Altöttinger Liebfrauenbote
Die Cristo Redendor (Erlöser) Statue auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro.
Die Cristo Redendor (Erlöser) Statue auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro.

Brasilien als Gastgeberland des Weltjugendtages

Dynamische Kirche

Brasilien zeichnet sich derzeit durch ein schnelles Wirtschaftswachstum aus, aber auch durch eine sehr dynamische Kirche. Der Wirtschaftshistoriker und Länderreferent für Brasilien beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, Michael Huhn, stellt Brasilien als Gastgeberland vor.

Traumstrände in der Südzone von Rio de Janeiro.
Traumstrände in der Südzone von Rio de Janeiro.

Wenn die Wirtschaftshistoriker des 22. Jahrhunderts eines Tages auf das 21. Jahrhundert zurückschauen, dann werden sie unter den bemerkenswerten Entwicklungen den beispiellosen Aufschwung Brasiliens in dessen erstem Jahrzehnt hervorheben. Denn seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfährt Brasilien ein außerordentlich lang anhaltendes Wirtschaftswachstum, während in den meisten europäischen Ländern und in den USA vor allem von Krise(n) die Rede war.

Im Jahre 2011 überholte Brasilien zwei weitere Länder, Großbritannien und Italien, und ist nun die sechstgrößte Volkswirtschaftskraft weltweit sowie der größte Exporteur von Agrargütern. Noch bemerkenswerter als das Wachstum ist, dass ein Großteil der Bevölkerung davon profitiert. Die Arbeitslosenquote sank Ende 2012 auf 4,9 Prozent. In einigen Bundesstaaten und Branchen mangelt es an Arbeitskräften. Das lockt Arbeitssuchende aus den Nachbarländern an und lässt die Löhne steigen. Im letzten Jahrzehnt stiegen 40 Millionen Brasilianer in die Mittelschicht auf. Die Sozialprogramme Fome Zero (Null Hunger) und Bolsa Família (Familienbeihilfe) des von 2003 bis 2010 amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva befreiten Millionen seiner Landsleute aus existenzieller Not.

Das Wort "Schwellenland" passt nicht mehr

Das von Stararchitekt Oscar Niemeyer entworfene Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in Niterói, gegenüber von Rio de Janeiro gelegen.
Das von Stararchitekt Oscar Niemeyer entworfene Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in Niterói, gegenüber von Rio de Janeiro gelegen.

Nicht dass die Armut in Brasilien überwunden ist. Noch immer schuften Zuckerrohrschneider und andere Tagelöhner auf den Plantagen der Großgrundbesitzer unter sklavereiähnlicher Abhängigkeit. Noch immer müssen Millionen Brasilianer ihren Lebensunterhalt im informellen Sektor erkämpfen. Neben krassem Reichtum zeigt sich krasses Elend, auch noch in manchen Favelas, den Armensiedlungen am Rande der Millionenstädte. Einem Großteil der deutschen Medien fällt zu Brasilien gleich "Favela" ein – und zu Favela "Drogen" und "Gewalt". Ohne dies herunterzuspielen: Die meisten Favelas sind sicherer geworden. Der Fleiß ihrer Bewohner macht mehr und mehr Favelas lebenswert und verwandelt sie in Wohnviertel der unteren Mittelschicht. Das sind die aufregenden Geschichten, nicht die immer gleichen alten Bilder eines Brasiliens der "Dritten Welt". Das Wort "Schwellenland" passt nicht mehr. Denn selbstbewusst und zuversichtlich hat Brasilien die Schwelle in den Kreis der Mächte, die das 21. Jahrhundert prägen werden, längst überschritten.

Dynamisch wie das ganze Land sind auch seine Kirchen. "Religion" meinte jahrhundertelang "die" Religion, nämlich die katholische, wenngleich die Indianer und die aus Afrika deportierten Sklaven weiterhin unter sich ihre Kulte praktizierten. Auch als im 19. Jahrhundert protestantische Einwanderer "fremde" Kirchen mitbrachten, blieb der allergrößte Teil der Brasilianer katholisch. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts begann, zunächst kaum wahrgenommen, die Abwanderung von Katholiken zu den Pfingstkirchen. Die Ausbreitung der "Sekten", wie man damals noch sagte, beschleunigte sich seit den 1970er-Jahren. Einige brasilianische Pfingstkirchen zählen inzwischen Millionen von Anhängern. Zwar lässt ihr Wachstum in jüngster Zeit etwas nach, doch die Verschiebungen des konfessionellen Gefüges bleiben gewaltig. Von 93 Prozent (1960) sank der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung auf 67 Prozent (2010).

