Altöttinger Liebfrauenbote

Kirchen legen gemeinsame Studie zu Religionsfreiheit vor

Gemeinsam für die Freiheit

Ruhig und sachlich liest sich der erste "Ökumenische Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit" – gemeinsam herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ein wenig zu ruhig vielleicht, um von einer großen Medienöffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Dies sollte er aber. Nicht nur weil das Thema – die Verfolgung von Christen – ein ernstes ist, das wenig Beachtung findet. Sondern auch, weil der Bericht über den eigenen, den "christlichen" Tellerrand hinausblickt, die Menschenrechte als Basis nimmt und mit Lösungsvorschlägen aufwartet, die so naheliegend und ur-christlich sind, dass sie auf dem ersten Blick vielleicht doch überraschen.

Einschränkungen der Religionsfreiheit nehmen zu – dies ist die zentrale These des ersten "Ökumenischen Berichts zur Religionsfreiheit weltweit", dem auch dieses Schaubild entnommen wurde.

Menschenrechte? War da nicht auch etwas mit dem "Recht auf Freiheit"? Nun, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das weiß heute jedes Kind und das ist auch gut so. Aber wie vielen Leuten im säkularen Westen mag das Recht auf Religionsfreiheit in den Sinn kommen? Auch insofern war es eine kluge Idee, einen Menschenrechtsexperten – Theodor Rathgeber von der Uni Kassel – als Autoren des Berichts zu beauftragen. Da er sich in rechtlicher Hinsicht auf allgemein anerkannte Normen wie etwa die UN-Menschenrechtserklärung und eine international anerkannte Terminologie stützt und darüber hinaus auf viele "Studien und Faktenangaben" allgemein anerkannter Institutionen zurückgreift, ist seine Methodik gut nachvollziehbar und die Ergebnisse universell. Missionarischer Eifer kann ihm definitiv nicht unterstellt werden und so sollte der Trend, den die Studie hervorhebt, eigentlich hohe Beachtung finden: "Ein zentrales Ergebnis der Auswertung besagt, dass im Untersuchungszeitraum ab 2007 die Einschränkungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit zugenommen haben." Kurzum: Das Recht auf Religionsfreiheit ist zunehmend bedroht und das geht nicht nur Gläubige etwas an, sondern alle, denen die Rechte auf Leben, Freiheit, Rechtschutz oder Selbstbestimmung etwas bedeuten!

Dies gilt umso mehr, da der Bericht Verfolgungen aus religiösen Gründen vor allem dort lokalisiert, wo die Menschenrechtslage allgemein schlecht ist. Der Bericht spricht von einem "harten Kern von Ländern, deren autoritäre staatliche Verfasstheit die freie Äußerung von Meinungen und Überzeugungen insgesamt behindern"; von Ländern, wo "Verletzungen und Bedrohungen des Freiheitsrechts" "entweder Ergebnis staatlichen Handelns" sind "oder sozialer Anfeindungen, die von staatlichen Organen nicht unterbunden oder gar befördert" wurden. Die Studie zählt Ägypten, Indonesien, Saudi Arabien, die Russische Föderation, Myanmar, Iran, Vietnam, Pakistan, Indien, Bangladesch und Nigeria zu den Ländern mit den stärksten Einschränkungen der Religionsfreiheit.

Vorschläge statt Superlative

Der Bericht unterscheidet Restriktionen in zweifacher Hinsicht: "Einschränkungen (Restriktionen, Verbote) können das Ergebnis gesetzgeberischer Tätigkeit und von aktivem Regierungshandeln (government restriction) sein (dieses Schaubild), oder ..."

Hervorzuheben ist vor allem, dass der Bericht von einem "Trend" spricht. Superlative vermeidet er ebenso wie "kommagenaue Zahlen". Hier unterscheidet er sich klar von Studien christlicher Hilfsorganisationen wie etwa dem "Weltverfolgungsindex" (WVI) des überkonfessionellen Hilfswerks Open Doorsauch der "Bote" berichtete. Dass Christen zunehmend unter Verfolgung und Diskriminierung leiden, ist das zentrale Ergebnis – bei Open Doors wie im "Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit", also hier wie dort. Doch während hier zwar Aufmerksamkeit weckende aber ebenso umstrittene Zahlen – "100 Millionen verfolgte Christen weltweit" – jährlich für Schlagzeilen sorgen, dominieren dort die leisen Töne: dass Christen am meisten verfolgt werden, sei keine Überraschung, immerhin seien sie ja auch die zahlenmäßig größte Gruppe, heißt es etwa. Während hier eine Rangliste einen zweifellos wichtigen Überblick schafft, gibt es dort differenzierte Analysen auf der Basis allgemein anerkannter und weltanschaulich unabhängiger Untersuchungen. Während Open Doors Verfolgungen von Christen vor allem in islamisch geprägten Staaten ausmacht, zeigt der Bericht dort, dass es vor allem autoritäre Staaten sind, die den Glauben instrumentalisieren und religiösen Hass schüren. Eine Feststellung, die natürlich gerade auch den Islam angeht, denn es sind eben nicht nur Christen, sondern vor allem muslimische Bürger, die unter Repressionen leiden, wenn radikale Islamisten das Zepter übernehmen. Dies stellte auch Open Doors im WVI in einzelnen Länderanalysen fest; der jetzt vorliegende Bericht aber analysiert die Zusammenhänge eingehender.

