Altöttinger Liebfrauenbote

6. Sternwallfahrt der katholischen Deutschen aus Russland, Kasachstan und anderen GUS-Staaten

250 Jahre: "Tränen" und "Jubel"

Vor 250 Jahren waren sie aufgebrochen, nach 1990 kamen sie zurück: Viele deutsche Spätaussiedler aus Russland und anderen GUS-Staaten leben heute wieder im Land ihrer Vorfahren. Zu erzählen haben sie nicht nur von einer langen und oft auch leidvollen Geschichte, sondern auch von einer schwierigen Integration in ihrer alten neuen Heimat. Im Rahmen der 6. Sternwallfahrt nach Altötting feierten rund 300 Pilger einen Gottesdienst im Basilika-Kirchenzelt und blickten in einem Festakt zurück. Der Erfurter Weihbischof und Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Flüchtlings-, Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Reinhard Hauke, zelebrierte und hielt den Festvortrag.

Pilger halten ein Gemälde von Ladislaus Bukowinsiki in Händen. Der Priester leistete nach seiner Deportation 1941 aus der polnischen Heimat nach Zentralasien trotz mehr als zehnjähriger Haft in verschiedenen Arbeitslagern unermüdlich und unerschrocken
Pilger halten ein Gemälde von Ladislaus Bukowinsiki in Händen – der Priester leistete nach seiner Deportation 1941 aus der polnischen Heimat nach Zentralasien trotz mehr als zehnjähriger Haft in verschiedenen Arbeitslagern unermüdlich und unerschrocken seelsorgerische Dienste. Auf der Wallfahrt wurde für seine Seligsprechung gebetet.

250 Jahre? Dass Deutsche nach Russland auswanderten, kam auch schon im Mittelalter vor und doch markiert das Jahr 1763 einen Wendepunkt. Die Menschen in Europa kämpften gerade mit den Folgen des Siebenjährigen Kriegs (1756-1763). Gleichzeitig suchte die aus Deutschland stammende Katharina II. (1762-1796) nach Kolonisten für die vielen unbewohnten Gebiete im russischen Reich. Angelockt durch Privilegien wie Religions- oder Steuerfreiheit brachen viele Bewohner des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation auf – und fanden eine Wildnis vor. Es folgte eine lange Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen, mit einer ebenso gewaltigen wie verlustreichen Pionierleistung der deutschen Siedler, mit Neid, Unterdrückung und erneuter Auswanderung und vor allem mit Krieg, Verbannung und Tod in der Sowjetunion. Viele Seiten, ganze Bücher ließe ein Rückblick füllen - Gottesdienst und Festakt fanden jedoch nicht nur im Gedenken an die Vorfahren statt, sondern vor allem auch mit Blick auf Gegenwart und Zukunft der Spätaussiedler in Deutschland.

Deutliche Worte

Weihbischof Reinhard Hauke und im Vordergrund
Weihbischof Reinhard Hauke und links im Vordergrund P. Eugen Reinhardt.

"Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten" – mit Psalm 126,5 fasste P. Eugen Reinhardt von den Philippinen den "Schicksalsweg unserer Vorfahren" zusammen. Der Prediger wählte kämpferische und Mut machende Worte und deutlich waren denn auch seine Worte in seinem Rückblick. Er gedachte allen "die in 250 Jahren ihr Leben hingeben mussten" – ein "Gedenken in Anerkennung und Ehrfurcht". Er erinnerte an einfache Kolonisten, die "aus einem tiefen, überzeugten Glauben heraus gewaltige Kirchen bauen konnten" und an die Entstehung neuen religiösen Lebens, das in über 70 Jahren kommunistischer Diktatur hatte "ausgerottet" werden sollen. Er kritisierte ein "neues Europa", das sein christliches Fundament vergesse. Er sprach sowohl von einem "Idealbild der Heimat Deutschland", das über Jahrhunderte hinweg bewahrt worden sei, aber auch von der Enttäuschung nach der Rückkehr ins "Land der Sehnsucht". – "'Russlanddeutsche' war ein Wort, das man nicht gerne hörte", sagte P. Eugen, als er an die Rückkehr von Spätaussiedlern Anfang der 90er-Jahre erinnerte. "Vieles hat sich zum Besseren gewandelt", sagte er aber auch.

