Altöttinger Liebfrauenbote
Erst einmal den Engelstaub wegpusten, damit das Christkind auch aus dem Märchenbuch vorlesen kann...
Erst einmal den Engelstaub wegpusten, damit das Christkind auch aus dem Märchenbuch vorlesen kann...

Unterwegs mit dem Nürnberger "Christkindl"

Sternenstaub und viele Wünsche

Die Bühne ist dunkel, nur ein Lichtstreif leuchtet durch die sich langsam öffnende Tür, als eine Gestalt im langen Gewand und mit lockiger Haarpracht auf die Bühne tritt. "Habt ihr lange auf mich warten müssen?" Ein heller, kindlicher Jubel schallt dem Nürnberger Christkind entgegen, als es sich lächelnd in den großen rotgoldenen Stuhl in der Bühnenmitte setzt. "Bevor ich euch das Märchen vorlese, muss ich erst einmal mein Buch saubermachen. Meine Engel haben ihren ganzen Sternenstaub darin verteilt." – Ein Tag mit dem Nürnberger "Christkindl" offenbart viele besondere Momente.

Das Nürnberger Christkindl in Großaufnahme.
Das Nürnberger Christkindl begeistert nicht nur die Kinder.

Ihre großen braunen Augen glänzen, als das Christkind ihr Buch hochhält und pustet. Goldener Glitter flirrt durch die Luft. Viele "Aahs!" Und "Oohs!" sind aus den ersten Reihen zu hören.

"Genau das sind die Momente, warum ich einmal das Christkind sein wollte." So bringt Teresa Treuheit ihren sehnlichsten Wunsch auf den Punkt, der sich mit der diesjährigen Saison erfüllt hat. Denn heuer wurde ein neues Nürnberger Christkind gewählt. Und die Wahl fiel auf Teresa. Schon vor zwei Jahren hatte sich die heute 18-jährige um die Rolle beworben, damals hat es nicht geklappt. Teresa aber hat weiter daran geglaubt und ihre Vorgängerin genau beobachtet. Nun ist sie selbst das Nürnberger Christkind. "Mein Opa ist so wahnsinnig stolz auf mich, dass ich es dieses Mal geschafft habe", verrät die Abiturientin. Vielseitig interessiert ist sie - spielt Geige, fährt Motorrad und ist großer Fan des Clubs. Wenn sie ihr Abitur in der Tasche hat, möchte die Waldorf-Schülerin für einige Monate nach Island gehen. Beruflich würde sie nach ihrem Abitur am liebsten Helikopterpilotin bei der Polizei werden.

Doch in diesen Wochen kommt ihr Privatleben ein wenig zum Stillstand, den Teresa steht täglich viele Stunden in der Öffentlichkeit. Rund 170 Mal wird sie im Brokatgewand, mit goldblonder Lockenperücke und großer Krone unterwegs sein.

Große Empathie ist wichtig

Am Ende der Märchenstunde im Sternenhaus können die Kinder dem Chistkind ihre Wunschzettel überreichen.
Am Ende der Märchenstunde im Sternenhaus können die Kinder dem Chistkind ihre Wunschzettel überreichen.

So auch an diesem Nachmittag wenige Tage nach der Eröffnung des Christkindlesmarktes. Dichtes Gedränge herrscht um sie herum, als das Christkind nach der Märchenstunde das Nürnberger Sternenhaus nahe der Kinderweihnacht verlässt, um mit den Kleinen einige Runden auf dem Kinderkarussell zu drehen. Flankiert von den Allerkleinsten links und rechts, im Blitzlichtgewitter fasziniert fotografierender Eltern und Großeltern schreitet Teresa über den Platz. Den Rummel um ihre Person nimmt die junge Frau sichtlich gelassen: Ihre Augen strahlen, in aller Ruhe beugt sie sich immer wieder zu Kindern herunter, bleibt geduldig für ein Foto stehen, lächelt Erwachsenen zu, schüttelt die ihr entgegen gestreckten Hände. Wunschzettel, die ihr auch hier draußen noch in die Hand gedrückt werden, nimmt ihr Fahrer entgegen. Dabei entgehen ihr die skeptischen Kinderblicke nicht: "Keine Sorge, der gehört zu mir. Das ist mein Begleiter, er hilft mir, eure vielen Wunschzettel zu tragen." Große Empathie ist wichtig in der Rolle als Christkind.

Michael Sauerbeck ist einer von drei Fahrern, die in den kommenden Wochen für die Pünktlichkeit und Sicherheit des Christkindes verantwortlich sind. Im Wechsel mit zwei Kollegen wird er Teresa Treuheit in einem Kleinbus quer durch die Straßen Nürnbergs, die Region und die ganze Bundesrepublik fahren. Denn ihre Auftritte sind nicht ausschließlich auf Nürnberg begrenzt. Neben den regelmäßigen Auftritten und Besuchen des Christkindlesmarktes und des Sternenhauses sind Einrichtungen für Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen sowie zahlreiche Einrichtungen für Kinder ihre Anlaufstellen. "Ich finde es wunderbar, wie sich die Menschen über mich freuen. Das Christkind trifft jeder gerne, alle sind herzlich, egal ob jung oder alt. Da fällt das Lächeln gar nicht schwer, denn die Menschen bringen einem viel Zuneigung entgegen."

