Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Blick nach Malta zum Internationalen Tag der Migranten – Queen hat es durch die Wüste geschafft, von Somalia bis Europa

Flucht im Rollstuhl

Im Jahr 1990 wurde am 18. Dezember die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Migranten und ihrer Familienangehörigen von der UN-Vollversammlung angenommen. Deshalb haben die Vereinten Nationen diesen Termin zum Internationalen Tag der Migranten erklärt. Nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) waren Ende 2012 weltweit 45,2 Millionen Menschen auf der Flucht. 15,4 Millionen davon waren Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes, 937.000 waren Asylsuchende und 28,8 Millionen Binnenvertriebene. Das ist laut UNHCR der höchste Stand seit 1994. Viele der Flüchtlinge landen in Malta – ein Blick in das kleine Land offenbart die großen Herausforderungen, die damit verbunden sind, aber auch besondere Flüchtlingsschicksale.

Die Lebensbedingungen in den staatlichen Flüchtlingscamps snd hart – Blick auf ein Camp hinter Stacheldraht.
Die Lebensbedingungen in den staatlichen Flüchtlingscamps snd hart.

Der maltesische Pater Philip Calleja sitzt hinter einem einfachen Schreibtisch aus Blech in einem Raum, der voll gestopft ist mit Aktenordnern und Hängearchiven. Seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt sich der Geistliche mit dem Thema Migration. Damals stand seine Arbeit noch unter einem anderen Stern. "Anfangs habe ich mich um maltesische Migranten gekümmert," erzählt er. "Das waren Leute, die nach Australien, Kanada, die USA und England auswandern wollten. Viele waren arme Analphabeten. Sie mussten auf ihre Zukunft vorbereitet werden. Bis in die achtziger Jahre sind Tausende Malteser ins Ausland gegangen. Doch dann hat sich die Situation umgekehrt. Immer mehr Flüchtlinge kamen zu uns nach Malta."

Seit 2004 ist Malta Mitglied der Europäischen Union. Schon zuvor sind manchmal Boote aus Afrika an der maltesischen Küste gelandet. Doch damals hat sich das Land nur wenig um die Flüchtlinge gekümmert. Die meisten blieben kurz auf der Insel. "Bevor Malta selbst Verantwortung übernehmen musste, war der UNHCR zuständig, der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Doch dann ist Malta zu einer Art Lager für diese Menschen geworden. Und sie sind geblieben."

Heute leben rund sechstausend Afrikaner auf Malta, dem kleinsten Land der Europäischen Union. Wenn sie ankommen, haben die meisten keine Dokumente bei sich. Pater Philip hilft ihnen, Ausweispapiere zu bekommen. Mit routiniertem Griff zieht der alte Priester einen Ordner aus dem Schrank. "Schauen wir uns mal irgendeinen Fall an. Dieser Mann zum Beispiel ist von der Elfenbeinküste gekommen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Wir haben Informationen über seine Familie, seine Aufenthaltsgenehmigung, eine Kopie seines Visums. Und wir haben immer eine Telefonnummer, weil wir ja kommunizieren müssen."

Die maltesische Regierung tut sich schwer damit, eine angemessene Integrationspolitik zu entwickeln. Es wird noch immer davon ausgegangen, dass die meisten Flüchtlinge nicht lange auf Malta bleiben. "Diese Leute haben vieles durchlitten," sagt der Priester. "Es ist unsere christliche Pflicht, ihr Elend ein wenig zu mildern. Wir müssen ihnen helfen. Ich verstehe ja, dass Malta überbevölkert ist. All die Flüchtlinge mit ihren Kindern und Frauen - das ist eine Menge. Aber auch sie sind Menschen."

Pater Philip hat sich dafür eingesetzt, dass seine Kirche Projekte entwickelt, die vor allem jungen Flüchtlingsfamilien und Kranken eine Lebensperspektive bieten. Das Zentrum Balzan in dem Ort Nassar öffnet seine Türen für Menschen, die Ruhe brauchen. Viele leiden unter Verletzungen oder Krankheiten und fast alle unter psychischen Wunden. Auf ihrer Wanderung durch Afrika haben sie traumatische Situationen erlebt. Joe Cardona, der Verwalter des Zentrums, in dem vierhundert Flüchtlinge leben, ist ein Mann mit dünner Gestalt und leiser Stimme: "Der Weg dieser Leute durch die Wüste ist sehr hart. Sie müssen viel ertragen, Vergewaltigung, Schläge, Misshandlungen."

