Altöttinger Liebfrauenbote

Fuggerei in Augsburg

Die Stadt in der Stadt

Der Mietpreis ist seit 500 Jahren stabil. Wer in eine der Wohnungen einziehen darf, muss dreimal am Tag für den Stifter beten. Die Fuggerei in Augsburg ist eine  Sozialsiedlung der ungewöhnlichen Art.

Der Einzug ist an Bedingungen geknüpft

Die Schutzmantelmadonna als Behüterin der Siedlung.
Die Schutzmantelmadonna als Behüterin der Siedlung.

Eine Gedenktafel in der Mittleren Gasse Nummer 14 erinnert an die Familie des Franz Mozart, Urgroßvater des berühmten Komponisten, der 1694 in diesem Haus verstarb. Im Haus Nummer 13 wird an Dorothea Braun erinnert, die als angebliche Hexe im Jahr 1625 von einem Augsburger Gericht zum Tode verurteilt wurde. Ihr Wasser holten sich die Bewohner anfangs aus Pumpbrunnen, die ein Brunnenmeister überwachte. Jahrhundertelang waren die Gassen ohne jegliche Beleuchtung. Wer aufmerksam hinschaut, bemerkt an den Häusern ganz unterschiedlich geformte Klingelzüge; auf diese Weise konnte man seinerzeit den richtigen Eingang ertasten. Die Dächer der Fuggerei sind von über 100 sehr unterschiedlich geformten so genannten russischen Kaminen geprägt.

Wen man auch anspricht, die heutigen Bewohner der Fuggerei machen einen zufriedenen Eindruck. Sie alle pflegen ihre winzigen Gärten vor dem Haus und putzen fleißig ihre Wohnung, zum Beispiel Herrn Stadler. Wer ihn besucht, muss den Kopf einziehen und eine steile Stiege emporkraxeln. Dann aber verblüffen die Räumlichkeiten: Küche, großes Bad, gemütliche Wohn- und Schlafräume sowie ein Dachboden. Genug Platz für zwei Personen.

Stiftungsurkunde gilt heute noch

Viele Heiligenfiguren wie hier der hl. Michael sind in der Fuggerei zu sehen.
Viele Heiligenfiguren wie hier der hl. Michael sind in der Fuggerei zu sehen.

Der Mietpreis seiner Wohnung ist stabil. Genauer gesagt ist er seit einem halben Jahrtausend nicht gestiegen. "0,88 € Jahresmiete einschließlich Wasserkosten, das entspricht dem Wert eines Rheinischen Gulden um 1550 und ist als symbolische Abgabe zu leisten", berichtet der alte Mann und fährt fort: "Wer hier einzieht, muss arm und katholisch sein, einen guten Leumund haben und sich verpflichten, täglich dreimal während der hl. Messe für den wohltätigen Stifter der Fuggerei zu beten, ganz wie früher." Nebenkosten für Heizung sowie Elektrizität sind vom Wohnungsmieter selbst zu tragen. Darstellungen der Muttergottes, des Erzengels Michael, Engel und Heilige als Haussegen über Türen und in Hauswinkeln zeugen von der strengen Gläubigkeit der Bewohner. Besucher, die nicht irgendwo um Einlass bitten wollen, können im Fuggereimuseum mit seinem letzten im Original erhaltenen Haus nachvollziehen, wie in längst vergangenen Tagen hier gelebt wurde.

Frohes Kinderlachen ist auf den Gassen der Fuggerei nicht zu vernehmen. Denn die Zeiten haben sich geändert: Gemäß Stiftungsurkunde musste man bedürftig sein, um in der Fuggerei wohnen zu dürfen. Im Mittelalter fanden daher vornehmlich arme, kinderreiche Handwerkerfamilien hier ein Quartier. Heutzutage hingegen setzt die Bedürftigkeit oft erst im Rentenalter ein. Und das wirkt sich auf die Bevölkerungsstruktur der Fuggereibewohner aus.

In allen wichtigen Angelegenheiten und über die Vermögenswerte entscheiden der Seniorrat unter Vorsitz der Stifterfamilie. Dieser ist es auch zu verdanken, dass die Fuggerei nach dem Krieg mit Kanalisation, Wasserversorgung im Haus und elektrischem Licht ausgestattet wurde und seitdem instand gehalten wird.

Früher Weberviertel, heute Touristenattraktion

Blick auf die Siedlung.
Blick auf die Siedlung.

Die Geschichte der Fuggerei geht auf die Blütezeit der großen Handelshäuser nach 1500 zurück, als die Familien der Welser, Höchstetter, Paumgartner, Herwarts sowie die Fugger großen Einfluss hatten. Den Grundstein für die älteste Sozialsiedlung legte 1514 Jakob Fugger der Reiche als bedeutendster Kaufmann der deutschen Renaissance. Er kaufte in der Jakober Vorstadt von Augsburg – dem einstigen Weberviertel – vier Häuser. Sie wurden renoviert, eingerichtet und armen Menschen überlassen. Im Jahre 1523 war die Siedlung bereits auf 52 Häuser gewachsen. Der Dreißigjährige Krieg beschädigte die in sich geschlossene Siedlung schwer, und im Zweiten Weltkrieg fielen fast alle Gebäude in Trümmer. Doch seit 50 Jahren sieht die Fuggerei wieder wie früher aus und ist ein Anziehungspunkt für Touristen.

Karl-Heinz Wiedner (storymacher) / Fotos: storymacher

Impressionen

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Erker am Administrationsgebäude.
Erker am Administrationsgebäude.