enma Cató und Rosario sind außer Atem. Aber die Anstrengung tue dem Körper gut, sagt Rosario. „Außerdem ist so ein Marsch wie Nahrung für die Seele.“

Nach einer Stunde Fußmarsch erreichen die beiden Freundinnen eine Lichtung, auf der sich über hundert Personen versammelt haben. Sie sind aus den Dörfern und Weilern der Umgebung gekommen, um der Natur für das Wasser zu danken. Kinder spielen auf einer Wiese, bis ein Dorfältester um ihre Aufmerksamkeit bittet. In seiner Muttersprache Kaqchikel erinnert er daran, dass das Wasser die Blumen blühen und Obst und Gemüse wachsen lässt. Wasser schenkt Leben. Enma Cató fühlt sich wohl in dieser Gemeinschaft. „Dies ist eine Art Danksagung an die Mutter Erde“, erklärt sie. „Dort drüben sitzt ein Tata, ein spiritueller Führer. Er schenkt der Erde ein paar farbige Kerzen und Gewürze mit schönem Duft. Wir verstehen unsere natürliche Umwelt als Teil unseres Lebens. Dies ist die Entwicklung, die wir wollen. Sie ist anders als die Entwicklung, die uns die Regierung vorschreiben will. Wir haben unsere eigenen Bräuche, bei denen die ganze Gemeinde einbezogen wird. Die Kinder sollen durch den Wald rennen können, Spaß haben. Aber für diese Dinge interessieren sich viele Leute nicht. Sie haben eine völlig andere Vorstellung von Entwicklung. Ihnen geht es vor allem darum, ein neues Auto zu kaufen, um Konsum.“

„Die Rückschritte in der Entwicklung kommen von außen“

Wasser ist Leben -  Viele Mayas in Guatemala kämpfen um den Erhalt ihrer natürlichen Ressourcen.
Wasser ist Leben - Viele Mayas in Guatemala kämpfen um den Erhalt ihrer natürlichen Ressourcen.

Etwas abseits, im Schatten eines großen Laubbaums, stehen vier junge Musiker und warten auf ihren Einsatz. Während der Zeremonie spielt das Quartett immer wieder traditionelle Melodien der Mayas. Omar Kilas Instrument ist die Flöte. „Wir spielen die Musik unserer Vorfahren“, sagt Omar. „Es sind zeremonielle Rhythmen, mit denen wir der Natur danken. Wenn ich in meinem Leben einen anderen Weg gegangen wäre, hätte ich mich bestimmt schon in oberflächlichen Dingen verloren. Natürlich könnte ich mir einfach eine CD kaufen und sie zu Hause hören. Aber welchen Wert hätte das? Unsere Musik ist anders. Sie lässt uns spüren, dass wir zusammengehören mit unseren Brüdern, den Bäumen, mit unseren Brüdern, den Vögeln, mit dem Wasser. Das ist unsere Art zu leben.“

Der 22-jährige Omar Kila kennt Enma Cató seit ihrer gemeinsamen Kindheit. „Sie ist eine besondere Frau, eine Anführerin der Mayabewegung, der Jugend und der Bauern. Die Welt ändert sich, wenn Frauen den Menschen einen neuen Weg zeigen. Deshalb bin ich froh, dass es Frauen wie Enma gibt, die vorangehen. Sie gibt uns die Richtung vor.“

Enma ist Vorstandsmitglied von MOJOMAYAS, eine Jugendorganisation, die sich ursprünglich am Protest der Mayabevölkerung gegen den obligatorischen Militärdienst und gegen die Politik der Zwangsrekrutierung durch die guatemaltekische Armee beteiligt hat. Diese Ziele wurden erreicht. Heute gibt es in Guatemala sogar einen staatlich geförderten zivilen Friedensdienst.

Deshalb haben sich die Mitglieder neue Themenfelder gesucht. Sie beteiligen sich am Widerstand lokaler Mayagemeinden gegen wirtschaftliche Großprojekte, die ihre Umwelt zerstören und ihre Wasservorräte gefährden, zum Beispiel Kraftwerke oder Goldminen.

