Altöttinger Liebfrauenbote
Die sechsjährige Fiona lebt seit mehr als einem Jahr im St. Hilarius Haus. Sie lehnt an einem Baum, im Hintegrund die große "Betonsiedlung".
Die sechsjährige Fiona lebt seit mehr als einem Jahr im St. Hilarius Haus.

Erstkommunionkinder und Bonifatiuswerk helfen Kindern aus kriselnden Familien

„Kleine Schritte des Glaubens anbieten“

Der Weiße Sonntag ist der Tag für die feierliche Erstkommunion. Doch eine traditionelle Kommunionfeier im trauten Kreis der Familie ist keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht in kriselnden Familien in der Diaspora. Die Kinderhilfe des Bonifatiuswerks setzt sich dafür ein, dass christliche Werte wie Nächstenliebe auch dort weitergegeben werden, wo Kinder in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Mädchen und Jungen aus Familien mit Krisen werden z.B. im Leipziger St. Hilarius-Haus intensiv-therapeutisch betreut, um ihnen eine Chance auf ein „normales“ und erfülltes Leben zu ermöglichen. Das St. Hilarius-Haus ist eine Außenstelle des katholischen Kinderdorfs in Markkleeberg, dem einzigen in den ostdeutschen Bundesländern.

Die beiden Schwestern Tina (r.) und Lisa (l.) wohnen auch im St. Hilarius Haus.
Die beiden Schwestern Tina (r.) und Lisa (l.) wohnen auch im St. Hilarius Haus.

Grau, mehrere Stockwerke hoch und zunehmend heruntergekommen sind die Hochhäuser, die im Leipziger Stadtteil Grünau stehen und eine triste Stimmung verbreiten. Hier und da geht eine ältere Dame mit Hund und Einkaufstüte vorbei. Lachende Kindergesichter sind auf den wenigen verlassenen Spielplätzen nur selten zu sehen. Nicht so im Garten des Neptunweg 29: Hier spielen jeden Tag Mädchen und Jungs gemeinsam, fast wie in einer Familie. Familienanaloge Wohngruppe nennt sich das, was das St. Hilarius-Haus für minderjährige Kinder anbietet.

Zum Teil sind die neun jungen Bewohner traumatisiert, bereits nach längeren Aufenthalten in anderen Einrichtungen der Jugendhilfe oder haben Zuhause Gewalt erfahren. „Viele Eltern und Familien sind mit ihren Kindern überfordert“, weiß Simon Jahn, der Hausleiter von St. Hilarius. Häufig seien die Eltern sehr jung, psychisch krank oder nehmen Drogen. „Die Erziehungsfähigkeit wird vom Jugendamt in Frage gestellt.“

„Wir begleiten die Familien intensiv“

Die Kinder im St. Hilarius Haus kommen gut miteinander aus. Im Bild spielen sie gemeinsam.
Die Kinder im St. Hilarius Haus kommen gut miteinander aus.

So war es auch im Fall der neunjährigen Lisa, die seit vergangenem Sommer im St. Hilarius lebt. „Mir gefällt es hier eigentlich ganz gut“, sagt Lisa, die am Tisch in ihrem Zimmer sitzt und Perlen einer Kette sortiert. An den gelben Wänden hängen ihre selbstgemalten Bilder. „Die Jungs nebenan nerven manchmal mit lauter Musik“, klagt Lisa.

Und sie vermisse ihre Mutter, fügt sie hinzu. Und das, obwohl ein paar Türen weiter ihre elfjährige Schwester Tina wohnt, mit der sie gerne spielt und lacht und manchmal sogar in Gebärdensprache spricht. Tina geht auf eine Sonderschule für Hörgeschädigte. Drei Mal die Woche kommt Lisas Mama, um die beiden Mädchen zu sehen. Der häufige Kontakt der Mütter und Väter sei Bestandteil der Eltern-arbeit, sagt der Sozialpädagoge Jahn.

„Wir begleiten die Familien intensiv“, betont der Hausleiter. Den Eltern werde Hilfe an die Seite gegeben, wie sie den Umgang mit den Kindern verbessern können, ergänzt Gabriele Fleck-Hartmuth. Denn das Ziel sei die Rückführung der Kinder in die Herkunftsfamilie. In drei von vier Fällen funktioniert das, so die Leiterin des Kinder- und Jugenddorfes Markkleebergs. „Wir sehen die Eltern als die wichtigsten Partner ihrer Kinder an“, sagt Fleck-Hartmuth. „Die Familie ist der beste Ort für Erziehung.“

Das sieht auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken so. Die Kinderhilfe im Bonifatiuswerk fördert das St. Hilarius Haus im Rahmen der Erstkommunion-Aktion 2013. Ganz nach dem Motto „Mithelfen durch teilen“ sammeln die Erstkommunionkinder in diesem Jahr an ihrem Festtag für ihre Altersgenossen in Leipzig-Grünau. Bereits in den Vorjahren unterstützte das kirchliche Hilfswerk das katholische Kinderdorf in Markkleeberg mit Platz für insgesamt 26 Kinder.