Herzlichkeit kann man nicht spielen

Das Christkind zeigt sich in vollem goldenen Gewand. Beim Seniorentreff sprach das Christkind seinen Prolog und begrüßte alle Anwesenden.
Beim Seniorentreff sprach das Christkind seinen Prolog und begrüßte alle Anwesenden.

An diesem Morgen hatte sich schon der Seniorenkreis der Katholischen Pfarrgemeinde St. Wolfgang im Nürnberger Stadtteil Schweinau riesig über das Christkind gefreut. "Was steht dort alles auf dem Programm?" Teresa streicht sich die goldenen Locken aus dem Gesicht und setzt ihre Krone auf. Im Kleinbus hat das Christkind genügend Platz, sich auf seine Besuche und Auftritte vorzubereiten. "Du sprichst wieder den Prolog und begrüßt alle, ganz einfach." Susanne Randel dreht sich zum Christkind um. "Seh ich ordentlich aus?" Ein lächelndes Nicken vom Beifahrersitz. "Gut, dann los."

Zu wichtigen Terminen wird die Pressereferentin das Christkind in den ersten Tagen noch begleiten, dann ist Teresa weitestgehend auf sich gestellt. Geschichten, die sie vorliest, Begrüßungen, die sie spricht – Teresa muss spontan sein und selbst kreativ werden. "Wir können ihr Tipps geben – aber sie muss ja überzeugend rüberkommen. Da können wir ihr die Worte nicht in den Mund legen, das ist der Anspruch an das Christkind." Den hat Teresa Treuheit in diesem Jahr erfüllt: unter 40 Bewerberinnen hat sie sich durchgesetzt. Die jungen Frauen müssen zwischen 16 und 19 Jahren alt und schwindelfrei sein, denn den Prolog sprechen sie auf dem hohen Balkon stehend. "Dazu muss sie offen, herzlich und spontan sein. Ihr muss klar sein, welche Anforderungen in den kommenden Wochen an sie gestellt werden, welche Erwartungen die Leute haben", schildert Susanne Randel. Teresa ist sich der Wahrhaftigkeit der verkörperten Person vom Christkind durchaus bewusst. "Ich spiele keine Rolle, ich verkörpere niemand Fremden. Sondern in diesem goldenen Gewand bin ich ja ich selbst, als Christkind verkleidet. Die Herzlichkeit, die man braucht, kann man nicht spielen. Meine Freude den Leuten da draußen gegenüber ist echt und nicht gespielt."

"Du kannst mit dem Christkind Karussell fahren. Los!"

Christkindlesmarkt: Nachdem es Lebkuchen an die Besucher des Christkindlesmarktes verteilt hat, gibt das Christkind auch noch Autogrammkarten aus.
Christkindlesmarkt: Nachdem es Lebkuchen an die Besucher des Christkindlesmarktes verteilt hat, gibt das Christkind auch noch Autogrammkarten aus.

Nach jedem Auftritt steigt sie wieder für einige Minuten in den Bus, der sie von Termin zu Termin fährt. In diesen Verschnaufpausen ist der Draht zu den Fahrern besonders wichtig. Im Kostüm kann das Christkind nicht zum Bäcker oder in eine Apotheke gehen – so wird der jeweilige Fahrer schnell zum Helfer. Das ist nicht selten mehr als acht Stunden am Tag. Michael Sauerbeck ist Christkind-Chauffeur der ersten Stunde und seit 16 Jahren dabei. "Es ist einfach schön zu sehen, wie das Christkind überall mit leuchtenden Augen empfangen wird." Sauerbeck hält sich auch an diesem Nachmittag im Hintergrund, achtet aber im Gedränge auf das Christkind, hilft, wenn die Menschen es zu sehr bedrängen, behält die Zeit im Blick, um den engen Terminplan einhalten zu können. Denn dem Christkind darf man das Zeitkorsett nicht anmerken.

Auch an diesem Tag liegen die Termine nah beieinander. Teresa freut sich besonders auf die Kinder auf dem Weihnachtsmarkt. Auf dem Kinderkarussell herrscht reger Andrang - alle wollen mit dem Christkind fahren, ihm ganz  nahe sein. Und wer von den Kleinen noch zögert, wird von einem Elternteil angefeuert. "Du kannst mit dem Christkind Karussell fahren. Los! Lauf nach vorne!" Dichtes Gedränge rund um Karussellpferde und -kutschen. "Du bist noch gar nicht mitgefahren? Du hast doch eben schon warten müssen. Dann komm mal her zu mir." Teresa bittet einen Helfer des Fahrgeschäfts, das Kind zu ihr hochzuheben. "Ich mag Kinder sehr und mir macht's einfach riesig Spaß."

Insgesamt wird Teresa Treuheit als Christkind in den Adventswochen rund 170 Termine wahrnehmen. Stress? Die Sorge, nicht durchzuhalten? Die junge Frau lächelt alle Bedenken weg. "Das hat man nur einmal im Leben. Und ich bin stolz, auch einmal das Christkind zu sein."

Text und Fotos: Judith Bornemann