Altöttinger Liebfrauenbote

Besuch im wohl weltgrößten Schweinemuseum in Stuttgart

Scharenweise Glücksbringer

Die alte dunkle Holztreppe knarzt unter den Füßen, schon ringsum im Treppenhaus ist alles rosarot gestrichen, an den Wänden steht in unterschiedlichen Sprachen das Wort „Schwein“. Man ahnt schon, was kommt, wenn man das Schweinemuseum in Stuttgart betritt. Wo einst viele Schweine ihr Leben ließen, setzte ihnen eine Frau vor drei Jahren ein großes Denkmal, wie sie selbst sagt. Erika Wilhelmer ist Gastronomin und passionierte Schweinsammlerin – seit 20 Jahren.

Sammlerin Erika Wilhelmer in ihrem Museum in Stuttgart.
Sammlerin Erika Wilhelmer.

Erika Wilhelmer hat insgesamt 68 Sammlungen, vor allem Salz- und Pfefferstreuer, Vasen und Kleinst-Deko für die Gastronomie. Aber Wilhelmers mittlerweile größte und liebste Sammlung sind rund 45.000 Schweine. Aus Porzellan, Holz, Plüsch und Plastik sind sie, sie laufen, sitzen, kugeln sich auf dem Rücken oder kuscheln miteinander, rauchen, tanzen oder spielen Skat. Die 68-Jährige hat sich den Rüsseltieren schon vor mehr als zwei Jahrzehnten verschrieben: Silvester 1988 beschloss sie, ein Schweinemuseum einzurichten. In Bad Wimpfen öffneten die Pforten für Schweineliebhaber jeglicher Coloeur – und kaum vier Jahre später stand die Museumsbetreiberin mit ihrer anfänglich 2.200 Exponate großen Sammlung im Guinnessbuch der Rekorde – rasch hatten sich die Schweine vermehrt und es wurde langsam eng in den acht Ausstellungsräumen.

„Wenn die Mutti sie einmal gesammelt hat, nun aber nicht mehr will oder die Oma der Familie solche Stücke hinterlässt, aber niemand Interesse oder Verwendung dafür findet – dann kommen sie zu mir“, erklärt Erika Wilhelmer. Im Museum wird über jeden Schweine-Nachwuchs Buch geführt: Woher, wohin, Größe, Gewicht, Beschaffenheit, welche Art von Darstellung, geschätzter Wert. Schweine, die Wilhelmer doppelt bekommt, wandern in den kleinen Museumsladen zum Verkauf. Stewardessen, Bekannte, Stammgäste und Freunde – sie alle wissen, womit sie ihr eine Freude machen können. „Ich sammle immer noch, das hört wohl auch nicht auf. Auch wenn ich selbst unterwegs bin, grase ich Läden und Trödelmärkte nach Schweinen ab. Hin und wieder entdecke ich dabei noch immer Raritäten.“

Rekordverdächtig

Das Schweinemuseum setzt einem Tier (goldene) Denkmäler, das einst von Reichtum zeugte – im Bild eine große goldene Sau.
Das Schweinemuseum setzt einem Tier (goldene) Denkmäler, das einst von Reichtum zeugte.

Ihre Schweine brauchten mehr und mehr Platz, soviel stand für Erika Wilhelmer schon früh fest, denn schon in den Anfängen kamen stetig Anfragen, ob sie noch weitere Schweine haben möchte. Darum hatte die Seniorin mit den leuchtend orangefarbenen Haaren schon vor rund 15 Jahren mit dem alten Schlachthof in Stuttgart geliebäugelt. Der historische Gebäudekomplex von 1909 erschien ihr geradezu ideal, um Museum und Gastronomie zu verbinden.

Vor zwei Jahren dann war es soweit – die Stadt gab nach, Erika Wilhelmer kaufte mit ihrem Sohn Michael das Verwaltungsgebäude samt umliegenden kleineren Trakten und ließ alles für rund 2,5 Millionen Euro sanieren. Seit dem 1. Mai 2010 hat die riesige Schweinebande der Wilhelmers nun in 25 Themenräumen genug Platz. In Kleinstarbeit sortierte die Sammlerin mit ihren Mitarbeitern den großen Haufen der Tiere und ordnete sie in bestimmte Bereiche: So finden sich nun im neuen Museum unter anderem ein Jagd-, Kino- und ein Kinderzimmer, ein Raum der Redewendungen und Sprüche oder ein Raum, wo der Mythos Schwein aufgegriffen wird.

