Altöttinger Liebfrauenbote

Neues Misereor-Hungertuch prangert die weltweiten sozialen Gegensätze an

Ausgegrenzt und abgespeist

Vier Tische und vier ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen, die sich darum versammelt haben. Markante und anrührende Szenen, bei denen geredet und gegessen wird, diskutiert und entschieden, ausgegrenzt und abgespeist, Vertrauen gefasst und Verantwortung übernommen. All das zeigt das neue Misereor-Hungertuch, das die bolivianisch-slowenische Künstlerin Ejti Stih anlässlich der Fastenaktion 2013 gemalt hat.

Das aktuelle Misereor-Hungertuch.
Das aktuelle Misereor-Hungertuch.

Das weitestgehend in kräftigen Rot- und Gelb-Tönen gestaltete Bild klagt an, dass weltweit Menschen Hunger erleiden. Und es dokumentiert in zugespitzter Weise die krassen sozialen Gegensätze dieser Erde. Die wachsende Kluft zwischen den Wenigen, die sinnlosen Reichtum anhäufen – auf dem Hungertuch sind links unten die Mächtigen dieser Welt abgebildet –, und den Zahllosen, denen das Existenzminimum vorenthalten wird – links oben die hungernden Menschen und das Kind sowie rechts oben die Armen und Verwundeten aller Nationen. Während die einen großmäulig und gleichgültig schlemmen, strecken sich viele leere Hände flehend aus, um wenigstens etwas von dem zu ergreifen, was von den Reichen weggeworfen worden ist. Doch so muss es nicht bleiben: Rechts unten sind es Kinder, die ihre Beine von dem Tisch baumeln lassen, der in der linken Szene noch gewaltsam errichtete Barriere war. Der Tisch ist wieder zum Tisch für alle geworden.

Das beeindruckende Werk von Ejti Stih stellt viele Fragen an jeden Einzelnen von uns in Deutschland: Weißt du, wie viel du hast? Ahnst du, wie viel sich daraus machen lässt? Hast du es je ausprobiert? Sind der Hunger nach Gerechtigkeit und der Durst nach Solidarität lebendig in dir? Das Hungertuch ist somit auch eine Anfrage an unser Konsumverhalten und das Leben, das wir führen.

„Ich glaube nicht, dass Kunst die Welt verändert. Kunst hat nicht die Kraft dazu“, sagt Ejti Stih. „Aber wir selber können uns ändern. Menschen können, durch die Kunst sensibilisiert, beginnen, die Dinge in Frage zu stellen. Und das ist wichtig!“

Jahrhunderte alter kirchlicher Brauch

Ejti Stih malt das Misereor-Hungertuch.
Ejti Stih malt das Misereor-Hungertuch.

Ejti Stih ist eine international bekannte Künstlerin aus Santa Cruz de la Sierra (Bolivien). Die Malerin wurde 1957 in Slowenien geboren. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist sie unter anderem Mitbegründerin der innovativen Non-Profit-Galerie „Manzana 1“ in Santa Cruz, Kunstlehrerin sowie Illustratorin von Büchern, Magazinen, Zeitungen und Plakaten. Außerdem hat sie für mehr als 45 Theater- und Opernaufführungen spektakuläre Kostüme und Bühnenbilder entworfen.

Die Idee der Hungertücher geht auf den Zeitraum um etwa 1000 n.Chr. zurück und entstammt einem alten kirchlichen Brauch. Misereor hat diese alte Tradition 1976 neu belebt und damit weltweite Resonanz erzielt. Seitdem wird alle zwei Jahre ein neues Hungertuch von Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Asien und Lateinamerika geschaffen, das Einsichten in das Leben und den Glauben von Menschen aus fremden Kulturen ermöglicht. Die Bilder laden – ganz in der Tradition der mittelalterlichen Tücher – zur Betrachtung des Leidens Christi ein. Neu daran ist, dass eine Verbindung mit dem Hunger und der Armut, aber auch dem kulturellen und spirituellen Reichtum der Menschen in den Ländern des Südens hergestellt wird. Die modernen Tücher hängen auch nicht nur in Kirchen, sondern werden – in kleinerem Format – in Wohnungen und Schulen genutzt.

Text: red, Fotos: Foto: Andrea Borowski, Misereor

Hungertuch-Wallfahrt

Bei der traditionellen Hungertuch-Wallfahrt bewältigen auch heuer wieder Pilger in vier Gruppen die 270 km lange Strecke von Neustadt an der Weinstraße im Bistum Speyer bis nach Aachen. Seit 1986 bringen Pilger das Hungertuch regelmäßig vom Bistum, in dem die Fastenaktion im jeweils vergangenen Jahr gestartet ist, in die Diözese, wo der Eröffnungsgottesdienst aktuell stattfindet – heuer am 17. Februar um 10 Uhr in der Aachener Pfarrkirche St. Jakob.

Mehr Informationen zum Hungertuch und zur Wallfahrt im Internet unter www.misereor.de.