Altöttinger Liebfrauenbote

Zum 150. Geburtstag von Jakob Friedrich Bussereau

Pionier der Behindertenarbeit

In diesem Jahr feiern die Einrichtungen der Jakob Friedrich Bussereau Stiftung in Neuötting, Altötting und Herxheim den 150. Geburtstag ihres Gründers und Namensgebers. Anlass für ein Porträt eines unermüdlichen (Vor-)Kämpfers für die Sache von Menschen mit Behinderungen.

Portraitbild von Jakob Friedrich Bussereau.
Jakob Friedrich Bussereau.

Jakob Friedrich Bussereau wurde am 2. Februar 1863 in Hambach als Sohn des Küfners Johann Christian Bussereau aus Speyer und Elisabeth Schlichter aus Neustadt geboren. Nach dem Abschluss der 5. Klasse im Sommer 1878 sahen die Eltern zunächst keine Möglichkeit ihrem Sohn einen weiterführenden Schulbesuch zu ermöglichen. Hauptsächlich dem Ortspfarrer ist es zu verdanken, dass Bussereau nicht wie geplant als Schreiber in den Dienst eines Neustadter Notars treten musste, sondern Aufnahme im bischöflichen Konvikt zu Speyer fand, wo er das Abitur ablegen konnte. Nach der Priesterweihe konnte er 1886 seine erste Kaplanstelle in Herxheim antreten.

Ein behindertes Kind galt damals oft als Schande in der Familie. Ein behindertes Familienmitglied wurde häufig zu Hause versteckt. Schule, Kultur, Kirche, gesellschaftliches Leben waren tabu. Bussereau selbst fasste den festen Entschluss, eine Einrichtung zu schaffen, in der „Behinderte, Gebrechliche, Kranke und Leidende“ dauerhaft Aufenthalt, ärztliche Behandlung, Pflege und – soweit möglich – auch schulischen Unterricht und eine handwerkliche Ausbildung bzw. Beschäftigung erhalten sollten. In Herxheim hatte er bereits aus dem Kreis des Dritten Ordens einige Frauen, u. a. Anna Maria Dudenhöffer, für den Plan, eine klosterähnliche, caritative Anstalt zu gründen, gewinnen können.

1890 entschloss sich Bussereau, der seit 1889 Kaplan in Germersheim (bei Landau) war, eine Pfarrstelle in Münster am Lech (Diözese Augsburg) anzunehmen (historisch gehörte damals die Pfalz zum Königreich Bayern). Als Bussereau sich um die Unterbringung eines behinderten Mädchens kümmern musste, lernte er Pfarrer Dominikus Ringeisen kennen. Pfarrer Ringeisen hatte 1884 das ehemalige Prämonstratenserkloster in Ursberg erworben und dort eine Anstalt für sogenannte unheilbar Kranke eingerichtet. In dieser Anstalt fand Bussereau seinen Plan bereits in die Realität umgesetzt. Die beiden Männer nahmen Kontakt auf, und Bussereau entschloss sich, auf sein Pfarramt zu verzichten und in die Ursberger Anstalt einzutreten. 1895 übernahm er dort die Aufgabe des Spirituals.

Am 14. Januar 1896 reiste Bussereau nach Speyer, um Bischof von Ehrler seinen Plan vorzulegen und sein Vorhaben wurde positiv beschieden. Dabei sind die Gründung der Einrichtung und die Gründung der Paulusschwestern nicht voneinander zu trennen. Die Ordensschwestern wohnten und lebten zusammen mit den Behinderten Tür an Tür, ja wenn notwendig in denselben Räumen, 24 Stunden am Tag. Ordensschwestern und Bewohner bildeten zusammen eine einzige große Familie.

Nachdem das Werk einmal in Angriff genommen war, konnte Bussereau nichts mehr in seinem Tun aufhalten: Im Juni 1896 wurde der Neubau des Paulus Stiftes in Angriff genommen, 1897 und 1899 konnten bereits die ersten Filialen Neuötting und Bergzabern eröffnet werden. Durch Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich, den Gründer des Seraphischen Liebeswerkes in Altötting, wurde Bussereaus Blick auf die Orte Alt- und Neuötting gelenkt. Gleichzeitig kam die Idee auf, eine Druckerei einzurichten, die durch den Verkauf der dort gefertigten Druckerzeugnisse zur Finanzierung der Anstalten beitragen sollte, aber auch sinnvolle Beschäftigung für die Pfleglinge bieten konnte.

Eine „Burg“ für Behinderte

Das Sankt-Paulus-Stift in Neuötting mit eigener Kirche heute – eine der Gründungen von Jakob Friedrich Bussereau für Menschen mit Behinderungen.
Das Sankt-Paulus-Stift in Neuötting mit eigener Kirche heute – eine der Gründungen von Jakob Friedrich Bussereau für Menschen mit Behinderungen.

Im März 1897 wurde J. F. Bussereau das Anwesen der Familie Riedl, die sogenannte Katharinenburg, zum Kauf angeboten. Bereits am 25. Mai 1897 entsandte man drei Schwestern dorthin, um die Räumlichkeiten für die Nutzung zu Anstaltszwecken entsprechend herzurichten. Im September des gleichen Jahres wurde eine Buchdruckerei von Herrn Adolf Ditsch erworben und am Burghauser Tor eine Buchhandlung errichtet.

