Altöttinger Liebfrauenbote

Christen im buddhistischen Myanmar

Der Jugend eine Zukunft bauen

Christen sind im buddhistischen Myanmar eine Minderheit. Jahrzehntelang durften sie weder Kirchen noch Schulen bauen. Nach dem Ende der Militärdiktatur herrscht verhaltener Optimismus – auch bei den Salesianern Don Boscos. Beim Aufbau eines Berufsbildungszentrums in Rangun packt der junge Salesianer-Pater Andrew selbst mit an.

Father Andrew und Father Maurice auf dem Gelände des Vocational Training Centers.
Father Andrew und Father Maurice auf dem Gelände des Vocational Training Centers.

Am Anfang war der Sumpf. "Als erstes mussten wir eine Drainage verlegen", erzählt Father Andrew. "Mit dem Auto war kein Durchkommen zu unserer Parzelle", fügt er ruhig und sachlich hinzu. Dabei nimmt der 36-jährige, eher klein gewachsene Myanmare eine Schaufel in die Hand, um beim Abladen eines Lastwagens zu helfen. Der hat Sand auf das Baugrundstück der Salesianer in Hlaingtharyar am Rand der Millionenstadt Rangun gebracht. Sand, aus dem Ziegelsteine geformt werden. Steine, mit denen Father Andrew ein Don Bosco-Ausbildungszentrum für Jugendliche bauen will.

Grundstein gelegt

Father Andrew, David, Patia und Father Maurice besprechen sich.
Father Andrew, David, Patia und Father Maurice besprechen sich.

Auf den ersten Blick ist auf dem 4.500 Quadratmeter großen Gelände noch nicht viel zu sehen. Immerhin ist es von einer weißen Mauer umgrenzt, und die Grundmauern einiger Schulgebäude stehen. Sie dienen einer Reihe jugendlicher Helfer als behelfsmäßige Unterkünfte. Das Grundstück, 28 Kilometer von ihrem Hauptsitz in Rangun entfernt, hatten die Salesianer bereits 2009 gekauft, also noch vor der Öffnung des Landes. Eine kluge Entscheidung. Denn jetzt steigen ausländische Investoren ein, und die Grundstückspreise schnellen in die Höhe. Bei der Grundsteinlegung im Februar 2011 gaben Father Andrew und seine Mitstreiter sich nicht als Christen in dem buddhistischen Land zu erkennen, sondern traten als Geschäftsleute auf. Denn die offizielle Erlaubnis, eigene Schulen zu gründen, hat Don Bosco in Myanmar noch nicht. "Direkt verboten wird dies nicht mehr", sagt der junge Pater und wischt sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn. "Doch fast jedes Mal, wenn ich beim Bauamt vorstellig werde, vertröstet man mich."

Zwei Jahre nach dem unblutigen Ende der Diktatur besteht das Problem eher darin, kompetente Ansprechpartner in den Reihen der Lokalregierung zu finden. Immerhin gibt es Freiheiten, und die wecken Hoffnung. Hoffnung, auf die die Salesianer bauen. Mit seinen wenigen Helfern schaufelte der Pater einen Fahrweg von der zweihundert Meter entfernten Straße zum neuen Grundstück. Die Aktion brachte ihm erst die Sympathie und dann die Unterstützung der Anwohner ein. Die ersten sechs Wochen der Bauphase schlief Father Andrew vor Ort im Lastwagen, war dabei, als Strom gelegt und ein Brunnen gebohrt wurde. Um den Bau voranzubringen, packt er persönlich mit an. Zugute kommt dem Geistlichen dabei, dass er vor der Priesterweihe eine Ausbildung als Maschinenbauer im benachbarten Indien abgeschlossen hat. Aufgrund bürokratischer Hürden und des knappen Budgets ist zwar noch keines der geplanten Gebäude fertiggestellt. Aber der Pater geht mit Geduld ans Werk. "Fortschritt lässt sich nur in vielen kleinen Schritten erzielen, und die müssen gut geplant sein", weiß er.

Und der Tatendrang seiner jungen Helfer auf dem Gelände ist ungebremst. Gearbeitet wird vor allem am frühen Morgen, wenn die Temperaturen noch erträglich sind. "Wir haben bislang über 7.000 Ziegelsteine vermauert. Bis zu 400 am Tag haben meine Jungen produziert", sagt Father Andrew stolz. Seine Jungen, das sind derzeit elf Helfer zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die dem Bauprojekt des Paters Gestalt verleihen. Zugleich haben sie ein eigenes Interesse am Gelingen: Durch ihren Arbeitseinsatz verdienen sie sich einen Platz im zukünftigen Berufsbildungszentrum. In den Räumlichkeiten, deren Grundmauern sie derzeit hochziehen, werden sie eine Ausbildung zum Klimatechniker, Elektriker oder Automechaniker bekommen. Father Andrew plant, insgesamt etwa 35-40 Schüler pro Jahr aufzunehmen. Sie werden aus allen 15 Diözesen des Landes kommen. Aber nicht die Religionszugehörigkeit wird über eine Aufnahme entscheiden, sondern die soziale Bedürftigkeit.

