Altöttinger Liebfrauenbote

Urlaub: Zehn Anregungen für die große Freizeit des Jahres von Kapuzinerpater Br. Paulus Terwitte

Gewohnte Bahnen erweitern

Ja, mag sein: Wir brauchen liebe Gewohnheiten. Keiner kann sein Leben täglich neu erfinden. Rituale sind gut. Aber: Unser Leben darf darin nicht erstarren. Der Urlaub kann eine Zeit sein, in der wir uns auf neue Wege begeben können.

Br. Paulus Terwitte.
Br. Paulus Terwitte.

So könnte der Mehrwert des Lebens entdeckt werden auf Pfaden, die wir bis jetzt noch nicht gegangen sind. Vielleicht so: Jeden Tag kitzelt die aufgehende Sonne uns die Lust auf Neues heraus. Sie lockt uns zu einer abenteuerlichen Reise in Dimensionen des Lebens und der Lebendigkeit, die man fast vergessen hätte. Es geht um den Gewinn, wenn wir auf Liebgewordenes bewusst verzichten. Es passt nun mal nicht alles in den Koffer. Wer damit Verlust an Freude und Lebensqualität verbindet, weiß wohl nicht, was Urlaub ist. Also lieber Urlauber, suchen Sie das Gespräch mit sich selber:

Gedichte genießen

Im Fluss der Sprache pulsiert das Leben. Dichter bringen Fragen auf den Punkt. Sie finden Worte, die zu Antworten führen. Ich lasse mich deswegen im Urlaub auf Gedichte ein, die geduldig im Bücherregal erwarten, von mir zum Leben erweckt zu werden.

Sucht benennen

Von Freiheit reden viele. Im Urlaub sowieso. Die Abhängigkeit aber wird totgeschwiegen. Deshalb bitte ich heute jemanden, mich aufzuklären. Vielleicht übersehe ich ja, wie weit meine Sucht schon geht. Und wenn ich das bei einem anderen erkenne: Im Urlaub ist Raum und Zeit; ich spreche ihn an. Oder sie.

Ein Kloster besuchen

In der Hektik der Zeit stehen die Klöster als Einladung von Gott, dem Leben wieder neu Tiefgang zu verleihen. Ich plane im Urlaub – wo immer ich auch bin – Gottesdienstbesuch ein, und gar mehrere. Und wenn ich einen Bruder oder eine Schwester sehe, traue ich mich, über Gott und die Welt ein Gespräch zu beginnen.

Hilfe anbieten

Im Urlaub ist auch Zeit für Nächstenliebe. Heute traue ich mich, auf einen Mitmenschen zuzugehen, um ihm meine Hilfe anzubieten. Ich stelle mir vor, wie sehr er darauf wartet, endlich einmal angesprochen zu werden. Ich überwinde meine Hemmungen und biete ihm Hilfe nach meinen Möglichkeiten an.

Fotos sortieren

"Auf alten Fotos sehen wir immer jünger aus" – hat einer mal gesagt. Unbeachtet seit Jahren liegen Bilder unsortiert in Schuhkisten und Papiertaschen, in Regalen und Schränken. Urlaube und Familienfeiern, Schnappschüsse und Kinderscherze warten auf Beachtung. Im Urlaub nehme ich mir Zeit dafür. Beim Betrachten schwelge ich in Erinnerungen und sortiere mit den Bildern auch einige Phasen meines Lebens.

Mutig sein

Lange vor mir her geschoben: Ein Gespräch, ein ernstes Wort, eine Entschuldigung, ein erklärender Brief. Immer hat mir der Mut dazu gefehlt, auch wenn ich den Hörer schon in der Hand hatte, den Finger schon am Klingelknopf. Ich traue mich, im Urlaub mutig zu sein.

Liebeserklärung machen

Es gibt Menschen, die ich sehr liebe. Ich würde es ihnen gern sagen, aber ich fürchte die Folgen. Ein Nein wird mich kränken, ein Ja unplanbar verwandeln. Im Urlaub habe ich alle Zeit der Welt:  Ich traue mich, mich dem Menschen, den ich mag, zu offenbaren.

Bücher sichten

Mein Bücherregal ist eine wahre Fundgrube. Vieles hat sich angesammelt. Heute forste ich die Regale durch. Ich suche nach Büchern, die ich hinter die anderen gestellt habe. Ich nehme sie in die Hand und erinnere mich, wann sie zu mir kamen. Vielleicht finde ich alte Schätze wieder. Von manchem verabschiede ich mich und entschließe mich, sie an Freunde oder auf den Flohmarkt zu geben. Ganz so, wie es in der Bibel im ersten Brief des Apostel Paulus an die Thessalonicher steht: "Prüft alles, und behaltet das Gute!"

Wasser schätzen

Tief muss man graben, bis ein Brunnen daraus wird. Wasserhähne und Sprinkleranlagen machen vergessen, was für ein Schatz das klare Gold ist. Ich traue mich, wo ich auch bin, klares Wasser zu trinken. Beim Duschen drehe ich nicht voll auf. Beim Zähneputzen lasse ich es nicht unnütz laufen. Im Urlaub wenigstens mache ich Urlaub mit dem Geschenk der Schöpfung.

Füße pflegen

Mit meinem ganzen Gewicht belaste ich die Füße Tag für Tag. Im Urlaub nehme ich mir die Zeit, sie zu pflegen. Dankbar betrachte ich sie. Ich gönne ihnen ein entspannendes Fußbad. Dann pflege ich die Fußsohlen und Zehen mit Creme. Ich massiere sie sanft und betrachte dabei mit Dankbarkeit, dass ich "auf eigenen Füßen" stehe.

Vielleicht helfen diese Impulse, Ihrem Urlaub eine persönliche Farbe zu geben. Oder Sie formulieren für sich etwas, mit dem Sie Ihr Leben mal wieder in den Blick nehmen wollen. Frei macht, was wir nicht schon kennen. Und uns deswegen herausfordert mit Kräften und Möglichkeiten, die in der Gewohnheit des Alltags keine Chance haben.

Bruder Paulus Terwitte OFMCap
Fotos: privat 1, Roswitha Dorfner 2