Altöttinger Liebfrauenbote

In Herbst und Winter zeigt Wien seine dunklen Seiten am eindrucksvollsten

Auf du und du mit dem Tod

Wenn die strahlend weißen Barockfassaden am Ring prunken mit ihrem Stuck und die filigranen Türme des Stefansdoms wie Meisterstücke der Konditorinnung in einen pastellblauen Himmel ragen, dann ist Wien elegant, lebensfroh und bis ins Kitschige schön. Wenn aber der Hochnebel sich wie eine perlgraue Grabdecke über die Stadt senkt und nur noch das Hundertwasserhaus ein paar müde Farbtupfer setzt, wenn jeder Fiaker übers Pflaster klappert wie ein Leichenwagen und man in den Kirchen am liebsten Mozarts Requiem aufführt, dann wird es auch für Besucher Zeit, sich Wiens dunklen Seiten zuzuwenden – dem Tod insbesondere, und dem innigen Verhältnis, das seine Bewohner zu ihm unterhalten.

Der Kurator des Bestattungsmuseums, Wittigo Keller, mit einem von ihm selbstentworfenem Sitzsarg.
Der Kurator des Bestattungsmuseums, Wittigo Keller, mit einem von ihm selbstentworfenem Sitzsarg.

"Die Schlange reichte bis auf die Straße", sagt Wittigo Keller, der Kurator des Bestattungsmuseums, und meint die Lange Nacht der Museen. Exakt 1.580 Wiener und Wienerinnen kamen da, stiegen in einen Sarg und ließen den Deckel für ein paar Minuten zuklappen. Kein Zweifel: Sie sind fasziniert vom Morbiden – aber wo kommt es her, dieses Gen, das die Bewohner der Donaumetropole ein bisschen abgeklärter oder auch abgedrehter macht als ihre Nachbarn?

"Wien war ein Schmelztiegel der Völker", holt der kleine Mann mit dem grauen Pferdeschwanz aus. "Und diese Melange der Mentalitäten, mit einem starken Einfluss des Ostens, ist der Nährboden, auf dem sich eine große Sensibilität für das funerale Thema herausgebildet hat." Der Museumsleiter ist Kulturanthropologe, vor allem aber leidenschaftlicher Darsteller seiner selbst. Und schmunzelt zufrieden, was er da wieder Schönes so dahingesagt hat.

Wer in Wien auf sich hielt, inszenierte "a schöne Leich" als seinen glanzvollen letzten Auf- und Abtritt, ein bombastischer Totenkult entwickelte sich. Im Museum drehen sich Leichenzüge aus Papier beim Trauermarsch, der so praktische Klappsarg klappt immer noch einwandfrei, und in der Vitrine funkelt der zweiseitig geschliffene Dolch, der auf ihren eigenen Wunsch und im Beisein eines Notars kurz vor der Beerdigung all denen ins Herz gestoßen wurde, die die Angst umtrieb, sich nach einem Scheintod quicklebendig zwei Meter unter der Erde wiederzufinden.

Die schönsten Leichenzüge waren natürlich den Habsburgern vorbehalten. Und sie endeten alle an der Kapuzinerkirche. Zwölf Kaiser und 17 Kaiserinnen befinden sich unter den 146 Adligen, die in den Zink- und Kupfersärgen der Kaisergruft ihre letzte Ruhe gefunden haben. Hier liegt Margarita Teresa von Spanien, berühmt geworden durch die drei Gemälde, die Velasquez von ihr gemalt hat. Dort ruht Ferdinand der Gute, der einen Wasserkopf hatte und fünf Fremdsprachen beherrschte. Am Grab Maximilians I. hat eine mexikanische Delegation rotgelbe Tulpen niedergelegt, über Sissis Sarkophag streichen zwei blonde Italienerinnen verstohlen mit der Hand: Soll nützlich sein in Sachen Schwangerschaft!

Die Sache mit dem Tod finden die Wiener durchaus charmant

Der Eingang zum Kanalnetz am Wiener Karlsplatz.
Der Eingang zum Kanalnetz am Wiener Karlsplatz: "Der Dritte Mann" lässt grüßen.