Neue Freiheiten bergen auch Gefahren

Der 18-jährige David und der elfjährige Patia, der aus einem vom Tsunami betroffenen Landesteil stammt, produzieren Ziegel.
Der 18-jährige David und der elfjährige Patia (r.), der aus einem vom Tsunami betroffenen Landesteil stammt, produzieren Ziegel.

So kam auch der 18-jährige David hierher. Der Junge gehört der ethnischen Gruppe der Kachin an und hat im Alter von zwei Jahren seine Mutter verloren. Father Andrew kennt ihn aus seiner früheren Gemeinde in Namtu, im politisch instabilen Nordosten des Landes. Von dort ist David ihm nach Rangun gefolgt. Der Geistliche hält große Stücke auf den Jungen, vertraut ihm das Bargeld für die Baustofflieferungen an. David seinerseits will einmal Priester werden, wie sein Mentor und Vorbild. Als erstes muss er dafür seinen Schulabschluss nachholen, der ihm den Besuch einer Universität ermöglicht.

Auch Johannes, ein weiterer Bauhelfer, setzt auf eine Zukunft mit Hilfe von Father Andrew. Der Zwölfjährige stammt aus der Delta-Region, die 2008 von einem verheerenden Wirbelsturm heimgesucht wurde. Seine Mutter hat die Familie schon früh verlassen. Johannes ist ein Schulabbrecher – wie so viele in seiner Heimat. Die Lehrer an den staatlichen Schulen in Myanmar bekommen nur wenig Geld, und der Unterricht ist entsprechend demotivierend. Ganz anders die "aufbauenden" Erfahrungen, die Johannes mit den Salesianern macht. In Kontakt mit diesen war der Junge über seinen Vater Raphael gekommen. Der ist ein alter Bekannter von Father Andrew und hilft ihm als Handwerker bei allen Bauaktivitäten. Seinen Sohn Johannes sieht er bei Don Bosco auf dem richtigen Weg. Vorher hatte er befürchtet, der Junge könne durch den Einfluss Gleichaltriger in die Drogenszene abdriften. "Die neuen Freiheiten in Myanmar bergen auch Gefahren", sagt Father Andrew. Junge Menschen liefen Gefahr, falschen Vorbildern zum Opfer zu fallen, fügt er hinzu. Blind eiferten viele Jugendliche mit Kleidung und Frisur ausländischen Superstars nach, ließen sich gar wie diese tätowieren – und zögen sich nicht selten dabei eine Infektion zu.

Kirche als Anlaufstelle

Besprechung mit Father Andrew in der Kirche der Gemeinde Laing Thak Yok.
Besprechung mit Father Andrew in der Kirche der Gemeinde Laing Thak Yok.

Nach fünfzehn Minuten holpriger Autofahrt gelangt Father Andrew zu seiner zweiten Wirkungsstätte in Rangun. Seine zweite Baustelle, wenn man so will. Seit April 2012 leitet der Pater eine Gemeinde in einem Armenviertel der Millionenstadt – und steht auch dort vor großen Herausforderungen. Sauberes Wasser gibt es hier kaum, Mangelernährung ist weit verbreitet. Außerdem grassieren Tuberkulose, Malaria und HIV. Die Gemeinde, die zuvor keinen festen Priester hatte, besteht aus 336 Familien. Fünf bis sechs Kinder hat jede davon im Schnitt. Mehr als 250 Gläubige kommen jeden Sonntagmorgen um acht, wenn Father Andrew in der kleinen Kirche die hl. Messe liest. Besonders stark ist dabei die Jugend vertreten. "Ich glaube, es ist die Wärme, die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft im Notfall, die den christlichen Glauben bei jungen Menschen in Myanmar attraktiv macht", erklärt der Salesianer. In seiner Gemeinde dürfte für viele zudem eine große Rolle spielen, dass der junge Pater wie einer der ihren auftritt. Tatsächlich hat sich Father Andrews Kirche zu einer Anlaufstelle entwickelt. "Ich bin hier nicht nur der Geistliche", sagt der Pater, "ich fungiere auch als Berater und Psychologe. Und manchmal sogar als Arzt", fügt er lächelnd hinzu.