Von Schmugglern ausgesetzt

Queen im Rollstuhl.
Auf ihrer Flucht hat Queen im Rollstuhl die Sahara durchquert.

Die meisten anderen Flüchtlingsheime auf Malta werden vom Staat verwaltet. Dort sollen die Menschen nur einige Monate lang bleiben, bevor sie von einem anderen europäischen Land aufgenommen werden oder in Malta Arbeit finden und unabhängig leben können. Im dem Zentrum Balzan aber ist der Aufenthalt unbegrenzt. Gerade Familien bleiben oft Jahre lang. Joe Cardona erklärt: "Die meisten Familien bleiben bis sie in ein anderes Land reisen. Außer sie tun etwas, das drastisch falsch ist. Sagen wir mal, sie putzen nicht, dreimal hintereinander. Dann muss ich sie wegschicken. Es ist wichtig, konsequent zu sein, sonst geht hier alles drunter und drüber."

Joe Cardona hat selber gerade eine schwere Krankheit überwunden. Der tägliche Gang durch das Zentrum strengt ihn an. Er und die Ordensschwestern, die in einem anderen Teil des Gebäudes wohnen, legen großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung. So treffen oft unterschiedliche Hygienevorstellungen aufeinander - Kulturkampf ums Bödenschrubben.

Joe Cardona betritt einen weitläufigen Flur. Ein Kleinkind krabbelt auf allen Vieren über den sauberen aber uralten Steinboden. Aus dem Kirchturm tönen Glockenschläge. Gleichzeitig ruft ein Muezzin im Radio die muslimischen Gläubigen zum Gebet. Plötzlich trifft Joe Cardona auf eine junge Frau im Rollstuhl. Einen Moment lang schaut sie ihn verärgert an. Dann schimpft sie: "Joe, das Eingangstor ist ein Problem." Joe Cardona antwortet mit sanfter Stimme: "Das werden wir klären. Heute."

Die Frau stammt aus Somalia: "Immer wenn ich raus will, muss jemand mich und den Rollstuhl tragen." Sie heißt Queen, ist 25 Jahre alt und hat ihren eigenen Kopf. Jetzt klingt Joe Cadonas Stimme nicht mehr so freundlich: "Hör mir zu. Du beklagst dich, aber du willst die Lösung nicht hören. Heute wird jemand kommen und eine Rampe bauen." Queen nörgelt weiter: "Sie darf aber nicht zu steil sein." Joe Cardona verliert die Geduld. Er fühlt sich ja selber krank und schwach. "Du willst mir ja gar nicht zuhören. Wir sehen uns später."

Joe Cardona geht weg. Queen bleibt aufrecht in ihrem Rollstuhl sitzen. Sie ist in bunte Tücher gehüllt. Als Kind hat sie vier Jahre lang eine Schule besucht. Vielleicht spricht sie deshalb deutlich besser Englisch als die meisten anderen somalischen Flüchtlinge, die in ländlichen Gebieten aufgewachsen sind. Aber auch Queen kann nicht lesen und schreiben. "Die Probleme meiner Familie haben begonnen, als ich siebzehn war," erinnert sie sich. "Die Milizen sind gekommen und haben geschossen. Mein Vater ist gestorben und zwei meiner Brüder auch. Dann ist die Wand unseres Hauses auf mich gefallen. Sie war so schwer, dass die Leute sie nicht heben konnten. Mein Unterkörper ist kaputt gegangen. Drei Jahre lang war ich im Krankenhaus in Mogadishu. Dort habe ich mitbekommen, was los war. Ständig Kämpfe. Ich hatte einen Ehemann, mit dem ich nur ein Jahr lang zusammengelebt habe. Dann hat er mich verlassen. Er hat sich den Kämpfern angeschlossen. Er wurde gefangen genommen. Ich habe versucht, ihn zu suchen, aber einen Monat später bekam ich die Nachricht, dass er gestorben ist."

