Altöttinger Liebfrauenbote

Pferdeprozession in Steibis zu Ehren des Schutzheiligen St. Georg

Wider den Drachen des Unglaubens

Georgi-Ritte als Pferdewallfahrten zu Ehren des hl. Georgs gehen auf eine Jahrhundertealte Tradition zurück, die alljährlich im April insbesondere in vielen Regionen Bayerns und in Österreich gepflegt wird. Ein Beispiel dafür ist die Pferdeprozession mit bis zu 60 Reitern aus dem umliegenden Ober- und Westallgäu in Steibis. Bereits seit mehr als 50 Jahren lädt der dortige "Reiterverein St. Georg" routinemäßig zum letzten Aprilsonntag jeden Reiter und viele Gäste in den Ortsteil von Oberstaufen ein, um an den Schutzpatron unzähliger Berufe zu erinnern.

Von Steibis Ortsmitte bewegen sich die Reitergruppen mit Blasmusik zum St. Georgs Denkmal.
Von Steibis Ortsmitte bewegen sich die Reitergruppen mit Blasmusik zum St. Georgs Denkmal.

Im Oktober 1959 gründeten zwölf Steibinger nach dem wöchentlichen Kirchgang beim Frühschoppen den Reiterverein, der schon ein Jahr später seine eigene Fahne segnen ließ, wie Josef und Melanie Milz, Vorstand und Ansprechpartner des Vereins, berichten. "Auf einer Abhangwiese in etwa 900 Meter Höhe findet alljährlich unser Georgi-Ritt nicht etwa nur als fröhliches Frühlingsfest statt", wird betont. "Wir rufen durch Gebete und auf Fahnenbildern der Georgi-Reiter jedem Teilnehmer ins Gedächtnis, dass der Heilige den Überlieferungen nach als Drachentöter und Märtyrer bekannt wurde und zu den meist verehrten Heiligen unter den Vierzehn Nothelfern gehört". Die Gedenkfeier erhält durch einen Feldgottesdienst im Freien mit anschließendem Segen des Geistlichen für Reiter und Pferde eine stark religiöse Prägung.

Beispielhafter Mut

Eine St. Georgs-Darstellung in Buch bei Winhöring.
Eine St. Georgs-Darstellung in Buch bei Winhöring.

Viele Legenden berichten vom beispielhaften Mut des hl. Georg. Hoch zu Ross reitend und mit seiner Lanze einen Drachen tötend, wurde der hl. Georg häufig dargestellt und symbolisiert auf diese Weise christliche Tapferkeit. Sein Name "Georg" deutet auf einen griechischen Landsmann hin, und es ist nachzulesen, dass der wohl um 280 n. Chr. im südtürkischen Kappadokien geborene spätere Heilige ein "hochgestellter Kriegsmann aus einer angesehenen Familie" war. Trotz schwerster Folterungen blieb der Märtyrer Georg stets standhaft im Glauben an Christus und predigte mit beispielhaftem Mut unablässig und heldenhaft die sich ausbreitende neue Lehre. Längst hatte er seinen Besitz an die Armen verschenkt, um nur noch für den Glauben zu leben.

"Zunehmend verehrt wird der tapfere Georg ab dem 6. Jahrhundert", wie aus alten Kirchenbüchern zu erfahren ist. "Zwölf Jahrhunderte später", so erforschten Volkskundler, "findet man die Gestalt des Heiligen auf Ofenkacheln, in Bedeutung eines Schutzpatrons der Reiter, Pferde und Waffenschmiede". Auch in figürlichen Darstellungen und auf Bildern zeigt er sich als Kämpfer gegen das Böse und den Unglauben. Pferd, Lanze, Drache, Fahne und Rad gehören zu den Attributen dieses Volksheiligen. Später wurde er zum ersten der "Vierzehn Nothelfer" ausgewählt, da er vermeintlich viele Wunder vollbracht hatte und die heidnischen Leitfiguren stürzte. Katholiken verbanden mit Georgs legendärer Gläubigkeit und seinem oft bewiesenem Mut ein von Gott empfangenes Recht, ihn als "Helfer in jeglicher Not" von allen, seinen Beistand suchenden Menschen, anzurufen, wovon zahlreiche Votivbilder in Gotteshäusern zeugen.

Historisches Georgi-Brauchtum

Ein Reiter der "Blutreitergruppe".
Ein Reiter der "Blutreitergruppe".

"Der Gedenktag des besonders im Mittelalter verehrten Heiligen spiegelte sich volkskundlich früher besonders im religiösen und auch alltäglichen Leben auf dem Lande wider", wie Brauchtumsforscher herausfanden. Der 23. April als Gedenktag war für den Bauern ein wichtiger Zinstermin und bedeutete den endgültigen Beginn des Frühjahrs. Dienstboten und Gesinde erhielten den ihnen zustehenden Lohn und wechselten die Herrschaft. Die Landwirte pflügten die Äcker um, säten aus und steckten die Kartoffeln. Verbunden war diese Arbeit mit dem Erflehen von Gottes Segen und des wohlwollenden Einflusses des hl. Georg für gutes Gedeihen der Saat und eine spätere reiche Ernte. Auf Umzügen und Flurumritten wurde der Schutzpatron der Pferde hoch zu Ross unter Begleitung vieler Reiter verehrt und um das Wohlergehen des auf die Weiden getriebenen Viehs gebeten. Das ging einher mit einer überlieferten Bauernregel: "Reitet Sankt Georg nach alter Sitte auf dem Schimmel, kommt bestimmt ein gutes Jahr vom Himmel".

