Altöttinger Liebfrauenbote

Welthunger-Index 2012: Zunehmende Verknappung von Land, Wasser und Energie gefährdet positive Entwicklung

Jeder achte Mensch hungert

Grafik zum Länderranking des Welthungerhilfe-Index 2012
Länderranking des Welthungerhilfe-Index 2012. Die Grafik steht auch als PDF zum Download zur Verfügung (s.u.).

Hunger sei ein „Skandal und kein Schicksal“, sagte erst im Juli Erzbischof Ludwig Schick als Vorsitzender der Kommission Weltkirche (siehe „Bote“ Nr. 29, Seite 10). Papst Benedikt XVI. rief einen Monat zuvor zu konsequenteren Maßnahmen gegen den Hunger in der Welt auf. Es sei „absolut inakzeptabel“, dass weiter Hunderte Millionen Menschen an Hunger litten. Appelle, die sich jedes Jahr wiederholen, doch das Grundproblem bleibt ungelöst: Jeder achte Mensch ist weiterhin nicht ausreichend ernährt; die zunehmende Ressourcenknappheit in den Entwicklungsländern beeinträchtigt den Kampf gegen den Hunger – dies sind Ergebnisse des Welthunger-Index (WHI) 2012, wie die Deutsche Welthungerhilfe e. V. am 11. Oktober bekanntgab. – Der Welthunger-Index wird von fünf Nichtregierungsorganisationen ermittelt. Dazu gehören neben der Welthungerhilfe das International Food Policy and Research Institute (IFPRI) in Washington und Concern Worldwide.

Zwar nimmt der Anteil der weltweit hungernden Menschen ab – im Vergleich zum Jahr 1990 hat sich der Wert des WHI um 26 Prozent verringert – dennoch warnt die Welthungerhilfe: „Insbesondere dem zunehmenden Druck auf Land, Wasser und Energie müssen Staaten aktiv entgegengetreten. Landraub und unsoziale Landinvestitionen nehmen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle ein.“ Die Thematik sei auch für die deutsche Politik relevant. „Mehr als die Hälfte der durch Land Grabbing erworbenen Agrarflächen werden für die Produktion von Biosprit genutzt.“

Beispiel Sierra Leone

Eine alte Frau in China schleppt Wassereimer überausgedörrtes Land
Eine Frau in China schleppt Wassereimer über ausgedörrtes Land.

Als Praxisbeispiel für die Hungersituation weltweit führt der WHI Sierra Leone an: Sierra Leone hat einen WHI-Wert von 24,7. „Das ist alarmierend, denn das Land liegt damit auf Rang 71 der WHI-Länderliste“, heißt es in dem Bericht. – „Über 50% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Die Regierung verstärkt indes ihre Bemühungen, den Agrarsektor intensiver zu vermarkten und Direktinvestitionen in die Landwirtschaft anzuwerben. So wurden bereits 20% der verfügbaren Flächen an ausländische Firmen vergeben und 1 Mio. Hektar Ackerland seit 2008 vermarktet. Darüber hinaus sind die Preise für Nahrungsmittel seit Mai 2011 um 27% gestiegen. Dies alles gefährdet die Existenz von Kleinbauern. Wenn zu viel Land großflächig veräußert wird, verringern sich die verfügbaren Anbauflächen für die einheimische Nutzung.“

„Die Welthungerhilfe verurteilt Land Grabbing in Gänze. Koordinierte großflächige Landinvestitionen sollten mit Beteiligung von lokalen Organisationen und Kleinbauern umgesetzt werden“, betont die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann. „Sie müssen sozial verträglich sein und den Menschen eine Perspektive bieten. Alternative Modelle landwirtschaftlicher Entwicklung wie Genossenschaften und Vertragsanbau müssen stärker in Betracht gezogen werden.“

Gründe für den Hunger in der Welt sind vielfältig. Teils sind die Probleme „hausgemacht“, wie Berichte über Korruption, Terrorismus, etc. aus armen Ländern verdeutlichen. Doch viele Ursachen sind außerhalb zu finden. Das Stichwort Landraub ist bereits gefallen: Den Bauern in Afrika fehlt nicht die Kompetenz und erst recht nicht das Geld von Großkonzernen, die nur auf ihren eigenen Gewinn schielen – sie benötigen Dünger, Bewässerungssysteme, Zugtiere, Maschinen, etc., dann könnten sie sich auch selbst ernähren. Die Finanz- und Wirtschaftskrise verschärft die Probleme: Hedgefonds und Großbanken sind auf Agrarrohstoffbörsen umgestiegen; nicht Verbraucher und Produzenten, sondern Spekulanten dominieren den Handel. Hinzu kommt, dass EU-Staaten Milliarden in die Rettung von Banken investieren und immer weniger Geld für Entwicklungshilfe ausgeben können.

Es gäbe eigentlich genügend Ressourcen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Der Hunger in der Welt ist ein strukturelles Problem und ebenso eine moralische Herausforderung. In seiner Botschaft zum Welternährungstag 2010 hatte Papst Benedikt XVI. gefordert, „dass alle notwendigen Ressourcen und Infrastrukturen gefördert werden müssen, um die Produktion und die Verteilung aufrechtzuerhalten“. Gleichzeitig sprach er von der „Idee von der Person als Einheit aus Leib, Seele und Geist“ und von einem „Entwicklungsmodell, das auf Brüderlichkeit aufgebaut ist“. Es bleibt noch viel zu tun.

Text: Michael Glaß,
Fotos und Infomaterial: Deutsche Welthungerhilfe e.V.