Viele Somali auf Malta können Horrorgeschichten erzählen vom Krieg, von der Flucht durch die Sahara, von der Bootsfahrt übers Mittelmeer. Tausende kommen ums Leben, aber Queen hat es geschafft, obwohl sie im Rollstuhl sitzt. "Als ich Somalia verlassen wollte, hat mich der UNHCR an der Grenze als Flüchtling registriert. Ich musste ein Jahr lang dort bleiben. Dann ging es vom Sudan aus durch Libyen weiter bis Malta. Manchmal im Bus, manchmal im Rollstuhl. Manchmal hat mich jemand geschoben, manchmal musste ich die Räder selber drehen. Auf dem Weg aus Mogadishu habe ich hundert Kilometer weit selbst geschoben. Das Problem war das Wasser. Es gab nichts zu trinken. Immer war ich müde und durstig. Viele Leute auf dem Weg haben mich respektiert, andere nicht. Die Soldaten haben mich nie respektiert."

Ohne Hilfe hätte Queen es wohl nicht geschafft. Sie war nicht allein unterwegs. "Eine meiner Schwestern war bei mir. Sie ist jetzt auch auf Malta. Sie hat mir durch den Sudan geholfen. Als ich in Libyen ankam, hatte ich kein Geld mehr. Ich habe gebettelt, um das Boot bezahlen zu können. In Libyen haben mir Leute aus Somalia geholfen. Aber dann haben auch dort Kämpfe begonnen. Ich musste raus. Sie haben mich aufs Schiff getragen."

Nach ihrer Ankunft auf Malta wurde Queen von der Ordensschwester Agnes im Zentrum Balzan aufgenommen. Agnes lebt seit zwanzig Jahren im Kloster. "Ich bewundere Queen," sagt sie. "Wie hat sie das bloß geschafft? Ich sehe oft, wie die Flüchtlinge sich untereinander helfen. Ihr wurde viel geholfen."

Anfangs hat Schwester Agnes misshandelte Frauen aus Malta unterstützt. Doch seit 1992 kommen vorwiegend afrikanische Flüchtlinge ins Zentrum Balsan. "Queen war in einem Schmugglerboot. Die Schmuggler haben sie einfach ausgesetzt und ihr gesagt, sie sei in Rom. Als sie jemanden fragte, ob sie wirklich in Rom sei, hat sie erfahren, dass dies die Insel Malta ist. Viele Schmuggler machen sich lustig über die Flüchtlinge. Sie setzen sie einfach irgendwo ab."
Queen hatte nicht vor, nach Malta zu kommen. Eigentlich wollte sie das europäische Festland erreichen, so wie fast alle Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Aber Schwester Agnes meint, Frauen wie Queen könnten vor allem froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein. "In Libyen wurde sie geschlagen. Dort konnte sie nicht bleiben. Hier auf Malta gibt es viele Leute, die sagen, die Flüchtlinge sollten in Libyen bleiben. Aber das ist unmöglich. Dort sind sie nicht willkommen."

Nachdem sie eine Weile lang von ihrer Flucht erzählt hat, verabschiedet sich Queen. Mit ihren kräftigen Armen bewegt sie den Rollstuhl zurück in ihr Zimmer. Sie ist müde.

Text und Fotos: Andreas Boueke

Franziskus zu Flüchtlingen

Papst Franziskus setzt sich in besonderer Weise für Flüchtlinge ein. Dies wird auch in seinem jüngsten Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" deutlich:

"Es ist unerlässlich, neuen Formen von Armut und Hinfälligkeit – den Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den eingeborenen Bevölkerungen, den immer mehr vereinsamten und verlassenen alten Menschen usw. – unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wir sind berufen, in ihnen den leidenden Christus zu erkennen und ihm nahe zu sein, auch wenn uns das augenscheinlich keine greifbaren und unmit­telbaren Vorteile bringt. Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt. Darum rufe ich die Länder zu einer großherzigen Öffnung auf, die, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen. Wie schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor ma­chen! Wie schön sind die Städte, die auch in ihrer architektonischen Planung reich sind an Räu­men, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen!"