Altöttinger Liebfrauenbote

Am 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag – ein Besuch in Yad Vashem in Jerusalem

„Sagt ihm, dass ich“ (...)

Von „Unvorstellbarem“ ist oft die Rede, von der „Banalität des Bösen“ wurde schon geschrieben. Tatsächlich war der Holocaust einzigartig in seiner Totalität – ein Völkermord, der in der Geschichte ohne Beispiel ist. Aber Auschwitz war real und Hitler und seine engsten Vertrauten waren nicht verrückt, dumm, ungebildet oder banal; die Massenmörder waren Familienväter, Nachbarn und Vereinskameraden. Wenn die Welt am Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar einmal im Jahr an die mehr als sechs Millionen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns erinnert, dann gilt es über „das Unsagbare“ so zu sprechen, dass sich auch noch die späteren Generationen daran erinnern können. Denn die Zeitzeugen werden bald alle gestorben sein und die Kinder werden vom Holocaust nur noch in Schulbüchern lesen. Doch wer sich auf die Geschichte des Holocaust und das Schicksal der Opfer einlässt, der fällt erst einmal in ein langes Schweigen – ein Besuch im „Neuen Museum für Holocaustgeschichte“ in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Blick ins Museum.
Immer enger wird der Gang durch das Museum.

Was will Eva erzählen? Wo ist Adam? Gott kommt gar nicht vor in diesem Gedicht’: – „Hier in diesem Transport / bin ich Eva / mit Abel meinem Sohn / wenn ihr meinen großen Sohn seht / Kain Adams Sohn / sagt ihm daß ich “(...) Das Gedicht „Mit Bleistift geschrieben im versiegelten Waggon“ des Lyrikers und Holocaust-Überlebenden Dan Pagis (1930-1986) endet im Nichts. Selbst der Satzbau scheint verquer. Hier stimmt gar nichts mehr. Es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, wie die Geschichte ausgeht und es braucht nicht viel Fantasie um zu wissen, was mit den deportierten Eva und Abel geschehen ist.

,Was sollen wir Kain sagen? Wer war Kain? Ein Nazi-Scherge, ein Kollaborateur, ein Mitläufer oder doch ein möglicher Helfer? Mit Kain ist doch der Mord in die Welt gekommen.’ Jetzt erreicht das Morden gerade seinen Höhepunkt. 1939, die Deutschen marschieren in Polen ein: In Olkusz beobachten Schaulustige die von einem langen Balken baumelnden Leichen von elf gehenkten Menschen; 1940-43, das Ghetto in Warschau: zwei Kinder kauern am Straßenrand, ihre Beine sind nur noch Haut und Knochen, nicht weit ein Massengrab mit ausgemergelten Leichen; 1941, die Invasion in die Sowjetunion beginnt; in der Schlucht von Babi Yar stapeln sich die Leichen, über 33.000 Juden „schafften“ die Todesschützen an nur zwei Tagen; 1942, Reinhard Heydrich lädt zu einer kurzen Besprechung am Berliner Wannsee, das Protokoll zur „Endlösung“ umfasst elf Millionen Juden; aus den Gesichtern der Deportierten spricht die Verzweiflung, der Durst, der Hunger und die Angst. 1941/42, das Erschießen der Opfer wird zu „anstrengend“, das Morden soll endlich „erträglicher“ werden – erträglicher für die Mörder. Eine Luftaufnahme der Todesfabrik Auschwitz-Birkenau, Dosen mit Zyklon B, das Morden wurde in „Fabriken“ verlegt, Modelle der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka zeigen: Als die Opfer aus dem Zug stiegen und in die Gaskammern eskortiert wurden, konnten sie die Leichenberge hinter den Mauern nicht sehen.

Wie in einem verschlossenen Waggon

Im Museum: Ein Mann betrachtet Schautafeln mit Zeitzeugenberichten und Fotos.
Die vielen Fotos, Filme, Zeitzeugenberichte, Zitate, Modelle und Dokumente ziehen den Besucher mitten hinein in die Geschichte der Schoa.

Wie in einem langsam rollenden Zug ziehen die Bilder der „Museumslandschaft“ vorbei. Die vielen Fotos, Filme, Zeitzeugenberichte, Zitate, Modelle und Dokumente ziehen den Besucher mitten hinein in die Geschichte der Schoa. Kaum jemand redet, wenn er das Holocaust-Museum besucht. Irgendwann fühlt sich auch der Besucher wie in einem verschlossenen Waggon und endet im „Nichts“. Der Gang, 180 m lang, wird enger. Immer tiefer geht es hinab in den „Berg der Erinnerung“. Das Dach des dreieckigen, prismaförmigen Baus lässt Tageslicht durchscheinen. Es geht nach links und rechts in die insgesamt neun Galerien; der Weg durch die Mitte ist versperrt mit noch mehr Geschichte und Geschichten – auch in den Versenkungen des Mittelgangs sind Exponate und Bildschirme aufgestellt. Kein Ausweg. Irgendwo zwischen den „Ghettos“, der „Endlösung“ und den „Deportationen und der Vernichtung in den Todeslagern“ beginnt dann auch der Geist langsam zu schweigen. Er wundert sich nicht mehr, stellt kaum noch Fragen. Die Eindrücke wollen verarbeitet – verstanden werden. Irgendwo muss der Geist nun zur Ruhe kommen. Nur dass das Museum kaum Gelegenheit gibt für Pausen. Zur Flucht erst recht nicht.