Ganz allgemein ist im Ökumenischen Bericht zu lesen: "Ob es eine generelle, typische Verfolgungssituation für Christen gibt, die sich fundamental von derjenigen gegenüber anderen Religionen unterscheidet, lässt sich weder mit einem eindeutigen Ja noch Nein beantworten. Nicht jeder Konflikt, in dem Christen zu Schaden kommen, hat religiöse Gründe, und nicht jeder Fall von brutaler Gewalt gegenüber Christen hat seine unmittelbare Ursache im Glauben an Jesus Christus. Die Zahlen und Berichte über die Verfolgung und Bedrängung von Christen zeigen deutlich, dass dort, wo die Religionsfreiheit für Christen eingeschränkt ist, auch die Freiheit anderer Religionen missachtet wird, beispielsweise auch von Minderheiten und Dissidenten innerhalb des Islam." Kurzum: Ein Rechtsstaat, der Religionsfreiheit garantiert, bietet nach wie vor den besten Schutz vor Verfolgungen.

Kritik am säkularen Westen

"... aber das Ergebnis von nichtstaatlicher Einwirkung auf Gläubige oder eine Glaubensgemeinschaft (social hostility) sein (dieses Schaubild). Letzteres tritt oft Hand in Hand mit unterlassenem Regierungshandeln auf."

Das schließt nicht aus, auch Kritik am säkularen Westen zu üben: "So steigt die Zahl von Christinnen und Christen, die sich etwa in Westeuropa oder Nordamerika an den Rand einer zusehends nach säkularen Gesichtspunkten organisierten Gesellschaft gedrängt fühlen", heißt es im Bericht. "Kanada" etwa – einem von mehreren Länderbeispielen – wird viel Raum gegeben; als ein Beispiel für ein mehrheitlich christlich geprägtes Land und einen Rechtsstaat, der es mit der Religionsfreiheit nicht mehr ganz so genau nimmt. U.a. wird eine Verordnung in Quebec angeführt, wonach "alle religiösen Unterweisungen wie das gemeinsame Beten oder Basteln religiöser Symbole in staatlichen und staatlich finanzierten Kindertagesstätten untersagt sind". Der Bericht spart auch nicht mit Seitenhieben gegen die Politik: "Die USA sind bislang allerdings – neben dem Heiligen Stuhl – der einzige gewichtige politische Akteur geblieben, der die Durchsetzung der völkerrechtlich bindenden Religions- und Weltanschauungsfreiheit zum institutionellen Bestandteil der (Außen-)Politik erhoben hat." Aber auch "völkerrechtlich zweifelhafte Verbote gegen den Bau von Minaretten" werden moniert.

Weil der Bericht ganz allgemein die Religions- und Weltanschauungsfreiheit zur Basis hat, nimmt er ganz automatisch etwa auch die Situation der Muslime oder der Atheisten in den Blick, und weil er eben nicht nur die Situation der Christen untersucht, kommt er zu hilfreichen Erkenntnissen. Vor allem in den Lösungsvorschlägen liegt die große Stärke des Berichts. Sie legt den Christen nahe "sich über konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg für gegenseitigen Respekt zu engagieren, sich religionsübergreifend für rechtsstaatliche Verhältnisse einzusetzen und so an einem friedlichen Miteinander der Religionen mit zu bauen." Ein Ratschlag, der auf konkreten Ergebnissen beruht: "Protestantische und katholische Christen finden jedoch zunehmend Verbündete unter tibetischen Buddhisten, Bahais aus dem Iran, Uighuren aus dem Westen Chinas oder gemäßigten Muslimen in vielen Ländern der Welt, die ebenfalls eine Radikalisierung und fundamentalistische Auslegung ihrer Religion fürchten", heißt es etwa. Dass ein Christ auf seine Nächsten achtet, ist das christliche Prinzip schlechthin und wenn sich daraus konkrete Vorteile ergeben – na dann umso besser.

Der Bericht jedenfalls zeigt auf: Eine Zusammenarbeit über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg kann nur nützen und wer für das Recht auf Religionsfreiheit eintritt, schützt die Menschenrechte ganz allgemein.

Text: Michael Glaß, Foto: Roswitha Dorfner, Schaubilder: aus dem "Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit"

Der Bericht als PDF-Datei

Link zur Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz (mit Stellungnahmen)

Zahlen und Fakten aus dem Bericht

Schaubild zur Anzahl der Christen weltweit. Dem Christentum gehört rund ein Drittel der Weltbevölkerung an.
  • Studien renommierter Forschungszentren weisen seit 2007 einen eindeutigen Trend nach, wonach Verletzungen des Rechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit beständig zugenommen haben.
  • Rund drei Viertel der Weltbevölkerung lebt in insgesamt 184 Ländern, in denen die freie Religionsausübung gefährdet ist. Dies betrifft Angehörige aller Religionen, wenngleich Christen und Muslime nicht zuletzt aufgrund ihrer Anzahl am häufigsten betroffen sind. Christen und Muslime umfassen rund die Hälfte der Weltbevölkerung.
  • Mit Einschränkungen konfrontiert sehen sich Christen in 130 Ländern, Muslime in 117, Juden in 75, Buddhisten in 16 und Hinduisten in 27 (siehe erstes Schaubild).
  • Das Gesetz schränkt Religionsfreiheit ein in 157 Ländern, das öffentliche Bekenntnis wird staatlicherweise eingeschränkt in 131 Ländern, der Religionswechsel wird staatlich begrenzt in 38 Ländern, terroristische Gruppen mit religiösem Bezug sind aktiv in 74 Ländern (siehe erstes Schaubild).
  • In 64 Ländern und damit in rund einem Drittel aller Staaten sind erhebliche Einschränkungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit nachweisbar. Darunter befinden sich Länder mit hoher Bevölkerungszahl – China, Indien, Pakistan, Indonesien, Russische Föderation –, so dass rund 70 Prozent der Weltbevölkerung einem hohen oder sehr hohen Maß an Restriktionen unterliegen.
  • Der Anteil der Länder mit einem sehr hohen Maß an Einschränkungen hat zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 von 31 Prozent auf 37 Prozent zugenommen. Die im statistischen Mittel am stärksten von Restriktionen betroffene Region ist der Mittlere Osten und Nordafrika (Wertung 4,9). Das zweithöchste Mittel wird für die Region Asien-Pazifik gemessen (3,3). Europa ist im Mittelfeld platziert (1,9). Länder der Sub-Sahara erreichen so eine bessere Wertung (1,4). Amerika schneidet am besten ab (1,0).
  • In knapp zwei Dritteln aller Länder (63 Prozent) haben Anzahl und Ausmaß an Restriktionen zugenommen. Lediglich ein Viertel (25 Prozent) verzeichnete eine Abnahme.
  • Lediglich vier Prozent der Staaten schreiben die Diskriminierung oder Nichtzulassung von Religionsgemeinschaften oder atheistischen Vereinigungen in ihrer Verfassung fest.
  • Weltweit stieg die Anzahl von Ländern (von 147 auf 160), in denen Angehörige von Religionsgemeinschaften attackiert wurden, darunter Sikhs, Juden, Hinduisten, Animisten, Angehörige traditioneller afrikanischer oder chinesischer Religionen oder indigener Völker sowie Minderheiten wie die Ahmadiyya oder die Zeugen Jehovas.
  • Christen wurden im besagten Zeitraum in 111 Ländern bedrängt und verfolgt. In 95 Ländern schränkten staatliche Akteure die Religionsfreiheit von Christen ein, während soziale Anfeindungen durch Mobs, Gruppen oder Individuen in 77 Ländern ausgewiesen wurden.
  • Dem Christentum gehört rund ein Drittel der Weltbevölkerung an. Es stellt in 158 Ländern (rund zwei Drittel aller Länder) eine relative Mehrheit. Dies umfasst etwa 90 Prozent aller christlichen Glaubensgemeinschaften. Demgegenüber leben etwa 10 bis 13 Prozent unter den Bedingungen einer religiösen Minderheit. Rund 80 Prozent der Christen in dieser Minderheitensituation konzentrieren sich auf wenige Länder: China, Indien, Indonesien, Südkorea, Elfenbeinküste, Vietnam, Tschad, Ägypten und Kasachstan.
  • Auch der christliche Missionsauftrag kann zu Auseinandersetzungen führen. Anzumerken ist jedoch, dass in rund der Hälfte aller Länder Missionierung ohne Probleme möglich ist und ein absolutes Missionsverbot sich auf sechs Prozent aller Länder beschränkt.