Gleich hinter dem Kirchengebäude hat er einen eigenen Treffpunkt für die jungen Gläubigen eingerichtet. Hier finden sportliche Aktivitäten statt, werden in einem behelfsmäßigen Freilichtkino Lehrfilme gezeigt. "Wer junge Menschen ansprechen will, muss bereit sein, ihnen Zeit zu schenken", sagt Father Andrew. Darüber hinaus plant er, das Grundstück seines Gotteshauses um zwei Nachbarparzellen zu erweitern. "Richtige" Büros sollen dann entstehen, ein Andachtsraum, mehr Platz für die Aktivitäten der Gemeindemitglieder. Bis jetzt finden die Power Point Vorführungen, zu denen er einlädt, oder die Sketche und Dramen, die er mit Gläubigen aufführt, direkt vor dem Altar statt. Ob Kirche oder Ausbildungszentrum, die beiden Baustellen des Paters werden noch viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Doch er ist zuversichtlich. "In Myanmar befinden wir uns in einer Übergangsphase. Das Erreichte müssen wir sichern und stärken. Und unsere Ressourcen müssen wir aufbauen. Für mich ist das vor allem die Jugend!"

Text: Peter Beyer (storymacher), Fotos: Ruth Bourgeois (storymacher)

Die Salesianer Don Boscos (SDB) sind ein katholischer Männerorden, gegründet 1859 von dem italienischen Priester und Pädagogen Johannes Bosco (1815-1888). In 132 Ländern der Welt engagieren sich 17.000 Salesianer für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche durch Schulunterricht, berufliche Bildung und Jugendarbeit – gleich, welcher Religion, Nationalität oder Ethnie diese angehören. Die von Bruder Jean Paul Muller geleitete Missionsprokur "Don Bosco Mission" in Bonn ist eine von fünf Zentren für die weltweite Koordination der Hilfsprojekte. Sie prüft welche Maßnahmen und Programme gefördert und finanziell unterstützt werden. Ziel der DON BOSCO MISSION ist es, im Dialog private Spender und Spendergruppen, Diözesen und Hilfswerke für die Anliegen der Salesianer zu begeistern und deren ideelle und materielle Unterstützung zu gewinnen. Die Gelder werden in den weltweiten Projekten eingesetzt, um so benachteiligten Kindern und Jugendlichen durch menschliche Aufnahme, Bildung und Ausbildung eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Impressionen

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Father Andrew im Gespräch mit einem Gemeindemitglied
Father Andrew im Gespräch mit einem Gemeindemitglied
Father Andrew spricht mit Patia und David.
Father Andrew spricht mit Patia (l.) und David (m.).
Ein LKW mit Sand für Steine wird angeliefert.
Ein LKW mit Sand für Steine wird angeliefert.

Länderinfo Myanmar

  • Myanmar grenzt im Norden und Osten an die Volksrepublik China, Laos und Thailand und im Süden an den Indischen Ozean. Dem Vielvölkerstaat mit rund 54 Millionen Einwohnern gehören 135 verschiedene Ethnien an. Die größte ist mit 70 % Bevölkerungsanteil die der Birmanen (Bamar). Die Shan sind die zweitgrößte Volksgruppe (8,5 %) und leben hauptsächlich im so genannten Shan-Staat, der größten aller 14 Verwaltungseinheiten des Landes.
  • 87,2 % der Bevölkerung gehören dem Buddhismus an, 5,6 % bekennen sich zum Christentum (1 Prozent zur katholischen Kirche), 3,6 % zum Islam.
  • Größte Stadt ist mit viereinhalb Millionen Einwohnern Rangun, bis November 2005 Hauptstadt des Landes. Danach wurden die Regierungsbehörden nach Nay Pyi Taw verlegt, eine Kleinstadt ungefähr 320 Kilometer nördlich von Rangun.
  • Das Land stand seit 1962 unter einer Militärherrschaft. Darunter litt auch die Bildung in Myanmar. Mehrere Hochschulen wurden geschlossen, vor allem aus Angst vor Studentenaufständen und vor der Kritik einer intellektuellen Elite.
  • Am 7. November 2010 fanden die ersten Wahlen seit 1990 statt. Zum ersten Präsidenten Myanmars seit 1988 wurde daraufhin am 4. Februar 2011 der vorherige Premierminister Thein Sein ernannt. Die oppositionelle Nationale Liga für Demokratie (NLD) boykottierte die Wahlen. Am 1. April 2012 jedoch beteiligte sie sich erstmals seit 1990 wieder an Parlamentswahlen. Im Ergebnis dieser Nachwahlen zog FriedensnobelpreisträgerinAung San Suu Kyi als Spitzenkandidatin der NLD erstmals in das Parlament ein.
  • Mit einem Bruttonationaleinkommen von 1.400 Euro (2010) pro Einwohner gehört Myanmar zu den ärmeren Ländern der Welt. Myanmar belegte 2011 den vorletzten Platz von 183 Staaten in der Korruptionsstatistik der Organisation Transparency International.
  • In der Nacht zum 3. Mai 2008 wurden Teile des Landes durch den Tropensturm Nargis verwüstet. Es starben nach Regierungsangaben vom 24. Juni 2008 84.537 Menschen, 53.836 gelten als vermisst. Nach UNO-Schätzungen wurden rund eine Million Menschen obdachlos.