MdB Mayer: "Ihre Anliegen und Bedürfnisse werden in der Politik sehr ernst genommen"

Bürgermeister Herbert Hofauer, MdB Stephan Mayer, Waldemar Eisenbraun und Weihbischof Reinhard Hauke beim Festakt.
Festakt "anlässlich der Auswanderung nach Russland vor 250 Jahren" (im Bild von links): Bürgermeister Herbert Hofauer, MdB Stephan Mayer, Waldemar Eisenbraun und Weihbischof Reinhard Hauke.

Dank für seine Worte erhielt P. Eugen von Waldemar Eisenbraun, Vorsitzender der "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland" in Bayern. "Viele von uns sind auf dem Weg und immer noch nicht angekommen", sagte er. Diesen Menschen müsse Halt gegeben werden. Idealbilder mögen nicht zutreffen, aufgeben müsse man sie deshalb aber nicht. "Als Bürger des Landes mitanzupacken" riet er seinen Landsmännern.

Dass sie dabei zunehmend auf Unterstützung der Politik hoffen können, war den Worten von Stephan Mayer zu entnehmen – der Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Altötting-Mühldorf ist zugleich Erster stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Vertriebene und Flüchtlinge der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. In den ersten Jahren nach 1990 seien beiderseits viele Fehler gemacht worden, sagte er und versicherte aber: "Ihre Anliegen und Bedürfnisse werden in der Politik sehr ernst genommen." Er verwies auf den Integrationsgipfel, vor allem aber auf die Härtefallregelung im Bundesvertriebenengesetz. Erfolgreich habe er für eine weitere Flexibilisierung geworben, die es vor allem den vielen kranken und behinderten Menschen möglich machen solle, nach Deutschland zu kommen. Mayer betonte: "Sie sind ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft." Altöttings Bürgermeister Herbert Hofauer verwies auf einen Anteil von 16 bis 18 Prozent Spätaussiedler aus Russland und GUS-Staaten an den Einwohnern in Altötting und erklärte: "Nehmen wir die Chance wahr, offen zu sein für das Neue und Andere, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren."

Weihbischof Hauke: "Der Glaube an Gott ist der feste Standpunkt, von dem aus wir die Ereignisse der Zeit betrachten und verändern können"

Betende Pilgerin während der hl. Messe.
Betende Pilgerin während der hl. Messe.

Weihbischof Hauke lenkte in seinem Festvortrag den Blick auf die Geschichte der ostdeutschen Katholiken, die er mit der der "Russlanddeutschen" während der sowjetischen Diktatur verglich. Er stellte fest, "dass die sozialistische Geschichte uns weiterhin prägt" und beklagte, dass die "Schuldfrage" jahrzehntelanger Unterdrückung "nicht gestellt und zugelassen wird". Ausführlich legte er dar, wie der katholischen Kirche und ihren Gläubigen in der DDR grundlegende Rechte vorenthalten wurden und wie schwierig für Christen die "weltanschauliche Bewährungsprobe" war. Hauke erklärte, wie sich die Verhältnisse nach der "Wende" verändert haben und wieso gerade der Verzicht auf Macht Christen zu einer starken Gemeinschaft werden lasse. "Nicht Macht ist das Ziel der Kirche, sondern die Weitergabe des Friedens Christi", sagte er. "Kein Druck soll durch die Kirche ausgeübt werden, der ängstigt. Das macht die Kirche hilflos, aber damit ist sie dem Verhalten Jesu sehr nahe und regt zum Nachdenken an." Hauke resümierte: "Haben wir Mut zur Auseinandersetzung mit unserer geschichtlichen Situation – egal wo wir im kirchlichen Leben gestalten wollen. Der Glaube an Gott ist der feste Standpunkt, von dem aus wir die Ereignisse der Zeit betrachten und verändern können."

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner