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Plakat ztum Weltverfolgungsindex 2013.
Plakat ztum Weltverfolgungsindex 2013.

Weltverfolgungsindex 2013: Hilfswerk Open Doors alarmiert über wachsende Christenverfolgung

„Wenn ihr verfolgt werdet...“

„Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.“ (Mt 5, 11-12) – Immer weniger Menschen auf dem alten Kontinent interessieren sich heute noch für die Lehre Jesu in der Bergpredigt und die allerwenigsten hierzulande sehen das Christentum als eine Opferreligion an. Dafür gibt es Gründe und die Kirche ist daran gewiss nicht unschuldig. Die Verfolgung religiöser Minderheiten jedenfalls ist eine der größten Herausforderungen unserer Tage und zunehmend werden nachweislich Christen zu Opfern. Jedes Jahr veröffentlicht das überkonfessionelle Hilfswerk Open Doors einen Weltverfolgungsindex (WVI) „Wo Christen am stärksten verfolgt werden“, zuletzt am 8. Januar. „Christen sind die größte Gruppe aller aus religiösen Gründen Verfolgten“, heißt es in dem Bericht. Vor allem in islamisch geprägten Ländern offenbart sich die Tragik der Christen: Sie werden als Stellvertreter der westlichen Invasionsmächte gesehen, während sie der Westen selbst kaum wahrnimmt.

Sicher, die Zahl von rund 100 Millionen verfolgter Christen weltweit ist umstritten und es macht natürlich einen Unterschied, ob jemand „nur“ ausgegrenzt wird, oder ob er gewaltsam vertrieben oder gar ermordet wird – die Herangehensweise von Open Doors, die vielen unterschiedlichen Formen von Verfolgung in ein Punktesystem zu fassen, erlaubt wenig Differenzierung. Der WVI in der Form einer Rangliste erscheint zudem auch etwas plakativ. Die Ergebnisse aber sind wissenschatflich fundiert und eine öffentlichkeitswirksame Darstellung kann man dem Hilfswerk nicht vorwerfen, wenn ein Thema wie die weltweite Verfolgung von Christen in Öffentlichkeit und Politik kaum Beachtung findet. Und dass eben nicht nur physische Gewalt im Vordergrund steht, hat durchaus seine Berechtigung. Staatliche Repression oder sozialer Druck können mitunter ähnlich schlimm sein. Tatsache ist: Mit ihrer Analyse liefert Open Doors einen Baustein zu einem Themenkomplex, der nicht nur christliche Interessengruppen interessieren sollte: „Die Verfolgung religiöser Minderheiten, das ist der Rassismus des 21. Jahrhunderts“, sagte erst kürzlich Mark Lattimer, Geschäftsführer der Organisation „Minority Rights Group International“ in einem Interview der SZ. Zwei Beispiele aus dem WVI bestätigen einen beängstigenden Trend.

Zum einen Syrien. Der WVI fasst zusammen: „Der Arabische Frühling hat sich für viele Christen definitiv in einen Arabischen Winter verwandelt. Im Verlauf des syrischen Bürgerkrieges wurden Berichten zufolge bereits über 40.000 Menschen getötet. Christen werden in wachsendem Maß gezielt angegriffen, viele mussten bereits fliehen. Aufgrund dieser Entwicklung ist das Land vom 36. auf den 11. Rang vorgerückt.“ Das autokratische Regime einer religiösen – der alawitischen – Minderheit wird sich aller Voraussicht nach im Bürgerkrieg nicht behaupten können. „Die Machtübernahme durch extremistische Islamisten gilt als wahrscheinlich“, schreibt Open Doors. Ob sich die Islamisten langfristig durchsetzen werden oder ob im Nahen und Mittleren Osten im Laufe der Zeit islamisch geprägte Demokratien nach dem Vorbild der Türkei entstehen werden, lässt sich nicht vorhersagen. Wenn Prinzipien demokratischer Rechtsstaatlichkeit den Teufelskreis ethnisch und religiös geprägter Gewalt jemals durchbrechen sollten, dann wohl nicht allzu bald. Denn dass die sunnitische Mehrheit sich an den Alawiten rächen wird, ist sehr wahrscheinlich und auch die Christen, die das alawitische Regime lange stützten, müssen mit dem Schlimmsten rechnen: „Für Christen und andere Minderheiten würde sich die Lage dann verschlimmern. Falls dies geschieht, werden die Christen entweder isoliert werden und rechtlos dastehen oder massenweise aus dem Land getrieben – eine Situation ähnlich wie die im Irak“, analysiert Open Doors.