,Warum sind Eva und Abel nicht geflohen, als noch Zeit dazu war? Waren die Juden nicht gewarnt?’ Seit langem hatte sich das Bild von den „Christusmördern“ tief festgesetzt in den Köpfen der Leute, im 19. und 20. Jh. trafen gesellschaftliche Vorurteile und pseudowissenschaftliche Rassentheorien auf einen fruchtbaren Boden. Doch man sucht vergebens nach dem Punkt, der den Opfern klar signalisiert hätte, dass nun die letzte Möglichkeit zur Flucht gegeben ist. Stattdessen wird der Museumsbesucher gleich zu Anfang mitgenommen in die jüdische Welt in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg. Eine dynamische und temperamentvolle Welt in den Gemeinden: Ein Mann und sechs Kinder spielen auf ihrer Geige, zwei Mädchen winken. Ein Ort zum Verweilen. Der Film am Eingang zur ersten Galerie ist aus originalen Filmausschnitten und Fotos zusammengesetzt. Dann ein Familienfoto, dort ein Foto mit zwei Juden in Uniform – sie dienten in der Wehrmacht im Ersten Weltkrieg. Die Juden, von denen nicht wenige zum Christentum konvertiert waren, sie schienen angekommen in Deutschland.

Natürlich spürten dann auch die Juden die Wucht der Veränderung nach 1933. Die nationalsozialistische Ideologie wurde schnell ganz praktisch und konkret und bestimmte Politik und Gesellschaft. Ein Foto zeigt ein Schild: „Juden betreten diesen Ort auf eigene Gefahr“. Hier ein Entlassungsschreiben des deutschen Ärzteverbands an eine jüdische Ärztin namens Dr. Erna Bell. Uri Ben-Ari, damals ein Junge, der als einziger Jude eine nichtjüdische Volksschule besuchte, erzählt: „Jeden Morgen unterrichteten sie uns die Rassenkunde (...), und obwohl ich darum bat, von diesen Stunden befreit zu werden, haben sie das nicht erlaubt. Stattdessen bekam ich zehn Schläge auf den Hintern.“ Doch die Juden waren zu tief verbunden „mit allem was deutsch war“, Prof. Walter Zwi Bacharach erzählt: „So duldete meine Mutter zum Beispiel nicht, dass zuhause Jiddisch gesprochen wurde (...) Ich erinnere mich, wie meine Mutter (nach der Reichskristallnacht 1938) blass dastand und weinte. Ich erinnere mich daran, dass sie dann nichtjüdische Freunde anrief. Sie hatte mehr nichtjüdische Freunde als jüdische. Keiner antwortete. Nicht ein einziger.“ Nur wenige konnten nach 1938 noch rechtzeitig auswandern, die meisten Länder verweigerten die Einreise. Ein Mädchen hat es geschafft. Ein Foto zeigt es mit ihrer Puppe auf dem Schoß und einer Hand auf dem Kleidersack – der „Kindertransport“ 1938 fuhr ohne Eltern nach England ab. 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Auf die Ausgrenzung, Entrechtung und Erniedrigung folgte die Ghettoisierung, Verelendung und Ermordung.

Der Name soll bleiben

Halle der Namen.
Halle der Namen.

(...) Stille. Das Warschauer Ghetto, die Mordmaschinerie in Auschwitz, sie waren Endstation für Millionen Menschen. Doch der Überlebenswille war groß, das zeigen nicht nur die Bilder und Berichte vom Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. Ein Bild mit zwei Milchkannen und Kästen erinnert daran, wo Emanuel Ringelblum (1900-1944) sein Untergrundarchiv „Oneg Schabbat“ mit Dokumenten und Tagebüchern versteckte. Im Ghetto arbeiteten die Juden trotz Verbot in versteckten Werkstätten, sie brachten Zeitungen heraus und organisierten Konzerte, Vorträge. Hier fünf Kochrezepte auf Papierfetzen, aufgeschrieben von Jehudit Aufrichtig Taube im KZ Ravensbrück, dort ein Schofar, angefertigt im Arbeitslager Skarzysko-Kamienna 1943, da handgemalte Seiten eines Kinderbuchs mit Träumen von einer freieren Welt.

Vor allem eines wollten die vielen Holocaust-Opfer bewahren: Ihren Namen. In ihren letzten Schriften, den Tagebüchern, Briefen und Notizen, baten sie darum. Der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Primo Levi (1919-1987) schrieb über das Leid in Auschwitz: „Es gibt nichts mehr, das uns gehört: Sie haben uns unsere Kleider genommen, unsere Schuhe, sogar unser Haar (...) Sie werden uns sogar unseren Namen wegnehmen (...)“ Letzteres sollten die Nazis nicht erreichen, Yad Vashem hat sich dem Anliegen der Opfer angenommen. Die Gedenkstätte sammelt Gedenkblätter mit Namen, Fotos und persönlichen Daten in der „Halle der Namen“. Immer noch. Viele Millionen Namen sind gesichert, Platz ist für sechs Millionen.

Es braucht nicht viele Worte

Der Museumsbau auf dem idyllischen Berg am Westrand Jerusalems entlässt den Besucher mit einem Blick auf die Stadt.
Der Museumsbau auf dem idyllischen Berg am Westrand Jerusalems entlässt den Besucher mit einem Blick auf die Stadt.

Wie kleine, papierne Grabsteine hängen viele dieser Blätter und etwa 600 Fotografien von Opfern an der Wand der zehn Meter hohen, kegelförmigen Halle – ein zweiter Konus reicht zehn Meter in die Tiefe und der Besucher auf der Plattform in der Mitte sieht, wie sich die Gesichter im Wasser spiegeln. Der Besucher ist umzingelt von all den Opfern.

Das Tageslicht am Ausgang des Museums trifft den Besucher wie ein Blitz. Langsam öffnen sich die Augen und werfen einen Blick auf Jerusalem und die idyllische Berglandschaft am Westrand der Stadt. Es wirkt wie eine Befreiung. Nur dass die wieder gewonnene Freiheit einen unheimlichen Beigeschmack hat. Gewalt ist immer eine Option für die Menschen. Das zeigt nicht nur die Geschichte des Holocaust. Neben der Ungewissheit bleiben die vielen Fragen und nach wie vor fehlen die passenden Worte.

Beginnt man Pagis’ Gedicht mit der vierten Zeile und setzt Satzzeichen, dann ergibt sich ein vollständiger, logischer Satz: „Wenn ihr meinen großen Sohn seht, Kain, Adams Sohn, sagt ihm, daß ich hier in diesem Transport bin, ich, Eva, mit Abel, meinem Sohn.“ Eva und Abel sind längst tot, aber der Zettel im versiegelten Waggon hat die Außenwelt erreicht. Es braucht nicht viele Worte, um über das Schicksal der Holocaust-Opfer zu sprechen, denn die Fragen kommen von allein. Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben, aber Zeugnisse gibt es genug. Und Kain muss kein Mörder sein. Er ist nun gewarnt und Gott lässt ihm die Wahl.

Text: Michael Glaß, Fotos: Gedenkstätte Yad Vashem

Weiterführende Links: Papst Johannes Paul II. hielt am 23. März 2000 eine Ansprache in Yad VashemPapst Benedikt XVI. am 11. Mai 2009.

Hintergrundinformationen

1953 wurde in der Knesset ein Gesetz zur Gründung der Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum beschlossen, „(...) Um die Erinnerung an sie (die Opfer des Holocaust) in ihrem Heimatland zusammen zu tragen (...) und ihnen ein Denkmal (yad) und einen Namen (shem) zu errichten (...). Die Gedenkstätte soll das geistige und kulturelle Erbe der zerstörten jüdischen Gemeinden wahren, dem heldenhaften Widerstand der Ghettokämpfer gedenken und die Gerechten der Völker, die für die Rettung von Juden ihr Leben aufs Spiel setzten, ehren. Zu den Hauptaufgaben der Gedenkstätte gehören das Sammeln von Archivmaterial, Forschung, Bildung und Erziehung sowie das Initiieren von Forschungsprojekten und Veröffentlichungen. Auf dem etwa 18 Hektar großen Gelände befinden sich neben dem Holocaust-Museum u. a. das größte Holocaust-Archiv der Welt, eine umfangreiche Bibliothek, die Internationale Schule für Holocaust-Studien, das Tal der Gemeinden und die Allee und der Garten der Gerechten unter den Völkern.

Bildergalerie

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Beeindruckend und bedrückend zugleich ist die 1987 errichtete „Kindergedenkstätte“, die an die rund 1,5 Millionen ermordeten Jungen und Mädchen erinnert: ein dunkler Raum mit wenigen Kerzen, deren Schein gebrochen und gespiegelt wird. Dazu nennen ruhige Stimmen Namen und Alter der Opfer.
Im Garten der Gerechten unter den Völkern werden nichtjüdische Einzelpersonen geehrt, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten.
Das zentrale Denkmal in Yad Vashem ist die "Halle der Erinnerung". Der schlichte Bau aus Betonmauern mit einem niedrigen, zeltartigen Dach ist bis auf eine Ewige Flamme in seiner Mitte leer. Auf dem Fußboden stehen die Namen der 21 NS-Vernichtungslager, Konzentrationslager und Tötungsstätten in Mittel- und Osteuropa.