Zwischen Basisgemeinden und charismatischer Erneuerung

Im Gebet: Mitglieder der Aliança de Misericórdia, Bruderschaft São José in Rio de Janeiro.
Im Gebet: Mitglieder der Aliança de Misericórdia, Bruderschaft São José in Rio de Janeiro.

Bedeutsamer als die Zahlen sind die von den Pfingstkirchen ausgelösten Veränderungen der katholischen Kirche in Brasilien. Unter dem mächtigen Eindruck der charismatischen Kirchen hat sich ein Großteil der Katholiken seinerseits charismatisiert. Die Katholisch-Charismatische Erneuerung ist zu einer breiten, das Bild der katholischen Kirche bestimmenden Bewegung geworden. Sie findet weit mehr Zulauf als die Basisgemeinden, die in den 1960er- und 1970er-Jahren die katholische Kirche von Grund auf veränderten. Wobei "Basisgemeinde" kein geschütztes Namenszeichen ist, sodass damit sowohl die "normale" Stadtteilgemeinde gemeint sein kann wie auch eine stark politisch interessierte Personalgemeinde. Heutzutage machen die Basisgemeinden keine Schlagzeilen mehr. Sie sind, wo es sie gibt, eine Selbstverständlichkeit, keine Neuigkeit.

Guter kirchlicher Alltag sind und bleiben auch all jene Gruppen, von denen die Mehrzahl der Pfarreien getragen wird: das Gebetsapostolat, die Legio Mariae, die Rosenkranzbruderschaften, die Bibelkreise und andere Gemeinschaften, in denen die Gläubigen ihre Frömmigkeit leben. In den Pfarrbeschreibungen, die den Anträgen an Adveniat beiliegen, werden sie weit häufiger genannt als Basisgemeinden oder charismatische Gruppen. Doch ihr Beten entfacht keine Diskussionen (anders als die Basisgemeinden früher) und liefert keine "guten" Bilder (wie charismatische Gottesdienste heute). So gerät der kirchliche Alltag in Brasilien hierzulande in Vergessenheit.

Was in Brasilien aus dem Blick zu geraten droht, sind jene, die vom Zug der Modernisierung nicht mitgenommen, sondern stehengelassen oder gar überfahren werden. Es ist die Kirche, die sich ihrer annimmt. Wenn sich die "Mehrheitsgesellschaft" an Wachstum und Fortschritt berauscht, muss die Kirche als lästiger Störsender im Nachrichtenschwall immer neuer Erfolgsmeldungen auch von den Kehrseiten der rasanten Modernisierung sprechen. Drei Beispiele:
• Der Indianermissionsrat CIMI kämpft mit den indígenas für deren Rechte.
• Die Kommission für die Landpastoral CPT verteidigt die Landarbeiter gegen die Übergriffe von Großgrundbesitzern. Einige Mitarbeiter der CPT gaben dafür ihr Leben: Die Kirche in Brasilien ist auch eine Kirche der Märtyrer! Im Bundesstaat Goiás droht die Vertreibung von Kleinbauern, nachdem chinesische Investoren sich für zwei Milliarden US$ Ländereien im Ausmaß von 20.000 Quadratkilometern sicherten.
• Immer mehr alte Menschen brauchen Fürsorge. Denn die brasilianische Gesellschaft altert weit schneller als Europa. Anders als bei uns ist die Caritas in Brasilien weniger eine Betreiberin sozialer Einrichtungen als ein Netzwerk ehrenamtlicher Helfer in den Pfarreien.
Die Kirche in Brasilien freut sich darauf, sich beim bevorstehenden Weltjugendtag der Weltkirche in ihrer Glaubenskraft und in ihrem Einsatz für das Reich Gottes vorstellen zu können.

Text: Michael Huhn, Fotos: Adveniat

Die Bischöfliche Aktion Adveniat fördert die Arbeit der katholischen Kirche in Lateinamerika und der Karibik, zugunsten von armen und benachteiligten Menschen. In Brasilien unterstützt das Hilfswerk 620 Projekte, die maßgeblich die Option für die Armen und die Option für die Jugend in den Blick nehmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Hilfe zur Selbsthilfe. Der Weltjugendtag findet vom 23. bis 28. Juli 2013 in Rio de Janeiro statt und ist überschrieben mit dem Missionsauftrag Jesu aus dem Matthäusevangelium: "Geht und macht zu Jüngern alle Völker" (vgl. Mt 28,19). Adveniat wird mit einer Delegation vor Ort sein und zahlreiche Aktionen wie das Internationale Youth Hearing begleiten. Mit Berichten aus Rio de Janeiro und mit Aktionen in Deutschland wird Adveniat den WJT für die Daheimgebliebenen erfahrbar machen.