Altöttinger Liebfrauenbote

Neues Buch von Manfred Lütz: „Bluff! – Die Fälschung der Welt“

Ein pfiffiger Psychiater beschreibt unsere verrückte Welt

Manfred Lütz.

„Keine Sorge, der Autor ist nicht verrückt, er ist Psychiater“, schreibt Autor Manfred Lütz im Vorwort. Na, Gott sei Dank! Immerhin hat er gerade die These geäußert, dass unsere Welt eine „gigantische Täuschung“ ist, dass wir alle „in einem falschen Film“ sitzen, uns alle „irren“! Ist unsere Welt ein riesengroßer „Bluff“? Zumindest stehen wir „unter machtvollen Einflüssen, die uns daran hindern, die Welt so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit ist“, meint Lütz.

Um es vorweg zu nehmen: Unser Psychiater hat nicht den Verstand verloren, im Gegenteil: Manfred Lütz benutzt seinen Verstand, seinen gesunden Menschenverstand. In seinem neuen Buch „Bluff! – Die Fälschung der Welt“ kritisiert er unreflektierte Milieustreue, Wissenschaftsgläubigkeit, Gesundheitswahn oder Medienhörigkeit. Nicht neu, diese Kritik. Der pfiffige Psychiater Lütz übertreibt und überspitzt manches Mal, macht dies aber meist so sympathisch und gewitzt, dass sein Buch insgesamt tatsächlich eine „beunruhigende Lektüre mit erhellendem Ergebnis“ sein kann, wie er selbst verspricht. Natürlich hat Lütz auch eine Botschaft, schließlich ist er nicht nur Psychiater, sondern auch tief überzeugter Katholik, Diplomtheologe, Mitglied des Päpstlichen Rates für die Laien sowie im Direktorium der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation. Er wirbt für den katholischen Glauben, stellt „existenzielle Fragen“ nach Gut und Böse, nach der Liebe oder den Sinn des Lebens, Fragen, die „nicht nur Philosophen, sondern auch Metzger“ tangieren. Er warnt vor einem orientierungslosen Europa, wenn es seine christlichen Wurzeln vergisst und er stellt fest: „Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben.“

„Die Welt da draußen ist die eigentliche Welt, in die wir geboren werden, in der wir existenzielle Erfahrungen machen“, betont Lütz. Es kann tatsächlich notwendig sein, diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu betonen, denn: Menschen können nicht zu sich selbst finden, wenn sie nicht über ihren eigenen Teller-, bzw. Milieurand hinauszublicken vermögen; gesunde Menschen lassen sich von „Burnout-Experten krank machen“; Gesundheitsfanatiker „tanzen um ein goldenes Kalb, das es gar nicht gibt“; Fernsehsüchtige verlieren ihre Mitmenschen und auch Gott aus den Augen. Lütz zweifelt an einer Gesellschaft, die lieber diese dumpfbackige Paris Hilton bewundert statt „herzensgute Wohltäter“ oder „kühne Freiheitshelden“. Er warnt völlig zurecht vor „egoistischer Esoterik“, vor einer „totalitären Verkaufsstrategie“ im Internet, vor einer Finanzwelt, die nur „Schulden kennt, aber keine wirkliche Schuld, nur Kredit, aber kein wirkliches Vertrauen, nur Konjunktur, aber keine wirkliche Liebe“.

Trotz aller Kritik, das Buch ist nicht einseitig. Lütz wehrt sich z.B. vehement gegen pauschale Medienschelte, die so unsinnig sei wie ein „Protest gegen Lesen und Schreiben“. Er verteidigt nicht nur den Glauben, sondern auch die seriöse Wissenschaft oder Banker und er wirbt für eine „aufgeklärte Debatte mit Atheisten“. Es ist die unreflektierte Medienhörigkeit oder Wissenschaftsgläubigkeit, die ihn stört; dass Menschen Informationen oder Fakten mit der Wahrheit verwechseln. Die Bibel sei eine „einzige Warnung vor Leuten, die behaupten, den Durchblick zu haben“, betont Lütz auch. Köstlich, wie er den Atheisten Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) als aggressiven Fundamentalisten entlarvt und dessen Ideologie in nur ein paar Setzen in seine (primitiven) Bestandteile zerlegt. Schade nur, dass auch Lütz nicht immer gegen oberflächliche Urteile gefeit ist. Wenn Lütz die sich ausbreitende gesellschaftliche Ablehnung von Glaube und Kirche in Deutschland allein auf das Klischee von der „vaterlosen Gesellschaft“ (Alexander Mitscherlich) zurückführt, dann wirkt er krampfhaft und verbittert – das passt nicht zu der ansonsten sehr optimistischen und fröhlichen Sprache in seinem Buch.

Am glaubwürdigsten ist Lütz, wenn er beschreibt, wie er seine Freude an der Psychologie, genauer: an der „systemischen Therapie“ gefunden hat. Eine Therapieform, die lieber kreative, praktische Lösungen sucht, statt Theorien und gültige Wahrheiten. Nicht „ideologische Verrenkungen“, sondern „nützliche Perspektiven von der Welt“ wirkten befreiend, so Lütz. Und eben solche Perspektivwechsel empfiehlt Lütz seinen Lesern. Denn wer sich nicht verrückt machen lassen will, wer wirklich leben will, der muss hin und wieder auch „aussteigen können“.

Text: Michael Glaß
Fotos: Jana Kay

Das Buch „Bluff! Die Fälschung der Welt“ von Manfred Lütz ist im Droemer-Verlag München erschienen (189 S., 16,99 Euro, ISBN: 978-3-426-27597-9).