Um der Anstalt den Charakter einer organischen Einheit zu geben und sie gemäß den behördlichen Bestimmungen einzurichten, bedurfte es umfangreicher baulicher Veränderungen, die in den Jahren 1897 bis 1905 vorgenommen wurden. Die ersten Informationsbroschüren über die Anstalt sprechen von einer dreifachen Nutzung: Heil- und Pflegeanstalt für Nervenleidende, Pensionat für nervenleidende Damen und Wasserkuranstalt.

Um den Bedarf an Lebensmittel zu sichern und möglichst kostengünstig zu beschaffen, wurden die zum Anwesen gehörenden Wiesen, Äcker und der Garten bewirtschaftet und die Ökonomiegebäude modernisiert. Mit dem Ausbau der Kongregation verlagerte sich der besondere Berufszweck gemäß den Statuten hin zur Anstaltspflege und Versorgung „unheilbar Kranker“, sodass der heilanstaltliche Zweck immer mehr in den Hintergrund trat.

Ein im März 1898 vom Direktor des St. Paulus Stiftes dem bischöflichen Ordinariat Passau erstatteter Bericht konnte aufzählen, was im eigenen Verlag bzw. der Druckerei in Neuötting produziert wurde:
Die „Innzeitung“, politisches Tagesblatt (Auflage 800), die „St. Antoniusstimmen“, religiöse Monatsschrift (Auflage 3.000), der „Seraphische Kinderfreund“, Monatsschrift des Seraphischen Liebeswerkes (A. B.) Altötting (Auflage 45.500), die „Freundin Gottes“, Monatsschrift für junge unverheiratete Frauen (Auflage 10.000) und der „Altöttinger Liebfrauenbote“, religiöses Sonntagsblatt (Auflage 3.700).

Bussereau wurde im September 1898 auch Redakteur der „Freundin Gottes“ und mit Beginn des Jahres 1900 des Altöttinger Liebfrauenboten und des Altöttinger Marienkalenders. Nach der Gründung einer eigenen Anstalt zur Versorgung männlicher Kranker in Queichheim, nahe Landau/Pfalz, verlegte man die Druckerei im Jahre 1905 mitsamt dem Personal in die Pfalz.

Ruhe- und rastlos kümmerte sich Pfarrer Bussereau um alle Belange des Paulus Stiftes, er fühlte sich für alle Bereiche verantwortlich. Er überwachte die Bauarbeiten, war als Leiter der Druckerei in Neuötting tätig, bemühte sich, Lösungen bei Finanzproblemen zu finden. Nicht zuletzt nahm er natürlich die Aufgabe der religiösen Leitung und Führung des Pflegepersonals und der Pflegebefohlenen wahr.
Obwohl Bussereau selbst völlig mittellos war und folglich nicht mit eigenem Vermögen zur Finanzierung der Einrichtungen beitragen konnte, gelang es ihm dennoch innerhalb weniger Jahre, ein gut abgesichertes Werk von caritativen Anstalten aufzubauen.

Im Juni 1919 forderte der Körper nach jahrelanger Dauerbelastung und Überanstrengung seinen Tribut. Von einer schweren Herzerkrankung konnte sich J. F. Bussereau nicht mehr erholen. Er verstarb am 2. Juli 1919 im Alter von nur 56 Jahren auf dem Liebfrauenberg in Bergzabern.

Die Erfolge, die J. F. Bussereau mit seinen Einrichtungen erzielte, verschafften ihm Anerkennung in der Öffentlichkeit und machten ihn zu einem geschätzten Berater in caritativen Fragen: Die bayerische Regierung verhandelte mit ihm wegen der Organisation der Krankenpflege in Bayern. Man trug an Bussereau auch die Organisation der Fürsorge für entlassene Strafgefangene heran. Er wurde zum
2. Vorsitzenden der Konferenz der katholischen caritativen Anstalten Deutschlands gewählt und gehörte dem Zentralausschuss des „Allgemeinen Deutschen Fürsorgetages“ an. Hier zeigt sich die landesweite Bedeutung der fortschrittlichen Ideen, für die Bussereau stand – und für welche die Stiftung seines Namens noch heute steht.

Text: red, Fotos: J.-F.-Bussereau-Stiftung / Wolfgang Terhörst

Kontakt: J.-F.-Bussereau Stiftung,
Richard-Flick Str. 1,
Postfach 1218,
76863 Herxheim, Tel. 07276 987541, E-Mail info@jfb-stiftung.de. Detaillierte Informationen zum Festjahr gibt es auf der Internetseite www.bussereau.de.

Jubiläums-Veranstaltungen

  • 17. Februar, 10.30 Uhr: Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche Neuötting, Eröffnung der Ausstellung zum Leben von J.F. Bussereau im Rathaus
  • 29. Juni: Sommerfest und Tag der offenen Tür im St. Paulus Stift in Herxheim
  • 13./14. Juli: Sommerfest und Tag der offenen Tür im St. Paulus Stift Neuötting
  • 11. August: Sommerfest im Alten- und Pflegeheim St. Klara/Altötting