Altöttinger Liebfrauenbote
Luftbild von Schneeberg.
Luftbild von Schneeberg.

Seit 50 Jahren wird im sächsischen Schneeberg am zweiten Adventswochenende das Lichtelfest gefeiert

Der Steiger kommt

Nachmittags um vier formiert sich die Parade im Schneeberger Ortsteil Neustädtl. Federbüsche wippen, Silberborten schimmern, Licht spiegelt sich auf Äxten, Säbeln und "Steigerhäckchen", mit denen die Bergleute einst die Zechen zu verteidigen hatten. – Seit 50 Jahren wird im sächsischen Schneeberg am zweiten Adventswochenende das Lichtelfest gefeiert. Höhepunkt ist die Große Bergparade.

Schließlich gibt der Vorsitzende das Zeichen zum Aufbruch: "Sächsische Bergparade, Achtung, rechts um! Im Gleichschritt Marsch!" Und schon setzt die Musik ein:

"Glück auf! Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt, schon angezündt."

Nachmittags um vier formiert sich die Parade im Schneeberger Ortsteil Neustädtl.
Nachmittags um vier formiert sich die Parade im Schneeberger Ortsteil Neustädtl.

Jetzt marschieren sie los, die Bergbrüderschaft Sosa und die Bergbrüderschaft Oederan und die 15 anderen Vereine, die heute dabei sind, jede Gruppe mit ihrer Fahne vorweg. 500 Männer zwischen 15 und 85 Jahren, in weißen, schwarzen und gemischten Uniformen setzen sich geordnet in Bewegung, auch ein paar Frauen sind dabei. Hauer mit Arschleder machen sich auf den Weg, Schwefelhüttenwerker in gelben Schürzen, Bergschmiede, Blaufarbenmeister, ein pfeifequalmender kohlschwarzer Köhler. Und alle haben sie jeweils ihr eigenes Habit. "Die meisten Uniformen stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts", erklärt Henry Schlauderer, der Vorsitzende des Sächsischen Landesverbands der Bergmann-, Hütten- und Knappenvereine und oberster Zeremonienmeister an diesem Nachmittag. "Jeder Verein hat sich irgendwann entschieden, für welche Epoche des Bergbaus er stehen möchte." Und jeder, der mitmachen möchte, sucht sich ein Gewerk, das er künftig vertritt und bestellt beim Schneider die passende Uniform - wobei die Vereinsvorstände gern als Steiger oder Obersteiger, als höhere Beamte also auftreten.

Die Große Bergparade am Sonntag ist der Höhepunkt des zweitägigen Lichtelfestes in Schneeberg, das stets am zweiten Adventswochenende gefeiert wird. Aber ohne Schnee ist so ein winterlicher Aufzug natürlich nur halb so romantisch. In leichtem Nieselregen bewegt sich der Zug mit viel Musik und Trommelwirbel die zwei Kilometer nach Schneeberg. Die Zuschauer kümmert das Wetter wenig. Fast durchgehend säumen sie die Straßen, klatschen und singen oder summen mit:

"Schon angezündt! Das wirft seinen Schein, und damit so fahren wir bei der Nacht, und damit so fahren wir bei der Nacht, ins Bergwerk ein, ins Bergwerk ein."

Häufig zeigen aufwändige Schwibbögen oder Bilder aus Sperrholz Szenen aus dem Bergbau oder der Heiligen Nacht.
Häufig zeigen aufwändige Schwibbögen oder Bilder aus Sperrholz Szenen aus dem Bergbau oder der Heiligen Nacht.

Bergparaden, erzählt Henry Schlauderer, waren ursprünglich Prunkveranstaltungen. Zu Fürstenhochzeiten und Jubiläen ließen Landesherren oder Oberberghauptmänner ihre Arbeiter in Paradeuniform aufmarschieren, und jeder war verpflichtet, daran teilzunehmen. Es gab klare Vorschriften, wie der Zug sich aufzureihen hatte. "Ein Paradeband, eine festgelegte Abfolge, haben wir auch heute", sagt Henry Schlauderer: "Vorneweg marschiert immer der gastgebende Verein. Dann kommt nach jeweils drei, vier Blöcken mit Bergleuten eine Musikkapelle, damit es für die Zuschauer abwechslungsreich wird." 60 Vereine mit 3.000 Mitgliedern sind im Landesverband organisiert. Nicht alle, die heute gern teilgenommen hätten, konnten berücksichtigt werden. Auch wenn es fast keinen Bergbau mehr gibt in Sachsen – die Traditionspflege blüht.

Nach vierzig Minuten erreicht der Zug Schneeberg. Ganz oben, im scharfen Wind, ragt schroff wie eine Burg die St. Wolfgangskirche hoch. Und ganz, ganz oben, vom sturmgeschüttelten Turm, geht der Blick über das 17.000-Einwohner-Städtchen, das blau in der Dämmerung leuchtet und von Lichterketten wie von einem filigranen Netz überzogen ist.

