Altöttinger Liebfrauenbote

Rheinhessische Wallfahrt mit Jahrhunderte langer Tradition – Tiersegnung

Auf dem Laurenziberg

"Heiliger Laurentius", singen die Gläubigen auf dem langen Weg durch Felder und Fluren, "Christenmensch aus einem Guss, gib uns Kraft zum Dienen." Wie jedes Jahr Anfang August pilgern die Gau-Algesheimer mit Fahnen und Musik zum Laurenziberg. Im Schlepptau eine Statue des heiligen Laurentius, die wie immer ein paar frisch geerntete Trauben zieren. Die aus dem Jahr 1763 stammende Barockfigur ist das Prunkstück der Prozession, die zu den eindrucksvollsten in Rheinhessen zählt.

Laurenziprozession.
Laurenziprozession.

Es sind nur wenige Pilger, die sich früh morgens vor der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian im Herzen Gau-Algesheims eingefunden haben. Einen Großteil machen die Jungen und Mädchen vom Kerbejahrgang aus, die den heiligen Laurentius geschultert haben. Auch die Katholische Kirchenmusik ist angetreten, versüßt mit ihren Klängen den langen Weg bergauf. Viele Pilger sind inzwischen mit dem Auto auf den Laurenziberg gefahren, warten jetzt vor der Kirche auf die Prozession aus dem Tal. Traditionell sind zahlreiche Besucher von der Nahe oder aus dem Hunsrück gekommen, einige auch aus dem Rheingau. Denn die Wallfahrt zu Ehren Laurentius ist vor allem bei älteren Menschen immer noch Kult. Schließlich werden dem Heiligen zu Ehren seit Jahrhunderten Tiere und landwirtschaftliches Gerät gesegnet. Pferde vor allem, aber auch Hunde, Katzen, Esel, Kutschen und Traktoren.

Über die Ursprünge der Wallfahrt weiß man wenig. Klar ist nur, dass die großen Pestepidemien Mitte des 17.  Jahrhunderts, die auch die Rochus-Wallfahrt auf den Binger Jakobsberg bedingten, die Prozessionen beflügelten. Schon seit dem frühen Mittelalter stand in dem damals nur einfach Bergen genannten Weiler, dem heutigen Laurenziberg, ein dem Heiligen geweihtes Gotteshaus. Die Wissenschaft will in ihm eine Art Mutterkirche der Region sehen. Am 10. August, dem Festtag des heiligen Laurentius, war sie traditionell Ziel der Pilger aus den umliegenden Orten. Den Stellenwert der Wallfahrten unterstrichen immer wieder Ablässe, die allen Pilgern gewährt wurden, die reumütig ihre Sünden gebeichtet und die Kirche des Heiligen in Bergen besucht hatten. Nach der Reformation allerdings beschränkte sich die Wallfahrt nur noch auf die drei umliegenden kur-
mainzischen Orte Gau-Algesheim, Ockenheim und Dromersheim, deren Pfarrer am Festtag mit ihren drei Monstranzen gleichzeitig den sakramentalen Segen spendeten.

Station des Trostes

Prozession.
Prozession.

Vermutlich im Dreißigjährigen Krieg wurde Bergens Wallfahrtskirche zerstört und durch eine kleine Kapelle ersetzt, die man neben die Trümmer der alten Kirche baute. Sie war den drei Pestheiligen Laurentius, Sebastian und Rochus geweiht – und wichtigste Station des Trostes, wenn Pest oder Viehseuchen in der Region ihre Opfer forderten. So wie 1666, als weit über die Hälfte der Menschen in Gau-Algesheim und Umgebung dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen waren. Ein damals gestifteter Kelch, mit dem am Festtag die Eucharistie gefeiert wird, erinnert noch heute an das schreckliche Wallfahrtsjahr. Wegen einer Viehpest sollen auch die Dromersheimer 1670 eine Wallfahrt nach Bergen ausgelobt haben. Dabei, so erzählen sich die Pilger noch heute gern, hätten sie auch ihr Vieh mit auf den Berg genommen, so dass die Segnung von Pferden und Kühen zum neuen Wallfahrtselement wurde. Auch die Viehhirten von Ockenheim übrigens hatten zum Fest des heiligen Laurentius das Recht, ihre Tiere auf dem Bergrücken weiden zu lassen.

Neue Kirche

Laurentiusfigur vor der Algesheimer Kirche.
Laurentiusfigur vor der Algesheimer Kirche.

Im Lauf der Jahre wurde der Zulauf zum Laurenzikapellchen so groß, dass man Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Trümmern der alten Kirche ein neues Gotteshaus errichtete. Am 14. September 1730 übergab es der Mainzer Weihbischof seiner Bestimmung. Die Ausstattung war vom Feinsten. So stammte der barocke Hochaltar aus der Lambertuskapelle des Mainzer Doms, die um 1720 entstandenen Seitenaltäre aus der Mainzer Christophskirche. Damit wurde der Berg zur neuen Anlaufstation für die Menschen der Region, die nicht nur zum Laurentiusfest, das gewöhnlich eine ganze Woche währte, sondern auch zu Ostern, den traditionellen Bitttagen vor Christi Himmelfahrt und zu anderen Gelegenheiten gern zu dem jetzt auch offiziell Laurenziberg genannten Wallfahrtsort pilgerten.