Leipzig-Grünau ist ein sozial entmischtes Wohnviertel. Wer es sich leisten konnte, zog in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung weg. Rund die Hälfte der 85.000 Einwohner hat das Plattenbauviertel verlassen. Die nicht das Geld haben, sind geblieben. So ist Armut ein häufiger Grund für die Krisen, die viele der Herkunftsfamilien der Kinder erleiden. Aber auch Suchtkrankheiten der Eltern oder andere Erkrankungen. Krisenvorbeugend könne der Glaube an Gott und die aus ihm gespeisten Werte sein, glaubt Eberhard Thieme, Pfarrer der Grünauer Pfarrei St. Martin. „In allen Familien kommen Probleme vor“, sagt der 61-jährige Geistliche. „Glaube kann dann Rückhalt bei der Erziehung bieten.“

„Eine Chance mit Glauben in Berührung zu kommen“

Pfarrer Eberhard Thieme liest mit den jungen Bewohnern die Kinderbibel.
Pfarrer Eberhard Thieme liest mit den jungen Bewohnern die Kinderbibel.

Weniger als drei Prozent der Einwohner sind in Leipzig-Grünau katholisch, über 80 Prozent sind nicht getauft. Eine Einrichtung wie St. Hilarius sei „hilfreich in unserer Diaspora-Situation“, sagt daher der Geistliche. „Hier leben Leute ihren Glauben und packen mit Taten an. Anpacken heißt helfen.“ „Kleine Schritte des Glaubens anbieten“, nennt Fleck-Hartmuth die vorsichtige Glaubensheranführung, er könne einen Rahmen für die neun jungen Bewohner von St. Hilarius bieten. Sechs von ihnen sind schulpflichtig, drei gehen tagsüber noch in den Kindergarten.

Wöchentliche Gruppenstunden, in denen über Gott gesprochen wird, immer mal Tischgebete sowie an Festtagen die Messfeier mit der St. Martin-Gemeinde ist Bestand der religionssensiblen Erziehung. „Für die konfessionslosen Kinder ist das eine Chance mit Glauben in Berührung zu kommen.“ So wachsen sie in die christlichen Werte hinein, ist sich Fleck-Hartmuth sicher. Pfarrer Thieme ergänzt, dort, wo die Familie in einer Krise sei, ist Wertevermittlung nicht mehr möglich. Da müssten andere einspringen. Das St. Hilarius Haus etwa.

Text und Fotos: Markus Nowak (Bonifatiuswerk)

„Entdecke das Geheimnis“

Das Plakatmotiv zur Erstkommunionaktion 2013.
Das Plakatmotiv zur Erstkommunionaktion 2013.

Knapp 200.000 Kinder gehen nach Ostern in Deutschland zur Erstkommunion. An ihrem Festtag zeigen sie sich solidarisch mit ihren Altersgenossen in Regionen Deutschlands, Nordeuropas und dem Baltikum, in denen kaum katholische Christen leben. Mit ihrer Erstkommuniongabe für die Kinderhilfe im Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken ermöglichen sie Werke christlicher Nächstenliebe und Glaubenshilfen in der Diaspora. Sie unterstützen ambulante Kinderhospizdienste, Straßenkinderprojekte, Religiöse Kinderwochen oder das St. Hilarius Haus in Leipzig-Grünau. Die Erstkommunionaktion steht in diesem Jahr unter dem Motto „Entdecke das Geheimnis“.

Kontakt: Bonifatiuswerk Kinderhilfe, Kamp 22, 33098 Paderborn, Tel. 05251 299650, E-Mail: info@bonifatiuswerk.de, Internet: www.bonifatiuswerk.de.

Bildergalerie

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Das gemeinsame Essen gehört dazu, um eine familienanaloge Atmosphäre zu schaffen. Hausleiter Simon Jahn betet vom Gebetswürfel.
Das gemeinsame Essen gehört dazu, um eine familienanaloge Atmosphäre zu schaffen. Hausleiter Simon Jahn betet vom Gebetswürfel.
Laura ist eine der jüngsten Bewohnerinnen des St. Hilarius Hauses.
Laura ist eine der jüngsten Bewohnerinnen des St. Hilarius Hauses.
In der Umgebung des St. Hilarius Hauses stehen triste Plattenbauten.
In der Umgebung des St. Hilarius Hauses stehen triste Plattenbauten.