Altöttinger Liebfrauenbote

Vor 150 Jahren wurde in London die erste U-Bahn der Welt eröffnet

Zur Stoßzeit in die „Röhre“

Ströme von Menschen fluten über eine endlos scheinende, steile Rolltreppe in die Tiefe. Die Zeit auf dem Weg nach unten verkürzt nur eine Reihe von Plakaten mit Anzeigen und Musical-Ankündigungen. Schon nach wenigen Metern schlägt einem der typische Londoner U-Bahn-Geruch entgegen – eine süßlich-schwüle Mischung aus den Ausdünstungen vieler Menschen, feuchter Erdwärme und einem undefinierbaren technischen Beigeschmack. Die meisten U-Bahnhöfe im Zentrum Londons liegen sehr tief unter der Erde und sind aufgrund ihres hohen Alters oft nur über lange Treppen oder Rolltreppen zu erreichen. Am 10. Januar 1863, vor 150 Jahren, wurde der erste Streckenabschnitt eröffnet. Ohne U-Bahn wäre London schon damals im Verkehrschaos versunken.

Lebensader Londons: die U-Bahn. Das Foto zeigt Gäste in einem U-Bahn-Abteil.
Lebensader Londons: die U-Bahn.

London war die größte Stadt der Welt, Hauptstadt des Britischen Empires, von dem die Industrielle Revolution ausging. Bereits damals litt die Stadt an der Themse unter verstopften Straßen. Nur, dass es Kutschen und keine Autos waren, die für die Staus sorgten. Die englische Industrialisierung brauchte Eisenbahnen, so dass Schienenstrecken und Bahnhöfe rund um die Hauptstadt gelegt wurden. Bei den Bahnhöfen handelte es sich um Kopfbahnhöfe außerhalb des Zentrums. Zwischen den Bahnhöfen pendelten die Passagiere mit Kutschen. Brisant wurde die Situation auch durch den verstärkten Zuzug von Arbeitern und die Entstehung von Slums in den Vororten. Es konnte bis zu anderthalb Stunden dauern, eine Strecke von acht Kilometern in der Innenstadt zurückzulegen.

Bereits 1851, nach der großen Londoner Weltausstellung, präsentierte der Anwalt Charles Pearson dem Parlament seine Pläne für ein unterirdisches Eisenbahn-Netz. Das Parlament lehnte seinen Vorschlag zunächst ab.

Pioniergeist

Endstation der weltweit ersten U-Bahn-Linie: Paddington in London.
Endstation der weltweit ersten U-Bahn-Linie: Paddington in London.

Die Idee stieß aber auf das Interesse zweier Eisenbahn-Gesellschaften, der Great Western Railway und der Great Northern Railway. Die beiden Konzerne taten sich zusammen und gründeten 1854 die Metropolitan Railway. Diese Gesellschaft wollte mit ihrer unterirdischen Bahn auf einer Strecke von etwa sechs Kilometern die Station Paddington (Great Western) mit der Farringdon Street verbinden, via King’s Cross (Great Northern). Doch es gestaltete sich schwierig, das Kapital für diese große Vision zu bekommen. Zu groß waren die Bedenken gegen das Projekt. Vor einem Zusammenbruch der Tunnel warnten die Gegner in der Presse oder vor Vergiftungen der Passagiere durch den Qualm der unterirdischen Lokomotiven.