Bei Frühlingsfesten unserer Vorfahren trat der Heilige auch als "grüner Georg" auf und wurde zum Vorboten vieler Maifeste. "Nach Georgi geht man nicht mehr ungepfändet über den Acker", so lautete eine einst im Allgäu verbreitete Mahnung. Mit dem Erscheinen des Heiligen war nach altem Volksglauben das Wasser als Lebenselixier wieder entgiftet, zum Baden geeignet und besaß, in der Georginacht geschöpft, angeblich eine heilsame Wirkung. Besonders beliebt bei den Gläubigen waren an diesem Tag Gebildebrote mit der aus Teig geformten Gestalt des hl. Georg auf dem Pferd. Mit dem Verzehr des Brotes verband man die verbreitete Meinung, sich die dem Heiligen zuerkannten Kräfte und Tugenden wirksam einverleiben zu können.

Bewahrte Tradition in Steibis

Alphornbläser begleiten den Feldgottesdienst.
Alphornbläser begleiten den Feldgottesdienst.

In vielen Allgäuer Pfarreien, vor allem in Orten mit Georgskapellen, fanden noch bis vor 200 Jahren regelmäßig Ende April zum Gedenken an den hl. Georg Flurumritte, Bittgänge und Pferdesegnungen statt, die jedoch zusehends in Vergessenheit gerieten. Erst das 20. Jahrhundert ließ das zur Geschichte gewordene Brauchtum um diesen Tag mancherorts wieder lebendig werden, wie es in Oberstaufen-Steibis schon seit geraumer Zeit der Fall ist. Melanie Milz vom Reiterverein Steibis kennt nicht nur sehr genau die traditionellen Bräuche, sondern organisiert in Zusammenarbeit "mit 20 aktiv den Brauchtumsverein unterstützenden Mitgliedern den Ablauf des Gedenktages". Helfer finden sich ebenso aus dem Kreis der übrigen rund 150 passiven Vereinsmitglieder. "Seit 1984", so berichtet Frau Milz, "sind wir stolz auf unsere Freundschaft zur Blutreitergruppe Bad Schussenried, die an diesem Tag mit mehr als zehn Pferden in historischer Blutreitertracht, schwarz gekleidet in Frack und Zylinder, an den Feierlichkeiten teilnimmt." Alten Gepflogenheiten gemäß "dürfen am Georgi-Umzug alle mitreiten, die ein Pferd besitzen und den christlichen Segen für Tier und Reiter empfangen möchten".

Bestaunt von vielen Besuchern, sammeln sich die Reitergruppen aus der Umgebung am letzten Aprilsonntag bei jeder Witterung mit ihren Pferden am Dorfbrunnen von Steibis. Es stellt ein Fest für alle Sinne dar, wenn sich bald schon das Getrappel, Schnauben und Wiehern der geschmückten Pferde mit festlicher Blasmusik vermengen und die Prozession zum Hügel an einem Bildstock, dem St. Georg-Denkmal, zieht. Dort "in der Au" treffen die Reiter hoch zu Ross in klassischem schwarz-weißen Dress mit Zylinder auf die Zuschauer aus Nah und Fern. Einheimische und Besucher feiern, umrahmt mit Blasmusik und Alphornklängen, den religiös geprägten Feldgottesdienst im Freien. Der Pfarrer geht dabei auf die Bedeutung des hl. Georg ein, der "als Bannerträger der Kreuzfahrer unglaubliches Leid erlitten hat, aber mit beispielhaftem Mut niemals zur Abkehr vom Christentum gebracht werden konnte und den Drachen des Unglaubens besiegte". Zum Höhepunkt der Feierlichkeiten wird die sich anschließende traditionelle Segnung der Pferde, Reiterinnen und Reiter durch den Geistlichen. Geschlossen reitet die Schar sodann vom Festplatz aus zur Festhalle, wo der Frühschoppen unter der Leitung der Steibinger Blasmusik als "Frühlingsfest" beginnt und die traditionelle diesjährige, bestimmt wieder gelungene Georgi-Gedenkfeier mancherlei Gesprächsstoff bieten dürfte, worauf sich Josef und Melanie Milz vom Vereinsvorstand wie immer freuen.

Text: Karl-Heinz Wiedner, Fotos: Mechthild Wiedner 6, Stadt Oberstaufen 3, Roswitha Dorfner 1

Georgi-Ritt Steibis 2013: Umzug mit bis zu 60 Pferden zu Ehren St. Georgs am 28. April. 10.15 Uhr Abritt von Steibis Ortsmitte zum St. Georgs-Denkmal in der Au unter Mitwirkung der Musikkapelle Steibis. Feldgottesdienst mit Blasmusik, Alphornbläsern und Pferdesegnung. Näheres bei der Tourist Information Steibis, Im Dorf 22, D-87534 Oberstaufen-Steibis, Tel. 08386/8103, Fax +49 (0)08386-8679, kurverw-steibis@t-online.de.

Impressionen

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Der Pfarrer in der Kutsche auf dem Weg zum Gottesdienst.
Der Pfarrer in der Kutsche auf dem Weg zum Gottesdienst.
Die Fahnen der Reitergruppen.
Die Fahnen der Reitergruppen.
Feldgottesdienst zu Ehre des hl. Georgs.
Feldgottesdienst zu Ehre des hl. Georgs.
Eine beeindruckende Berglandschaft bei Oberstaufen...
Eine beeindruckende Berglandschaft bei Oberstaufen...