"Bei uns finden Sie die Luftgselchten", charakterisiert, mit Gleichmut, aber nicht ohne Respekt, Christopher Timmermann in der Michaeler-Gruft die Mumien, die in den 100 Särgen aufgrund der Hobelspäne und des Klimas in dem Barockgewölbe perfekt eintrockneten. Jener geschrumpfte Herr in Gehrock und Lederhose etwa, der 1769 diese Erde verlassen musste, ist dem Bürgertum zuzuordnen: Seine Perücke klebt noch deutlich erkennbar am Hinterkopf.

Während das junge Mädchen weiter hinten aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt: "Die Zähne haben keine Kariesspuren – Zucker konnte man sich nicht leisten." Timmermann, der Fremdenführer, ist so etwas wie ein Stadt-Maulwurf. Jede freie Minute verbringt er hier, 15 Meter unter der Straße, und gräbt mit seinen Freunden zusammen immer neue Gewölbe, Treppen und Nischen frei.

Die Wiener, ach ja. Die Sache mit dem Tod finden sie durchaus charmant. Viel weniger gefällt ihnen, wenn jemand die dunklen Seiten der Stadt allzu realistisch aufgreift. Deshalb fand Carol Reeds Film "Der Dritte Mann" so gar kein geneigtes Publikum zwischen Prater und Schönbrunn. Zu düster, zu hart hatte er das Wien der Nachkriegszeit gezeichnet, zu verstörend war die Geschichte vom Penicillinschieber Harry Lime, der vor der britischen Militärpolizei in die Kanäle der Stadt flüchtete.

Heute darf man am Karlsplatz ganz offiziell in die Unterwelt. Im Gewölbe des Wienfluss-Sammelkanals wurden all die nervenzerfetzenden Untertageszenen des Films gedreht. Man erzeugte einen künstlichen Überlauf, schickte das Double von Orson Welles kreuz und quer über die Betonrampe und arbeitete mit 16 verschiedenen Kameraeinstellungen – so wirkte der Raum immer wieder anders.

582 Wasserleichen und Selbstmörder

Auf dem Friedhof der Namenlosen liegen die Unbekannten.
Auf dem Friedhof der Namenlosen liegen die Unbekannten.

Zu einem großen Teil beruhte der Erfolg des Streifens auch auf seiner Musik. Gerhard Strassgschwandtner hat in seinem "Dritte Mann Museum" an die 400 Versionen der berühmten Melodie gesammelt. "Der Anton Karas war klein und bodenständig und hat mit seiner Zither in Kneipen gespielt", erzählt er. "Da traf Carol Reed ihn 1948." 550 Millionen Mal soll sich das Harry Lime Thema inzwischen verkauft haben.

Und wo endete er, der Anton Karas? Auf dem Friedhof natürlich, wie alle Wiener. Nicht auf dem Friedhof der Namenlosen an der Donau, auf dem zwischen 1840 und 1940 exakt 582 Wasserleichen und Selbstmörder beigesetzt wurden. Josef Fuchs, der Enkel des einstigen Gemeindegendarmen Fuchs, setzt immer noch Blumen auf die Hügel und redet mit Zeitgenossen, die dort nachts Stimmen hören und Kraftfelder zu empfangen glauben.

Nein, auf den Sieveringer Friedhof kam der Karas zu liegen. So hat er sich den Zentralfriedhof erspart, den er mit rund drei Millionen Mitbürgern hätte teilen müssen. Im Herbst treffen sich die Familien dort und gönnen sich vielleicht einen Abstecher zum Kreisky Bruno oder zu Falco, dessen Begräbnis 1998 die letzte prächtige Leich in Wien war. Hinterher geht es ins "Schloss Concordia", wo der Charme schon sehr verblichen ist, das "Superschnitzel" aber immer noch über den Teller ragt. Dazu lassen sie sich einen Veltliner kommen und die Sache mit dem Sterben jetzt erst mal auf sich beruhen.

Denn, sicher: Sie stehen auf Du und Du mit dem Tod. Sie kokettieren mit ihm und pflegen sorgfältig ihren diesbezüglichen Ruf. Aber das Leben – das Leben lieben sie immer noch viel, viel mehr, die Wiener.

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller (storymacher)

Impressionen

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Blick in die Kapuzinergruft.
Blick in die Kapuzinergruft mit dem Grabmal des Kaisers Maximilian von Mexiko (im Vordergrund mit den gelben Tulpen.
Die Gräber von Brahms...
Die Gräber von Brahms...
... und Falco auf dem Wiener Zentralfriedhof.
... und Falco auf dem Wiener Zentralfriedhof.