Trotzdem begannen im Februar 1860 die Bauarbeiten. Die ersten Untergrund-Bahnen wurden in der „Cut-and-Cover“-Technik errichtet. Dabei wird ein etwa zehn Meter breiter und sechs Meter tiefer Graben ausgehoben, Ziegelmauern werden hoch gezogen, die Gleise verlegt. Zum Schluss wird eine zwei Meter dicke Erdschicht über eine Ziegelkonstruktion aufgeschichtet und darüber die Straßentrassen neu verlegt. Im Januar 1863 war die erste Teilstrecke der Metropolitan Line fertig. Sie führte wie geplant von Farringdon nach Paddington. Die Fahrt dauerte 18 Minuten. Gleich am ersten Tag reisten 40.000 Menschen mit der neuen Untergrund-Bahn. Das neue Verkehrsmittel erfreute sich in den nächsten Jahrzehnten zunehmender Beliebtheit. 1880 fuhren etwa 40 Millionen Passagiere pro Jahr auf dem inzwischen gewachsenen unterirdischen Schienennetz. Dabei waren die Fahrten alles andere als komfortabel. Zwar wurden die Passagiere nicht, wie anfangs von Kritikern befürchtet, durch den Qualm der Dampfloks vergiftet. Aber Rauch und Qualm stellten, trotz Belüftungschächten, ein Problem dar. Eine Lösung brachten erst elektrisch betriebene Züge. Die erste U-Bahn-Linie dieser Art wurde in London am 4. November 1890 eröffnet, die City & South London Railway. Zwischen 1901 und 1908 stellten alle Linien auf Elektrizität um.

Namensgeber aller Metros

Ziel zahlloser Sherlock-Holmes-Fans aus aller Welt ist die Baker Street in London, wo der berühmte Romandetektiv gewohnt haben soll. Die gleichnamige U-Bahn-Station wurde am Gründungstag der „Tube“, dem 10. Januar 1863 eröffnet – heute imitieren
Ziel zahlloser Sherlock-Holmes-Fans aus aller Welt ist die Baker Street in London, wo der berühmte Romandetektiv gewohnt haben soll. Die gleichnamige U-Bahn-Station wurde am Gründungstag der „Tube“, dem 10. Januar 1863 eröffnet – heute imitieren Natriumlampen die ehemaligen Lichtschächte.

Die älteste Teilstrecke der Metropolitan Railway ist bis heute in Betrieb. Hier verlaufen die Circle Line, die Hammersmith&City Line sowie teilweise die Metropolitan Line. Der Name der U-Bahn-Gesellschaft wurde weltweit zum Taufpaten für die gängigste Bezeichnung unterirdischer Bahnen – Metro. Die Londoner nannten ihre Metro bereits im 19. Jahrhundert „Underground“ (Untergrund) oder schlicht „Tube“ – die Röhre. Das markante Logo der Londoner U-Bahn führt nach wie vor die Bezeichnung „Underground“. Der rote Ring mit dem blauen Querbalken, in dem die Stationsnamen stehen, wurde 1908 von Harold Stabler entworfen, einem Bildschnitzer und Kunstschlosser der Arts-and-Crafts-Bewegung. Im Laufe der Jahrzehnte passte sich das Logo immer ein wenig an das jeweils aktuelle Design an, blieb aber in seinem charakteristischen Wesen unverändert. Das rot-blaue Zeichen markiert gut sichtbar die Eingänge der U-Bahn-Stationen und weist auch in Bussen oder Zügen auf das unterirdische Verkehrsmittel hin.

Die historischen Bahnhöfe an der weltältesten U-Bahn-Linie stehen heute auf der Liste der britischen Denkmalschutz-Organisation „English Heritage“ – darunter die Farringdon Station, die Great Portland Street und die Baker-Street. Die Farringdon Station bildete die östliche Endstation der Metropolitan Railway. Sie wurde am 10. Januar 1863 eröffnet. Später wurde diese Station verlegt, ihr heutiger Standort befindet sich ein paar Meter vom ursprünglichen entfernt. Charles Walter Clark entwarf 1922 das dortige Hauptgebäude, eine neo-klassizistische Architektur, deren Frontseite in alten Lettern den ehemaligen Namen Farringdon and High Holborn trägt. Die Bahnhofshalle aus dem Jahr 1865 besteht aus hohen Ziegelwänden mit vorgeblendeten Arkaden, überwölbt von einem Dach aus der damals innovativen Eisen-Glas-Konstruktion.

Am gleichen Tag wie die Farringdon Station feierten auch die Great Portland Street und die Baker Street ihre Eröffnung. Das Hauptgebäude der Great Portland Street entstand 1912, ein elipsenförmiger, zweigeschossiger Bau aus cremefarbenen Ziegeln. Sein Stil: funktionales Industriedesign mit klassizistischen Elementen in Form einiger Säulen. Im Inneren führt die Schalterhalle von 1930 um ein Rondell aus rechteckigen Säulen mit Marmorsockeln. Geometrische Fliesenmuster schmücken den Boden, außerdem führen Fliesenbänder an Säulen und Wänden zu den Bahnsteigen.