Der "Bergmannsdom" wurde von 1516 bis 1540 erbaut. Schneeberg gehörte dank seiner Erzgruben damals zu den reichsten Orten - davon kündet sowohl die mächtige Kirchenhalle als auch das mehrflügelige Altarbild. Es stammt aus der Wittenberger Werkstatt von Lukas Cranach, einem der gutbezahlten "Malerstars" jener Zeit. 1945 wurde St. Wolfgang zerbombt und zu DDR-Zeiten wieder aufgebaut.

In der Kirchgasse wird es eng, die Zuschauer stehen in dichten Reihen. Schon kommt der Markt in Sicht, der Platz scheint viel zu klein für die Tausenden von Menschen. An den Buden gibt es Fellmützen, Nussknacker und Weihnachtskugeln, Pulsnitzer Spitzen und Erzgebirgischen Stollen. Doch wer immer eben noch einen Vogelbeerpunsch gekostet oder am Liebesapfel geknabbert hat, hat sich jetzt in den Pulk der Zuschauer eingereiht. Im Hintergrund strahlt das helle Rathaus, das ein wenig an einen toskanischen Palazzo erinnert. Am Turm prangt ein vielzackiger Stern, ein großer Weihnachtsbaum funkelt auf dem Platz davor, daneben dreht sich die drei Meter hohe Pyramide mit den geschnitzten Bergleuten.

Das Schönste aber sind die Häuser rundum – genauer: deren Fenster. Da ist keines, in dem nicht wenigstens eine Kerze oder eine Laterne leuchten würde. Häufig zeigen aufwändige Schwibbögen aus Sperrholz Szenen aus dem Bergbau oder der Heiligen Nacht, Räuchermännle und Engel salutieren daneben, stehen aber wohl nur noch selten für die Anzahl der Söhne und Töchter im Haus, wie es bei den Bergleuten früher üblich war. In der Tat: Das Schneeberger "Lichtelfest" trägt seinen Namen zu Recht. 1963 wurde es zum ersten Mal gefeiert, als "Fest der Freude und des Lichtes".

Während der beiden Tage gibt es ein reichhaltiges Programm. Kinder führen Stücke auf, der Weihnachtsmann kommt, Schnitzer zeigen ihre Kunst. Im Kellergewölbe des Schnorrhauses ist der Bergchor "Glück auf" zu hören:

"Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut sein, die da graben das Silber und Gold bei der Nacht, die da graben das Silber und Gold bei der Nacht, aus Felsgestein, aus Felsgestein."

Im Kellergewölbe des Schnorrhauses ist der Bergchor "Glück auf" zu hören.
Im Kellergewölbe des Schnorrhauses ist der Bergchor "Glück auf" zu hören.

Ein Dutzend älterer Herrn in schwarzen Kitteln singen "Bergmannshosianna" und "Bergmannsblut, du schönes Gut", und dazwischen mahnt ein Redner, doch den guten alten "Glück auf"-Gruß nicht einem neumodischen "Guten Tag" zu opfern und bitteschön die heimische "Sproch" nicht zu verlernen. Und auch wenn da ein bisschen viel und etwas aufdringlich von der "Haamit" und noch einmal der "Haamit" die Rede ist, wäre es schade, wenn dieser kantige Dialekt für immer verschwände, der ja nach Meinung Außenstehender so einfach zu lernen ist: Einfach jedes "ei", jedes "ä" und jedes "au" durch ein a ersetzen, und schon spricht man – fast – fließend Arzgebirgisch...

Mit der Bergparade findet das Lichtelfest seinen Höhepunkt und Abschluss. Zwischen den Menschenmassen hindurch ziehen die Männer zur Bühne am Rathaus. Märsche erklingen, Grubenlampen flackern mit den erleuchteten Fenstern um die Wette, und all die Mechaniker, Rechtsanwälte, LKW-Fahrer und Dachdecker-Azubis marschieren mit derselben Ernsthaftigkeit wie die alten Männer, die tatsächlich noch selbst eingefahren sind. Mit Grußworten, Prominenten-Reden, getragener Musik und dem abschließenden Kommando von Henry Schlauderer endet das diesjährige Fest. Ganz zuletzt erklingt noch einmal die Melodie, die die Besucher durch die beiden Tage geleitet hat – und die ihnen nun nicht mehr aus dem Kopf will: Das Steigerlied.

"Der Eine gräbt das Silber, der and’re gräbt das Gold, doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht, doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht dem sein wir hold, dem sein wir hold."

Vom Turm spielen ein letztes Mal die Bläser, dann leert sich der Platz allmählich. Schnee wäre jetzt schön.

Textund Fotos: Franz Lerchenmüller (Storymacher)