Einst schätzten besonders die Germanen den Eber der, mit goldenen Borsten dargestellt, der germanischen Göttin der Fruchtbarkeit Freya zugeordnet wird. Als heilig galt das Schwein aber auch bei den griechischen und römischen Göttinnen der Fruchtbarkeit, Dememter und Ceres. In alten Kulturen war das Schwein der Inbegriff des Wohlstandes, denn eine Sau warf rund zehn Ferkel, die den Besitz eines jedes Schweinehalters vermehrten und seiner Familie die Existenz sicherten. Schweine waren pflegeleicht, sie fraßen alles und wuchsen zügig. Wer also „Schwein hatte“, musste keinen Hunger leiden. Die Redewendung „Schwein haben“ bedeutet somit auch (unerwartetes) Glück zu haben. In Europa wurde das Schwein zum Glücksboten – und noch heute schenkt man sich zum Jahreswechsel symbolisch ein Marzipan- oder Plüschschweinchen.

Zwischen Wohlstand und Gier

Schweine waren schon immer beliebt – auch als Schaukelpferd-Ersatz – im Bild ein kleines "Schaukelpferdchen", das wie ein Schwein aussieht.
Schweine waren schon immer beliebt – auch als Schaukelpferd-Ersatz.

Doch nicht überall war oder ist ein Schwein gern gesehen. Für Muslime ist ein Schwein ein unreines Tier, gläubige Juden essen ebenfalls kein Schweinfleisch. Im Museum in Stuttgart wird darauf hingewiesen, dass auch im Christentum den Schweinen oft die Charaktereigenschaften Unmäßigkeit und Gier zugeschrieben wurden. Gleichzeitig hatte das Schwein aber auch eine positive Rolle. Sein Fürsprecher war der heilige Antonius, der als Schutzpatron aller Nutztiere und als Heiliger der Sauhirten und Metzger gilt. Der 1095 nach ihm benannte Antoniusorden hatte das Recht, die so genannten Antoniusschweine zur Mast im jeweiligen Dorf frei herumlaufen zu lassen. Die Bewohner fütterten sie fett, bis sie am 17. Januar, dem Antoniustag, geschlachtet und ihre Fleisch an die Armen verteilt wurde.

Diese und vielerlei andere Geschichten verbergen sich hinter den rosafarbenen Schweinen in ihren Vitrinen und Regalen. Sogar echte Schätze befinden sich darunter, erklärt Erika Wilhelmer: „Auch wenn sie nicht immer so aussehen – einige Stücke sind mehrere tausend Euro wert.“ Hat sie ein bestimmtes Exemplar noch nicht, gibt die Sammlerin auch heute noch Geld für ein Schweinchen aus – denn: „Mal ehrlich, wer in einem großen Haus mit so vielen Schweinen täglich arbeitet, wie ich – der muss doch einfach nur Glück haben, oder?“

Text und Fotos: Judith Bornemann

Informationen und Kontakt: Schweinemuseum, Schlachthofstr. 2, 70188 Stuttgart, Tel. 0711 66419600; Internet: www.schweinemuseum.de. Führungen gibt es auf Anfrage per E-Mail an „saugut@schweinemuseum.de“. Öffnungszeiten: Täglich von 11 bis 19.30 Uhr.

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Auch Shakespeare hat seine Spuren in der Welt der Schweine hinterlassen – mit dieser Hamlet-Figur.
Auch Shakespeare hat seine Spuren in der Welt der Schweine hinterlassen – mit dieser Hamlet-Figur.
Filigran und gleichzeitig ungewöhnlich – auch nach solchen Objekten wie dieses kleine Schwein, das an einem Kontrabass spielt, hält Erika Wilhelmer immer wieder Ausschau und erwirbt sie für ihr Museum.
Filigran und gleichzeitig ungewöhnlich – auch nach solchen Objekten hält Erika Wilhelmer immer wieder Ausschau und erwirbt sie für ihr Museum.
Das Jagdzimmer im Museum: Hier findet sich alles, was ein Jäger benötigt(e), um seinen Wildschweinjagd erfolgreich zu beenden.
Das Jagdzimmer im Museum: Hier findet sich alles, was ein Jäger benötigt(e), um seinen Wildschweinjagd erfolgreich zu beenden.
Schwein Annabell – ein ca. zwei Meter großes Schwein – wacht vor dem Eingang des Museums. Ihr Ringelschwänzchen wurde bereits einmal gestohlen – der reumütige Dieb schickte es aber nach einem Presseaufruf der Betreiberin wieder per Post zurück.
Schwein Annabell wacht vor dem Eingang des Museums. Ihr Ringelschwänzchen wurde bereits einmal gestohlen – der reumütige Dieb schickte es aber nach einem Presseaufruf der Betreiberin wieder per Post zurück.
Im Schweinemuseum gibt es nichts, was es nicht gibt – von der Sorte „Sau mit kleinen Ferkeln“ gibt es sehr viele Darstellungen.