Die Baker Street besticht vor allem durch ihr Inneres. Die Kassettendecke der Schalterhalle durchzieht ein Geflecht aus geraden und bogenförmigen Betonbalken, die an den Seiten und Unterseiten mit geometrischen Formen getäfelt sind. Entlang von hölzernen oder eisernen Geländern führt der Weg in die Tiefe. Am Eingang zum unteren Bahnhof tragen gusseiserne Säulen eine verglaste Leuchtleiste mit den Namen der östlich und westlich verlaufenden U-Bahn-Stationen. Die Anzeigentafel wurde 1925 installiert, zur Kolonialausstellung des Britischen Empires in Wembley. Weitgehend im Originalzustand befindet sich auch noch das alte Gewölbe mit den ehemaligen Lichtschächten. Diese beleuchteten die Station früher von der Marylebone Road her. Bei Straßenverbreiterungen wurden die Schächte geschlossen, Natriumlampen ahmen heute die alte Lichtsituation nach.

Einfach und schnell

Millionen Londoner folgen täglich den markanten U-Bahn-Schildern in den Untergrund ihrer Stadt – wie hier am Bahnhof Baker Street.
Millionen Londoner folgen täglich den markanten U-Bahn-Schildern in den Untergrund ihrer Stadt – wie hier am Bahnhof Baker Street.

Für Pendler und Touristen ist die Londoner Tube sicherlich das schnellste Verkehrsmittel durch die Millionenstadt London. Über der Erde droht London in seinen eigenen Abgasen zu ersticken – Abgase, für die unter anderem die roten Doppeldecker-Busse und die oft veralteten schwarzen Taxis, die „black cabs“, verantwortlich waren. Ein nostalgisches Bild zwar, aber eines mit Dreckschleudern. Die Doppeldecker wurden deshalb 2005 buchstäblich aus dem Verkehr gezogen. Als erfolgreich gilt der Versuch, seit 2003 den Verkehr durch eine Innenstadt-Maut für Kraftfahrer in ruhigere Bahnen zu lenken.

Unter der Erde leisten zwölf U-Bahn-Linien ihre Dienste. Allerdings verlaufen nur 45 Prozent des über 400 Kilometer langen Streckennetzes unterirdisch. Außerhalb der Innenstadt verkehren die meisten Linien oberirdisch. Ein gutes Orientierungssystem hilft auch dem Touristen, der die Weltstadt zum ersten Mal besucht, sich schnell in der „Tube“ zurechtzufinden. In den U-Bahnhöfen hängen große Schienennetzpläne mit einem Schema der farbig markierten Linien sowie Anzeigetafeln der jeweiligen Haltestellen. Das Farbsystem dient auch als Wegweiser zu den Gleisen.

Das System hat man schnell heraus und kann danach U-Bahn fahren, ohne seinen Plan aus der Tasche zu ziehen. Wer darauf nicht verzichten möchte, erhält die kleinen Schienenpläne kostenlos an jeder U-Bahn-Station. Viel falsch machen kann man also nicht – außer, auf langen Rolltreppen links stehen zu bleiben. Gestanden wird rechts auf der rollenden Treppe, die linke Seite dient als „Überholspur“ für die eiligen Londoner. Zu Stoßzeiten kann die „Tube“ für weniger großstadterfahrene Touristen gewöhnungsbedürftig sein. Von den überfüllten Bahnhöfen ergießt sich der Menschenstrom in die ohnehin schon überfüllt wirkenden Züge. Von Vorteil erweist sich in diesem Gedränge die unerschütterliche britische Höflichkeit. Eine Touristin, die bei Einfahrt des Zuges erschrocken zurückweicht und dem hinter ihr stehenden Londoner kräftig auf den Fuß tritt, bekommt lediglich ein entschuldigendes „Pardon me“ zu hören – im Tonfall „Verzeihen Sie, dass ich hinter Ihnen im Weg stehe.“

Text und Fotos: Dr. Anke Schwarze (Storymacher)