Enma Cató glaubt nicht, dass solche Projekte der Bevölkerung Fortschritt und Entwicklung bringen. Sie orientiert sich lieber an den traditionellen Werten der Mayakultur: „Das Wasser schenkt uns Leben und Nahrung. Es ist wichtig, die Bräuche unseres Volkes zu bewahren, das harmonische Zusammenleben mit der Natur. Manchmal setze ich mich neben einen Baum und erzähle ihm, wie es mir geht. Niemand sonst erfährt davon. Das hilft mir, mich besser zu fühlen. Manche Leute meinen, so ein Verhalten sei rückständig und unterentwickelt. Aber unsere Kultur ist nicht unterentwickelt. Die Rückschritte in der Entwicklung kommen von außen. Zur Zeit erleben wir wieder eine Epoche der Invasion. Fremde Konzerne wollen Geschäfte mit unserem Wasser machen. Wir müssen unsere Umwelt vor den ausländischen Firmen schützen. Wir wollen nicht, dass sie in unsere Gebiete eindringen.“

Protestzug in Guatemala-Stadt

Die Demonstrantinnen und Demonstranten in Guatemala-Stadt protestieren gegen Großprojekte transnationaler Konzerne, die ihre Umwelt zerstören.
Die Demonstrantinnen und Demonstranten in Guatemala-Stadt protestieren gegen Großprojekte transnationaler Konzerne, die ihre Umwelt zerstören.

Die Menschen, die sich auf der Lichtung versammelt haben, kommen aus den Dörfern der Umgebung. Sie leben in kleinen Holzhütten mit Dächern aus Wellblech oder Stroh und Schilf. Viele haben keinen Strom oder Wasseranschluss. Sauberes Wasser in natürlichen Wasserläufen ist eine Grundvoraussetzung ihres Lebens und ihrer Gesundheit. Wenn ein Familienmitglied krank wird, suchen sie meist nicht einen Arzt auf, sondern rufen einen Mayapriester, um eine Zeremonie durchzuführen, die das spirituelle Gleichgewicht im Umfeld des Kranken wiederherstellen soll – häufig an besonderen Orten wie dieser Wasserquelle.

Einige Tage später auf der wichtigsten Einfahrtsstraße im Norden von Guatemala-Stadt. Der Verkehr muss umgeleitet werden. Tausende Demonstranten laufen über den heißen Asphalt der Calle Martí. Einige barfüßig. Viele Kinder tragen alte Baumwollhosen und Hüte aus geflochtenem Stroh. Frauen in handgewebten Trachten halten Plakate mit politischen Parolen hoch: „Die Reichen werden immer reicher. Wir hungern!“ Oder: „Ausländische Konzerne stehlen unser Land!“

Eine der Demonstrantinnen ist Enma Cató: „Dies ist eine gewaltfreie Demonstration. Es motiviert mich sehr, so viele Leute zu sehen, obwohl sie in ihren Gemeinden mit existentiellen Problemen zu kämpfen haben. Diesen Kampf werden wir noch lange führen.“

Der Tag ist heiß. Ein Eisverkäufer bahnt sich seinen Weg durch die protestierende Menge. Für ihn bedeutet eine solche Massenkundgebung ein gutes Geschäft. Aber Enma gönnt sich kein Eis. Das kann sie sich nicht leisten. „Trotz des Elends, das wir ertragen, bin ich froh über mein Leben. Die Armut kann ich akzeptieren und es gefällt mir, am Kampf um die Anerkennung unserer Rechte beteiligt zu sein. Wir kämpfen für die Kinder, die heute heranwachsen und für die kommenden Generationen, die noch nicht geboren wurden.“

Der Protestzug in Guatemala-Stadt hat das historische Zentrum erreicht. Tausende Demonstranten haben sich vor dem Kongressgebäude versammelt, um ihren Petitionen Nachdruck zu verleihen. Frauen wie Enma Cató haben ihre eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung: „Wir hoffen, dass es uns eines Tages gelingt, das Utz‘K‘aslemal zu erreichen, das gute Leben, ein Leben, das unseren Vorstellungen von Entwicklung entspricht. Ein Leben in Harmonie mit der Natur. Das Modell, in das uns der Staat zwingen will, lehnen wir ab. Wir wollen keine Entwicklung durch Großprojekte, deren Profite ins Ausland fließen.“

Text und Fotos: Andreas Boueke

Anfang März ist das neue Buch des Autors dieser Reportage, Andreas Boueke, erschienen. „Guatemala, Recherchen auf heißem Pflaster“, Horlemann Verlag, 335 Seiten, 16,90 Euro.