Altöttinger Liebfrauenbote
Die Cristo Redendor (Erlöser) Statue auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro.
Die Cristo Redendor (Erlöser) Statue auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro.

Die Jugendpastoral in Rio de Janeiro

"Zwischen Gebet und Aktion"

Wenn sich im Juli die katholische Jugend aus aller Welt zum Weltjugendtag (WJT) im brasilianischen Rio de Janeiro trifft, werden die jungen Menschen wohl vor allem von Einem beeindruckt sein: von der schier grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit der Jugend des Gastgeberlandes. Geht es darum, einem Event eine stimmungsvolle Untermalung zu bereiten, ist auf Brasiliens Jugendliche stets Verlass. Bietet sich wie beim "WJT daheim" zudem die Gelegenheit, den Gäste aus aller Welt die eigene Kultur zu präsentieren, dann multipliziert sich diese Dynamik noch einmal um ein Vielfaches.

Ehrenamtliche Jugendliche der Jugendarbeit in der  "Nossa Senhora da Glória" Kirchengemeinde in Rio de Janeiro versammeln sich auf der Treppe, um die Besucher aus dem Ausland mit Gesang zu begrüßen.
Ehrenamtliche Jugendliche der Jugendarbeit in der  "Nossa Senhora da Glória" Kirchengemeinde in Rio de Janeiro versammeln sich auf der Treppe, um die Besucher aus dem Ausland mit Gesang zu begrüßen.

So löst die bloße Ankündigung, man wolle sich mit den Jugendlichen der Gemeinde "Nossa Senhora da Glória" im Stadtteil Catete einmal in lockerem Rahmen über ihre Erwartungen an die "Jornada Mundial da Juventude", den WJT, unterhalten, sogleich ein hektisches Zusammentrommeln per Twitter und Facebook aus. Wenig später sitzen nicht weniger als 30 Jugendliche auf den Treppenstufen vor der Kirche und singen zu Gitarrenbegleitung die offizielle Hymne des Weltjugendtags. Im nächsten Augenblick haben sie bereits einen Willkommenschor für deutsche Teilnehmer improvisiert. Fast alle tragen das offizielle T-Shirt der Veranstaltung.

"Die Jugendlichen hier wachsen mit einer Selbstverständlichkeit in ihren Glauben hinein und leben ihn deshalb auch anders", berichtet Konrad Krämer, der als Langzeitvolontär der Deutschen Bischofskonferenz im Organisationskomitee in Rio mitarbeitet und Land und Leute von vorherigen Aufenthalten bereits gut kennt. "Diese Fröhlichkeit im Glauben kommt hier stärker zum Vorschein als es bei uns in Deutschland meist der Fall ist." Neben der in Brasilien typischen Begeisterungsfähigkeit mangelt es manchmal jedoch an Kontinuität im Alltagsgeschäft.

"Die Jugendpastoral war ein wenig eingeschlafen"

Gabriele Pacheco, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Jugendarbeit der "Nossa Senhora da Glória" Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.
Gabriele Pacheco, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Jugendarbeit der "Nossa Senhora da Glória" Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.

"Der Weltjugendtag hat den Jugendorganisationen der katholischen Kirche in Rio gut getan", meint Márcia Laura Fonseca, eine der Jugendleiterinnen der Gemeinde, die gleichzeitig als Ehrenamtliche für die Bereitstellung von Privatunterkünften für die anreisenden Pilger zuständig ist. "Die Jugendpastoral war ein wenig eingeschlafen, nicht in allen Gemeinden funktionierten die Jugendgruppen." In den meisten Gemeinden gebe es zwar Jugendmessen, allerdings sei die Verzahnung der Jugendarbeit mit den Sozialorganisationen der katholischen Kirche oft unzureichend.

"In unserer Gemeinde engagieren sich viele Jugendliche gleichzeitig im sozialen Bereich, besuchen alte Gemeindemitglieder und leisten ehrenamtliche Arbeit", so Márcia. Dass dies bald auch in anderen Gemeinden so geschieht, könnte eine Auswirkung des WJT sein. "Anfang 2012 ging ein Ruck durch die Jugendorganisationen, dank der Mobilisierung der Gemeinden für den Weltjugendtag." Tausende Freiwillige werden für die Organisation des Mega-Events benötigt, zumal die Gemeinden eine zentrale Rolle im Ablauf des WJT spielen werden. Sie beherbergen Pilger, organisieren den Ablauf der Katechesen durch die Bischöfe und ihre Versorgung.

Glaubhaft sein

Hl. Messe in der "Nossa Senhora da Glória"-Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.
Hl. Messe in der "Nossa Senhora da Glória"-Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.

Begeistern müsse man die Jugendlichen für den Glauben und das freiwillige Engagement, meint Padre Carlos Alberto Azevedo, der für die Jugendpastoral der Erzdiözese Rio de Janeiro die Jugendarbeit in der Region Catete koordiniert. Dynamik und spontane Fröhlichkeit sei dabei ein essentieller Bestandteil für eine erfolgreiche Jugendarbeit. Und gleichzeitig eine Herausforderung. "Unsere Gesellschaft ist heute auf rasche und damit meist kurzfristige Befriedigung von Wünschen und Sehnsüchten angelegt. Für uns als Kirche bedeutet das, dass wir in Konkurrenz zu vielen anderen Möglichkeiten stehen, die sich den Jugendlichen bieten."