Mali neu in den "Top Ten"

Dass auf Bürgerkriege Chaos und Anarchie folgen, ist wenig überraschend. Alarmierend ist vor allem die Tatsache, dass sich religiös motivierte Gewalt auch in der „Nachbarschaft“ der Länder des „Arabischen Frühlings“ ausbreitet. „Auch südlich der Sahara hat sich der extremistische Islam weiter ausgebreitet, wobei der moderatere sufistische Islam durch eine strengere, von Saudi Arabien unterstützte wahhabistische Ausprägung des Islam verdrängt wurde“, fasst der WVI zusammen. „Dadurch werden insgesamt fünf Länder erstmalig auf dem Index der ersten 50 Staaten mit Christenverfolgung notiert: Mali (7), Tansania (24), Kenia (40), Uganda (47) und Niger (50).“

„Es ist überraschend, dass Mali unter den Top-Ten des Verfolgungsindex auftaucht“, heißt es. „Dieses Land war bisher immer ein typisch westafrikanisches Land mit einem überwiegend moderaten Islam und einer säkularen Verfassung, die – obwohl ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung muslimisch ist – religiöse Parteien verboten hat. Religion wurde bisher als Privatsache gesehen und grundsätzlich von der Politik getrennt.“ Im Open Doors-Bericht heißt es weiter: „In der Zwischenzeit haben diese (Islamisten) in Timbuktu, Gao und wahrscheinlich auch in Kidal Kirchen sowie andere Gebäude von Christen zerstört, um alle Spuren des Christentums auszulöschen. Auch gegen traditionelle Muslime gingen sie mit aller Härte vor, töteten Menschen, hackten ihnen die Gliedmaßen ab und zerstörten Heiligtümer des Sufismus, einer spirituellen Strömung im Islam.“ Die Zukunft sieht das Hilfswerk düster: „Auch wenn der Norden befreit werden würde, kann die Tendenz zum religiösen Radikalismus in der Gesellschaft Malis steigen...“ Keine guten Vorzeichen für die jüngst angelaufene militärische Intervention der Franzosen, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt.

Ansätze der Zusammenarbeit in formell kommunistischen Staaten

Die gefährliche Verbindung von Politik und Glaube, von Macht und religiöser Zugehörigkeit offenbart sich vor allem in islamisch geprägten Staaten. Mit Saudi-Arabien (2), Afghanistan (3), Irak (4), Somalia (5), Malediven (6), Mali (7), Iran (8) und Jemen (9) befinden sich acht islamisch geprägte Staaten in den „Top Ten“ des WVI. Eritrea (10) ist etwa je zur Hälfte christlich und islamisch geprägt. Nordkorea belegt zum elften Mal in Folge Platz 1. „Auch unter dem neuen Führer Kim Jong Un wird die intensive Verfolgung fortgesetzt“, heißt es im Bericht.

Es gibt jedoch auch Positives zu vermelden: „In den formell kommunistischen Staaten Ostasiens gibt es vorsichtige Ansätze einer Zusammenarbeit mit den Kirchen anstelle der früher üblichen Unterdrückung. Mit Ausnahme von Nordkorea lautet die Maxime für Länder wie China, Vietnam und das kleine Laos angesichts ihrer starken Globalisierungsbemühungen: ,soziale Stabilität‘. In all diesen Ländern hat sich die Lage der Christen leicht bis deutlich verbessert. China ist auf dem Verfolgungsindex am weitesten zurückgefallen (von Platz 21 auf 37).“

Kein Staat ohne Versöhnung und Vergebung

Dennoch: Eine Zunahme religiöser Verfolgung und Unterdrückung ist offensichtlich. Mag die Kirche in der westlichen Öffentlichkeit auch als mächtige Institution wahrgenommen werden, die nur mit sich selbst beschäftigt ist. Der Vorwurf hat einen wahren Kern, bleibt bei näherem Hinsehen aber oberflächlich. Längst tritt auch Rom für die Menschenrechte aller – auch der Andersgläubigen – ein. Selbstverständlich gibt es auch christliche Fundamentalisten, die kaum mit sich reden lassen und jede Kritik mit Verweis auf diesen „bösen Zeitgeist“ abschmettern – als gewalttätig treten sie jedoch nicht in Erscheinung. Nicht nur die Kirche hat manchmal einen differenzierteren Blick auf die Welt nötig, sondern auch die Gesellschaft einen solchen auf die Kirche und das Christentum.

Jesu Bergpredigt kann hierbei zusammenführen: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet“ (Mt 5, 44). – Dass ohne Versöhnung und Vergebung kein Staat gelingen kann, weiß auch die Politik. Voraussetzung aber ist, dass Opfer von Verfolgung überhaupt erst gesehen werden. Hierfür liefert Open Doors jedes Jahr eine Bestandsaufnahme zum Schicksal verfolgter Christen, die Beachtung verdient und zum Handeln auffordert.

Text: Michael Glaß, Foto: red

Download des Weltverfolgungsindexes 2013 als PDF