Altöttinger Liebfrauenbote
Junge Helfer und Hilfsbedürftige im ehemaligen Jugoslawien stehen vor einem großen LKW mit Hilfsgütern.
Junge Leute helfen Bedürftigen des Balkans.

13 Kilometer langer „Konvoi der Menschlichkeit und Hoffnung“ für Bedürftige des Balkans

20 Jahre: Junge Leute helfen

Bereits seit 20 Jahren unterstützen 85 Pfarreien zwischen Inn und Salzach Flüchtlinge und Arme des ehemaligen Jugoslawiens. 800 Sattelzüge – dies entspricht einem Konvoi von circa 13 km Länge – voller Hilfsgüter sind nicht nur eine praktische Hilfe in höchster Not, sondern verbinden menschlich Tausende von Helfern und Spendern mit den vielen Einzelschicksalen der Krisenregion. 10.000 der Schwächsten wurden so versorgt, getröstet und ermutigt.

Kinder nehmen Päckchen entgegen und freuen sich über die Hilfsgüter.
Viele Kinder freuen sich über die Hilfsgüter.

Ungewöhnlich ist auch die Entstehungsgeschichte dieser Bewegung: Anlässlich der Namenstagsfeier von Hubert Reiter am 3. November 1992 in Obing entstand die spontane Idee, Hilfsgüter nach Kroatien zu bringen. „Wir konnten die schrecklichen Kriegsbilder aus dem Fernsehen einfach nicht mehr ertragen und wollten etwas tun“, erzählt Wolfgang Grill als einer der Mitbegründer dieses Freundeskreises. Überwältigt von der Spendenbereitschaft durch ein gelbes Flugblatt mit der Aufschrift „Obing hilft“, starteten nach der Weihnachtsmesse schließlich 17 Lkw mit 35 Helfern und einer „Kerze der Hoffnung“, die von Pfarrer Valentin Tremmel symbolisch übergeben wurde. Zehn Jahre war dieser ein treuer „Schirmherr“ und wichtiger Förderer der Aktion, die nun seit weiteren zehn Jahren von Pfarrer Martin Klein mitgetragen wird, da alle Zollformalitäten und Spendenquittungen über das Katholische Pfarramt Obing abgewickelt werden.

Kontinuierlich dehnte sich diese Aktion auf 85 Pfarreien und deren kirchlichen Gruppen aus, was auch den vielen Kontakten von Koordinator Hubert Zeltsperger aus seiner jahrelangen Jugendarbeit zu verdanken ist, der dieses Netzwerk der Nächstenliebe 20 Jahre lang mit entwickelt und von Anfang angetrieben an. Dieser sieht deshalb die Hunderte jungen Helfern in den Pfarreien und kirchlichen Gruppen sowie bisher 6.500 Spenderfamilien als das große Herzstück der Aktion, die ohne Satzung und Vorstandschaft vom „dynamischen Geist des Helfens“ lebt. So sei man bereits in der vierten Generation von Jugendlichen angekommen, aber immer noch helfen die „Oldies“ und ein „Rentnerteam“ sowie ständig neue Firmgruppen im Rahmen ihrer Projektarbeiten beim Verladen mit. Überhaupt wird alles ehrenamtlich geleistet, weshalb die millionenfachen Geldspenden sowie die Großspenden aus dem Sortiment von vielen Firmen wie Babynahrung Hipp, Dr. Oetker, Gronbach Wasserburg, Danone Rosenheim, Adelholzener Alpenquelle, Bergader Privatkäserei so effektiv direkt ankommen.

Über zehn Millionen Mahlzeiten, Nachhaltigkeitsprojekte und viele persönliche Begegnungen

Etwa 15 Kinder und Erwachsene mit Hilfspäckchen in der Hand, auch ein Spielball ist zu sehen.
Kinder und Familien freuen sich über die Hilfsgüter.

In Zahlen ausgedrückt umfasst diese Bilanz der Menschlichkeit etwa 10.400 Tonnen Hilfsgüter bestehend aus u.a. über 300.000 liebevoll von der Bevölkerung geschnürten Hilfspaketen und bis dato 12.800 Paletten Lebensmitteln. Dies entspricht geschätzt über zehn Millionen Mahlzeiten für Notleidende in unserer unmittelbaren europäischen Nachbarschaft. So erhalten beispielsweise täglich 750 Arme seit 15 Jahren in einer Armenküche in Zagreb eine warme Mahlzeit. Aber auch Nachhaltigkeitsprojekte wie der Bau von Kindergärten, Mädchenheimen und ein Dorfzentrum sowie Suppenküchen, Alten- und Waisenheime sowie Behindertengruppen werden unterstützt. Beim Bau von Häusern für arme Familien arbeiten viele Jugendliche selbst in den Bergen Nordalbaniens mit und haben so ein großes handwerkliches Lernfeld und tiefe Erfahrung, was Armut wirklich bedeutet.

Überhaupt sind die persönlichen Begegnungen der vielen Mitfahrer die tragende Motivation. So verwundert die acht Caritasstationen in fünf Ländern immer wieder die ungewöhnliche Treue der Jugendlichen, nachdem die meisten Hilfsorganisationen nach den spektakulären Berichterstattungen der Kriegszeit verschwunden sind. Diese Freundschaft wurde auch anlässlich des Weltjugendtreffens in Köln vertieft, als 600 Jugendliche in 300 Familien bzw. 30 Pfarreien beherbergt wurden. „Wir helfen beim Überleben, ermöglichen geordnete Lebensverhältnisse und erfahren eine tiefe Herzensprägung aller – dies ist ein Sieg der Menschlichkeit“, ist das häufig gehörte humanitäre Resümee nach 20 Jahren.

Aufgrund eines dürrebedingten Ernteausfalls von 30-40 Prozent wird dieses Jahr die Hilfe auch auf die bosnischen Städte Banja Luka und Sarajevo ausgedehnt. Überhaupt hat auch die Eurokrise die Menschen zusätzlich schwer getroffen und zu extremer Arbeitslosigkeit und einer hohen Armutsquote geführt. Die logistische Abwicklung der wöchentlichen Hilfstransporte erfolgt in einer zentral gelegenen, gut befahrbaren alten Salzhalle mit optimaler Größe, die dankenswerter Weise von der Gemeinde Kienberg und vormals deren Altbürgermeister Horst Rockel und derzeitigen Bürgermeistern Hans Urbauer sowie dem Gemeinderat großherzig seit 14 Jahren zur Verfügung gestellt wird. Trotz aktueller Diskussionen über einen möglichen Platzbedarf der Gemeinde hoffen alle Beteiligten, dass diese alte einfache Halle aus humanitären Gründen mittelfristig weiter genutzt werden kann. Nur so ist es möglich, regelmäßig Tausenden von Bedürftigen mit hoffentlich jährlich einer Million Mahlzeiten beizustehen.

Sammeltermine und Infos

Die großen Sammeltermine der Weihnachtshilfsaktion finden am 1. und 8. Dezember statt. Mehr Informationen sind unter www.junge-leute-helfen.de erhältlich.

Text und Fotos: Hubert Zeltsperger