Die Jugendlichen, so der Padre, suchten nach Räumen in der Gesellschaft, die sie für sich erobern können. "Wenn ich die Jugendlichen für den Glauben begeistern will, so muss ich ihnen diesen auf dynamische und fröhliche Weise vermitteln. Gleichzeitig muss ich aber darauf achten, den Glauben auch in seiner komplexen Vollständigkeit rüberzubringen – und das glaubhaft."

In Zeiten von Internet kommen und gehen Trends in rascher Folge, kann man sich nach eigenem Gutdünken die passende Religion zurechtlegen, sich hier und dort positive Punkte rauspicken und all das außen vor lassen, was einem nicht passt, meint Márcia. Die Jugendlichen hätten heutzutage freien Zugang zu allem – sowohl zu guten wie auch zu schlechten Dingen. Drogen sind leicht zugänglich und gelten oft als "cool", obwohl sie verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Sexuelle Freizügigkeit wird allerorts proklamiert, ohne auf Problematiken wie Aids und ungewollte Schwangerschaften und vor allem Verantwortung, Liebe und Treue hinzuweisen. "Das alles verwirrt viele Jugendliche und lässt sie leicht ihre Werte verlieren. Du schaust ins Internet und siehst, dass 50 Freunde etwas machen, was eigentlich falsch ist. Und selbst wenn es etwas ist, was Dir eigentlich nicht am Herzen liegt, machst Du mit."

Verwurzelung statt Spontanität

Hl. Messe in der "Nossa Senhora da Glória"-Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.
Hl. Messe in der "Nossa Senhora da Glória"-Kirchengemeinde in Rio de Janeiro.

"Die Welt von heute bietet den Jugendlichen viele Möglichkeiten, sich einzubringen, und es besteht die Gefahr, dass sie sich in dem Überangebot verlieren," gibt Padre Carlos Alberto zu bedenken. "Besonders dann, wenn die Jugendlichen nicht fest in der Kirche verwurzelt sind, wenn in den Familien nicht genug Wert auf eine christliche Erziehung gelegt wurde und die christlichen Überzeugungen und Werte nicht die Basis der Lebensansichten bilden."

"Es ist für viele schwierig geworden, zu erkennen, dass sie mit ihren spontan getroffenen Lebensentscheidungen letztlich gar nicht glücklich sind oder sogar darunter leiden", hat Márcia beobachtet. "Der wichtigste Wert, den die Kirche mir vermittelt, ist der, zu wissen was mir in meinem tiefsten Inneren gut tut, was mich dahin führt, mich selber und die anderen zu respektieren. Und das gibt mir der Glaube."

"Viele Jugendliche haben sich von der Kirche entfernt, und will man mit ihnen über Glauben und Kirche reden, so machen sie zu", sagt Bruder Miguel da Cruz, der ein Schulungszentrum für jugendliche Missionare der kirchlichen Laienbewegung "Aliança de Misericórdia" in Rio leitet. Die "Aliança" tritt an die Jugendlichen mit Fröhlichkeit heran, um sie für die Kirche zu gewinnen. "In São Paulo, wo die Laienbewegung gegründet wurde, veranstaltet die "Aliança" eine "Cristoteca", eine Disco in der sich die Jugendlichen ohne Alkohol und Drogen vergnügen. "Es tut sich also was, aber es reicht noch nicht aus", resümiert Bruder Miguel.

"Jugend des Papstes"

Man müsse sich zudem fragen, was nach dem Weltjugendtag geschehen soll, mahnt Bruder Miguel. "Wie und wo können die Jugendlichen ihre Erfahrungen und das Engagement einbringen, das sie während des Weltjugendtags erlebt haben. Der Papst könnte deshalb für die Jugendbewegung der brasilianischen Kirche äußerst dienlich sein und zur Verjüngung der lokalen Strukturen beitragen. "Die junge Generation braucht eine starke Hand, um ihr Orientierung zu geben", glaubt Márcia. Glühende Verehrerin von Papst Johannes Paul II. und von Papst Benedikt XVI., den sie beim letzten Weltjugendtag in Madrid persönlich erlebt hat, freut sie sich bereits auf die Begegnung mit dem neuen Papst. Auch für ihn gelte, was man Papst Benedikt XVI. in Madrid zurief: "Wir sind die Jugend des Papstes."

Text: Thomas Milz, Fotos: Jürgen Escher, Adveniat

Die Bischöfliche Aktion Adveniat fördert die Arbeit der katholischen Kirche in Lateinamerika und der Karibik, zugunsten von armen und benachteiligten Menschen. In Brasilien unterstützt das Hilfswerk 620 Projekte, die maßgeblich die Option für die Armen und die Option für die Jugend in den Blick nehmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Hilfe zur Selbsthilfe. Der Weltjugendtag findet vom 23. bis 28. Juli 2013 in Rio de Janeiro statt und ist überschrieben mit dem Missionsauftrag Jesu aus dem Matthäusevangelium: "Geht und macht zu Jüngern alle Völker" (vgl. Mt 28,19). Adveniat wird mit einer Delegation vor Ort sein und zahlreiche Aktionen wie das Internationale Youth Hearing begleiten. Mit Berichten aus Rio de Janeiro und mit Aktionen in Deutschland wird Adveniat den WJT für die Daheimgebliebenen erfahrbar machen.