Altöttinger Liebfrauenbote
Sigmund Gottlieb im Gespräch mit Erzbischof Julian Barrio Barrio, Frank Elstner und Prälat Wilhelm Imkamp.
Mit Sigmund Gottlieb (2.v.l.) diskutierten ( v.l.) Erzbischof Julian Barrio Barrio, Frank Elstner und Prälat Wilhelm Imkamp.

Gespräche über das „Pilgern im Namen Gottes“

Sehnsucht nach "mehr"

Worum es heute vielen Menschen beim Pilgern geht, das versuchte kürzlich eine illustre Gesprächsrunde im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Menschen in Europa“ der Verlagsgruppe Passau zu klären: Dr. Julian Barrio Barrio, Erzbischof von Santiago de Compostela, Frank Elstner, Fernsehmoderator und Produzent, und Prälat Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild. Motto des Abends: „Pilgern im Namen Gottes?“

Sigmund Gottlieb im Gespräch mit Lydia Saiko, Herbert Zelzer und Domvikar Reinhard Kürzinger.
Sigmund Gottlieb (2.v.l.) im Gespräch mit (v.l.) Lydia Saiko, Herbert Zelzer und Domvikar Reinhard Kürzinger.

Worin das Wesen des Pilgerns liegt, das hat schon vor mehr als 1.500 Jahren der Kirchenvater Augustinus eindringlich beschrieben: „Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das Andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen.
Seine Sehnsucht ist größer. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen, und alle Wege zu denen der Mensch aufbricht, zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott.“

Doch warum pilgern Menschen heute? – Die Moderation in Passau übernahm Prof. Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerisches Fernsehens. Dieser hatte zuvor von den „Praxis-Pilgern“ Domvikar Reinhard Kürzinger, Lydia Saiko und Herbert Zelzer wissen wollen, was sie bewegt, sich immer wieder neu auf zum Teil beschwerliche Wallfahrten einzulassen.

Lydia Saiko, Krankenpflegerin aus Waldkirchen, hat sich bereits viermal zu Fuß auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht. Anfangs sei es die Neugier gewesen, „ob ich es schaffe“. Sie habe in erster Linie Ruhe gesucht, aber unterwegs neben interessanten Menschen immer wieder auch Gott gefunden.

Herbert Zelzer, Geschäftsführer und Verleger der Wochenblatt-Verlagsgruppe, hat mit einer ersten Pilgerreise ein Versprechen eingelöst, weil ein naher Verwandter wieder gesund geworden ist. Seitdem hat ihn „die Sucht“ gepackt, seit 15 Jahren ist er bei der Passauer Jugendfußwallfahrt nach Altötting dabei. Für ihn macht die Mischung aus körperlicher Herausforderung, Gemeinschaftserleben und spiritueller Erfahrung den besonderen Reiz aus. „Man erlebt, wie man zur inneren Ruhe kommt. Plötzlich merkt man, da geht dein Körper, da geht dein Geist“, so Zelzer. Er glaube aber nicht, dass es den meisten Teilnehmern um die Suche nach Gott geht – für sie sei es in erster Linie ein Event. Dem widerspricht Domvikar Reinhard Kürzinger, Vizepräsident des Bayerischen Pilgerbüros: „Da ist mehr, als wir vermuten, die Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung.“

„Gott ist mir überall begegnet auf dem Weg“

Moderator Gottlieb und Prälat Imkamp auf Tuchfühlung mit dem Kinder- und Jugendchor „Regenbogen-Kids“, der den Abend musikalisch bereicherte.
Moderator Gottlieb und Prälat Imkamp (v.l.) auf Tuchfühlung mit dem Kinder- und Jugendchor „Regenbogen-Kids“, der den Abend musikalisch bereicherte.

Dieser Einschätzung kann Erzbischof Barrio nur beipflichten: „Ein Weg ohne Ziel hat keinen Sinn, die Pilger spüren intuitiv dass da mehr ist als bloß zu gehen“. Der Jakobsweg sei eine Antwort auf den „Durst nach Gott, den wir alle spüren“ – er biete uns die Möglichkeit uns selbst zu finden und könne uns zum Treffen mit Gott führen. „Und das ist das eigentliche Ziel“, so der Erzbischof. Moderator Frank Elstner – er ging 2006 zu Fuß über 500 Kilometer in 25 Tagen auf dem Jakobsweg – gibt dem Hüter von Santiago Recht: „Gott ist mir überall begegnet auf dem Weg.“ Mit einer Einschränkung allerdings: „Ich bin nicht gelaufen um Gott zu finden, ich bin sehr gefestigt in meinem Glauben.“ Er habe damals einfach einmal danke sagen wollen. Und, zugegeben, es sei auch eine gehörige Portion Ehrgeiz dabei gewesen, nach dem Motto: was der HaPe (HaPe Kerkeling) kann, das kann ich schon lange.

Prälat Wilhelm Imkamp, ist es freilich erklärtermaßen vollkommen egal, aus welcher Motivation heraus jemand nach Maria Vesperbild komme. „Mir ist allerdings NICHT egal, wie jemand wieder weg geht!“, so der Wallfahrtsdirektor. Im Idealfall würden den Pilgern drei Dinge klar: 1. Ich bin nicht so toll, wie ich gedacht habe. 2. Es gibt in meinem Leben noch ein paar Fragezeichen. 3. Der Glaube an Gott ist eine Alternative. Und dann, so Imkamp, lohne es sich den Menschen zu sagen: „Schaut doch mal, was wir für euch im Angebot haben.“ Der Prälat fasste schließlich noch die besondere Anziehungskraft von Pilgerzielen wie Santiago de Compostela, Maria Vesperbild oder Altötting prägnant zusammen: „In einem Wallfahrtsort tauchen Sie ein in eine jahrhundertelange Atmosphäre des Dankes.“ Diese manifestiere sich in den Votivgaben und sei für jeden spürbar.

Bleibt als Fazit des Abends festzuhalten: Nicht immer pilgern die Menschen im Namen Gottes, fast immer verspüren sie aber eine spirituelle Sehnsucht nach „mehr“ und oft genug finden sie unterwegs nicht nur zu sich selbst, sondern auch (zurück) zum Glauben.

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: Manuel Birgmann / Roland Binder (MiE)