Altöttinger Liebfrauenbote

Ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe in Altötting: Renate Schmidhuber begleitet Annemarie Deckmann jeden Sonntag in die Kirche

Gemeinsam zum Gottesdienst

Kirche schafft Gemeinschaft und zum Gemeinschaftserlebnis gehört vor allem auch der Gottesdienstbesuch am Sonntag. Doch was tun, wenn jemand aufgrund von Alter oder Krankheit nicht mehr dazu in der Lage ist, am Sonntag in die Kirche zu gehen? In Altötting hat die Ortscaritas im Pfarrverband die Nachbarschaftshilfe „Dein Nachbar – Dein Nächster“ gegründet. Renate Schmidhuber begleitet als ehrenamtliche Helferin Annemarie Deckmann sonntags in die Kirche.

Annemarie Deckmann und Renate Schmidhuber vor der St. Anna-Basilika.
Annemarie Deckmann (l.) und Renate Schmidhuber vor der St. Anna-Basilika.

Annemarie Deckmann ist heute ein bisschen später dran als sonst. Als sie die Basilika St. Anna betritt, lassen Kapellchor und -orchester bereits die ersten Töne von Mozarts Krönungsmesse erklingen. Die alte Dame macht noch einen kleinen Abstecher zum Weihwasserbecken, um sich zu bekreuzigen – so viel Zeit muss sein. Dann geht sie langsam mit Hilfe ihrer zwei Krücken bis ganz vor in eine der ersten Reihen – damit sie zum Kommunionempfang nicht so weit gehen muss.
Kleinere Strecken kann Annemarie Deckmann noch alleine bewältigen, doch der Weg von zu Hause zur Kirche ist ihr bereits zu weit. Dank der Caritas kann sie den Sonntagsgottesdienst trotzdem besuchen. „Gerade für solche Fälle muss die Caritas doch da sein“, sagt Manfred Brandl, der sich als Vorsitzender der Pfarrcaritas St. Philippus und Jakobus gemeinsam mit seinem Kollegen von St. Josef, Josef Wagner, für die Gründung einer Nachbarschaftshilfe eingesetzt hat. Seit zwei Jahren kümmern sich nun 15 ehrenamtliche Helfer um Hilfsbedürftige im Pfarrverband. Grundsätzlich seien die nachbarschaftlichen und familiären Strukturen in Altötting noch „sehr gut“, betonen die beiden Ortscaritas-Vorsitzenden. Doch die Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigt: Familiäre und nachbarschaftliche Strukturen lösen sich auf, umso mehr steigt der Bedarf an organisierter nachbarschaftlicher Hilfe.

„Dein Nachbar – Dein Nächster“

Blick auf den Basilika-Vorplatz, wo sich die beiden Frauenn nach der Kirche noch ein bisschen unterhalten.
Blick auf den Basilika-Vorplatz, wo sich die beiden Frauenn nach der Kirche noch ein bisschen unterhalten.

„Dein Nachbar – Dein Nächster“ lautet das Motto des Projekts im Pfarrverband Altötting. Es macht deutlich: Es geht um kleine, eben „nachbarschaftliche“ Dienste, die im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit geleistet werden können. Fast jeden Sonntag fährt Renate Schmidhuber Annemarie Deckmann in die Kirche und wieder heim. „Natürlich habe ich nicht jeden Sonntag Zeit“, erzählt sie. Manchmal gebe es eben andere Verpflichtungen, die Priorität hätten. An anderen Tagen hat sie dann aber wieder mehr Zeit. Annemarie Deckmann erzählt von einem kleinen Sommer-Ausflug und einem gemeinsamen Eisessen.
Ein „guter Nachbar“ kann nicht den „professionellen Dienstleister“ ersetzen. Dafür gibt es bereits Institutionen, die im Notfall einspringen. In Annemarie Deckmanns Fall ist es eine Haushaltshilfe vom Roten Kreuz. Der Nachbarschaftshilfe geht es darum, dort einzuspringen, wo professionelle Hilfe aufhört und trotzdem noch ein bisschen „Nächstenliebe“ erwünscht ist. Oft sind es Kleinigkeiten, die älteren oder kranken Menschen wichtig sind und die für „Nachbarn“ nur ein oder zwei Stunden Zeit in Anspruch nehmen – spontane Einkäufe etwa, Fahrten zum Arzt oder Behörden, kleine handwerkliche Tätigkeiten, Spaziergänge, eine Fahrt zum Sonntagsgottesdienst oder einfach nur ein paar freundliche Worte. Annemarie Deckmann erzählt: Als vor zwei Jahren ihre beste Freundin starb, sei sie plötzlich alleine gewesen. Mit dem Alleinsein kam das Gefühl der Einsamkeit. „Ich habe mich gefühlt, als ob mir die Decke auf den Kopf fällt“, schildert sie. Einmal habe sie sich ein Taxi zum Kapellplatz bestellt, nur um mal für eine halbe Stunde draußen zu sein und Menschen zu sehen. „Heilfroh“ sei sie gewesen, als sie von der Nachbarschaftshilfe gelesen habe. „Dadurch habe ich ein bisschen Frühling und Sommer erlebt – das hätte ich sonst nicht gehabt“, sagt sie.
Auch viele Wallfahrer sind zur Orchestermesse in die St. Anna-Basilika gekommen. Kapuzinerpater Br. Andreas Kaiser predigt von Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden, von Freiheit in der Kirche und von guten Taten. Annemarie Deckmann hört aufmerksam zu und weiß: Freiheit in der Kirche wird nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt – in ihrem Fall die Freiheit, die Kirche überhaupt besuchen zu können.

Text und Fotos: Michael Glaß