Unübersehbar ist die Statue des heiligen Laurentius heute in der Wallfahrtskirche. In  der Hand hält er einen großen Rost als Verweis auf seinen Märtyrertod. Der Legende nach soll ihn der römische Kaiser Valerian einst auf einem Rost gegrillt und zu Tode gemartert haben. Mit den Abschiedsworten "Der Braten ist fertig" habe er sich schließlich dem Kaiser gezeigt – als standfester Christ, der für seinen Glauben den Tod auf sich genommen hatte.

Hoffnungsbild und Segen

Pferdesegnung.
Pferdesegnung.

"Diakon Laurentius, Hoffnungsbild und Segen, stark durch Klugheit und Entschluss, treu auf Jesu Wegen", singen die Wallfahrer noch heute, deren Zug von Gau-Algesheim nach knapp neunzig Minuten auf dem Laurenziberg endet. Vor der Kirche stehen Bänke, wartet das Volk auf den Festgottesdienst und die Predigt, die bei gutem Wetter traditionell von der 1931 errichteten Außenkanzel der Kirche gehalten wird. Etwas abseits im Grünen, zwischen Schatten spendenden Bäumchen, stehen die Pferde, die traditionell zum Laurenzifest gesegnet werden. Auch der Mainzer Kurfürst schickte seine Vierbeiner bis 1790  jährlich zum Segen auf den Berg im Herzen Rheinhessens. Doch in den letzten Jahrzehnten ist das Vieh weniger geworden, kommen die Pilger mit Katzen und Hunden, hin und wieder auch mit einem Esel oder Vogel.

Bis 1769 war der traditionelle Wallfahrtstag auf den Laurenziberg der 10. August, der Todestag des heiligen Laurentius. Nachdem der Mainzer Erzbischof den Festtag aber abschaffte und auch der Gau-Algesheimer Pfarrer den Mainzer Kirchenherrn nicht dazu bewegen konnte, wenigstens auf dem Laurenziberg des Heiligen weiter zu gedenken, feierten die Rheinhessen ihren Laurentius einfach Sonntags darauf. Seitdem ist der dem 10. August folgende Sonntag traditioneller Wallfahrtstag. Dann zeigt sich das 1978 innen renovierte und 1989 auch außen neu verputzte Kirchlein auf dem Laurenziberg im Festkleid. Spielt das Wetter mit, sitzen die Menschen nach dem Gottesdienst auf Bänken oder ganz einfach im Gras. Viele haben Picknick-Körbe mitgebracht, brunchen jetzt vornehm. Andere nehmen mit Bratwurst oder Braten vorlieb, die kleine Stände samt Getränken offerieren. Mittags beschließt eine feierliche Vesper den kirchlichen Teil des Festes, dann gibt es für die Wallfahrer Kaffee und Kuchen. Die meisten machen sich dann langsam wieder auf den Heimweg. Andere aber, die alte Freunde getroffen oder neue gefunden haben, erinnert oft erst die untergehende Sonne, dass auch das Laurenzifest einmal ein Ende hat.

Text und Fotos: Günter Schenk

Die nächste Laurenziwallfahrt  findet am Sonntag, 11. August statt. Um 7.45 Uhr beginnt die Prozession von der Pfarrkirche Gau-Algesheim, um  9.15 Uhr ist Pferdesegnung, um 9.30 Uhr ein Festamt mit Hauptzelebrant und Prediger: Ehren-Domkapitular Klaus Forster, Mainz; im Anschluss findet ein Fest der Begegnung statt, um 13 Uhr ein  Vespergottesdienst.

Laurentiuslied

Gottesdienst mit Reliquiar und Figur.
Gottesdienst mit Reliquiar und Figur.

Diakon Laurentius,
Hoffnungsbild und Segen,
stark durch Klugheit und Entschluss,
treu auf Jesu Wegen:
Gott hat sich ein Haus gebaut
und es Menschen anvertraut –
hilf, dass wir es pflegen.

Kostbar ist der Tempelschatz
über Maß und Zählen.
Nicht in Truhen hat er Platz,
niemand kann ihn stehlen.
Arme, Kranke, Greis und Kind,
alle, die bedürftig sind –
sie sind die Juwelen.

Diesen Schatz hast du bewacht,
nur vom Geist gerüstet,
und die blinde Gier nach Macht
hast du überlistet.
Zeuge auf dem Feuerrost,
schenk uns Glauben, Mut und Trost,
wenn der Tod sich brüstet.

Mach Humor und Weisheit groß,
wandle Trauermienen,
mach die Herzen schattenlos,
ganz von Gott durchschienen!
Heiliger Laurentius,
Christenmensch aus einem Guss,
gib uns Kraft zum Dienen.

Weitere Bilder

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Das Laurentiusreliquiar in der Kirche vor der Pieta...
... und in Nahaufnahme.
Ein Esel...
und Hunde wurden zur Segnung mitgenommen.