Altöttinger Liebfrauenbote

Christliche Sinnbilder: Glocken

Der Ruf vom hohen Turm

Als Stimme Gottes – „vox dei“ genannt – ist der Glockenschlag vom Kirchturm für die Menschen seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. von eminenter Bedeutung, wenngleich aus Metall gefertigte Glocken bereits in China im dritten Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen werden können. Von dort drangen sie langsam über Vorderasien zunächst in den Mittelmeerraum vor.

Kapuzinerbruder Vinzenz Müller im Glockenstuhl der Basilika St. Anna in Altötting.
Kapuzinerbruder Vinzenz Müller im Glockenstuhl der Basilika St. Anna in Altötting.

Die Ursprünge europäischer Glocken sind wohl im keltischen Irland zu suchen. Irische Mönche, als Missionare wirkend, gebrauchten vierkantige, kunstvoll verzierte Handglocken, die zu gottesdienstlichen Zwecken hergestellt und ständig benutzt wurden. Die Germanen übernahmen mit diesen Glocken auch die Bezeichnung, die im althochdeutschen Wort „glocca“ ebenso wie im englischen Lehnwort „clock“ wiederzufinden ist. Um 600 ordnete der Papst an, dass Glocken zu den klösterlichen Stundengebeten zu erklingen haben, später galt das Glockenläuten als ein vom Priester auszuübender heiliger Dienst, wodurch die Glocke ihren festen Platz in der Kirche erhielt.

Erste Glocken sind wahrscheinlich einfache gewölbte Metallstücke gewesen, mögen anfangs Eisenkesseln geähnelt haben, erhielten später einen Schwengel oder Klöppel und wurden zum Klanginstrument. Die durch ihre Verwendung in der christlichen Kirche „heilig“ gewordene Glocke, der mit dem Glockenschlag verbundene Kult, ihr spezieller Klang und auch der dafür verwendete Rohstoff, die „Glockenspeise“ in Form einer Bronzelegierung bestehend aus Kupfer und Zinn, berührten die Gläubigen besonders, so dass heidnisches Brauchtum rasch durch christliche Deutungen ersetzt wurde.

Glockengeläut besaß über Jahrhunderte hinweg den Ruf eines Abwehrmittels gegen Teufel, Geister, Dämonen oder auch Gewitter, also gegen das Böse an sich. Je größer die Glocke, je lauter ihr Klang, desto weiter, so die Meinung der Menschen, würden übelwollende Gestalten fliehen, um dem Wirken der Glocken zu entrinnen. Im Volksglauben sollten Metallspäne der Glocken sogar gegen Fieber und Fallsucht helfen, „Glockenschmiere“ Nabelbrüche und der an die Glocke geschriebene Name von Heiserkeit heilen.

Glockenbrauchtum im Wandel

In der Filialkirche St. Michael, Jägerndorf, wurden erst kürzlich zwei neue Glocken geweiht und auf die Namen St. Michael (ca. 750 kg) und Bruder Konrad (von Parzham, (ca. 500 kg) getauft. – Im Bild die Weihe mit BRG Franz Hecker und BGR Josip Vidic.
In der Filialkirche St. Michael, Jägerndorf, wurden erst kürzlich zwei neue Glocken geweiht und auf die Namen St. Michael (ca. 750 kg) und Bruder Konrad (von Parzham, (ca. 500 kg) getauft. – Im Bild die Weihe mit BRG Franz Hecker und BGR Josip Vidic (vorne von links).

Im Mittelalter vermochten besondere Seuchenglocken vermeintlich durch Sturmgeläut die Luft zu erschüttern und böse Krankheiten, etwa Pest und Cholera, zu vertreiben. Die Totenglocke forderte zum Gebet für die ins Jenseits übergegangene Arme Seele auf. Im alten Sagenschatz versinken, zerspringen oder wandern Glocken. Heute noch ist der Glaube verbreitet, dass Glocken zum Ende der Karwoche verstummen, weil sie der Überlieferung nach auf einer Reise nach Rom sind, am Karsamstag zurückkehren, um „gereinigt“ erstmals wieder die Osternacht einzuläuten. Nur in wenigen Orten noch, etwa in Fischen im Allgäu, wird dann der Glockenklang durch Ratschen ersetzt, die zum Gebet rufen.

Glockenschläge bestimmten früher den bäuerlichen Tagesablauf vielfältig. Weckte um fünf Uhr das Ave-Läuten, rief um 11 Uhr die Glocke zur Rückkehr vom Feld und eine Stunde später zum Mittagsgebet. Die „Puddingglocke“ verkündete der Bäuerin, dass der Gottesdienst zu Ende geht und das Dessert vorbereitet werden konnte. Zur Abendandacht erklangen die Glocken wiederum und forderten zum Besinnungsgebet im Gotteshaus auf.

Viel hat sich inzwischen geändert. Gottes Ruf vom hohen Turm als „heiliges Geläut“ wird in unserer Zeit mancherorts sogar als störend empfunden und droht ebenso wie altes Brauchtum um den Glockenschlag an Bedeutung zu verlieren.

Text: Karl-Heinz Wiedner, Fotos: Roswitha Dorfner, Christa Machtl